Liebe tote Zimmerpflanze… Oder: Das ganze Leben einer Zypresse

Liebe tote Zimmerpflanze,

es ist bestimmt merkwürdig, dass ich dir jetzt einen Brief schreibe. Nicht nur, weil du eine Pflanze bist. Sondern auch, weil du ganz offensichtlich nicht mehr unter uns weilst.

Zu meiner Verteidigung: Meine mangelnde Liebe kann nicht der Grund für dein Dahinscheiden gewesen sein. Dreieinhalb Jahre lang warst du bei mir. So lange habe ich dich gegossen, umgetopft, gedüngt, ja sogar gestreichelt (nicht lachen!). Jetzt war ich überrascht, dich plötzlich so zu finden: braun, hängende Äste, komplett ausgetrocknet.

Aber vielleicht ist das ganz passend. Auch wenn es mir um dich leid tut.

Was wäre aus dir geworden?

Zimmerzypresse

Ich hatte mich in letzter Zeit sowieso gefragt, was aus dir werden sollte. Denn ich ziehe weg. Hätte ich dich mitgenommen? Kann man eine halbmeterhohe Zimmerpflanze gut transportieren, zwischen Bücherkisten und Regalen?

Oder hätte ich dich hier auf diesem Dortmunder Balkon gelassen? In bester Gesellschaft wärst du gewesen: zwischen duftendem Lavendel, Minze, Oregano und violett blühender Clematis.

Jetzt hast du mir die Entscheidung abgenommen. Traurig bin ich aber.

Nicht, dass du schön gewesen wärst. Du warst eine Zimmerzypresse (Cypressus macrocarpa, Sorte „Goldcrest“). Giftgrün. Ein bisschen stachelig. Leicht zitroniger Duft. Als „schön“ giltst du in der Pflanzenwelt wahrscheinlich nicht. Du bist pragmatisch.

Turbulente Zeiten

In den dreieinhalb Jahren aber, in denen du bei mir warst, hast du viel erlebt. Haben wir viel erlebt. Zeit ist ein seltsames, seltsames Ding, liebe Zimmerzypresse.

Der Mensch, der dich ausgesucht hat, ist nicht mehr in meinem Leben. Damals liefen wir zusammen durch den Supermarkt (die Gemüseabteilung), er sah dich und deine Kumpels und fand, dass meine Wohnung Grün vertragen könnte. Also nahmen wir dich mit. Dieser Jemand hatte mir ein halbes Jahr vorher einen Heiratsantrag gemacht. Wenige Monate nach unserem Supermarkt-Besuch trennten wir uns. Das lag nicht am Supermarkt und erst recht nicht an dir, liebe Zimmerzypresse.

Turbulent war die Zeit, seitdem du deinen Platz in meiner Küche bezogen hattest. Drei Jahre danach heiratete mein Bruder. Und wurde Vater. Jetzt bin ich Tante eines halbjährigen Jungen. Meine enge Freundin wurde Mutter. Und heiratete ebenfalls. Beide Familien bauen jetzt Häuser.

Leben, neu gedacht

Mein anderer Bruder begann einen neuen Lebensabschnitt. Und beginnt nun wieder einen: Er und seine Freundin wollen auswandern. Meine andere enge Freundin wanderte vor über zwei Jahren aus und weiß nicht, ob sie zurück nach Deutschland kommen will. Eine dritte enge Freundin verliebte sich, zog mit ihrem Freund zusammen, wurde schwanger, heiratet bald. Das alles innerhalb von eineinhalb Jahren.

Die Zeit ist ein seltsames, seltsames Ding, liebe Zimmerzypresse.

Auch mein Leben änderte sich.

Zwei Jahre, nachdem du zu mir kamst, brachte ich mein Studium zu Ende. Es hatte mich bloß neun Jahre gebraucht… Zweieinhalb Jahre später begann ich, meinen Master zu machen.

Ich lernte Menschen kennen, die ich mir aus meinem Leben nicht mehr wegdenken kann. Ich verliebte mich, heulte. Meine Familie wurde getroffen von schweren Krankheiten, und ich heulte richtig. Ich begann einen neuen Job. Ich wurde 30 (und heulte nicht).

