Ein Morgen auf dem Hamburger Fischmarkt: „Kommt mal ran hier!“

Ob Champagner oder Pils, Banker oder Student: Ein Morgen auf dem berühmten Fischmarkt in Hamburg-Altona ist wie ein Querschnitt durch die Hamburger Gesellschaft. Die wahren Stars des Markts heißen hier Bananen-Fred oder Aale-Dieter. Ein Streifzug.

Bananen-Fred ist heiser an diesem Morgen. Das ist schlecht für einen Marktschreier. Doch noch fällt das kaum auf, denn er hat erst wenig Publikum. Ist ja auch noch früh – sehr früh sogar: Noch ist der Sommerhimmel dunkel, nicht einmal die Möwen sind richtig wach.

Doch Minute um Minute wird es geschäftiger rund um seinen Obstwagen: Händler bauen ihre Stände auf, und von überall her strömen Menschen herbei. Das Tagwerk von Bananen-Fred beginnt: Er schreit die Menschen an, trotz seiner Heiserkeit. „Kommt mal ran hier und nehmt `nen Korb mit! Geht bloß nicht wieder mit so scheiß Blumen nach Hause!“

Die Menge johlt und applaudiert. Auch deswegen kommen sie schon früh, die Nachtschwärmer, die Frühaufsteher, die Touristen, die Hamburger. Sie kommen schon früh, sonntags ab 5 Uhr, wenn der Fischmarkt in Hamburg-Altona zum Leben erwacht.

Guter Marktschreier sein – eine Kunst

Ob Manager oder Student, ob Champagner oder Pils, ob türkische Feigen oder Büsumer Krabben: Auf dem über 300 Jahre alten Markt am Hamburger Hafen, zwischen Landungsbrücken und ehemaliger Fischauktionshalle, findet man zwischen unzähligen Ständen einen Querschnitt durch die Gesellschaft – und deren Speisezettel.

Bananen-Fred ist ein Star des Fischmarkts, so wie Aale-Dieter oder Aal-Kai. Vor ihren Ständen stehen die Marktbesucher in Vierer-Reihen, lachen über ihre Witze und Sprüche, machen Fotos – und kaufen.

„So wird aus einem guten Verkäufer ein sehr guter“, erklärt „Bananen-Fred“ die Kunst, mit gewagten Sprüchen und rauem Charme Publikum an den Stand zu locken.

Seit 1953 kommt er jeden Sonntagmorgen auf den Fischmarkt. Er ist nicht mehr der eigentliche „Fred“, „das war mein Vadder“. Er heißt in Wirklichkeit Dirk Radack, „seit 38 Jahren auf der Welt, seit 36 aufm Fischmarkt.“ Radack packt Körbe voller Obst und verkauft sie für zehn Euro. Genauer gesagt, „für keine 20, keine 15, auch nicht für 13, nein, für nur zehn Euro!“.

Dieter Bruhn, als „Aale-Dieter“ seit inzwischen 50 Jahren auf dem Fischmarkt, ist wohl der bekannteste unter den Hamburger Marktschreiern. Dabei könnte man seinen kleinen Wagen mitten auf dem Markt, zwischen einem Fahnen-Verkäufer und einem Obsthändler, glatt übersehen. Wäre da nicht Aale-Dieters Stimme, mit der er unüberhörbar Ostsee-Aale und Kodiak-Wildlachs anpreist.

„Wenn du was Billiges willst, geh zum Nudelverkäufer!“

Er öffnet den Stand gegen sechs Uhr. Um diese Uhrzeit drängen sich die Menschen schon zwischen den Ständen. Eine blondierte und stark parfümierte Frau um die 50 begutachtet Aale-Dieters Angebot, sie zögert noch: 20 Euro für 700 Gramm Räucherlachs findet sie zu viel.

„Ein Lachs ist ja auch keine Bratwurst!“ ruft ihr Aale-Dieter mit breitem Hamburger Dialekt entgegen. „Der kommt hauchdünn geschnitten aufs Brot, ein büschen Meerrettich dazu, und dann ein Glas Champagner!“ Die Umstehenden lachen. „Wenn du was Billiges haben willst, meen Lütten, dann geh doch zum Nudelverkäufer!“ Die Frau lächelt und holt das Portemonnaie aus ihrer Handtasche.

