Naturwissenschaften kinderleicht gemacht

Von Marie Denecke

Naturwissenschaft und Kinder im Kita-Alter – passt das zusammen? An drei Schaumburger Kindergärten läuft momentan das Projekt „Die kognitive
Meisterlehre“ zu diesem Thema: Begleitet von einer Diplom-Biologin
lernen hier nicht nur Kinder, sondern auch die Erzieher. In Niedersachsen
ist das Projekt einzigartig.

Sechs Kinder sind es, die sich an diesem Morgen um einen Tisch versammelt haben, auf dem zahlreiche Messgefäße stehen: in zylindrischer Form, als Würfel und mit dreieckiger Grundfläche. Sie haben verschieden große Fassungsvermögen, 1000 bis 250 Milliliter. Damit können Laetizia, Lukas, Hannah, Ole, Silas und Stella noch nicht viel anfangen: Silas ist gerade vier Jahre alt geworden, die ältesten Kinder sind sechs. Sie müssen jetzt schätzen: Welches Gefäß ist das größte?

Zuerst lassen Catrin Witt, die Leiterin der Kindertagesstätte am Rintelner Kreiskrankenhaus, und Eva von Löbbecke-Lauenroth, Diplom-Biologin, die sechs raten: Wie könnte man das herausbekommen? Ein Nebeneinanderstellen der Gefäße bringt nichts: „Die sind ja alle gleich groß“, bemerkt eins der Kinder die gleiche Höhe der Gefäße.

Also beginnen sie, die Gefäße zu stapeln. Das klappt bei manchen super, zwei Gefäße mit gleichem Fassungsvermögen aber – eines mit runder, eines mit quadratischer Grundfläche – passen nicht ineinander. „In welches passt denn mehr rein?“, fragt Witt. Alle Kinder beugen sich vor und inspizieren ihre Konstruktion. Ihr Urteil: Das eckige muss das größere sein, schließlich lugen die Ecken über die Ränder des runden Gefäßes. „Und wie finden wir heraus, ob ihr Recht habt?“, fragt Löbbecke-Lauenroth.

Die Kinder stecken die Köpfe zusammen. Löbbecke-Lauenroth hat schon zahlreiche naturwissenschaftliche und pädagogische Projekte im Landkreis betreut. Zusammen mit Diplom-Pädagogin Ursula Büthe, Fachberaterin beim Landkreis, hat sie das Projekt „Die kognitive Meisterlehre“ geschrieben.

Der Begriff stammt aus den USA und beschreibt die Methode, wie Lernende von Experten lernen, die bei der Anwendung des Erlernten ihren „Lehrling“ begleiten. So sollen langfristig „Lehrlinge“ zu „Meistern“ werden. In der Rintelner Kita am Krankenhaus lässt sich das auf die Kinder wie auch auf die Erzieherinnen anwenden: Sie lernen von der Expertin über
die Materie und häufen so Wissen an. Und sollen so Sicherheit in der Beantwortung von Kinderfragen zu naturwissenschaftlichen Phänomenen bekommen.

Um die „Sensibilisierung“ der Erzieher gehe es, erläutert Büthe: Die Fragen der Kinder sollen ernst genommen werden. „Dabei stoßen wir Erwachsenen schnell an eigene Grenzen“, so Büthe. Wo zum Beispiel anfangen, wenn man erklären muss, woher das Licht kommt? Und wie auch noch kindgerecht erklären? Bei den Kindern soll „Grundwissen statt Halbwissen“ aufgebaut werden, erläutert Büthe. So sollen die Kinder
selber auf die Lösung kommen, einen „Aha-Effekt“ erleben – und das Erlebte und Erlernte abspeichern und später anwenden können.

Denn neue Forschungsergebnisse zur frühkindlichen Lernentwicklung, so ist es im Projektantrag zu lesen, gehen von „kognitiven Fenstern“ aus, also Phasen, in denen Menschen optimal lernen können – und die lägen im dritten, vierten und fünften Lebensjahr. Dann hätten Kinder schon besonders großes Interesse an Naturphänomenen.

Zudem seien Kinder in diesem Alter auch schon in der Lage, einfache und schlüssige Experimente zu verstehen und empirische Beobachtungen zu nutzen. „Früher war man der Ansicht, naturwissenschaftliches Denken beginnt in der Schule“, erläutert Büthe. Das sehe man inzwischen anders: „Kinder haben Interesse an ihrer Umwelt, sobald sie auf der Welt sind“, so Büthe.

Löbbecke-Lauenroth ist einmal pro Woche zu Besuch in Rinteln, verbringt mit den Kindern und einer Erzieherin eine Unterrichtseinheit. Diese wird von der Erzieherin wiederholt, ohne Wissenschaftlerin an ihrer Seite. „Für uns ist das eine echte Erweiterung“, sagt Kita-Leiterin Witt. In so einer Einheit wird nicht etwa das behandelt, was die „Erwachsenen“ als spannend erachten: In der Rintelner Kita am Krankenhaus gibt es ein silbernes Büchlein, in das die Kinder Ideen oder Fragen hineinschreiben oder – wenn das mit dem Schreiben noch nicht ganz so gut klappt – hineinmalen können.

So werde sichergestellt, dass Phänomene erklärt würden, die die Kinder auch wirklich interessierten, erläutert Löbbecke-Lauenroth. Aus den Ideen der Kinder ist auch das Mess-Experiment entstanden – als die Kinder sich über verschiedene Gewichte wunderten. So bestand die Einheit in der vergangenen Woche daraus, Dinge gegeneinander auf der Balkenwaage aufzuwiegen, Steine gegen Kartoffeln, Kartoffeln
egen Orangen und so weiter. Und da sich Flüssigkeiten schlecht mit einer Waage wiegen lassen, kamen in dieser Woche die Messgefäße auf den Tisch.

Jenseits von der eigentlichen Wissensvermittlung schule das Experimentieren und Forschen auch die Augen-Hand-Koordination sowie die Feinmotorik, erläutert Witt: „Und die Kinder leisten tolle Teamarbeit!“ Überlegt wird gemeinsam, jeder darf etwas machen. Das gilt übrigens nicht nur für Vier- bis Sechsjährige, sondern auch für Einbis Dreijährige. Die machen natürlich nicht dasselbe wie die Älteren, dürfen aber laut Witt auch schon mal ein bisschen forschen.

Ausgeschrieben wurde das Projekt vom Landkreis Schaumburg, in ganz Niedersachsen ist es einzigartig. Neben der Rintelner Kita am Krankenhaus haben sich auch zwei Kindergärten in Vehlen und in Pohle an diesem Projekt interessiert gezeigt. Begonnen hat es im April 2010, auf zwei Jahre ist es angelegt. Getragen wird es von der Volkshochschule, finanziert vom Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung
und Entwicklung (Nifbe) sowie von der Bürgerstiftung Schaumburg. Betreut wird es von der Hochschule Vechta – das stellt sicher, dass die Erkenntnisse, die während der zwei Jahre gewonnen werden, nicht verloren gehen: Gedacht ist, erläutert Witt, dass nach Ende des Projekts je Kita „ein bis zwei Fachkräfte“ bleiben, die die Erkenntnisse weitergeben. Nicht nur innerhalb der Kita, sondern auch an andere Institutionen: Deren Mitarbeiter könnten als Hospitierende in die drei Modell-Kitas kommen.

Somit handelt es sich bei „Die kognitive Meisterlehre“ um ein echtes Transferprojekt: Wissen wird nicht nur von einem Fachmann auf Erzieher transferiert, sondern auch von einer Einrichtung auf eine andere, also „multipliziert“. Am Ende des Projekts könnte es sogar pro Kita eine „Fachkraft für Naturwissenschaften“ geben, überlegt Büthe laut. Zudem bestehe die Chance, dass die Erkenntnisse in das Projekt „Haus der kleinen Forscher“ übergehen, ebenfalls ein naturwissenschaftlich-pädagogisches Projekt, das bundesweit ausgeschrieben wurde und auch in Schaumburg läuft.