Ich zog um. Du kamst mit. Bezogst deinen Platz auf dem Balkon. Im Nachhinein eine blöde Entscheidung: Der Sonnenplatz zwischen Erdbeeren und Radieschen war wohl nicht deins. Ein knallheißes Wochenende, an dem niemand zu Hause war, und du wurdest braun und dörr.

Diesmal: ohne dich

Jetzt ziehe ich bald wieder um. Ich beginne einen neuen Job. Diesmal: ohne dich.

Zeit ist ein seltsames, seltsames Ding.

Tschüss, liebe Zimmerzypresse. Es waren gute Zeiten.

Was wir brauchen

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Die letzten Tage waren grau. Wolkenverhangen und regnerisch. Steter Nieselregen auf die Kapuzen und Gesichter der Menschen.

In den letzten Tagen fand ich mich selbst unausstehlich. Ich war schlecht drauf, dünnhäutig, überempfindlich, erschöpft, gereizt, ungewöhnlich unzuverlässig. Ich war froh, wenn ein Tag vorbei war. Und doch bringt jeder Morgen natürlich einen neuen Tag. Ich wurde müder und müder.

„Wie Butter auf zu viel Brot verstrichen“, sagt Bilbo zu seinem Neffen Frodo in Tolkiens „Der Herr der Ringe“.

Gleichzeitig hat man das Gefühl, sich anzustellen. Undankbar zu sein. Die meisten Menschen haben schwierigere Leben, härtere Jobs, Kinder kommen dazu, anstrengende Familien vielleicht, schlechtere Bezahlung, allgemein ungünstigere Umstände. Darf man sich da eigentlich beschweren?

Man „darf“, wenn man nicht auf sich aufpasst.

Ich ging heute durch die Stadt. Wieder war es grau. Immerhin regnete es nicht. Nichts an diesem Tag war besonders. Ich war übermüdet und fror.

Doch ich hörte Musik. Und plötzlich, einfach so, änderte sich meine Laune.

Was war passiert?

Ich hatte mir selbst gegeben, was ich brauchte: Die Musik meiner Lieblingsband. Ein Sonntagnachmittag mit einem kleinen Spaziergang und viel Zeit auf dem Sofa. Ruhe. (Das Smartphone liegt jetzt noch irgendwo weit weg in der Ecke.) Gutes Essen. Zeit für mich.

In den ganzen letzten Tagen, Wochen, hatte ich mir das verwehrt. Weil ich dachte: Das darfst du nicht! Es ist so viel zu tun! Du musst leisten, machen, erledigen, anrufen, anfangen, abschließen, abstreichen…

Ja, muss man. Man muss mal funktionieren. Meistens sogar. Für sich selbst. Für andere. Für den Job. Den Lebensunterhalt. Höhere Ziele. „Lebe, als wäre es der letzte Tag deines Lebens“, carpe diem und all das, das funktioniert nicht immer so, wie wir wollen.

Aber niemandem ist damit geholfen, wenn wir uns selbst vergessen. Ignorieren, was wir selbst brauchen. Wir werden klein und grau und müde und gereizt. Das hilft nicht unseren Freunden, nicht unseren Familien. Und am allerwenigsten uns selbst.

Umso erstaunlicher ist es doch, dass wir am ehesten bei uns sparen. Uns die Auszeit nicht gönnen, die wir brauchen. Uns immer wieder antreiben.

Ich muss nicht ein Jahr lang um die Welt reisen, um ab und zu mal an mich selbst zu denken. Ein schöner Tag, ja Nachmittag, ist schon ein guter Anfang. Aber wir sollten es öfters tun.

Sich mit sich selbst vergleichen

Fastenzeit und Körperbild, Teil 4

Natürlich ist es bescheuert, sich zu vergleichen.

Wer hat denn etwas davon?

Wir sehen das Äußere, die Form. Wir sehen die Form, von der wir denken, dass sie der Inhalt ist.

Hübsches Gesicht: ein Mensch, der begehrt wird.

Viele Reisefotos: ein Mensch, der seine Träume lebt.

Schlanker Körper: ein Mensch, der alles unter Kontrolle hat.

Tolles Haus (geiler Job, viele Freunde…): ein Mensch, der das erreicht hat, wo wir hin wollen.

