„Von all der Zeit, die er sparte, blieb ihm nie etwas übrig“

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Foto: pr.

„Eines war seltsam: Von all der Zeit, die er einsparte, blieb ihm tatsächlich niemals etwas übrig. Sie verschwand einfach auf rätselhafte Weise und war nicht mehr da. Und wenn er dann mit Schrecken gewahr wurde, wie schnell und immer schneller die Tage dahinrasten, dann sparte er umso verbissener.

Wie Herrn Fusi, so ging es schon vielen Menschen in der großen Stadt. Täglich wurde im Rundfunk, im Fernsehen und in den Zeitungen die Vorteile neuer, zeitsparender Einrichtungen erklärt und gepriesen.

‚Zeitsparern geht es immer besser.‘

‚Zeitsparern gehört die Zukunft.‘

‚Mach mehr aus deinem Leben – spare Zeit!‘

Aber die Wirklichkeit sah ganz anders aus.

Zwar waren die Zeitsparer besser gekleidet als die Leute, die in der Nähe des alten Amphitheaters wohnten, sie verdienten mehr Geld und konnten auch mehr ausgeben, aber sie hatten missmutige, müde oder verbitterte Gesichter und unfreundliche Augen. Sie konnten keine richtigen Feste mehr feiern – weder fröhliche noch ernste. Träumen galt bei ihnen fast als ein Verbrechen.

Am allerwenigsten aber konnten sie die Stille ertragen. Denn in der Stille überfiel sie Angst. Weil sie ahnten, was wirklich mit ihrem Leben geschah. Darum machten sie Lärm, wann immer die Stille drohte.

 

Aus: Momo. Von Michael Ende.

Ein Brief an… Kindheit in Terror-Zeiten

Terror also.

Es ist das Wort, das uns gefühlt derzeit dominiert wie kein anderes.

Jeden Tag ist dieses Wort in den Nachrichten. Im Radio. In den News-Apps. In 140 Zeichen auf Twitter. In der Zeitung. In den Fernsehnachrichten.

Die Kinder, die jetzt hier groß werden, wachsen mit diesem Wort auf.

Und mit dem Wissen, dass „Terror“ auch sie betreffen kann. Kindern anderswo geht das natürlich schon lange so. Aber das war halt – anderswo. Jetzt ist er hier, der Terror.

„In was für eine Welt“, fragte mich eine Freundin neulich, „haben wir unsere Tochter nur hineingeboren?“ Ihre Tochter bekommt gerade ihre ersten Zähne.

Dieses kleine Mädchen wird in einer Welt aufwachsen, in der Worte wie „Terrorist“, „Anschlag“, „Opfer“, „Attentat“ oder „Krieg“ beinahe täglich in unseren Nachrichten auftauchen werden. Oder gar in unserem eigenen Land. Sogar in unserer Stadt?

Das hat mich ins Grübeln gebracht. Terror… Hatte das Wort für uns eine Bedeutung, als wir klein waren? Für uns, die in den 80ern geboren wurden?

Waren wir vielleicht die einzige Generation, die ohne dieses Wort aufwachsen konnte?

Ich versuche mich daran zu erinnern, wann ich das Wort zum ersten Mal gehört habe. War es am 11. September 2001, als die USA angegriffen wurde? Sicherlich schon vorher – über den Terror der RAF in Deutschland hat man ja schließlich schon was im Geschichtsunterricht gehört. Aber bei 9/11 hatte es so eine Wirkung, so eine Nähe, wie man sie vorher nicht kannte.

Auch wenn Amerika weit weg schien, fühlte es sich so erschreckend nah an. Wir waren schon im Urlaub in New York gewesen. Im Juli 2011 erst, ein paar Monate vor dem Anschlag. Wir waren im World Trade Center gewesen, hatten die Aussicht genossen. Wir haben Freunde in Amerika. Es ist ein tolles Urlaubsland.

Und dann dieser Anschlag. Er passierte vor unseren Augen. Live. Er versetzte uns alle in einen Schockzustand. Auch Tage, und Wochen später gab es kaum andere Gesprächsthemen. Unsere Lehrer, unsere Eltern, sie wollten mit uns darüber reden. Sie wussten aber nicht, wie.