Die sechs Kinder in der Rintelner Kita am Krankenhaus haben inzwischen Messbecher mit Wasser gefüllt und sie auf den Tisch gestellt. Zuerst befüllen sie den 1000-Milliliter-Würfel, Ergebnis: Es passt alles hinein. Dann gießen sie Wasser in den Zylinder – die Überraschung: Da passt noch mehr hinein. „Müssen wir die Reihenfolge also umstellen?“, fragt Catrin Witt und deutet auf die leeren Messgefäße, die nach ihrem Fassungsvermögen geordnet wurden. Die Kinder nicken und stellen alle runden Gefäße vor die eckigen. Dann nehmen sie sich ein 250-Milliliter-Gefäß mit dreieckiger Grundfläche und füllen es mit Wasser. Da kommt Silas, dem Jüngsten, eine Idee: Man könnte das Wasser aus dem kleinen Dreieck doch ins große füllen. Also wird, sehr vorsichtig und genau, das Wasser ins 500-Milliliter-Gefäß geschöpft. „Ich wette, da passt noch ein zweites rein“,schätzt Laetizia. Und siehe da: So ist es. Wieder was gelernt.

„Nächste Woche können wir ja mal probieren, was man noch alles auf diese Weise messen kann“, schlägt Catrin Witt am Ende der Einheit vor. 40 Minuten hat die ausnahmsweise gedauert. „Eigentlich beträgt die Aufmerksamkeitsspanne in dem Alter 20 Minuten“, so Witt. Einige Kinder wollen weitermachen, aber die beiden Erwachsenen winken ab: Für heute reicht es mit dem Forschen.

„Milch mit Essig“ soll nach Silas’ Wunsch in der nächsten Woche in die Messbecher gefüllt werden. Das quittieren Witt und Löbbecke-Lauenroth mit Stirnrunzeln – trinken lässt sich die Milch danach schließlich nicht mehr. Aber, sagt Witt, mit Milch könne man den Mess-Versuch wiederholen. „Vielleicht ist es mit Milch ja anders als mit Wasser?“, fragt sie.

Die Erwachsenen kennen die Antwort natürlich. Aber wie sollte man die herausbekommen, wenn man es nicht einfach mal ausprobiert?

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 07.01.2011

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Der stotternde König und sein exzentrischer Helfer

Von Marie Denecke

Keine Frage: „The King’s Speech“ ist ein gefälliger Film. Man versucht nicht noch Tage nachher, die verschiedenen Erzählebenen zu entwirren wie in dem Sci-Fi-Thriller „Inception“, die Einsamkeit des Protagonisten hängt einem nicht lange hinterher wie bei „The Social Network“ – alles Filme, die mit „The King’s Speech“ für den diesjährigen Oscar nominiert waren. Und doch hat dieser Film gewonnen. Wenig überraschend. Aber auch ungerechtfertigt?

Die (wahre) Geschichte von „The King’s Speech“ ist schnell erzählt: Prinz Albert, Herzog von York, (Colin Firth) ist Sohn des britischen Königs, George V. Zugleich ist er heftiger Stotterer, jeder Auftritt wird für ihn zur Qual und für das Königshaus zur Blamage. Es gibt nichts, was der Marineoffizier dagegen nicht schon versucht hätte.

Seine Frau Elizabeth, die spätere Queen Mum, (wie immer wunderbar exzentrisch: Helena Bonham Carter) macht da einen Logopäden ausfindig, der, sagen wir, etwas ungewöhnliche Methoden anwendet und sich einen Dreck um das Protokoll im Umgang mit einem Mitglied des königlichen Hofes schert. Es dauert seine Zeit, bis die beiden Männer eine Freundschaft zueinander entwickeln und man einen Einblick darin bekommt, wie es ist, Anfang des Jahrhunderts in einer Königsfamilie großzuwerden: eine Qual.

Dann stirbt George V. und Alberts älterer Bruder (Guy Pearce aus „Memento“) besteigt als Edward VIII. den Thron. Dort hält es der Lebemann allerdings nicht lang aus, will er doch die zweifach geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson heiraten – und dankt ab. Zu seinem großen Entsetzen ist „Bertie“ auf einmal König – und muss in seiner ersten Rede an sein Volk die Briten auf den Zweiten Weltkrieg einstimmen.

Der Film hat alles, was es für den Erfolg braucht: eine grundsympathische Hauptfigur, der auf das komplette Gegenteil seiner selbst stößt, einen Skandal, stimmungsvolle Kulissen, tolle Kostüme, ein Einblick in eine Welt, die Otto Normalverbraucher äußerst exotisch daherkommt, eine Geschichte, die einem sagt, dass alles möglich ist, wenn man nur will. Und – wichtig für das Vereinigte Königreich, in dem der Film an seinem Eröffnungswochenende sämtliche Besucher- und Einspielrekorde brach – eine gehörige Portion Pathos.

Ein großer Glücksgriff ist Regisseur Tom Hooper, der bislang vor allem Arbeiten für das englische Fernsehen gemacht hat, mit seinen beiden Hauptdarstellern gelungen: Gegensätzlichere Darsteller als Colin Firth, den ewigen Mr. Darcy, und Geoffrey Rush, der vom Marquis de Sade über Leon Trotzki bis zum Piraten schon alles gespielt hat, hätte man innerhalb des Commonwealth wohl kaum finden können. Als der britische, steife König und sein australischer, extrovertierter Logopäde hauchen sie der klassischen Idee des komplett gegensätzlichen Duos, das von äußeren Umständen zusammengebracht wird, neues Leben ein.

„The King’s Speech“ ist ein hübsch und rund inszenierter Historienfilm. Und ein herzerwärmender Wohlfühlfilm. Und eine schreiend komische Klamotte. All diese Dinge ist der Film allerdings im besten Sinne. Klar kann man da meckern, muss einem ja nicht gefallen.

Ob er wirklich der beste Film des Jahres ist, für den ihn die Academy hält, das sei dahingestellt. Colin Firth aber ist in der Rolle des Königs, der nie einer sein wollte, allemal sehenswert.

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 12.03.2011. Den Artikel gibt es hier.

„In diesem Fall haben wir Glück gehabt“

Gelldorf (mld). Ein drei Meter tiefes und etwa vier Meter breites Loch klafft mitten in einem Feld in Gelldorf – kaum zehn Meter von der Bundesstraße 65 und etwa 30 Meter vom nächsten Haus entfernt. Lange ist es noch nicht da: Zuerst bemerkt wurde es wohl am späten Mittwochnachmittag. Grund für die plötzliche Absackung ist wahrscheinlich ein alter Stollen, der sich während der starken Regenfälle der letzten Tage mit Wasser gefüllt hat – was dann plötzlich das Erdreich mitgerissen hat.

Am Grund des Lochs hat sich Wasser angesammelt – eventuell ein Indiz dafür, dass die starken Regenfälle Ursache für das nachgebende Erdreich sein könnten.

Zuerst bemerkt hat das Loch offenbar der Pächter des Feldes, der sofort der Stadt Bescheid gegeben hat. Auch die Polizei ist alarmiert worden. Zuständig ist hier jedoch das Obernkirchener Tiefbauamt, das den städtischen Baubetriebshof damit beauftragt hat, die Stelle abzusichern. Absperrgitter und gelbe Warnleuchten in etwa zwei Metern Abstand zur Abbruchkante sollen das Loch sichern – denn es könnte sich durchaus noch vergrößern, wie das Tiefbauamt auf Anfrage unserer Zeitung mitteilt. Außerdem berge das Loch Gefahren für die Bürger.

„Niemand sollte hier mutig sein und zu nah an die Kante herangehen“, warnt eine Vertreterin des Fachbereichs III für Bau, Planung und Umwelt. Sollte es in den nächsten Tagen weitere Regenfälle geben, könnte das Erdreich weiter aufweichen, die Erde rund um das Loch könnte nachgeben und seine kreisrunde Form weiter ausfransen. Dadurch könnte eine sogenannte Trichterform entstehen: Das Loch würde oben größer werden und sich nach unten hin durch die abbröckelnde Erde wie ein Trichter verschmälern.

„Und wenn da jemand hineinfiele, würde er von allein nicht mehr herauskommen“, so die Fachbereichsmitarbeiterin.

Um zu klären, was das plötzliche Absacken des Erdreichs überhaupt verursacht hat und wie das Loch am besten verfüllt werden kann, haben Vertreter des Tiefbauamts und des Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) aus Clausthal-Zellerfeld das Loch am Donnerstagmorgen besichtigt.

Die Informationen aus Gelldorf will der Mitarbeiter des LBEG innerhalb einer Woche auswerten. Die mögliche Maßnahme sei, das Loch wieder mit Erde zu verfüllen, so das Tiefbauamt. Doch die Anwohner sind besorgt.