Wie es in den Menschen aussieht, wissen wir nicht. Und doch denken wir darüber nicht nach. Zumindest nicht im ersten Moment. Wie diese Menschen dorthin gekommen sind, wo sie gerade sind. Wo sie sich überhaupt gerade befinden. Und vor allem: Ob sie glücklich sind mit dem, was sie haben. Denn Schönheit oder Besitz oder eine beeindruckende Facebook-Foto-Galerie sagen nichts darüber aus, was in diesen Menschen vorgeht.

Natürlich nicht. Aber dennoch sieht man auf das Äußere zuerst.

Es gibt einen psychologischen Trick: Sich nicht mit anderen zu vergleichen. Sondern nur mit sich selbst.

Wo war ich vor fünf Jahren? Vor zehn Jahren? Wie habe ich mich entwickelt? In welchen Bereichen habe ich mich entwickelt? Wie habe ich mich vor zehn Jahren in meinem jetzigen Alter vorgestellt? Bin ich zufrieden mit dem, was ich jetzt mit mir vorfinde?

Und wenn ich mich schon mit mir selbst vergleiche… Ist es schlimm, wenn ich nicht mit allen meinen Entwicklungen glücklich bin? In den meisten Bereichen habe ich viel gelernt, bin weitergekommen, habe mich entwickelt.

Wenn das in ein paar Bereichen nicht so ist, kann ich darüber hinweg sehen? Man muss doch auch Raum lassen, um wachsen zu können? Um sich entwickeln zu dürfen? Man lernt doch schließlich ein Leben lang. Man entwickelt sich ein Leben lang.

Warum ist es nur so verdammt schwer, das zu lernen?

Blick in den Spiegel

Fastenzeit und Körperbild, Teil 2

Jeden Morgen. Jeden Abend. Bei jedem Händewaschen. Beim Vorbeigehen, in den Schaufenstern. Heimlich natürlich, flüchtig.

Wir kontrollieren uns, ständig.

Im Spiegel. In Scheiben. Jeder reflektierenden Fläche.

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Kontrollieren, das klingt so negativ. Dabei ist jeder Blick in den Spiegel doch nichts anderes als das. Wir sehen uns an, um zu prüfen, wie andere uns sehen. Und dabei sehen wir doch nur uns selbst an.

Was sagst du mir, Spiegelbild? Siehst du so aus wie das Bild, das ich in meinem Kopf habe?

Sehe ich müde aus? Zu müde? (Schlafe ich falsch? Zu spät, zu wenig, zu unrhythmisch?) Waren die Schatten unter meinen Augen gestern eigentlich auch schon so dunkel?

Also lächle ich die Müdigkeit weg. Das macht natürlich Falten. Werden die allmählich tiefer? (Sollte ich doch eine andere Creme benutzen? Was ist denn eigentlich die richtige? Und was die falsche? Böses Palmöl ist ja überall drin…) Und schon ist der Morgen, für eine Viertelsekunde, versaut.

Der Ganzkörper-Check: Sieht meine Figur heute anders aus als gestern? Zugenommen? Abgenommen? (Sollte ich meine Ernährung umstellen? Vielleicht vertrage ich irgendwas nicht? Den nachmittäglichen Kuchen muss ich mir mal langsam abgewöhnen… Oder gibt’s den auch mit Dinkelmehl? Ich müsste mal mehr Sport machen… Aber dann auch den richtigen. Mache ich den richtigen? Mache ich das Richtige?)

Passt mein Haarschnitt zu mir? Meine Klamotten zu mir? Zu anderen? Zu dem, wofür ich stehe?

Ein neuer Tag. Und schon tausend Urteile, gefällt zwischen Gähnen und Gesichtwaschen.

Mein Blick bleibt kritisch. Aber ich sage meinem Spiegelbild: Kopf hoch! Und hebe tatsächlich das Kinn. Mit einem Lächeln kann ich das Grundrauschen in meinem Kopf vielleicht übertönen. Falten hin oder her!

 

 

 

„Plus Size Models“ – ein Label wie jedes andere?