Hafenromantik - als krasser Kontrast zum Chaos auf dem Hamburger Fischmarkt. Foto: M.Denecke

Hafenromantik – als krasser Kontrast zum Chaos auf dem Hamburger Fischmarkt. Foto: M.Denecke

Um halb sieben geht die Sonne über dem Hafen auf. Blickt man ihr vom Fischmarkt aus entgegen, zeichnet sich schwarz die Silhouette des Turms der St.-Michaelis-Kirche ab – Hamburgs Wahrzeichen. Sanftes Licht fällt auf die backsteinroten Häuserfassaden an der Großen Elbstraße, die für einige hundert Meter dem Verlauf des Fischmarkts folgt. Ein romantischer Kontrast zum chaotischen Marktleben.

Gruppen von Nachtschwärmern mischen sich unter das Marktvolk, kaufen Bier und Fischbrötchen und steuern, leicht schwankend, an Ständen mit heißer Pferdebockwurst und dampfenden Maiskolben vorbei in Richtung Fischauktionshalle. Rockmusik dringt hier durch die bleigefassten Fenster und sperrangelweiten Türen des Gebäudes, in dem schon lange keine Fische mehr versteigert werden.

„Ein Bett im Kornfeld“, live zum Fischbrötchen

Stimmengewirr und süß-fettiger Bier-Brat-Geruch schlagen einem entgegen, Bands spielen Rock-Klassiker von AC/CD oder Schlager von Matthias Reim, auf den Bierbänken sitzen die Menschen Schulter an Schulter. Ende des 19. Jahrhunderts gebaut, wurde die Halle vor knapp 25 Jahren durch einen Senatsbeschluss vor dem Verfall gerettet.

Inzwischen ist es acht Uhr, und die Leute kommen in die Halle zum „Kapitänsbrunch“. Sie trinken Bier oder Champagner, sie tanzen direkt vor den Bühnen, Penner und Studenten, Frauen in langen Kleidern, Männer im dunklen Anzug, Eltern mit ihren Kindern. Eine junge Frau hält einen Strauß Rosen im Arm, sie gibt einem Mann einen Kuss. Dazu „Ein Bett im Kornfeld“, live gespielt. Menschen stehen um die Tanzfläche herum, sehen zu, fotografieren und filmen, zeigen auf diesen oder jenen, der bierselig und selbstvergessen vor der Bühne tanzt.

Um halb zehn scheppern aus den Lautsprechern am Markt einige Takte der „Hammonia“, der Hamburger Hymne: Die Marktzeit ist damit offiziell beendet. Mit blecherner Stimme bedankt sich die Marktaufsicht bei den Besuchern für ihren Einkauf und erinnert die Marktbeschicker daran, dass sie nichts mehr verkaufen dürfen und ihre Stände abbauen müssen.

Augenblicklich verwandelt sich der Fischmarkt in einen verrückten Basar: Die Marktbeschicker versuchen, auf die letzten Minuten ihre Ware loszuwerden. Besonders bei den Obsthändlern wird es hektisch: Sie schreien ihre Angebote heraus („Zwei Melonen für einen Euro!“, „Drei Schalen Trauben für zwei, für zwei, für zwei!“), bieten gelbe Pflaumen mit rotgefrorenen Händen an.

Leere Pappkartons türmen sich neben den Ständen, einige Menschen suchen sich hier zwischen überreifen Honigmelonen und weichen Nektarinen noch genießbare Früchte aus.

Pralle Weintrauben und aufgeplatzte Tomaten pflastern bald das Kopfsteinpflaster.

Die St.-Pauli-Flagge weht bald wieder

Bepackt mit Kisten voller Blumenkohl oder den ersten deutschen Äpfeln, mit Tüten voller Fisch oder Zimmerpflanzen, ziehen die Marktbesucher allmählich von dannen. An den Landungsbrücken werden sie für die ersten Hafenrundfahrten abgeworben. Das Partyvolk wankt ins Hotel, nach Zuhause – oder in die nächste Kneipe. Der Himmel bezieht sich, Regen setzt ein.

Nach und nach bauen die Händler ihre Stände ab, und das Geklapper der Eisenstangen ersetzt das Marktgeschrei. Noch ist der Stand eines Fahnenverkäufers nicht abgebaut: Ein weißer Totenkopf auf schwarzem Stoff, die St.-Pauli-Flagge, flattert im kalten Wind.