Fortsetzung und voller Artikel hier. Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 09.03.2012.

Skurril-charismatische Liebeserklärung an das Leben

Von Marie Denecke

Dass er große Dramen kann, wissen wir spätestens seit dem preisgekrönten „Gegen die Wand“. Dass er Road Movies kann, wissen wir seit „Im Juli“. Dass er Milieustudien kann, wissen wir seit „Kurz und schmerzlos“. Jetzt kommt der Hamburger Regisseur Fatih Akin mit einem neuen Film daher, bei dem der Name schon eine ganze Menge des Programms verrät: „Soul Kitchen“ ist eine 99-minütige Ode an Familie, Freunde, Musik, Essen – und eine Erinnerung daran, das Leben zu feiern, wie es gerade kommt.

Anfang und Ende des Films zeigen ein Essen, Essen in einem ehemaligen Bahnhofsgebäude im Hamburger Problemviertel Wilhelmsburg. Zwischen diesen beiden Essen steht ein kurzer, doch umso intensiverer Ritt durch das Leben einer Handvoll Hamburger Freigeister.

Im Mittelpunkt steht der Deutsch-Grieche Zinos (Adam Bousdoukos), Eigentümer des heruntergekommenen Restaurants „Soul Kitchen“, der sich mit Pommes, fetttriefenden Schnitzeln und kaltem Bier eine Stammkundschaft erhält. Sein Leben beginnt sich schlagartig zu ändern, als dessen Freundin Nadine (Pheline Roggan) eine Stelle in Shanghai annimmt, wohin Zinos ihr folgen möchte, es wegen knapper Kasse aber nicht kann. Dann erleidet er einen Bandscheibenvorfall – an der Fritteuse stehen ist damit erst mal gestrichen.

Auftritt Shayn (Birol Ünel), frisch gefeuerter Koch, der mit einer Attitüde zwischen Samurai und Paul Bocuse die Küche des „Soul Kitchen“ von Grund auf verändert – womit ein neues, junges Publikum und entsprechende Musik nicht lange auf sich warten lassen. Dann taucht Zinos’ krimineller und spielsüchtiger Bruder Illias (Moritz Bleibtreu) auf, dem Ausgang gewährt wurde und der jetzt einen Job sucht. Zinos macht ihn zum Geschäftsführer des „Soul Kitchen“ – schließlich will Zinos so schnell wie möglich nach Shanghai.

Doch das Pech lässt nicht lange auf sich warten: Die Steuerfahndung, ein schleimiger Immobilienmakler (Wotan Wilke Möhring) und Illias’ wiederkehrende Spielsucht zwingt die beiden ungleichen Brüder dazu, um das „Soul Kitchen“, das Stückchen Heimat irgendwo im grauen Wilhelmsburg, zu kämpfen.

Man merkt dem Film an, dass er mit viel Liebe gemacht ist: Originelle, formvollendet geschriebene Charaktere, dargestellt von Hauptdarstellern (Adam Bousdoukos ist sofortiger Sympathieträger, Moritz Bleibtreu hat „Knockin’ on heaven’s door“-Qualität und Birol Ünel ist heimlicher Star des Films) und skurrilen wie charismatischen Nebenfiguren lassen den Zuschauer mitlachen, mitweinen, mitfiebern, mitstaunen und mitleiden.

Ist man bei der Schlussszene, einem schicken, kerzenbeschienenen Essen im „Soul Kitchen“, angelangt, hat der Zuschauer das Gefühl, nach einer großen Abenteuerreise wieder nach Hause gekommen zu sein.

Ein Film wie Hamburg, ein Film, den eindeutig Akin gemacht hat: rau, szenig, lässig, witzig, sinnlich, hart und herzlich. Und man will ihn gleich wieder sehen. Oder nach Hamburg fahren. Um richtig gut zu essen. Und das Leben zu feiern.

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 19.02.2010. Den Artikel gibt es hier.

„Als säße man in einem alten Kinderkarrussell“

Von Marie Denecke

Rinteln. Schon allein die Art, wie sie ihren Mann kennengelernt hat, weist Claudia von Ditfurth-Siefken als echten „Oldtimer-Freak“, wie sie sich selbst bezeichnet, aus: Es war auf dem Parkplatz eines Supermarkts, auf dem sie gerade mit einem Opel Kadett C geparkt hatte, als sie einen Mann in einem Kadett A, dem ersten Modell der Kadett/Astra-Baureihe, vorfahren sah. Sie ging auf ihn zu und fragte ihn, ob er ihr den Opel verkaufen würde. Heute sind Claudia und Jobst von Ditfurth-Siefken verheiratet und wohnen mit ihren Kindern sowie insgesamt 32 Oldtimern auf Gut Dankersen.

Eigentlich war es ihr Bruder, erzählt von Ditfurth-Siefken, die sie zur Oldtimer-Leidenschaft gebracht hat: Der Kfz-Mechaniker habe vor allem mit Opel gearbeitet, so sei sie in die „Opel-Szene“ hineingekommen, Bruder und Schwester fuhren an Wochenenden regelmäßig zu Treffen, wo sie im Zelt übernachteten.

Seit zehn Jahren nimmt von Ditfurth-Siefken an Oldtimer-Rallyes teil – und für sie steht außer Frage, dass sie auch an der 14. Oldtimer-Weserberglandfahrt teilnehmen wird, die am kommenden Sonntag, 18. April, in Rinteln beginnen und enden wird.

„Rinteln ist Pflichtprogramm“, sagt die Oldtimer-Fahrerin. Die Weserberglandfahrt diene vielen Oldtimer-Fans als Einstieg in die Saison. Und auch wenn es im April mit dem Wetter manchmal nicht ganz glückt, kommen „Oldie-Verrückte“ von überall her. Die aus organisatorischen Gründen notwendige Begrenzung auf 135 Teilnehmer führt dazu, dass vielen Interessenten abgesagt werden muss – allein im vergangenen Jahr wollten sich laut Veranstalter mehr als 190 Fahrer anmelden.

Claudia von Ditfurth-Siefken fällt schnell ein, was ihr an der rund 150 Kilometer langen Rallye gefällt: Die Fahrt sei „immer toll organisiert“, die Aufgaben seien „witzig“, die Strecken „besonders und schön“. Außerdem sei die Teilnehmergebühr nicht so hoch wie anderswo, wo man schon mal 250 Euro allein für den Start bezahlen muss – Zweier-Teams bezahlen für die Teilnahme an der Weserberglandfahrt 75 Euro.

Für den Rintelner Stephan Stemme ist es vor allem die „sehr familiäre und freundliche Atmosphäre“, die ihn gern an der Fahrt teilnehmen lässt. „Die Strecke führt durch traumhafte Landschaften in Schaumburg und über Ecken, die man oft nicht so gut kennt“, nennt er einen weiteren Grund.

Die Weserberglandfahrt ist die einzige Rallye, die er fährt, seit sieben Jahren nimmt er an ihr teil, „immer zusammen mit einem guten Freund – das ist unser gemeinsamer Tag.“ Ganz „Männertag“ sind diese Sonntage dann aber doch nicht, denn nachmittags nach der Zieleinfahrt warten schon die Familien, um die Männer in Empfang zu nehmen und „Autos zu gucken“.

Stemme fährt einen VW Käfer aus dem Jahr 1967, besitzt ihn seit acht Jahren. „Mein erstes Auto war ein Käfer und ich wollte unbedingt irgendwann wieder einen fahren“, erzählt der Rintelner. Wenn er das Auto nach der Rallye auf dem Marktplatz parkt, sei der häufigste Spruch, den er von Schaulustigen höre: „So einen hatte ich früher auch mal.“ Und oft werde er gefragt, ob man mal in dem Oldtimer Probe sitzen dürfe – ein Wunsch, den Stemme gern erfüllt.