Der Terror hatte einen Weg in unseren deutschen, kleinen, langweiligen Alltag gefunden. Das, da waren wir uns sicher, wird der Dritte Weltkrieg.

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„In was für eine Welt habe ich mein Kind geboren?“, fragt meine Freundin. Eine Welt, in der Terror auch „bei uns“ normal sein wird. Foto: pr.

Als 9/11 passierte, war ich 15 Jahre alt. Schon kein Kind mehr.

Also war es damals eine Kindheit ohne Terror? Kriege und Konflikte gab es genug, Ende der 80er und in den 90ern. Das Ende des Kalten Krieges, der Jugoslawien-Krieg, der erste Golfkrieg, der ewig schwelende Nahost-Konflikt, Bürgerkriege… Oh doch, Kriege gab es genug.

Aber sie schienen so weit weg. Abstrakt. Für uns nicht wirklich gefährlich.

Und jetzt?

Anschläge. Vor unserer Haustür. Terror. Via Nachrichten am Frühstückstisch. Wird das alles von jetzt an normal? So wie es in meiner Kindheit normal war, dass Kriege und Konflikte nur weit weg stattfanden?

„In was für eine Welt haben wir unsere Tochter hineingeboren?“

Über die Frage meiner Freundin habe ich in den letzten Tagen viel nachgedacht. Was soll man da bloß antworten? In eine Welt, in der Terror wohl auch für Europa normal sein wird.

„Was für eine Zeit, um ein Kind in die Welt zu setzen!“, seufzte neulich auch meine Mutter. Sie hat Angst vor der Zukunft. (Was sie aber nicht hinderte, drei Kinder in die Welt zu setzen, als der Kalte Krieg schwelte. Zum Glück nicht!) Sie wird bald Oma, ich Tante.

In was für einer Welt wird mein Neffe aufwachsen?

Wie soll man das bloß beantworten?

Versuchen wir es mal: Es werden harte Zeiten werden.

Also liebt eure Kinder. Erzieht sie zur Nächstenliebe. Zur Toleranz. Zur Gutherzigkeit. Zur Solidarität. Zu Neugierde. Zur Weltoffenheit.

Die Kinder, die jetzt geboren werden, werden eine andere Kindheit haben als wir in den 80ern. Ich werde nicht sagen: Es ist deren Verantwortung, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wer diese Verantwortung abgibt, macht es sich zu leicht. Wir, die Eltern, sind schließlich noch da. Wir sind Mitte 20, Mitte 30. Unsere Eltern sind auch noch da. Und es sind noch Menschen da, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben. Noch. Hören wir ihnen umso besser zu.

Wozu, fragt ihr? History repeats itself? Was können wir schon tun?

Die Geschichte muss sich nicht zwangsweise wiederholen. Vielleicht kann der Mensch doch, irgendwann, aus seinen Fehlern lernen.

Es muss die Verantwortung jeder einzelnen Generation sein, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und diesen Willen an die nächste Generation weiterzugeben.

Die Welt kann nur besser werden, irgendwann.

LESENSWERT
Der Artikel „Wir haben keine Angst“ von zeit.de darüber, wie es ist, als Generation Y mit Terror aufzuwachsen.

Ein Brief an… den Osten

Lieber Osten,

eigentlich bist du ja nur eine Himmelsrichtung. Aber ich wette, dass jeder, der die Überschrift gelesen hat, sofort an die Ex-DDR dachte. An „Ostdeutschland“. Dabei weiß ich gar nicht, was du noch sein sollst  – gerade heute, am 25. Tag der deutschen Einheit.

Noch getrennt in "Ost" und "West"? Landstraße zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Foto: pr.

Noch getrennt in „Ost“ und „West“? Bei der Grenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Foto: pr.

Dass wir bei „Osten“ gleich an „Ostdeutschland“ denken, mag auch an dem Tag heute liegen: 3. Oktober 2015, 25 Jahre deutsche Wiedervereinigung. Osten dort, Westen hier („Tiehieeeeef im Westen!“), Trabis, Bananen, Ostmark, blühende Landschaften, Ostalgie, ja nee ist klar.

Aber so ganz begreifen kann ich dich nicht. Ostdeutschland – was sollst du denn bitte sein? Gerade jetzt, an dem wir zum 25. Mal den Tag der Deutschen Einheit feiern?