Sie wird wieder wehen, am nächsten Sonntag ab 5 Uhr, wenn der Altonaer Fischmarkt wieder zum Leben erwacht.

Dieser Text entstand im Rahmen einer Fortbildung in der Akademie für Publizistik, Hamburg, im Jahr 2009.

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Soldaten und Trauma: „Manche Dinge kann man einfach nicht erzählen“

Erich ist 90. Und er war Kampfpilot im zweiten Weltkrieg. Ein Gespräch über Traumatisierung und den Umgang mit jungen Soldaten, die Dinge erlebt haben, die man heute nicht mehr begreifen kann.

Erich ist jemand, der gerne erzählt. Seine inzwischen 90 Lebensjahre sind gefüllt mit Geschichten – vielen guten, einigen schlechten, einigen grausamen. Wie er mir so gegenüber sitzt, lacht er gern, und seine 90 Jahre sieht man ihm nicht im Mindesten an: Er ist braun gebrannt, schlank, energiegeladen. Er erzählt viel, von Segeltörns mit Frau und Freunden, davon, wie es ist, 90 zu werden, über sein Leben als Vertreter, über seine Sportroutine, die er diszipliniert jeden Tag durchzieht.

Er kennt aber auch ganz andere Geschichten. Denn er war Kampfpilot der Luftwaffe im zweiten Weltkrieg.

Ich treffe ihn an einem Nachmittag in einem Café, um über die Erfahrungen zu sprechen, die er während des Krieges machte, und wie er mit ihnen umgegangen ist. Über Traumatisierung. Und wie mit traumatisierten Soldaten umgegangen wurde. Ich kenne Erich nicht besonders gut, bin deswegen nervös – ich weiß aber, dass Erich kein Problem damit hat, von seinen Kriegserlebnissen zu erzählen. Und wenn doch, dann sagt er es.

Ein bestimmtes Erlebnis – das kann er nicht erzählen

Ein bestimmtes Erlebnis gebe es, das er niemandem erzählen werde, sagt er gleich zu Anfang. Über das er nicht einmal mit seiner Frau sprechen kann – bis heute nicht.

„Das kann man einfach niemandem erzählen“, sagt Erich. „Wenn ich heute nur daran denke, fange ich an zu weinen.“

Um das, was ich höre, einordnen zu können, hole ich mir Unterstützung. Ich spreche mit Brigitte Dennemarck-Jäger, Psychologin, Soziologin und Therapeutin am Deutschen Institut für Psychotraumatologie in Köln.

Für Traumatisierte sei typisch, von traumatischen Erlebnisse nicht erzählen oder die Traumatisierung nicht zeigen zu wollen, sagt Brigitte Dennemarck-Jäger. Gerade soldatische Traumata seien „unerträglich“. Erfahrungen wie etwa das Töten ließen sich nicht mit dem Alltagsleben nach dem Krieg vereinbaren.

„Manche dieser Erfahrungen sind so unerträglich, dass sich die Seele abspaltet“, erzählt Dennemarck-Jäger.

Mit 18 zum ersten Mal im Kampfflugzeug

Die Psyche eines Traumatisierten baue sich dann komplett um. Das traumatische Erlebnis verschwindet dann nicht aus dem Gedächtnis: Es werde „weggestellt“, sagt Dennemarck-Jäger. Denn nur so lässt sich das Leben weiterhin meistern, auch nach einem schwerwiegenden Trauma.

Wehrpass, Flugbuch, Soldbuch… Erich besitzt noch viele Original-Dokumente aus seiner Soldatenzeit.

Wehrpass, Flugbuch, Soldbuch… Erich besitzt noch viele Original-Dokumente aus seiner Soldatenzeit.

Erich war 18, als er eingezogen wurde. Im Frühjahr 1942 begann für den gebürtigen Ruhrgebietler die „soldatische Grundausbildung“ in Sachsen. Schon zwei Monate später bekam er zum ersten Mal mit Kampfflugzeugen zu tun: Er wurde dem Personal eines Ju-52-Verbandes zugeteilt. Ju 52, das steht für das berühmte Transportflugzeug Junkers 52, genannt die „Tante Ju“. Hier begann der 18-Jährige, der vorher nur mit Segelflugzeugen zu tun gehabt hatte, die Ausbildung an Transport- und Kampfflugzeugen.