Fastenzeit und Körperbild, Teil 1

Zum Auftakt meiner Selbst-Beobachtung in der Fastenzeit – folgendes Zitat des Plus-Size-Models Ashley Graham:

I had to learn to reclaim my body as my own. (…) Curvy models are becoming more and more vocal about the isolating nature of the term „plus size“. We are calling ourselves what we wanna be called; women. With shapes that are our own. I believe beauty is beyond size. With so much emphasis on the body’s external, it’s no wonder we all suffer so much internally.

Das Zitat stammt aus diesem TEDx-Talk des Models (9 Minuten).

Ashley Graham hat für Furore gesorgt, indem sie das Cover der Zeitschrift „Sports Illustrated“ ziert – als erstes sogenanntes „Plus Size Model“. Also ein Model, das nach den Maßstäben der Modeindustrie übergewichtig ist. Laut Ashley Graham beginnt Übergewicht in der Modeindustrie bei size 8, das entspricht einer deutschen Größe 38.

Plus Size – ein Label jedes andere? Aber ganz sicher. Da gibt es die „normalen“ Models – meist weißhäutig, sehr groß, abgemagert. Und sogar untergewichtig reicht nicht immer aus, wie beim schwedischen Model Agnes Hedengard. Und dann gibt es alles, was „Plus Size“ ist.

Umso schöner, dass Models sich dafür aussprechen, die Labels sein zu lassen. Size Zero oder Plus Size? Was soll’s! Je eher man das Labeln weglässt, umso schneller kann ein Umdenken stattfinden. Dass viele verschiedene unterschiedliche Körperformen nämlich ganz normal sind. Und dass die nichts mit dem Gewicht zu tun haben. Und dass Gewicht und Schönheit zwei Themen sind, die nicht voneinander abhängen.

Tja. Schön wär’s.

SEHENSWERT

Der Film „Straight/Curve“, der Ende 2016 herauskommen soll. Er beschäftigt sich mit dem „Trend Plus Size Model“ und dem Körperbild, das die Modeindustrie vermittelt.

Fastenzeit – oder: „Warum vergleichst du dich ständig?“

Schaufensterpuppen

Körperbilder – woher kommt ihr eigentlich? Foto: pr.

Neulich zu Hause:

„Hallo Papa!“

„Schön, dass du mal wieder zu Besuch kommst, Schatz.“

„Ich freu mich auch.“

„Gut siehst du aus! Hast du abgenommen?“

Eine kleine Frage, schon öfters gehört. Immer nervt sie mich, irgendwie. Vielleicht sollte sie mir eigentlich schmeicheln. Sicher ist sie sogar als Kompliment gemeint. Aber dieses Mal regt sich etwas in mir. Ein Widerstand, der vielleicht schon immer da war.

Es ist die Verbindung aus „gut aussehen“ und „abnehmen“, die mein Vater herstellt. Er macht es unbewusst. Aber genau hier liegt das Problem. Denn die Verbindung zwischen attraktiv sein und Gewicht verlieren ist unserer Kultur so verankert wie das deutsche Reinheitsgebot für Bier.

Gewicht und Körperbild, unerschüttlich in unser Gedächtnis gebrannt. In unser Unterbewusstsein. Wie oft vergleichen wir uns mit anderen. Passen unseren Körpern der Mode an – und nicht die Mode unseren Körpern. Denken uns, dass wir glücklicher wären – wenn wir nur ein paar Kilo weniger wiegen würden. Oder endlich mehr Sport machen würden. Essen Kuchen mit schlechtem Gewissen – nein, wir essen nicht, wir „sündigen“. Und entschuldigen uns dafür.

Die Fastenzeit hat begonnen.

40 Tage, von Aschermittwoch bis Ostern (die Sonntage zählen nicht). Viele Menschen „fasten“ während dieser Zeit etwas, das mit Nahrung zu tun hat – Süßigkeiten, Chips, Kaffee, Alkohol. Es ist zum Teil die Zeit des Verzichts. Des In-Sich-Kehrens. Des Auf-Sich-Achtens. Des Abnehmens, oftmals auch.

Vor allem: der Besinnung. Warum esse ich so viel Süßigkeiten? Rauche ich so viel? Wie oft trinke ich eigentlich Alkohol? Wie schwer fällt es mir, auf Torte oder Kaffee zu verzichten?

Was mir auffällt: Es geht in dieser Zeit oft um das „ohne“. Das Weglassen. Aber wichtiger ist doch das „mit“, das Achtsam-Sein?