Zum ersten Mal an der Fahrt teilnehmen wird Thomas Stoff. Dass seine erste Oldtimer-Rallye überhaupt die Weserberglandfahrt sein würde, stehe für ihn als „alten Rintelner“ außer Frage. Jenseits von der Punktezählung und den Rängen gehe es ihm um das Fachsimpeln unter Gleichgesinnten und den „Spaß an der Freude“, getreu dem sportlichen Motto: „Dabei sein ist alles.“

Seit einem Jahr besitzt Stoff einen, wie er sagt, „froschgrünen“ Austin-Healey 3000 der British Motor Corporation, deren berühmtestes Produkt wohl der Mini sein dürfte. Das Cabrio besitzt Stoff erst seit einem Jahr – mit diesem Kauf habe er sich einen Jugendtraum erfüllt. „Man muss ein gewisses Alter haben, in dem bestimmte Erinnerungen aus der Jugend wieder hochkommen“, erzählt der Rintelner, wie er auf dieses Auto gekommen ist. Als er als Auszubildender 500 Mark im Monat verdient habe, sei es sein Traum gewesen, entweder einen Austin-Healey, einen MG – ebenfalls aus dem Hause der British Motor Corporation – oder einen Jaguar zu besitzen. „Aber die haben damals gut ihre 16 000 Mark gekostet“, sagt Stoff. Unerreichbar für einen Azubi.

Also habe er jetzt, da er sich zum Kauf eines Oldtimers entschlossen hatte, nach Autos dieser drei Marken Ausschau gehalten – und sich letztlich mit dem 1964er froschgrünen Healey mit cognacfarbenen Sitzen seinen „Jugendtraum“ verwirklicht.

Noch steht der Oldtimer in einer Garage in Essen, kommt aber rechtzeitig vor der Weserberglandfahrt am Wochenende nach Schaumburg. Dass er nach der langen, kalten Winterpause noch fährt, hat er schon bewiesen: „Er ist sofort angesprungen“, ist Stoff begeistert. In diesem Frühjahr sind er und der Healey bereits 250 Kilometer gefahren.

Besonders vorbereiten für seine erste Oldtimer-Rallye will sich Stoff nicht. Das Einzige, was eine gewisse Herausforderung an dem Auto sei, sei dessen Meilentacho, denn bei der Rallye wird es auch kleine Aufgaben wie etwa Zeitprüfungen geben, in denen die Fahrer in einer vorgegebenen Zeit eine bestimmte Distanz zurücklegen müssen. „Die Angaben sind meist in Kilometern“, sagt Stoff. „Und dann fängt das Kopfrechnen an.“

Claudia von Dithfurth-Siefken wird wieder mit ihrem „Dixi“ aus dem Jahr 1928 mit von der Partie sein, sie hat zwei Titel zu verteidigen: als Beste der Damen- und der Klassenwertung. Wie auch im Vorjahr will sie zusammen mit einer Freundin ein Frauen-Team stellen – ihr Mann Jobst wird hingegen einen Freund mit auf die Strecke nehmen.

„Sich sportlich miteinander zu messen, macht auch einen Teil des Reizes aus“, sagt Claudia von Ditfurth-Siefken. Es gebe auch schon mal Anrufe per Handy während der Rallye, in denen bewältigte Aufgaben diskutiert werden.

Einen anderen, größeren Teil aber macht wohl die Freude an den Oldtimern aus: „Als säße man auf einem Rummelplatz in einem alten Kinderkarussell“, beschreibt sie das nostalgische Gefühl, das sie mit dem Fahren eines Oldtimers verbindet. „Man fühlt sich in eine andere Zeit zurückversetzt, nimmt die Umwelt ganz anders wahr – und man ist viel näher an seinem Wagen.“

Ihren „Dixi“ besitzt sie seit drei Jahren. Auch wenn sie sich sonst, wie sie sagt, „nicht so recht für Vorkriegsautos begeistern“ konnte. Ihr Mann hingegen fährt zum Beispiel einen „Adler“ aus dem Jahr 1932. „Aber der Dixi war klein und süß“, erklärt sie ihre Entscheidung, den Oldtimer doch gekauft zu haben. Auch wenn die Fahrt, gerade bergauf oder bergab, oft harte körperliche Arbeit sei. „Aber ohne Oldtimer könnte ich mir mein Leben nicht mehr vorstellen.“

Worauf alle Teilnehmer wohl am meisten hoffen, ist gutes Wetter: Dann könnte Thomas Stoff den Austin-Healey, ein Cabrio, offen fahren, was auch Claudia von Ditfurth-Siefken mit ihrem Dixi vorhat. Und das heißt bei diesem Wagen nicht nur, dass das Dach weggeklappt wird, sondern auch: Es gibt keine Seitenscheiben.

Information: Die Weserberglandfahrt wird vom Motorclub Rinteln im ADAC veranstaltet. Los geht es am kommenden Sonntag, 18. April, ab 7 Uhr, wenn die Teilnehmer der Rallye auf dem Rintelner Marktplatz eintreffen. Um etwa 8.30 Uhr startet die Fahrt durch ganz Schaumburg. Ab 14 Uhr werden die Oldtimer wieder in Rinteln eintreffen.

Auf dem Marktplatz wird indes viel los sein: Neben der kulinarischen Versorgung gibt es ab 14 Uhr das Duo „Champagne“ zu hören. Ab 17 Uhr werden die Sieger geehrt.

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 15.04.2010. Den Artikel gibt es hier.

„Wir wollen weder Helden noch Exoten sein“

Von Marieluise Denecke

Rinteln. Eine große Rolle an der Schule der zwölfjährigen Marie spielen die Busfahrer. Sie sind mit die beliebtesten Menschen in der Schule am Waldkater, in der das Mädchen die sechste Klasse besucht. Busfahren bedeutet Selbstständigkeit, ein unabhängiges Hin- und Wegkommen von der Rintelner Ganztagsschule. Ohne Busfahrer gäbe es keinen Schultransport und damit ein Stück wertvolle Unabhängigkeit weniger.

„Vor kurzem haben die Busfahrer gewechselt, mit dem neuen kommt Marie gut zurecht“, erzählt ihre Mutter Inge Hirschel, die begeistert ist von der Schule, einer sogenannten Tagesbildungsstätte, deren Träger die Rintelner Lebenshilfe ist.

Auf dem Lehrplan stehen Fächer wie Sachunterricht, Deutsch und Kommunikation, Mathematik und Hauswirtschaft, auch Sprach- oder Ergotherapie. Die Schüler hier haben geistige Behinderungen. Zusammen mit Pädagogen und Betreuern lernen sie häufig schneller, als es bei den Eltern der Fall wäre.

„Marie konnte dadurch mit fünf Jahren schon super mit Messer und Gabel essen“, erzählt Inge Hirschel. Einmal, als die ganze Familie im Restaurant essen war, haben die Leute an den Nachbartischen Marie angesehen. „Ich habe mich gewundert, warum die alle hersehen“, erzählt Hirschel. Sie vermutete, weil ihre Tochter so selbstständig essen konnte. „Dann ist mir auch wieder eingefallen, dass Marie das Down-Syndrom hat.“

„Ein Schock? Nein, warum?“

Das Down-Syndrom oder Trisomie 21 beschreibt eine Anormalität des 21. Chromosoms, die zur geistigen Behinderung führen kann. Schon während der Schwangerschaft, erzählt Maries Mutter, habe sie gemerkt, dass etwas anders war als bei ihrer ersten Schwangerschaft. An einem Karfreitag kam Marie zur Welt, fünf Tage später hegten die Ärzte einen Verdacht, nach einer Blutuntersuchung dann die Diagnose: Marie würde geistig behindert sein.

„Als die Diagnose kam, war ich erleichtert“, erzählt Inge Hirschel. Was sie zuvor nur ahnen konnte, war Gewissheit. Kam dann der Schock? „Ein Schock? Nein, warum?“

Marie ist mit ihren geistigen Fähigkeiten jetzt in etwa auf dem Stand eines Erstklässlers. „Man muss zu den Grenzen seines Kindes stehen können“, sagt ihre Mutter. Als die Trisomie 21 festgestellt wurde, habe sie gedacht: „Was wird Marie später alles vorenthalten bleiben?“ Hirschels Nichten waren da 13 und 15, das sprühende Leben.

„Wenn ich es nur fest genug will, dann wird sie alles, was diese Kinder können, auch können“, dachte Inge Hirschel damals. Jetzt steht sie Maries Entwicklung entspannter gegenüber, freut sich über kleine Fortschritte. Marie kann unter anderem Formen und Farben zuordnen, bis fünf rechnen, sie versteht fast alles, was man ihr sagt.