Nur wenige Monate später, flog er bereits Einsätze über Stalingrad, wo mit Jus 52 schwer verletzte Soldaten ausgeflogen werden mussten. Es waren so viele Soldaten, oft mit horrenden Wunden, dass die Flugzeuge ständig überladen waren.

„Das war wohl mein erstes Trauma“, erzählt Erich und schüttelt den Kopf.

Trauma, was versteht er darunter?

„Ein Erlebnis, das man nicht mehr vergisst.“ Und davon kennt Erich viele.

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Auf in die Welt! Teil 6: Komisches Gefühl

6. Tag, 7. September: Peking

Hier stehen wir also. Auf dem Tiananmen-Platz. Im Herzen der Stadt. Der Platz der blutig niedergeschlagenen Proteste von 1989.

Mir war überhaupt nicht wohl, dorthin zu gehen. Wir hatten gerade erst in der Oberstufe bei unserer exzellenten Geschichtslehrerin die moderne Geschichte Chinas seit Ende der Qing-Dynastie durchgenommen.

Der Tiananmen Platz von oben. Foto: M.Denecke

Der Tiananmen Platz, fotografiert vom „Tor des himmlischen Friedens“ (Tiananmen). Hinter dem Tor liegt die Verbotene Stadt. Blick aufs Mao-Mausoleum. Foto: M.Denecke

Wir wurden vorher gewarnt: Redet nicht zu laut über Politik auf dem Tiananmen-Platz. Redet am besten gar nicht über Politik! War das ernst gemeint? Ich wusste es nicht, vermutete es aber – und entschied mich, einfach die Klappe zu halten, während wir über diesen riesigen Platz gingen.

Auf dem Platz zu stehen war ein komisches Gefühl. Ein riesiger, riesiger Platz – über einem der große weite chinesische Himmel, unter einem grauer sauberer Boden, links und rechts von einem lange Zeit einfach nur NICHTS. Aber gleichzeitig fühlt man sich unheimlich eingeengt.

Es sind unheimlich viele Menschen auf diesem Platz. Ich weiß nicht genau, wo sie alle hin wollen – aber viele anscheinend in die Museen, die an den Seiten des Platzes stehen. Da wäre einmal das Mao-Mausoleum, in dem es doch tatsächlich die einbalsamierte Leiche des Massenmörders zu sehen gibt. Riesenlange Schlange davor.

Und dann das Chinesische Nationalmuseum – das hätte mich nun wirklich interessiert. Aber: Auch eine riesige Schlange davor.

An der westlichen Seite des Platzes steht die „Große Halle des Volkes“ – keine Ahnung, ob man da als Touri hinein kann, aber das wäre mir vielleicht auch zu viel des sozialistisch-neoklassizistischen Baustils geworden.

Unsere Reisegruppe wollte eh weiter, in irgendwelche Shoppingmalls. Die Mall hätte ich mir zwar nun wirklich sparen können (Das ist der letzte Tag in Peking, verdammt! Und ihr geht SHOPPEN?), aber ich war auch froh, den Platz verlassen zu können.

Tschüss, Peking. Auf Wiedersehen, vielleicht. Du warst aufregend und atemberaubend. Aber es schwebt immer eine dunkle Wolke über all deinen Schönheiten.

Morgen: Letzte Tage in Hong Kong.

Auf in die Welt! Teil 5: Die Chinesische Mauer oder Dieser Moment

5. Tag, 6. September: Peking

Ich stehe auf ihr. Auf der Chinesischen Mauer. Der „Great Wall“, wie sie im Englischen heißt. Ich. Stehe. Auf. Der. Chinesischen. Mauer. Das ist doch Wahnsinn! Kann einen jemand mal bitte auf so etwas vorbereiten?

Die Chinesische Mauer ist eines der Baudenkmäler, die einem schon von Kindesbeinen an geläufig sind. Klar weiß man, was das ist. Na ja, ungefähr zumindest. Aber dass man die mal sehen würde? Drauf stehen würde? Darauf herumspazieren würde? Niemals im Leben habe ich das gedacht.