In diesen Tagen wird gern darüber gesprochen, inwiefern „Ost“ und „West“ denn zusammengewachsen sind. Und dass so richtig „eins“ diese beiden ehemaligen Deutschlands ja doch noch nicht richtig sind (oder heißt es Deutschlande? Oder Deutschländer?). Dabei wird von „Ost“ und „West“ immer noch wie von zwei verschiedenen Ländern gesprochen. Im Westen sind Lohn und Arbeit und Sexualität und Kinderbetreuung und politische Einstellung soundso, im Osten soundso.

Ost und West – die können nicht zusammengehören

Aber warum, frage ich mich, wird denn noch so viel darüber sprechen, wie verschieden „Ost“ und „West“ angeblich sind? Gerade 25 Jahre nach der Wiedervereinigung? Man möge mich korrigieren, wenn ich falsch liege, aber für mich erweckt das den Eindruck, dass Deutschland tatsächlich nicht eins ist: Osten und Westen, das sind rein geografisch zwei verschiedene Dinge. Die können nicht zusammengehören. Nie. Dabei tun sie es doch – Deutschland, das ist doch ein Land!

Wenn über die Bürger der Ex-DDR gesprochen wird (also über Deutsche), dann sind  Journalisten, Politiker und Politikwissenschaftler oft erstaunt darüber, dass sich einige der Menschen nach einigen Dingen „von früher“ zurücksehnen. Nach dem damaligen Arbeitsmarkt vielleicht, den wirtschaftlichen Strukturen von früher, dem Zusammenhalt der Nachbarschaft.

Ich weiß nicht, was genau das beweisen soll. Ganz ehrlich: So reden meine Verwandten auch alle. Und die kommen aus Bremen, Hannover, Wolfsburg. Früher hat man noch miteinander gesprochen, früher war man 30 Jahre lang im selben Betrieb, früher war noch nicht so viel nackte Haut überall zu sehen, früher hat nicht jeder wie blöd auf irgendeinen Bildschirm geglotzt, früher gab’s nicht so viele Scheidungen… Kurz: „Früher war alles besser!“ Hat das nicht jede Generation? Egal ob aus „Ost“ oder „West“?

„Hier“ und „drüben“ – sind wir nicht schon weiter?

Ich war fünf Jahre alt, als die Deutsche Einheit zum ersten Mal gefeiert wurde. Ich weiß also zum Glück (!) nicht, was es heißt, in einem geteilten Deutschland zu leben. Allerdings wird man gerade in diesen Tagen immer wieder daran erinnert, WIE geteilt dieses Land mal war.

Erinnern ist wichtig. Erinnern ist gut. Aber so zu erinnern, dass jeder Fortschritt, ja jede Normalität abgesprochen wird, ist es nicht.

Wir sind schon längst weiter als diejenigen, die Deutschland noch in Ost und West oder „hier“ und „drüben“ aufteilen.

Mit dieser Aufteilung verbinde ich vor allen Dingen Negatives. Das liegt wahrscheinlich an der Überheblichkeit, mit der viele „Wessis“ früher vom „Osten“ sprachen: Dunkeldeutschland (nicht ganz ernsthaft, aber dennoch). Drüben. Die hatten ja nix. Jetzt kriegen die den Soli. Alte Grenze. Früher, die Kontrollen! Leerstehende Wachtürme an der A2, bei Helmstedt. Siehst du, da standen wir immer mit unseren Autos, stundenlang, wenn wir nach West-Berlin wollten!

Es gibt erschreckend viele Menschen, die zwar schon überall waren in Deutschland, aber noch nie in Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern. Noch nie „im Osten“. Denn der ist ja doch noch anders.

Osten ist nicht gleich Osten

Meine Familie hat miterlebt, was die innerdeutsche Teilung hieß: Sie lebte in Sichtweite der Grenze, in der Nähe des berühmt gewordenen „geteilten Dorfes“ Zicherie/Böckwitz. Es gab eine Tante, verheiratet auf einen benachbarten Bauernhof, der nur zwei Dörfer weiter lag, aber plötzlich in einem anderen Land. Auch nach dem Mauerfall, als wir Kinder noch klein waren, hatte meine Mutter Panik, dass wir uns beim Spielen in Grenznähe durch Überreste des Todesstreifens irgendwie verletzten könnten.