Auch wenn Kinder mit geistigen Behinderungen in ihren Fähigkeiten eingeschränkter sind als andere Kinder, sei es „wichtig, dass sie das Pensum, was sie lernen müssen, auch wirklich beherrschen“, erklärt die Pädagogische Leiterin der Schule am Waldkater, Margret Böing. Marie muss später mit kleineren Beträgen umgehen können – „bis 1000 zählen können muss sie nicht.“

Marie hat andere Ansprüche als Kinder ohne geistige Beeinträchtigung. Sie kann nicht für längere Zeit allein gelassen werden: „Unser Alltag, die Freizeit- und Urlaubsplanung, alles dreht sich um Marie“, sagt ihre Mutter. Spontan könne die Familie nichts unternehmen. „Aber so ist das eben.“

Maries Bruder Simon ist 15. Eifersucht auf seine Schwester kennt er nicht, erzählt Inge Hirschel, im Gegenteil: Wenn jemand etwas gegen sie sagt, wird er wütend.

Streitereien gab es in den ersten Jahren. Marie ist Frühaufsteherin und wollte ihren Bruder partout nicht länger schlafen lassen als ihrer Meinung nach nötig, wollte viel Aufmerksamkeit. Jetzt hat sie gelernt, wo ihre Grenzen verlaufen, ist vernünftiger geworden, beansprucht auch Raum für sich, verlangt Höflichkeit, die sie – meistens – auch den anderen entgegenbringt.

Worauf bei Hirschels geachtet wird ist, dass kein Kind zu kurz kommt. Helmut Hirschel arbeitet als Schlosser bei der Deutschen Bahn im Schichtdienst, daher können sich oft beide Eltern um die Kinder kümmern. Und hat Simon die Fahrradurlaube satt und möchte wandern gehen, versucht Inge Hirschel, ein freies Wochenende zu arrangieren – wie jetzt, wenn Marie auf Schulfreizeit fährt.

Doch als Familie mit einem behinderten Kind bekommt man auch schnell die geistigen Mauern zu spüren, die es in der Gesellschaft gibt, auch unter Verwandten oder Bekannten: Sätze wie „Die Behinderung sieht man fast gar nicht“ oder „Dass ihr das Kind immer mitnehmt!“ sind zu hören. Als Inge Hirschel mit ihrer Tochter einen Aquafitness-Kurs besuchen wollte, wurde ihr dazu geraten, lieber einen Kurs für Behinderte aufzusuchen.

„Wir stehen zu unserem Kind, aber mir wurde oft das Gefühl gegeben, als wäre das falsch“, sagt Inge Hirschel. „Marie ist zufrieden, sie arrangiert sich leicht, ist glücklich. Wir wollen weder Exoten noch Helden sein. “

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 07.05.2009. Den Artikel gibt es hier.

Rote Rosen bei der Polizei – da ist sie überzeugt

Rinteln (mld). Die Welt ist ein Dorf, heißt es oft, aber manchmal, in ganz bestimmten Fällen, da kann sogar die Entfernung zwischen Rinteln und Kleinenbremen einfach zu groß sein. Wie in dem Fall eines jungen Mannes aus Kleinenbremen, der auf der Suche nach einer Frau, die er erst wenige Male gesehen hatte, den halben Landkreis absuchte, Gedichte schrieb und sie ins Russische übersetzen ließ und schließlich einen Bund roter Rosen auf der Rintelner Polizeiwache hinterließ.

Vor vier Jahren hat die außergewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Olga und Ulf angefangen, vor eineinhalb Jahren haben sich die beiden verlobt, vor einem Monat haben sie geheiratet.

Bis dahin war es ein langer Weg, Wochen, ja Monate hat es gedauert, bis Ulf Rösener zum ersten Mal mehrere Worte mit der „schönen Unbekannten“, wie er Olga damals nannte, wechseln konnte.

Alles begann, ganz trivial, in einer Disco in Bad Oeynhausen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich meine Frau mal in einer Disco kennenlernen würde“, erzählt Ulf, 36, Lagerist, muskulös, offenes Gesicht. „Ich dachte immer, die treffe ich vielleicht beim Einkaufen oder beim Training, aber in Discos geht das doch gar nicht mehr.“

Bis er Olga sah, an diesem einen Abend in Bad Oeynhausen. Olga, 31, Altenpflegerin, sehr schlank, fast einen halben Kopf größer als Ulf, dunkelblaue Augen, langes, schwarzes Haar. Sie ist ihm aufgefallen, wie sie dort tanzte, er wollte sie auf einen Drink einladen, „und sie hat mir charmant einen Korb gegeben“, erzählt Ulf lachend. Wenn nicht, dann nicht, dachte er sich. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, „auch wenn sie mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist“.

Wochen später hat er sie wiedergesehen, wieder in einer Disco, „so, wie sie mir vor der Nase herumgetanzt ist“, erzählt Ulf, „konnte ich nicht anders“. Ein neuer Versuch, wieder eine Einladung, „später gern“, sagt sie lächelnd, doch zu einem ‚später‘ kommt es nicht mehr, dann sie ist nicht mehr da.

Doch Ulf Rösener gibt nicht auf: Bei zwei Zeitungen aus dem Raum Minden schaltet er Anzeigen, spricht sie mit „schöne Unbekannte“ an, beschreibt Zeit und Ort ihrer Begegnung und schlägt einen neuen Treffpunkt, wieder in einer Oeynhausener Disco, vor. Niemand kommt. Dass Olga in die Zeitungen nie einen Blick geworfen hat, weil sie nicht aus dem Mindener Raum kommt, sondern in Rinteln wohnt, knapp acht Kilometer entfernt von Kleinenbremen, weiß er noch nicht.

Ulf Rösener schneidet seine beiden Anzeigen aus und schreibt seine Handynummer auf die Rückseite. An einem Abend im November, dem Tag vor seinem Geburtstag, ist er wieder in der Disco. Diesmal ist sie auch da. Nach Mitternacht spricht er sie an, und diesmal bleibt sie. Sie lässt sich einen Drink ausgeben, nachdem er mit seinem Personalausweis bewiesen hat, dass er wirklich Geburtstag hat.

In diesem ersten Gespräch erfährt er ihren Vornamen, Olga, dass sie aus Rinteln kommt und als Altenpflegerin arbeitet. Wieder zu Hause in Kleinenbremen, zurück im Alltag, wartet er auf eine Nachricht von ihr. Was er nicht weiß: Es gibt einen Nebenbuhler, einen Ex-Freund, „der dachte, wenn er sie nicht haben kann, soll sie niemand haben“, erzählt Ulf.

Olga meldet sich nicht.

Fünf Tage später, nach der Frühschicht und dem Training, kauft Ulf einen Bund Rosen, besorgt sich einen Stadtplan und fährt die Altenheime in Rinteln und Bad Eilsen ab.

„Ich war bis abends unterwegs“, erzählt er. Er wurde von den Rezeptionen abgewiesen, Datenschutz, hat sich vorbeigeschlichen und Schwestern gefragt, ist teilweise minutenlang durch ein Heim geirrt. Niemand kannte sie. Das Problem: Olgas Arbeitsplatz ist bei einem ambulanten Pflegedienst, nicht in einem Heim.

„Ich hätte ganz Deutschland absuchen können!“ erzählt Ulf. Stattdessen geht er zur Rintelner Polizeistation, wo er auf Polizeikommissar Jan Wegener trifft. Ihm erzählt er seine Geschichte, beschreibt ihm Olga, lässt einen Brief an sie und die Rosen da.

Ihre Handynummer hat er von dem ersten Gespräch in der Disco, er schickt ihr eine Nachricht, dass bei der Polizei Blumen auf sie warten. Und endlich, endlich, kommt es zum ersten Treffen, am Abend des gleichen Tages.

Sie bittet ihn um Geduld, wegen ihres „Schattens“, wie Ulf ihren Ex-Freund nennt, er akzeptiert das. „Ich hatte Zeit“, sagt Ulf, „also habe ich gewartet.“ Um dennoch in Kontakt mit ihr zu bleiben, schreibt er Gedichte, etwa alle zwei Wochen eins, und lässt sie ins Russische übersetzen, ihre Muttersprache, die ihr Ex-Freund nicht versteht. Der einzige Hinweis auf ihn ist ein „Y“ für den Anfangsbuchstaben seines Vornamens in kyrillischer Schrift.