Ich habe allerdings auch nie im Leben gedacht, dass man von der Chinesischen Mauer aus die Autobahn nach Peking sehen würde. Und ganze Busladungen voll Touristen hier stündlich abgeladen würden. Vor allem viele beunruhigend laut keuchende Amis. Aber hey, Wunschvorstellung und Wirklichkeit. Schon okay. Ist schließlich die Chinesische Mauer. Mir hätte schon fast gereicht, einen Fuß draufzusetzen.

Dieser Moment - JA, ich stehe auf der Chinesischen MAUER! Ach ja, und dahinter die Autobahn. Foto: privat

Dieser Moment – JA, ich stehe auf der Chinesischen MAUER! Ach ja, und dahinter die Autobahn. Foto: privat

Stattdessen spaziere ich bei grandiosem Wetter auf ihr entlang. Immer hübsch den Hügel hoch. Begleitet von T, Fs 2-Meter-Bruder. Wir sagen nicht viel. Ist auch nicht nötig. Ich bin baff.

Auch wenn ich es ungern mache, muss ich hier doch den chinesischen Kommunistenführer Mao Zedong anbringen: Er sagte, dass man kein Held sei, wenn man nicht die Chinesische Mauer erreicht habe. Heldenhaft fühlt man sich auf jeden Fall hier oben. Als würde man auf den Grundfesten der Welt stehen.

Dies ist eines dieser Momente, denke ich. Eines dieser Momente, in denen man versteht: Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal erleben würde.

Ein typischer Weltreise-Gedanke.

Ging mir nur ein paar Tage später am Opernhaus in Sydney auch so. (Okay, klar, nach Sydney kommt man vielleicht eher. Aber rational ist das alles eh nicht.) Und noch einmal, als meine Freundin H und ich zum ersten Mal den Ayers Rock sahen. Und als wir, zwei Jahre später, zusammen am Titicaca-See standen.

Ich hätte nie gedacht… Aber alles ist möglich. Sachen packen und los.

Morgen: Auf dem Tiananmen-Platz.

Auf in die Welt! Teil 4: Von Verbotenem und Blitzlichtgewitter

4. Tag, 5. September: Die Verbotene Stadt

Viel habe ich nicht gesehen von Peking. Das ist mir klar. Die Stadt „kennen“ kann ich schon gar nicht. Die paar Tage, die ich hier war! Und alle unter dem wachsamen Auge des Reisegruppenleiters. Der die Truppe lieber in Einkaufshallen als in Museen führt.

Aber trotz aller Einschränkungen kann ich sagen: Wow, Peking, bist du beeindruckend!

Die Verbotene Stadt – ohne Worte. Eine riesige Tempelanlage – man kann sich locker darin verlaufen. Wunderschöne Schnitz- und Holzarbeiten. Und so viel Geschichte, dass einem nach 10 Minuten Zuhören schon den Kopf brummt. Welche Kaiser oder Kaiserin aus welche Dynastie hier was gebaut hat und für wen und mit welchem Glauben… Es ist irre.

Touristen! Achso, ja, und die Verbotene Stadt. Foto: M.Denecke

Touristen! Achso, ja, und die Verbotene Stadt. Foto: M.Denecke

Und am Nachmittag: reine Entspannung. Im „Summer Palace“ direkt am großen Kunming-See bei Peking. Kleine Tempel, große Tempel, wunderbare Gartenanlagen, grandiose Holz- und Steinschnitzereien, Skulpturen aus Bronze, Gold, Holz, Stein… Ein Traum. Vor allem nach dem Trubel in der Verbotenen Stadt (Touri-Alarm…) Und Abkühlung unter den großen Bäumen – die knapp 40 Grad machen sich dann doch bemerkbar. Und (klingt blöd, aber isso) dass man mal Ruhe hat von dem Sprachgewirr um sich herum. Sprachen, die so gar nichts mit dem zu tun haben, was man zu hören gewohnt ist. Auch das strengt an.

Und was auch anstrengt: Die wahnsinnige Fotografierwut von Fs Vater. Es ist der Wahnsinn. In der Verbotenen Stadt und dem Summer Palace hat er sich vor Motiv-Mötglichkeiten beinahe überschlagen. Okay, ich fotografiere auch gerne. Aber nicht alles. Und nicht in jeder Minute. Und vor allem nicht so, dass immer ein Mensch aus der Gruppe irgendwo im Bild zu sehen sein muss. In. Jedem. Bild. Meistens war ich das. Oh hallelujah. Ich war froh, mich im Summer Palace wenigstens hinter Bäumen verstecken zu können. Zur Not wäre ich auch auf die Bäume gekommen.