Und doch – manchmal ohne Ende Vorurteile. Manche mögen einen wahren Kern besitzen. Aber sie stimmen ungefähr so, wie das Vorurteil, dass es im Ruhrgebiet versmogt, grau und hässlich sei. Dabei kann es hier auch ganz anders sein. Und niemand denkt nur ans Ruhrgebiet, wenn er vom „Westen“ spricht, oder? Brandenburg ist anders als Thüringen. Sachsen-Anhalt ist anders als Mecklenburg-Vorpommern. So wie man Niedersachsen und Bayern schlecht vergleichen kann. Oder Nordrhein-Westfalen und Hessen. Ist doch nicht alles „Westen“! Und was für einen Status hat Berlin eigentlich? Ist Berlin auch „Osten“?

Ich habe in Chemnitz studiert. Danach in Dortmund. Geboren bin ich in Bremen. Von Nord nach Ost nach West. Bin ich jetzt eine Erfolgsmeldung der Wiedervereinigung? Nicht, so lange man in Ost und West denkt, finde ich.

Im Osten gibt’s Probleme. Hier im Ruhrgebiet, im Teil des „Westens“, sowieso. Und was ist mit dem Süden? Und was ist mit Mitteldeutschland? Wozu gehört das eigentlich? Ein bisschen zum Osten, ein bisschen zum Norden, ein bisschen zum Westen. Dürfen die Menschen aus Mitteldeutschland wenigstens vereint sein?

Was ich wohl sagen will: Hört doch auf, so zu reden. „Der Osten“ ist hoffentlich bald nur noch eine geografische Bezeichnung.

Deutschland hat viele Teile, nicht nur „Ost“ und „West“. Aber eins ist es. (Nennt mich naiv, wenn ihr wollt.)

LESENSWERT

Multimedia-Reportage über das „geteilte Dorf“ Zicherie-Böckwitz des NDR: Hier geht’s lang

Ein Brief an… ein schreiendes Bündel Leben

Liebes schreiendes Bündel Leben,

da bist du also. Neun Monate lang warst du im Bauch meiner besten Freundin. Und jetzt habe ich dich in meinen Armen. Und ich bin fassungslos.

Ich habe dir beim Wachsen zugesehen. Also, im Bauch meiner Freundin. In den ersten Wochen warst du unsichtbar. Dann erfuhren wir von dir. Und dennoch warst du nur eine Idee. Unfassbar.

Dann warst du ein Bauch, der Stückchen für Stückchen wuchs. Und bald Stück für Stück wuchs. Du machtest Probleme. Du machtest Freude. Du tratst, in Rippen und Magen. Besonders gern nachts (du kleiner Fiesling!).

Und dann die Nachricht, das Foto: „Unsere Tochter ist heute Nachmittag zur Welt gekommen!“ Und in den Armen meiner Freundin: ein kleines Bündel Leben. Du. Und alles sah aus wie eine Szene aus einem Film. Woher bist du denn plötzlich gekommen?

Ich komme zu Besuch. Und da liegst du. Und schläfst. Und atmest. Unter einem Schock schwarzer Haare. Du hast eine winzige Nase. Und einen knallroten Mund. Und winzigkleine Fingernägel. Und rosa gestreifte Babysocken. Du bist ein Baby. Ein Mensch. Und vor neun Monaten gab es dich noch nicht.

Kannst du mir das später bitte mal erklären?

Wo ist mein obercooler Tantenmodus?

Einen Tag lang verbringe ich mit dir. Und meiner Freundin, die jetzt Mutter ist. Und ihrem Freund, der jetzt Vater ist. Sie sind deine Eltern. Und sie scheinen einfach so obercool zu wissen, was sie da tun mit dir.

Ich, im Gegenzug, habe eine Heidenangst. Dass ich dich kaputtmache. Dass ich nur einmal dein Köpfchen nicht richtig halte und du dann aufhörst zu atmen. Dass ich irgendeine Babyhaltung nicht hinbekomme und einmal falsch anfasse und dass ich etwas an dir ein für allemal verforme. Ich will nicht Schuld daran sein, dass später mal was mit dir nicht stimmt!