„Ich war absolut überrascht“, erzählt Olga. „So etwas hat noch nie jemand für mich gemacht.“

Es hat dann doch länger gedauert als die drei Monate, ein halbes Jahr fast, bis sie Vertrauen fasste, es zu regelmäßigen Treffen kam und aus den beiden ein Paar wurde.

Bei beiden sei es nicht Liebe auf den ersten Blick gewesen, Verliebtheit ja, „aber die Liebe kam später“.

Später, nachdem sie zusammengezogen sind, in das Haus seines Vaters in Kleinenbremen, und als er ihre Eltern kennenlernt, stellen sie fest, dass ihr Vater in einem der Altenheime, in dem Ulf nach Olga gefragt hatte, angestellt ist. Und dass sie in der Straße, in der er in Kleinenbremen wohnt, sogar Patienten hatte, die sie regelmäßig besuchte.

„Aber gesehen“, erzählt Olga, „gesehen haben wir uns nie.“

„Manchmal ist die Welt wirklich zu groß“, sagt Ulf. „Aber bei uns hat es ja zum Glück geklappt.“

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 09.10.2009. Den Artikel gibt es hier.

„Ich stelle doch nicht mein halbes Leben online“

Rinteln (mld). Dass Daten im Internet nicht unbedingt sicher aufgehoben sind, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Regelmäßig gibt es Nachrichten von Übergriffen von Hackern, gefälschten Internetseiten oder falschen EMails von Banken, die nach Kontodetails fragen. Und mit jedem neuen Datenklau werden die Warnungen der Experten lauter, niemals persönliche Daten im Internet leicht zugänglich zu machen oder einfach so herauszugeben.

Der neueste Datenklau ist da ein wenig anderer Natur: Er betrifft erstmals ein deutsches
soziales Netzwerk, das sich nur an Schüler richtet: „SchülerVZ“ ist eine Internetplattform,
auf der sich Nutzer anmelden und eigene Profilseiten mit privaten Informationen und Fotos erstellen können. Nutzer können so auch virtuell Freundschaften schließen und Gruppen beitreten.

Vorsicht in sozialen Netzwerken - Daten werden schnell geklaut. Foto: M.Denecke

Vorsicht in sozialen Netzwerken – Daten werden schnell geklaut. Foto: M.Denecke

Die Daten von etwa einer Million Nutzern sind jetzt von den Profilen auf SchülerVZ nach Angaben des Betreibers VZ-Netzwerke, zu denen auch die Schwesternetzwerke „StudiVZ“ und „meinVZ“ gehören, geklaut worden. Um einen Diebstahl im eigentlichen Sinne handelt es sich dabei jedoch nicht: Mit einem Datensammelprogramm (einem „Crawler“) sind Daten allgemein zugänglicher Profile abgegriffen worden. Hier handelt es sich um keine
PIN-Nummern oder Kontodetails – vielmehr um Fotos, Namen, Adressen, Alter und Geschlecht der Nutzer sowie die Schulen, die sie besuchen.

VZ Netzwerke und die Polizei mutmaßen, dass es sich um zwei Täter handelte – ein 20-Jähriger ist bereits festgenommen worden. Mit den Daten sollte eine große Geldsumme von den VZ Netzwerken erpresst werden. Wie sicher sind die Profile
also? Und was denken die Nutzer des SchülerVZ über den Vorfall? Die vier Schüler,
die momentan ihr Praktikum in der Redaktion unserer Zeitung absolvieren, besuchen allesamt die zehnte Klasse und besitzen ein Profil bei SchülerVZ. Ihre einhellige Meinung:
Wer freiwillig zu viele Informationen über sich im Internet preisgibt, ist selber Schuld.

„Ich habe keine Lust, mein halbes Leben auf diese Seite zu schreiben“, sagt zum Beispiel
Lu Yu Zou, 17. Sie hat weder ihren richtigen Namen noch ihre richtige Schule in ihrem Profil angegeben – leicht gefunden werden kann sie damit nicht.

„Immer wieder melden sich Leute bei mir und wollen mit mir befreundet sein, obwohl ich die überhaupt nicht kenne“, zeigt auch die 15-jährige Maren Wiebusch Skepsis vor zu vielen persönlichen Daten im Internet. Genau wie Lu hat sie ihren Namen in ihrem Profil verfremdet, hat weder ihre Adresse noch Kontaktdetails angegeben. Ihre Profilseite
können nur Nutzer einsehen, die mit ihr „befreundet“ sind.

Im Gegensatz zu Lu, die kaum Bilder von sich auf ihrer Profilseite hat, erstellt Maren gern Fotoalben – „aber die können nur meine Freunde sehen“. Auf den Fotos anderer können
einzelne Personen auch „verlinkt“ werden, was in dem Profil der verlinkten Person angezeigt wird. Die vier Schüler lassen sich von SchülerVZ allerdings vorher fragen, ob
sie auf ein bestimmtes Foto wirklich verlinkt werden wollen. „Meistens klicke ich eh Nein an“, sagt Lu.

Wozu also soziale Netzwerke noch nutzen, wenn man kaum etwas über sich preisgibt
und es offensichtliche Risiken birgt? „Ich benutze SchülerVZ gern, um meinen Freunden Nachrichten zu schreiben“, sagt Lea Ernst, 15. Oft bekomme sie Einladungen, zum Beispiel zu Geburtstagen, nur noch über diese Plattform. „Ich kenne Leute, die sich
dort abgemeldet haben, weil es sie genervt hat“, sagt Hendrik Schmidt, ebenfalls 15.
„Aber die haben sich schnell wieder angemeldet, weil sie sich so uninformiert vorgekommen sind. Mittlerweile nutzen SchülerVZ eigentlich alle an meiner Schule.“

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 23.10.2009.

Willkommen im Schaumburg der Superlative

Von Marie Denecke

Schaumburg gibt es zweimal auf der Welt: in Niedersachsen und im US-Staat Illinois. Seit gut drei Jahrzehnten ist der Austausch zwischen den Kommunen rege und kreativ – und die Zeit als Schaumburger in Schaumburg, USA, eine Erfahrung, die einen so bald nicht mehr loslässt. Ein Erfahrungsbericht.

Ist man als deutscher Schaumburger zu Gast bei Einwohnern der Stadt Schaumburg im US-Bundesstaat Illinois, dauert es nicht lang, bis die Fragen kommen: Wart ihr schon einmal in den USA? Welchen Ruf haben Amerikaner in Deutschland? Sprechen alle Deutschen so gut Englisch? Was haltet ihr von unserem Präsidenten?

Hoch und höher: Gilt für Schaumburgs Feuerwehrautos wie für die Stadt selbst. Fotos: M.Denecke

Hoch und höher: Das gilt für Schaumburgs Feuerwehrautos genauso wie für die US-Stadt selbst. Fotos: M.Denecke

Und ab und zu muss man auch unwillkürlich lächeln; da wird schon mal gefragt, ob in Deutschland auf der linken Straßenseite gefahren wird. Man wird den Eindruck nicht los, dass Deutschland für vermeintlich weitverbreitete Merkmale wie Kopfsteinpflaster und Lederhosen genauso gemocht wird wie für seine Autos und seine Ingenieurskunst. Dass das Deutschlandbild vieler Amerikaner eher einem Märchenbuch denn der Realität gleicht, sollte allerdings schnell zu verzeihen sein: Schließlich ist man vom deutschen Schaumburg aus in rund sieben Autostunden in Paris, während man vom amerikanischen Schaumburg aus nach rund sieben Stunden gerade mal in Nashville, Tennesse, ist. Die Dimensionen sind da also ganz, ganz andere als bei „uns“.

Doch trotz oder vielleicht gerade, weil manche Amerikaner ihren Kontinent oder gar ihr Land noch nie in ihrem Leben verlassen haben, bringen sie den deutschen Besuchern eine Gastfreundschaft entgegen, wie man sie hier wohl lange suchen müsste: Natürlich kannst du mein Auto benutzen, hier ist der Schlüssel zu meinem Haus, der Kühlschrank ist voll, bedien dich. Ist man gemeinsam essen oder einkaufen, muss man regelrecht eine Debatte lostreten, um auch mal selbst etwas zahlen zu dürfen.