Morgen: Chinesche Mauer!

Auf in die Welt! Teil 3: Ente in Peking – und HBO

3. Tag, 4. September: Peking

Wow. Peking. Beijing. Ich bin da. Wow. (Oder, wie man heute in 2014 sagen würde: OMG.)

Ich kann einfach nicht glauben dass ich in der Kaiserstadt bin. Und es ist toll!

Bin mit Fs Familie früh losgeflogen. Der Trip war schon lange geplant gewesen und es ist großartig, dass mich Fs Familie einfach mitnimmt. Habe das Gefühl, dass sie mir auch sehr gern „die Gegend“ zeigen möchten.

Und die lässt sich wirklich sehen! Peking ist atemberaubend. Nicht nur wegen des Smogs. (Obwohl ich finde, dass es sich hier viel leichter atmen lässt als in Hong Kong, weil es zwar warm, aber nicht so wahnsinnig schwül ist.)

Und ich kann wirklich sagen: Das Reisefieber hat mich gepackt. Sorgen wegen seltsamer Gerichte? Wegen eines verdorbenen Magens? Pustekuchen! Grinsend wie ein Honigkuchenpferd laufe ich durch diese Stadt und kann mich nicht sattsehen an den riesigen Boulevards, den hohen Türmen, den kleinen Steinhäuschen mitten in der Stadt (damals gab es sie noch), den Tempeln.

Sorgen? Pah! Hallo, Reisefieber! Fotos: M.Denecke

Sorgen? Pah! Hallo, Reisefieber! Fotos: M.Denecke

Beziehungswerde: Ich werde gelaufen. Freigang ist hier Fehlanzeige. Fs Familie hat sich einer Reisegruppe mit weiteren Hong Kong-Chinesen angeschlossen, die ein ziemlich straffes Programm an den Tag legt. Und ich als Blondine unter ihnen – oder über ihnen, denn ich überrage sie leider alle.

Hier merke ich, wie seltsam es ist, aus einer Menge herauszustechen. Wegen der Hautfarbe. Der Haarfarbe. Der Körpergröße. Und von dem Kantonesisch, das alle in der Gruppe sprechen, verstehe ich kein Wort. Nur „danke“ und „bitte“ lerne ich an dem Tag. Allerdings auf Mandarin. Na ja, besser als nichts.

Wir besichtigen die riesige Tempelanlage „Temple of Heaven“, zugehörig zum UNESCO Weltkulturerbe. Schlappe 600 Jahre alt. Ich laufe und staune und staune und staune. Für Architektur hatte ich nie besonders viel übrig – aber diese Bauwerke sind einfach wunderschön.

Wie macht man ein Urlaubsfoto? Nicht so! In der "Temple of Heaven"-Anlage ist's aber auch so schön. Fotos: M.Denecke

Wie macht man ein Urlaubsfoto? Nicht so! In der „Temple of Heaven“-Anlage ist’s aber so oder so schön.

Abends außerdem eine kulinarische Wucht: nicht Qualle, nein – sondern Pekingente. Die richtig echte. (Wurde mir zumindest erzählt.) Wir sitzen mit der Reisegruppe an einem riesigen runden Tisch. Der sich schon unter allerlei kleinen Essenszugaben biegt. Und dann kommt die Ente: als Ganzes über Holzfeuer gebraten, am Tisch in dünne Scheiben geschnitten, in hauchdünnen Teig eingerollt, mit Lauchzwiebeln und einer süßen, dickflüssigen Soße gegessen – ein Traum. (Damals zumindest. Inzwischen bin ich Vegetarierin. Die Entscheidung hatte aber nichts mit der Pekingente zu tun. Ehrlich.)

Bei der Pekingente bleibt es natürlich nicht. Es gibt auch Entenfüße (ohne Haut). Entenleber. Suppe aus gemahlenen Entenknochen (schmeckt wie Heilerde in Wasser). Es hätte außerdem noch Gerichte mit den Flügeln, den Füßen (mit Haut), dem Blut und allen Innereien der Ente gegeben. So wie bei Omma früher eben.

Mir hat die feine Pekingente gereicht. Und abends im Hotelzimmer entdecke ich todmüde, dass hier im Fernsehen HBO läuft. Gleiche Zeitzone wie New York. Ich jubele. Und schlafe sofort ein.