Meine Freundin, im obercoolen Muttermodus: „Keine Sorge, so leicht geht da nichts kaputt.“

Ha, ha. Meinen obercoolen Tantenmodus muss ich erst noch finden. (Könnte ein paar Jahre dauern.)

Und kannst du mir auch noch eine Sache erklären?

Du weinst. Du schreist. Du spuckst. Du scheißt. Du kratzt (sogar mit diesen winzigkleinen Fingernägeln). Oder du schläfst. Angucken kannst du mich noch nicht. Richtig lächeln auch noch nicht.

Warum habe ich dich eigentlich jetzt schon so gern?

Kurzgeschichte: Drei Frauen

Uni

„Meine Familie sagt, dass ich spät dran bin. Sie macht sich Sorgen.“

Ich runzelte die Stirn. „Um dich?“

Sie nickte.

„Echt jetzt? Fassen wir mal zusammen: Du bist Biologin. Du bist gerade in ein irres Doktorandenprogramm gekommen. Du verdienst dein eigenes Geld. Und sie machen sich Sorgen um dich?“

„Wer bis 30 nicht verheiratet ist, wird immer zu Hause bleiben, sagen sie. Meine Cousine hat mit 30 geheiratet. Das war schon spät. Jetzt hat sie einen Mann und ein Kind, und alle sind erleichtert.“

„Das ist doch verrückt“, sagte ich. „Ich bin bald 30. Soll ich jetzt wie ein kopfloses Huhn durch die Gegend rennen, nur weil ich keinen Freund habe?“

„Und bevor man heiratet, muss man ja auch erst mal ein paar Jahre lang glücklich zusammen gelebt haben“, sagte unsere Freundin und verscheuchte energisch eine Fliege vor ihrem Gesicht. „Na ja, sollte man.“

Wir nickten.

„Und auch wenn man verheiratet ist, ist man ja nicht automatisch glücklich“, fuhr unsere Freundin fort. „Meine Cousine und ihr Mann waren lange zusammen. Dann heirateten sie. Ein halbes Jahr später saß sie bei uns in der Küche, hat geweint und gefragt: ‚Ist das der Mann, den ich kennengelernt habe?'“

„Aber alle denken, dass man sicher ist in einer Ehe.“

Ich wollte widersprechen. Doch ich wusste, dass es stimmte. Wer als Frau ab einem bestimmten Alter nicht verheiratet ist, wird schräg angesehen. Als komisch erachtet. Ist sonderbar.

Türkei, Ukraine, Deutschland – diese drei Kulturen waren gerade an einem Tisch versammelt. Und doch war es überall das gleiche. Sofort wussten alle, was gemeint war, wenn eine von uns von unseren Sorgen berichtete. Drei moderne Frauen, die an einem Sommertag im Schatten einer Linde vor einer Universität saßen und sich über die große Frage ihrer Familien unterhielten: Wann die Töchter heiraten würden. Hatte sich wirklich so wenig getan in den letzten Jahrzehnten?

Wir sahen uns an, wir drei Frauen, Mitte bis Ende 20, gebildet, intelligent, voller Pläne für die Zukunft. Ob in ihr ein Ehemann auftauchen würde, wussten wir alle nicht.

Da, plötzlich, richtete sich meine Freundin auf, zupfte ihr Kopftuch zurecht und sagte: „Ich sehe es gar nicht ein, mich selbst unter Druck zu setzen. Ich liebe das, was ich mache. Wenn ein Mann des Weges kommt, und ich Gefühle habe, dann ist es gut so. Wenn nicht, dann kann ich das auch nicht ändern.“

Ihr schmales, blasses Gesicht war entschlossen. Ihr Augen blitzten hinter den Brillengläsern.

Wir zwei anderen sahen sie über den Holztisch hinweg an. Und nahmen uns ein Beispiel an ihr.

Text & Bild: MD

Kurzgeschichte: Berühren

Berührung

„Ich will Menschen berühren mit dem, was ich mache“, sagte sie.