Statt zu fasten und etwas wegzulassen, werde ich etwas hinzuzufügen: Aufmerksamkeit. Achtsamkeit.

Wie oft am Tag vergleiche ich mich mit anderen Menschen? Warum? In welchen Situationen? Ich bin eigentlich zufrieden mit meinem Körper – eigentlich. Wenn da diese meckernde Stimme in meinem Kopf nicht wäre… Woher kommt die? War sie schon immer da? Und was sagt sie mir genau?

Die Fastenzeit soll für mich eine Reise werden – eine Reise, die mir hilft, mein Körperbild zu verstehen.

Ein Brief an… Kindheit in Terror-Zeiten

Terror also.

Es ist das Wort, das uns gefühlt derzeit dominiert wie kein anderes.

Jeden Tag ist dieses Wort in den Nachrichten. Im Radio. In den News-Apps. In 140 Zeichen auf Twitter. In der Zeitung. In den Fernsehnachrichten.

Die Kinder, die jetzt hier groß werden, wachsen mit diesem Wort auf.

Und mit dem Wissen, dass „Terror“ auch sie betreffen kann. Kindern anderswo geht das natürlich schon lange so. Aber das war halt – anderswo. Jetzt ist er hier, der Terror.

„In was für eine Welt“, fragte mich eine Freundin neulich, „haben wir unsere Tochter nur hineingeboren?“ Ihre Tochter bekommt gerade ihre ersten Zähne.

Dieses kleine Mädchen wird in einer Welt aufwachsen, in der Worte wie „Terrorist“, „Anschlag“, „Opfer“, „Attentat“ oder „Krieg“ beinahe täglich in unseren Nachrichten auftauchen werden. Oder gar in unserem eigenen Land. Sogar in unserer Stadt?

Das hat mich ins Grübeln gebracht. Terror… Hatte das Wort für uns eine Bedeutung, als wir klein waren? Für uns, die in den 80ern geboren wurden?

Waren wir vielleicht die einzige Generation, die ohne dieses Wort aufwachsen konnte?

Ich versuche mich daran zu erinnern, wann ich das Wort zum ersten Mal gehört habe. War es am 11. September 2001, als die USA angegriffen wurde? Sicherlich schon vorher – über den Terror der RAF in Deutschland hat man ja schließlich schon was im Geschichtsunterricht gehört. Aber bei 9/11 hatte es so eine Wirkung, so eine Nähe, wie man sie vorher nicht kannte.

Auch wenn Amerika weit weg schien, fühlte es sich so erschreckend nah an. Wir waren schon im Urlaub in New York gewesen. Im Juli 2011 erst, ein paar Monate vor dem Anschlag. Wir waren im World Trade Center gewesen, hatten die Aussicht genossen. Wir haben Freunde in Amerika. Es ist ein tolles Urlaubsland.

Und dann dieser Anschlag. Er passierte vor unseren Augen. Live. Er versetzte uns alle in einen Schockzustand. Auch Tage, und Wochen später gab es kaum andere Gesprächsthemen. Unsere Lehrer, unsere Eltern, sie wollten mit uns darüber reden. Sie wussten aber nicht, wie.

Der Terror hatte einen Weg in unseren deutschen, kleinen, langweiligen Alltag gefunden. Das, da waren wir uns sicher, wird der Dritte Weltkrieg.

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„In was für eine Welt habe ich mein Kind geboren?“, fragt meine Freundin. Eine Welt, in der Terror auch „bei uns“ normal sein wird. Foto: pr.

Als 9/11 passierte, war ich 15 Jahre alt. Schon kein Kind mehr.

Also war es damals eine Kindheit ohne Terror? Kriege und Konflikte gab es genug, Ende der 80er und in den 90ern. Das Ende des Kalten Krieges, der Jugoslawien-Krieg, der erste Golfkrieg, der ewig schwelende Nahost-Konflikt, Bürgerkriege… Oh doch, Kriege gab es genug.

Aber sie schienen so weit weg. Abstrakt. Für uns nicht wirklich gefährlich.

Und jetzt?