150 Jahre alt – für Amerika biblisch, für Deutschland neuere Geschichte

Rund 150 Jahre ist die Geschichte der Stadt Schaumburg alt, für US-Standard biblisch, für Deutsche eher neuere Geschichte. Als im Jahr 1840 die ersten deutschen Aussiedler in die gerade frisch zur Besiedlung freigegebene Gegend kamen, hieß die Stadt noch „Sarah’s Grove“. Die Überlieferung will es, dass 1851, während einer Einwohnerversammlung, über einen neuen Stadtnamen gestritten wurde – bis ein Friedrich Nerge, ursprünglich aus Reinsdorf bei Apelern, mit der Faust auf den Tisch schlug und rief: „Schaumburg schall et heiten!“

Seitdem hat sich freilich eine Menge getan in der 75 000 Einwohner zählenden Stadt, die rund eine Autostunde von der drittgrößten Stadt der USA, Chicago, entfernt liegt.

Schaumburg liegt bei Chicago. Und mitten in Chicago liegt das bekannte Kunstwerk "The Bean".

Schaumburg liegt bei Chicago. Und mitten in Chicago liegt das bekannte Kunstwerk „The Bean“.

Wer verstehen will, wie dieses Schaumburg funktioniert, der sollte die Stadtbücherei aufsuchen. Nicht nur, um sich ein Buch über die Geschichte der Stadt auszuleihen, sondern, um den Bestand an Büchern, Hörbüchern, DVDs, CDs, Schallplatten und digitalen Dateien, der insgesamt über zehn Million Euro wert ist, zu bestaunen.

Auch wenn die amerikanische Wirtschaft immer noch am Boden liegt, sich die Immobilienpreise im Keller befinden, während sich Arbeitslosenzahlen und Benzinpreise auf nie gekannten Höchstniveaus befinden, geht es Schaumburg noch vergleichsweise gut. Die Zentrale des Elektronikkonzerns Motorola sitzt dort, mit der „Woodfield Mall“ ist dort die fünftgrößte Einkaufsstraße des Landes angesiedelt, in der derzeit 285 Geschäfte zu finden sind – in direkter Nachbarschaft zu mehreren Outlets und Einkaufszentren. Weiterer großer Anziehungspunkt ist das Einrichtungshaus IKEA, das hier vor rund zehn Jahren eine der ersten Filialen der USA eröffnete.

Dieses in Schaumburg angesiedelte Gewerbe bekommt der Gemeinde gut, denn rund 80 Prozent der Grundsteuer, egal ob von Motorola oder von einer fünfköpfigen Familie gezahlt, gehen in Schaumburgs Bildungseinrichtungen.

Und so ist die dreistöckige Stadtbücherei eines von vielen Vorzeigestücken der Stadt mit einem zur Verfügung stehenden Budget von 15 Millionen US-Dollar (etwa 10,5 Millionen Euro) pro Jahr. Es ist die zweitgrößte Bibliothek in Illinois, hat eine Million Besucher pro Jahr, 300 Angestellte, es gibt große Sektionen für die sechs in Schaumburg meistgesprochenen Sprachen neben Englisch, nämlich Spanisch, Polnisch, Hindi, Urdu, Japanisch und Chinesisch. Allein die Jugendabteilung umfasst 600 000 Bücher, es gibt eine Abteilung für körperlich behinderte Menschen mit speziellen Computern, ein Kindertheater, einen Werkraum, sein Bewerbungstraining kann man genauso absolvieren wie einen Sudoku-Kurs.

Beliebte Ratgeber: Wie schafft mein Kind die Schule?

In der Kinderabteilung werden allerdings auch gern Ratgeber ausgeliehen, die verraten, wie das eigene Kind in Schultests besonders gut abschneidet, damit es später den Sprung auf eine gute Schule schafft. Die Zahl der Kinder, die eigens auf diesen Zweck zugeschnittene Förderprogramme besuchen, liegt auch im recht wohlhabenden Schaumburg im hohen fünfstelligen Bereich.

„Das ändert sich derzeit mit der Obama-Regierung“, sagt Bibliotheksleiterin Stephanie Sarnoff. Der US-Präsident habe den starken Konkurrenzdruck aus dem amerikanischen Schulsystem genommen.

Auch die insgesamt 27 Schulen und die Universität des Bezirks profitieren von der Grundsteuer-Praxis und den Verkaufssteuern der Einzelhändler, 285 Millionen US-Dollar (rund 199 Millionen Euro) stehen dem Bezirk somit jährlich zur Verfügung.

So wird an der Blackwell-Grundschule zum Beispiel parallel in Englisch und Gebärdensprache unterrichtet: Obwohl nur zwölf der insgesamt 300 Schüler hier hörgeschädigt oder taub sind, sollen die Kinder integriert aufwachsen. Ebenso gibt es zahlreiche Grundschulen, an denen zweisprachig auf Englisch und Spanisch oder auch mal auf Japanisch unterrichtet wird.

Mythos Schaumburg

Seinen Stolz auf Schaumburg kann auch der (schwedischstämmige) Al Larson, seit 1987 Bürgermeister von Schaumburg und mit seinen 72 Jahren gerade zu weiteren vier Jahren im Amt vereidigt, nicht verbergen: Von einer „Schaumburg myth“, einem Schaumburger Mythos, der durch die USA gehe, spricht er. Dieser „Mythos“ hat seinen Ursprung vor allem in einer Tatsache: Die Einkaufsmöglichkeiten in Schaumburg sind beinahe unendlich.

Genauso wie das nahe Chicago ist auch Schaumburg ein Produkt sorgfältiger Stadtplanung: In den 60er Jahren griff der Stadtentwicklungsplan des damaligen Bürgermeisters, um aus dem eher ländlichen Schaumburg eine attraktive Stadt zu machen. Der Plan wurde mit der Eröffnung der „Woodfield Mall“ im Jahr 1971 beendet, Einzelhandel, Industrie und Wohnungsbau entwickelten sich überdurchschnittlich, ganze Stadtteile wurden von Grund auf renoviert, Ghettos wurden zu Parkanlagen umgestaltet.

In den 90er Jahren kamen neben mehr Gewerbe auch Restaurantketten und eine Schnellverbindung zum internationalen Flughafen O’Hare dazu, 2000 erfolgte die letzte große Baumaßnahme mit einem 30 000 Quadratmeter großen Messezentrum, gleichzeitig Designer-Hotel mit 500 Räumen.

Glaubt man Bürgermeister Larson, ist Schaumburgs Entwicklung noch nicht beendet: Folgen sollen noch ein Kulturzentrum sowie schnellere Verkehrsanbindungen nach Chicago. Gerade hat Schaumburg sein Baseballteam aufgelöst, es soll neu besetzt werden und besser spielen.

Kulturschock: Unvermeidbar

Keine Frage, die Dimensionen in den USA sind im Vergleich zu Deutschland ganz andere. Um diese Unterschiede aber nicht zu Grenzen werden zu lassen, sondern um „Brücken zu bauen“, wie sie es im eigenen Motto benennt, kümmert sich seit 1983 auf deutscher Seite die Schaumburger Deutsch-Amerikanische Gesellschaft (SDAG). Mal besuchen jugendliche Sportmannschaften oder Bands einander, mal einheitliche oder gemischte Berufsgruppen aus Polizisten, Feuerwehrleute oder Krankenpfleger.

Eine Art Kulturschock lässt sich wohl kaum vermeiden: Die USA sind ein Land, in dem Rassismus noch immer ein großes Thema ist und der Bürgerkrieg regelmäßig nachgespielt wird; in dem „gleich um die Ecke“ heißt, dass man eine Viertelstunde mit dem Auto braucht; in dem man sich in jedem Supermarkt leicht verlaufen kann; in dem viele Menschen nicht mehr wissen, wie eine lebendige Kuh aussieht.

Gleichzeitig ist der Aufenthalt in einer Gastfamilie, die sich ein Bein ausreißt, um dem deutschen Besuch die besten Seiten der eigenen Stadt und des eigenen Landes zu zeigen, eine Erfahrung, die einen nicht mehr loslässt. Und wenn es zurück ins eigene Land gehen soll, sind bislang bei jedem Abschied Tränen geflossen.

Informationen: Mehr Informationen über die SDAG gibt es unter http://www.sdag-shg.de.

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 21.05.2011. Den Artikel gibt es hier.

„Freizeit ist für mich ein theoretischer Begriff“

Rinteln. Zwar kommt er aus Rinteln, doch schon mit 20 Jahren wanderte er in die USA aus und wusste, was er wollte: Grafikdesigner werden. Mit Stefan Bucher, der heute in Los Angeles lebt und arbeitet, sprach Redakteurin Marie Denecke.