Morgen: Die Verbotene Stadt!

Auf in die Welt! Teil 2: Von Quallen-Mahlzeit und Mantra-Power

2. Tag: 3. September 2004, Hong Kong

Müde. Sooo müde. Obwohl erst Mitternacht. In Deutschland ist der Tag 6 Stunden zurück.

Ich liege in einem winzigen Zimmer. Dem kleinsten bewohnten Zimmer, das ich je gesehen habe. Eine Schuhschachtel. Alles übereinander gestapelt und ineinander verschachtelt.

Es ist Fs Zimmer, die noch nicht da ist, sondern in einer Woche kommt. Also bin ich bei F in der Familie, in der Wohnung – nur F ist noch nicht da. Sehr seltsam. Aber nett sind sie, die Eltern von F. Und der große Bruder. Der übrigend wirklich verdammt groß ist, knapp zwei Meter. Erster Vorurteil gegenüber Asiaten also schon mal wiederlegt. Gerne weiter so!

Fs Familie ist total bemüht. Haben mich vom Flughafen abgeholt. Mir alles gezeigt. In ihrer schuhschachteligen Wohnung gab es allerdings nicht viel zu zeigen: Einmal um die eigene Achse drehen und man hat alles gesehen.

Blick vom Wasser aus auf Hong Kong.

Blick vom Wasser aus auf Hong Kong. Fotos: M.Denecke

Dafür hat man, wenn man im richtigen Winkel aus dem Wohnzimmerfenster guckt, einen Wahnsinnsblick auf die Bucht von Hong Kong. Die Wohnung liegt in der Innenstadt, Wohnungspreise sind hier immens. Ich will also nicht meckern. Und Fs Bruder hält es mit seiner Körpergröße ja auch ganz gut aus hier in der Wohnung.

Das erste Essen war mein erstes großes Abenteuer. Mir wären fast die Tränen gekommen weil alles so anders aussah. Und schmeckte. Und ich dasaß, zwei besorgte, liebevolle, laut schlürfende Menschen neben mir, und mich fragte: Wie soll ich das denn zwei Wochen lang aushalten?

Es gab Qualle. Und Rind im süßen Teig. Und Tofu (ja, auch urg!). Und Huhn – mit Kopf.

Huhn mit Kopf - haben unsere Omas doch auch so gemacht!

Huhn mit Kopf – haben unsere Omas doch auch so gemacht!

Ich dachte mir: Was bist du für ein verwöhntes Kleinstadtmädchen, deine Oma hat auch immer alles vom Tier verwurstet! Und sehnte mich trotzdem nach Schwarzbrot. Oder wenigstens ollem Flugzeug-Essen.

Jetzt aber liege ich in Fs Schuhschachtel-Bett und denke mir: Positive Gedanken! Pooooositive Gedanken! Alles wird gut! Das sind nur die ersten Tage! Große Hindernisse Schritt für Schritt nehmen! Und, Floskel # 59: Morgen sieht die Welt ganz anders aus. Und, hey, du bist in Hong Kong!

Ich machte die Augen zu und hoffte nur, dass diese Mantra-Power etwas bringen würde. Und dass es am nächsten Tag nicht wieder Qualle geben würde. Denn das sah schon echt eklig aus.

Morgen: Peking!

Auf in die Welt! Teil 1: Auf, auf!

Ich war gerade mal 18, da war ich mit der Schule fertig. Fix und fertig.

Die letzten zwei Jahre hatte ich auf einem englischen Internat verbracht. Mädcheninternat (auch das noch!). Klar gab es auch sehr schöne Zeiten. Aber es war vor allem auch: höllisch anstrengend. Schule bis 16 Uhr, danach Hausaufgaben, am Wochenende saßen wir oft an irgendwelchen Schulprojekten oder Hausarbeiten. Und am Tag meines 18. Geburtstags schrieb ich meine erste Abi-Klausur. Die erste von über zehn.

Also: raus. Und zwar ganz raus. Rucksack packen. Und auf, auf in die Welt!