Anschläge. Vor unserer Haustür. Terror. Via Nachrichten am Frühstückstisch. Wird das alles von jetzt an normal? So wie es in meiner Kindheit normal war, dass Kriege und Konflikte nur weit weg stattfanden?

„In was für eine Welt haben wir unsere Tochter hineingeboren?“

Über die Frage meiner Freundin habe ich in den letzten Tagen viel nachgedacht. Was soll man da bloß antworten? In eine Welt, in der Terror wohl auch für Europa normal sein wird.

„Was für eine Zeit, um ein Kind in die Welt zu setzen!“, seufzte neulich auch meine Mutter. Sie hat Angst vor der Zukunft. (Was sie aber nicht hinderte, drei Kinder in die Welt zu setzen, als der Kalte Krieg schwelte. Zum Glück nicht!) Sie wird bald Oma, ich Tante.

In was für einer Welt wird mein Neffe aufwachsen?

Wie soll man das bloß beantworten?

Versuchen wir es mal: Es werden harte Zeiten werden.

Also liebt eure Kinder. Erzieht sie zur Nächstenliebe. Zur Toleranz. Zur Gutherzigkeit. Zur Solidarität. Zu Neugierde. Zur Weltoffenheit.

Die Kinder, die jetzt geboren werden, werden eine andere Kindheit haben als wir in den 80ern. Ich werde nicht sagen: Es ist deren Verantwortung, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wer diese Verantwortung abgibt, macht es sich zu leicht. Wir, die Eltern, sind schließlich noch da. Wir sind Mitte 20, Mitte 30. Unsere Eltern sind auch noch da. Und es sind noch Menschen da, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben. Noch. Hören wir ihnen umso besser zu.

Wozu, fragt ihr? History repeats itself? Was können wir schon tun?

Die Geschichte muss sich nicht zwangsweise wiederholen. Vielleicht kann der Mensch doch, irgendwann, aus seinen Fehlern lernen.

Es muss die Verantwortung jeder einzelnen Generation sein, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und diesen Willen an die nächste Generation weiterzugeben.

Die Welt kann nur besser werden, irgendwann.

LESENSWERT
Der Artikel „Wir haben keine Angst“ von zeit.de darüber, wie es ist, als Generation Y mit Terror aufzuwachsen.

…then you’re alive

„If you’re reading this, if there’s air in your lungs, then you’re alive, today, tonight, right now.

And who can know how long we have here…

And is it a gift? Was it ever a gift?

(…)

Are there things to fight, to live for?

(…)

Will you move for things that matter?“

Aus: „If You Feel Too Much„, von Jamie Tworkowski, Gründer von To Write Love On Her Arms (einer gemeinnützigen Organisation, die auf die Situation depressiver, suizidgefährdeter, drogenabhängiger und selbstverletzender Menschen aufmerksam macht und sich zum Ziel gesetzt hat, diesen Menschen zu helfen).

If You Feel Too Much, von Jamie Tworkowski. Foto: pr.

If You Feel Too Much, von Jamie Tworkowski. Foto: pr.

Ein Brief an… Miley Cyrus

Liebe Miley,

du bist durchgeknallt. Das weiß allein jeder, der deinem Instagram-Account folgt. Darauf teilst du mit Millionen von Leuten, dass du riesige Joints rauchst, mit der Heißpistole alles zu „Schmuck“ verklebst, was nicht bei drei auf dem Baum ist, Altare für deine toten Hunde baust und gerne andere Mädels abschleckst. Und gerade erst hast du eine Ballade für deinen toten Kugelfisch veröffentlicht – gekleidet in einem Einhorn-Onesie. (Reinhören – erschütternd gut, gerade ab Minute 3!)

Aber weißt du was? Ich finde trotzdem, dass du ein großes Vorbild bist.

Du hast es rigoros geschafft, dir ein eigenes Image aufzubauen und dich von deinem alten Disney-Image zu lösen. Du machst (zumindest lässt du uns das glauben) konsequent dein eigenes Ding – zum Guten wie zum Schlechten.

Dass du eine ernstzunehmende Künstlerin bist, kann niemand ernsthaft bezweifeln. Allein in deinen sehr hörenswerten „Backyard Sessions“, in denen du zum Beispiel mit Joan Jett auftrittst, beweist du, was für eine Wahnsinnsstimme du hast. Und dass du mit den musikalischen Wurzeln deines Landes noch stark verbunden bist. (Wahnsinn ist allein, wie du „Jolene“ singst!)