„Du hast Arbeit. Du hast Freunde. Die berührst du. Was auch immer das heißen soll. Reicht dir das etwa nicht?“

„Darum geht es doch gar nicht…“ Sie spürte, dass Frust in ihr hochstieg, sich Luft machen wollte. Sie presste die Lippen fest zusammen.

„Um Himmels Willen!“ Er wurde laut. „Was willst du denn noch alles? Bist du nie zufrieden? Egal was du hast, egal was ich dir gebe, es ist nie genug, was?“

Sie fragte sich, warum es jetzt um ihn ging. Doch sie sagte nichts.

„Das ist es also?“, fragte er in die Stille hinein.

War es das?, fragte sie sich.

„Dann geh“, sagte er schließlich.

Ich will doch nur, dass du mich verstehst, dachte sie. Doch wieder sagte sie nichts.

Text & Bild: MD

Dankbar für… Woche 6

Projekt “#dankbarfuer” – Woche 6

Unbekannte Situationen

Neue Leute, neue Umgebung, neue Aufgaben, neue Routinen – ein Freund davon bin ich echt nicht. Ich bin Gewohnheitstier. Ich mag es, Dinge einschätzen zu können. Mich auf Dinge einstellen zu können. Aber es ist doch sehr, sehr wichtig, unbekannte Wege zu betreten. Sich einfach mal in unbekannte Situationen zu stürzen. Denn die bringen einem viel bei.

Gewitter

Den ganzen Tag ist es schon schwül. Drückend. Das Denken fällt schwer. Das Atmen auch. Jeder Luftzug ist Erleichterung. Doch dann: Der große Auftritt des Himmels. Wolkentürme. Untergangsstimmung. Bass von oben. Alles erzittert. Erst Windstille, dann Sturm. Und ein Netz aus Blitzen, das den Himmel durchadert. Was kann man da anderes tun, als gebannt zuzusehen? Und sich über Sturm und Regen freuen wie ein kleines Kind.

Ein Album hören

Ein Album von vorne bis hinten hören – in der Zeit von Streaming-Diensten und iTunes-Einzel-Downloads ist das selten geworden. Umso schöner, mal richtig altmodisch ein Album vorn vorne bis hinten zu hören. Im Auto, während man über die Autobahn fetzt. Sich auf freuen auf das, was kommt. Zu überlegen, was sich die Künstler bei der Zusammenstellung gedacht haben könnten. Und alles lauthals mitsingen. (Sehr zur Freude der Autofahrer neben einem, übrigens.)

(Neue) Ordnung

Ich liebe Ordnung. Ich liebe Systeme. Kategorien. Schubladen. Was Dinge angeht – nicht, was Menschen angeht. Auch wenn ich gerne jeden einzelnen Winkel meiner Wohnung vollstopfe, hat alles System. Ich weiß, wo was ist. Und schöner ist’s noch, diese Ordnung mal über den Haufen zu werfen. Und neu zu denken.

Erinnerungsfotos

„Gott, ist das schon so lange her? Wie sahen wir denn damals aus?! In welchem Jahr war das doch gleich? Da warst du doch in diesen Dingens verschossen, oder? Und du warst in dieser ziemlich krassen Phase… Dass es da noch Fotos von gibt!“

Wieder etwas Altmodisches – Fotos. Auf Papier! Gar eingeklebt, in Fotoalben! Sieht man sich eigentlich nie an. Verschwenden ja doch nur Platz. Müssen bei jedem Umzug mitgeschleppt werden. Oder vermüllen den elterlichen Keller. Aber: Wenn man sie sich mal wieder ansieht, gibt’s fast nichts Schöneres.

Ein Herzschlag im Chaos

Tief in der Nacht. Die meisten betrunken. Der Boden klebt. Auf dem Balkon werden Gläser zerdeppert. Der Bass wird immer höher geregelt. Die Augen jucken, aber ins Bett will noch keiner.

Dann heißt es plötzlich: Kommt mal mit, ich muss euch was zeigen. Ein Smartphone wird gezückt. Darauf ein kleiner, weißer Fleck. „Groß wie ein Gummibärchen.“ Fragezeichen in unseren Gesichtern. „Na, das ist das erste Bild von meinem Kind! Ich werde Vater!“ Ungläubigkeit. Kein Scherz? Kein Scherz. Irrsinn! Freude, unbändige. Und dazwischen: ein kleiner Herzschlag. Mitten im Chaos.