Sie haben schon während der Schulzeit an zahlreichen Projekten gearbeitet – wie konnten Sie da trotzdem der Beste des Abi-Jahrgangs 1993 sein?
Ich bin halt ein ehrgeiziger Mensch und kann mich kaum eines Wettbewerbs entziehen. Und ich hatte zur Schulzeit ein falsches Verständnis der Welt. Ich dachte, dass das Leben wie die Bundesliga funktioniert: Um in die erste Liga zu kommen, muss man die Spitze der zweiten erreichen. Es ist mir damals nicht in den Sinn gekommen, dass ich auch anders hierher hätte kommen können. Aber ich glaube schon, dass mir die Erfahrung immer noch hilft, dass sich hohe Ziele mit ausreichender Anstrengung tatsächlich erreichen lassen.

Die ersten Zeichnungen, die Sie veröffentlicht haben, erschienen im „Der Donaldist“. Sind Sie so ein Comicliebhaber? Und wie kamen Sie als damals Zwölfjähriger dazu?
Ursprünglich bin ich als Autogrammjäger an die Donaldisten gekommen. Ich war auf der Suche nach einem Autogramm vom damals schon verstorbenen Walt Disney und dachte mir, dass D.O.N.A.L.D.-Gründer Hans von Storch vielleicht Kontakt mit der Disney-Familie hätte. Dem war zwar nicht so, aber dafür hat sich mir eine ganze Welt interessanter Menschen aufgetan.

Wie haben Sie es geschafft, den Donaldisten-Kongress im Jahr 1989 in eine Kleinstadt wie Rinteln zu holen?
Das war der Ruf der Berge. Der Kongressgipfel schien unwahrscheinlich hoch, aber doch erklimmbar. Tatsächlich passiert ist es dann durch endloses Drängeln, Flirten und Rühren der Rintelner Werbetrommel. Glücklicherweise hatte ich auch die tatkräftige Unterstützung meiner Eltern und das wohlwollend zugedrückte Auge von Schulleiter Wolfgang Foerstner, der uns das Gymnasium Ernestinum zur Verfügung gestellt hat.

Wann sind Sie zum ersten Mal nach Los Angeles gekommen und was gefiel Ihnen so sehr an dieser Stadt, dass Sie dorthin ziehen wollten?
Nachdem ich die Sommerferien für ein paar Jahre in London verbracht hatte, hat mein Vater nur so im Vorbeigehen gesagt, dass ich beim gängigen Wechselkurs fürs gleiche Geld auch in die USA reisen könnte. Ich hatte mir mit meinen Illustrationen zu dem Zeitpunkt etwas Geld angespart und bin damit 1991 und 1992 jeweils für fünf Wochen in die Staaten gereist. Als ich mich von Los Angeles bis New York durchgearbeitet hatte, kreisten meine Gedanken nur noch um LA. Die Romantik, die Weite, das Licht. Beim zweiten Besuch war mir dann ganz klar, dass ich einen Weg finden musste, hier zu leben. Während dieser Ferien habe ich über ein paar Umwege das Art Center College of Design in Pasadena gefunden. Dort bin ich neun Monate nach dem Abi zum Studium angetreten.

Welche Unterschiede zum Leben in Deutschland fallen Ihnen in LA täglich auf?
Ein gängiges Vorurteil gegen die Vereinigten Staaten (und speziell Kalifornien) ist, dass die Leute hier falsch und aufgesetzt freundlich sind. Aber so sind wir hier tatsächlich. Es liegt an der Sonne, denke ich. Unter dichter Wolkendecke und langem Winterdunkel ist es schwer, sich ein sonniges Gemüt zu bewahren.
Es fällt mir inzwischen schwer, Vergleiche zu ziehen. Ich bin mit 20 Jahren umgezogen und bin jetzt 37. Vieles, was mir früher anders vorkam, hat sich zwischenzeitlich in Deutschland längst geändert. Was hier nach wie vor anders ist, ist die Weite der Landschaft und das Gefühl der Grenzenlosigkeit. Und vielleicht, dass man sich hier als Arbeitstier nicht komisch vorkommt. Freizeit ist für mich eher theoretisch.

Haben Sie noch Kontakt nach Rinteln?

Na klar. Meine Eltern sind in Rinteln, und ich habe noch zu einigen meiner Lehrer Kontakt.

Wusste Ihre Familie, was Sie werden wollten, und hat sie Sie unterstützt? Und sind Sie das einzige Mitglied Ihrer Familie mit einem „kreativen“ Beruf oder haben Sie die kreative Ader geerbt?
Meine Eltern haben mich in meiner Arbeit von Anfang an voll bestärkt. Da hat nie jemand gesagt, dass ich eine „vernünftige“ Ausbildung brauche. Dass ich mache, was ich mache, war von Anfang an kein Thema. Ich weiß aber von anderen kreativen Menschen, dass das nicht selbstverständlich ist. Wenn meine Eltern sich da quergestellt hätten, wäre ich sicher trotzdem in die Kunst gegangen, aber so hat es natürlich viel mehr Spaß gemacht.
Die kreative Ader. Meine Mutter war zur Zeit ihrer Ausbildung eine der jüngsten Frauen in Niedersachsen, die die Meisterprüfung zum Friseurhandwerk bestanden haben. Was ja letztendlich nichts anderes als lebendige Bildhauerei ist.
Mein Vater ist den Zahlen gewidmet, ist aber Kunstliebhaber und hat für lange Jahre ehrenamtlich beim Wilhelm-Busch-Museum in Hannover mitgeholfen. Durch das Museum hatte ich Zugang zu einer Schatztruhe von Originalzeichnungen und war regelmäßig mit Künstlern in Kontakt. Dadurch habe ich mich in die Illustration verliebt.

Sie sind Grafikdesigner, Kolumnist, Buchautor – haben Sie eigentlich noch Zeit, um das Leben in LA zu genießen?
In Los Angeles Grafikdesigner, Kolumnist und Buchautor zu sein ist für mich ein Hochgenuss. Durch meine Arbeit kann ich an all den Sachen teilhaben, die mir Spaß machen – Konzerte, Galerien, Filmaufnahmen, faszinierende Leute treffen, nach interessanten Materialien jagen… Und alles unter Palmen. Was will der Mensch mehr?

Was ist für Sie die wichtigste Eigenschaft eines Grafikdesigners?
Die wichtigste Eigenschaft eines Grafikdesigners ist eine Kombination von Offenheit, Ambition und Geduld fürs Fummelige. Was natürlich meine Selbst-Definition ist. Vielleicht ist die wichtigere Eigenschaft, in verwirrenden Problemen elegante Lösungen zu erkennen.

Woher bekommen Sie Ihre Inspiration für Ihre Arbeit? Und wo kommen Ihnen die besten Ideen?
Die Inspiration kommt von überall und zu allen Tages- und Nachtzeiten. Ob ich will oder nicht. Das Problem ist eher, der Flut Herr zu werden und mich nicht komplett zu verfranzen.

Was ist Ihr liebstes Projekt, an dem Sie gearbeitet haben oder noch immer arbeiten?
Inzwischen finden mich nur noch Kunden mit Aufträgen, die mir liegen, sodass ich viele Favoriten habe. Mein liebstes Projekt sind aber natürlich die Daily Monster, die mich seit 2006 begleiten. Sie wachsen mit jedem Jahr und werden mich hoffentlich noch für viele Jahre beschäftigen.

In einer Biografie auf Ihrer Homepage beschreiben Sie sich (oder werden beschrieben) als „man possessed“. Sind Sie besessen? Wovon?
Ich bin von Ideen besessen. Wenn mir was in den Kopf kommt, dann muss ich es irgendwie verwirklichen. Im Urzustand sind unsere Ideen nur uns selbst wirklich verständlich. Nur wir können sie für den Rest der Welt übersetzen, sodass sie unabhängig überleben können. Darum arbeite ich jede Nacht und mache keine Ferien. Meine Ideen geben mir Sinn und Zweck, und ich bin den Ideen im Gegenzug glücklich verpflichtet.

Internet: Stefan Buchers Arbeiten sind zu finden unter http://www.dailymonster.com oder bei seiner Werbeagentur unter http://www.344design.com.

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 11.06.2011. Den Artikel gibt es hier.