Du bist engagiert. So hast du gerade unter anderem die „Happy Hippie Foundation“ ins Leben gerufen – eine Stiftung, die junge Leute dazu bringen will, sich gegen Ungerechtigkeit gegenüber der LGBT-Community und obdachlosen Jugendlichen zu engagieren.

Wie Madonna in den Achtzigern

Und: Du stellst die Geschlechterrollen gnadenlos in Frage. Du flirtest mit Frauen wie mit Männern. Okay, das machen viele derzeit. Aber in einem Interview zum Launch der „Happy Hippie Foundation“ sagtest du zum Beispiel: „Ich fühle mich, als wäre ich nicht an ein Geschlecht gebunden. Oder an ein Alter. Ich fühle mich wie eine unendliche kosmische Sache, und ich will, dass die Menschen das verstehen.“ Sicher, vielleicht war das ganze Gras, das du rauchst, nicht unschuldig an dieser Aussage. Aber es ist eine wunderbare Aussage, die zusammen mit deiner tiefen Stimme und deinem harschen Haarschnitt einfach gut passt.

Allein sich so gegen das amerikanische weibliche Popsternchen-Image einer Jennifer Lopez, Ariana Grande oder Katy Perry zu stellen ist, ja, mutig. Dabei treibst du die Sexualisierung des amerikanischen Pop-Biz rücksichtslos auf die Spitze. Und bist gleichzeitig eine der ersten Frauen deiner Generation, die den selbstbewussten Umgang mit dem eigenen weiblichen Körper und z.B. Masturbation der Popwelt zeigen.

Nenn mich verrückt, aber du erinnerst mich an die Madonna der Achtziger. Und die war damals ziemlich cool.

Du weißt genau, wie deine Fans ticken

Und nicht zuletzt lebst du alle Verrücktheiten aus, die mir nie im Traum einfallen würden. Du machst, worauf du Lust hast. Du willst zu Beginn deines Konzerts auf einer riesigen Nachbildung deiner Zunge auf die Bühne rutschen? Klar, wird gemacht! Auf der Bühne Joints rauchen? Twerken? Masturbieren (oder zumindest so tun)? Mit Geld um dich schmeißen? Riesige Teddybären tanzen lassen? Eine Statue deines verstorbenen Huskeys ansingen? Aber klar machste das!

Doch bei allem merkt man dir an, dass du ganz genau weißt, wie deine Fans ticken. Du holst dir Jacken, Schmuck oder (wahlweise) aufblasbare Riesenpenisse aus dem Publikum und bindest alles in deine Show ein, wie es dir gerade in den Sinn kommt.

Und die Leute? Die rasten aus. Sie feiern dich wie eine Erscheinung. Ja, doch, irgendwie kann ich das verstehen.

Du lebst so, wie du es jetzt gerade für richtig hältst.

Wer weiß schließlich, was es mit einem Menschen macht, wenn man als Kind zu „Hannah Montana“ wird und wie ein Barbiepüppchen mit Duracell-Batterie über die Bühne hüpfen und Plastiklieder wie „Party in the USA“ singen muss. Und dadurch ein Weltstar wird. In einem Alter, in dem die meisten von uns noch „Bibi und Tina“-Kassetten zum Einschlafen gehört haben.

Die Menschen zerreißen sich entweder das Maul über dich. Oder sie feiern dich.

Und du? Du machst, was du willst. Und das finde ich bewundernswert.

„Na, Schnecke?“ Vom Grauen Online-Dating

Derzeit versuche ich es, dieses Online-Dating. Allein, weil ich neugierig bin, welche Portale es da gibt. Und wer sich da alles tummelt. Festgestellt habe ich: Schon durch die erste Nachricht könnt ihr euch selbst richtig dumm dastehen lassen, liebe Männer.

Als ich mich anmelde, habe ich 15 neue Nachrichten. Alles Menschen, die ich nicht kenne. Sie heißen „oceanwave81“, „Huhuuuuu85“ oder, ganz bescheiden, „Mr.Perfect“. Das sind alles Kerle (schätze ich), die mich über ein Online-Datingportal angeschrieben haben.