Alte Freunde

Jahrelang nicht gesehen. Nie engen Kontakt gehabt. Aber dann abends im Schein von Lichterketten und Holzfeuer zusammensitzen. Was machst du gerade? Was mache ich gerade? Und was hältst du davon, was die Welt macht? Egal, wann man sich das nächste Mal wiedersieht – dieser Abend hier, der zählt.

DAS PROJEKT

Einmal pro Woche fasse ich zusammen, wofür ich in der vergangenen Woche besonders dankbar war. Und erkläre ganz kurz. Vielleicht wird das hier ja eine ganz interessante Reise.

Immer montags!

Und warum mache ich das?

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, kurz vorm Einschlafen mir ein Wort, einen Begriff, in Erinnerung zu rufen, der am besten zusammenfasst, wofür ich an diesem Tag dankbar war.

Das hilft ganz gut dabei, all den negativen Kram auszublenden. Der kann einen ja gerade abends gut wach halten. Und das Schöne, Positive leicht verdrängen. Aber das wär doch echt schade.

Kurzgeschichte: Briefe einer 16-Jährigen

Im Mai

Es gibt Krankheiten, die kann man nicht sehen. Man kann sie nicht ahnen, nicht spüren, und oft erkennt man sie nicht einmal. Doch diese Krankheiten sind oft hundertmal schlimmer als die, die man körperlich ertragen muss.

Für den, der leidet, genauso wie für die, die den Kranken aushalten müssen.

Dass sie krank ist, wusste ich schon lange. Aber realisiert habe ich es nicht. Mir ist es nie bewusst geworden. Doch jetzt ist es schlimmer als es je war. Es vergeht kein Tag, an dem ich mir nicht sagen muss, dass es nur ein krankhafter Anfall ist, um nicht los zu heulen oder zu schreien. Aber ich würde es am liebsten.

Ich wünschte, es gäbe diese Krankheiten nicht, denn ich kann sie nicht verstehen oder voraussehen. Ich wünschte, alles wäre wieder normal, obwohl es das nie war. Wenn ich es mir mal genau überlege, dann war sie schon lange krank. Sie verbot mir den Umgang mit Menschen, die mir viel bedeuteten. Sie hielt alle für schlecht. Sie weinte viel. Sie misstraute allen. Sie versaute mir meine Freiheit.

Jetzt das. Sie ist wirklich krank, wirklich, wirklich. Der Umzug steht an. Ein schönes Haus, eine schöne Gegend, wenn auch nicht so viel Platz wie hier. Das Haus hier wird verkauft.

Ich glaube nicht, dass es einen Neuanfang geben wird. Nicht für sie. Sie wird bleiben wie sie ist, und dann wird es schlimmer werden.

Wo das alles enden soll, weiß ich nicht. Vielleicht in Selbstmord. Oder es bleibt so schlimm. Normal wird es nie wieder werden. Sie lässt sich ja nicht helfen.

Eigentlich ist es die tragischste Geschichte dieses blöden Jahrhunderts. Aber die glaubt sowieso keiner. Niemand wird mir glauben wenn ich sage, dass sie verrückt ist. Klar. Doch vielleicht wacht diese Welt endlich auf, wenn etwas passiert. Dann wird sie vielleicht geheilt?

Aber ich will doch gar nicht, dass etwas passiert! Manchmal liebe ich sie noch. Aber eigentlich ist es nur noch Mitleid.

Im August

Viel Zeit ist vergangen. Viel, viel Zeit, in jeder Hinsicht.

Es ist seltsam, wenn man darüber nachdenkt. Es ist genau das eingetroffen, was ich vermutet hatte: Selbstmord.

Und dann ist es doch anders gekommen. Ich lag falsch, zum Glück. Das Messer schnitt falsch, zum Glück. Vieles, vielleicht alles, hat sich dadurch verändert.

Sie war drei Monate lang in der Klinik. Geschlossene Abteilung. Jetzt ist sie auch noch tagsüber in der Klinik, auf unbeschränkte Zeit. Sie ist leise, vorsichtig, ängstlich, alles – nein, normal war sie nie. Ich habe sie zumindest nie normal kennengelernt.