Und wie sie anschreiben!

„bist hübsch!!!!“, schreibt mir einer. Wie nett, denk ich mir. Aber da steht sonst nichts anderes. Keine Anrede, kein Name drunter, kein Hinweis darauf, was er mit seiner Nachricht ausdrücken will. Für richtige Groß- und Kleinschreibung war anscheinend auch keine Zeit. Was soll ich denn damit anfangen?

Nachricht per Computer: Klar, Online-Dating ist seltsam. Aber man muss es durch die erste Nachricht ja nicht noch komischer machen. Foto: M.Denecke

Nachricht per Computer: Klar, Online-Dating ist seltsam. Aber man muss es durch die erste Nachricht ja nicht noch komischer machen. Foto: M.Denecke

„Na, Sunshine, auch hier? Bock auf ein paar Zeilen?“, fragt der nächste. Sunshine? Bitte? Was ist das für ein Strippername? Und warum hat er den mir gegeben?! Immerhin hat er nur nach meinem „Bock“ aufs Schreiben gefragt, nicht aufs… na ja, lassen wir das.

Von den Typen, die viel kürzere, und viel eindeutigere Nachrichten schreiben, gibt es schließlich genug auf solchen Portalen.

Meine Vermutung: Die gucken, welche Mädels gerade online sind und einigermaßen aussehen, und bombardieren sie dann mit bescheuerten Einzeilern. Aber vielleicht haben die damit ganz gut Erfolg?! Wäre mal eine Studie wert.

Es kommt wohl darauf an, wonach man aus ist – so ein Online-Portal hat mit Sicherheit für jeden etwas dabei.

Bei einer anderen Nachricht muss ich laut lachen – allerdings eher vor Ungläubigkeit denn vor Amüsiertheit.

„Hallo, hier spricht der Captn“, steht da. Ist das witzig gemeint? Oder einfach nur sehr selbstbewusst? Oder hat der Mensch einen so doofen Namen, dass er meint, sich einen übergroßen Spitznamen geben zu müssen – Überkompensation, sozusagen?

Ich schreibe ihm zurück und empfehle ihm in einigermaßen charmanter Art (immerhin mit Smiley), dass er bei der nächsten ersten Nachricht, die er einem fremden Mädel schickt, doch ruhig weniger großkotzig auftreten könnte.

Er antwortet prompt: „Immerhin habe ich dich zum Lachen gebracht!“ Na ja… Ein Smiley steht nicht unbedingt dafür, dass ich gelacht habe wie noch nie im Leben.

Zwei Tage später schreibt er, deutlich kleinlauter: „Ich habe dich doch nicht verschreckt, oder?“ Und unterschreibt mit seinem richtigen Namen. (Oder zumindest mit einem Namen, der tausendmal normaler als „Captn“ ist.)

Doch, haste, Junge!

Ganz ehrlich: Gebt euch doch ein bisschen mehr Mühe, Männer! Als Frau kann man sich auf solchen Portalen nicht retten vor Nachrichten. Das sage ich nicht, weil ich angeben will, sondern weil Frauen auf Portalen meist in der Unterzahl sind. Und gnadenlos angeschrieben werden.

Wer also nur „Hey Süße!“ oder „Na, wie war dein WE?“ schreibt, der kommt nicht weit. Der erste Eindruck zählt, auch beim Online-Dating!

Also: Schreibt mehr als eine Zeile. Kommt nicht mit Blödsinnsnamen wie „Schnecke“, „Baby“ oder „Süße“ um die Ecke – ist schließlich nicht Amsterdam hier. Seid charmant. Wenn ihr euch unsicher seid, was ihr in der ersten Nachricht schreiben sollt (ist ja schließlich auf komisch, auf so einem Online-Portal-Dings), dann sagt das doch einfach. Ganz verrückter Tipp: Guckt euch mal das Profil an von derjenigen, die ihr da anschreibt, und geht darauf ein. Und nehmt euch ein bisschen Zeit, schmiert nicht irgendwas hin ohne Rücksicht auf Punkt, Komma oder Rechtschreibung.

Dann kriegt ihr vielleicht auch mehr zurück als Fragezeichen. Oder Schweigen.