Aber sie ist jetzt anders, und das ist ein Anfang. Alles wird anders, vielleicht.

Wir sind umgezogen. Jan kommt zum Bund. Georg fängt nach seinem Rausschmiss bei einer neuen Firma an. Anna sieht sich auch nach einem neuen Job um. Tanja geht bald nach Mittelamerika. Pierre studiert schon über ein Jahr und hat schon viele Prüfungen bestanden. Anja zieht (hoffentlich) bald zu ihm, wenn sie an der Uni angenommen wird. Und ich ziehe wieder weg, in ein paar Wochen. Ich werde erst im Winter hierher zurückkommen. Unglaublich.

Und auch wenn ich diesen Ort vermissen werde – mein Haus, meine Tiere, meine Freunde, mein Zimmer – bin ich mir doch nicht sicher, ob dies hier mein Zuhause ist. Gewissermaßen bin ich heimatlos geworden. Beziehungsweise: Ich wurde aufgeteilt. Was ich will, weiß ich inzwischen nicht mehr. Wohin ich gehöre? Keine Ahnung.

Alles verändert sich. Jeder bewegt sich irgendwie, in Richtung Zukunft.

Aber ich bin optimistisch. Denn ich habe Zukunft. Und ich liebe, ich lebe, ich schreibe… Meine Geschichte (wird sie vielleicht mal ein Buch?) hat jetzt schon 240 Seiten! Eigentlich ist sie zu Ende, aber ich feile noch. Eigentlich will ich nicht, dass sie zu Ende geht. Ich weiß nämlich nicht, was dann mit ihr passieren wird. Ich überlege mir etwas, denke ich. Ich werde sie vermissen.

Es ist seltsam, wie sehr sich ein Leben ändern kann. Und wie schnell. Es ist erleichternd wie erschreckend. Aber ich bin erst 16, und das ist gut so.

Wir alle haben eine Zukunft. Eine gute.

Kurzgeschichte: Frei

„Frei sein”, sagte er.

Er zog seine ergrauten Augenbrauen empor.

“Frei sein”, sagte er wieder. “Mein größter Traum.” Unsicher sah er ihn an. Er versuchte zu lachen. “Du wolltest es ja wissen.”

“Ja…” Er pfiff durch die Zähne. “Und was heißt das für dich?”

“Oh”, sagte er. Er spürte, dass er rot wurde.

“Na ja, wenn das dein größter Traum ist, weißt du doch hoffentlich, was du dir darunter vorstellst, oder?”

“Schon.” Er sah auf seine Finger, die immer mehr Haut vom Nagelbett kratzten. Am Daumen sickerte bereits Blut hervor.

“Also?”

Darauf keine Antwort geben zu müssen, dachte er sich. Kurz überlegte er. Dann hob er seinen Blick und sah ihn direkt an.

Und mit einem kleinen Lächeln stand er auf und ging.

Text & Bild: MD

Kurzgeschichte: Nichts

Und während ich durch die nachtmüden Straßen lief, dachte ich: Wie unfair war es doch von mir, das zu erwarten. Zu erwarten, dass er genauso denken würde. Genauso fühlen würde. Genau das erwarten würde, was ich erwartete.

Ich blieb stehen, den Geruch von nassem Asphalt in der Nase. Ich blickt auf, wollte den Sternenhimmel sehen, doch mein Blick konnte den Dom des orangefarbenen Stadtlichts nicht durchdringen.

Wir sollten unsere eigenen Erwartungen nicht auf andere Menschen übertragen, dachte ich da. Das ist unfair. Es setzt die anderen unter Druck. Und uns macht es unglücklich. Denn wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden, fühlen wir uns verletzt, ignoriert, missverstanden.

Aber, fragte ich mich, mit welchem Recht?

Reflexartig zog ich mein Smartphone aus der Tasche und sah aufs Display. Nachrichten von anderen. Nicht von ihm. Ich lächelte als ich spürte, dass in mir Frieden war. Kein Bedauern.

Ich erwartete – nichts.

Kopfschüttelnd steckte ich mir Kopfhörer in die Ohren, verband sie mit dem Smartphone und drückte auf Play. Summend setzte ich meinen Weg fort, durch die Nacht.

Foto & Text: MD