Die Route stand bald fest: Hong Kong. Singapur. Australien. Ecuador. Über die USA nach Kanada (den französischen Teil). In Hong Kong lebt F, eine Freundin von mir, mit der ich im englischen Internat das Zimmer teilte. Von Australien hatten H, die ich auch im Internat kennenlernte, und ich schon monatelang geträumt.Wir wollten uns unbedingt in Singapur treffen. Zu Südamerika entwickelte ich derzeit eine etwas schräge Zuneigung, daher trat Ecuador auf den Plan. Und in Montreal wohnt eine Tante. In der halb französischen, halb englischsprachigen Stadt konnte ich mein Schulfranzösisch eh mal generalüberholen.

Also: Einmal um die Welt. All around the world – mit entsprechendem Flugticket. Die folgenden Beiträge sind angelehnt an meine damaligen Tagebuch-Einträge.

1. Tag: 2. September 2004, Hannover-Langenhagen (da ist der Flughafen)

So. Jetzt ist es also soweit. Das alles hier ist so unglaublich, dass ich gerade dar nicht weiß, was ich fühlen soll. Ich bin allein. Ängstlich. Noch ist kein positives Gefühl dabei. Tut mir leid, ist aber so. Ich muss mich ablenken, um hier am Gate nicht einfach loszuheulen.

Habe gerade eben allen tschüss gesagt: meiner Mama (besorgt), meinem Papa (gestresst), seiner Frau (mitfühlend), meinen Brüdern (etwas gelangweilt), der (jetzt Ex-) Freundin eines Bruder (verweint).

Ich sitze in der Flughafenhalle am Hannoveraner Flughafen und warte auf den Flieger, der mich erst nach Frankfurt und dann nach Hong Kong bringen wird.

9 Monate werde ich nicht mehr nach Hause zurückkehren. Puuuuuh.

Ich denke, dass dieses flaue Gefühl im Magen besser wird, sobald ich im Flieger sitze. Oder zumindest, sobald ich in Hong Kong bin – exotischer, aber fester Boden unter den Füßen. Trotzdem… Der Gedanke, so lange ohne Zuhause auszukommen, schlägt mir gerade gehörig auf Magen und Gemüt. Daran hatte ich irgendwie nicht gedacht.

Auf in die Welt - aber bis Hong Kong ist's ein langer Weg. Foto: M.Denecke

Auf in die Welt – aber bis Hong Kong ist’s ein langer Weg. Foto: M.Denecke

Das Gefühl, das Zuhause und all die Lieben zurückzulassen, kenne ich schon – zwei Jahre England liegen schließlich gerade hinter mir. Aber monatelang immer unterwegs zu sein, alles was man hat in einem Rucksack mit sich herumzutragen – das kenne ich wirklich noch nicht.

Ich denke zurück an meinen Bolivien-Trip letztes Jahr im Sommer: Kein Wort Spanisch kannte ich. In Südamerika war ich noch nie gewesen. 7 Wochen totaler Ausnahmezustand. Es wurde eine wunderbare Zeit. Aber das wusste ich natürlich noch nicht, als ich vor dem großen Abflug am Madrider Flughafen saß und ich mich krampfhaft von meiner Panik ablenken musste. Na ja, hatte damals geklappt. Irgendwie.

Also: Das Gefühl am Anfang einer großen Reise ist wahrscheinlich immer gleich. Angst hat man. Das ist nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist, wie man mit dieser Angst umgeht. Dass man die große Reise trotzdem macht.

Wenn man das große Ganze sieht, kommt es einem vielleicht furchterregend vor. Wenn man sich aufs Detail konzentriert, auf die nächsten Schritte zum Beispiel oder die Menschen um einen herum, dann vielleicht nicht mehr.

Also: auf, auf!

Hat die Förderschule noch Zukunft? Eine Spurensuche

Hat die Förderschule noch Zukunft in Deutschland? Bringt Inklusion wirklich das, was sich Politiker davon versprechen? Können alle Schüler gleich behandelt werden? Und haben alle Schüler eine chancenreiche Zukunft vor sich?

Förderschule - in Deutschland nicht gewollt. Aber gebraucht? Foto: M.Denecke

Förderschule – in Deutschland nicht gewollt. Aber gebraucht? Foto: M.Denecke

Wenn ihr hier klickt, kommt ihr zu der Reportage, die Kollegen und ich an der Hasenclever-Förderschule in Gevelsberg, NRW, gemacht haben. Die Reportage ist 30 Minuten lang und läuft bei nrwision, dem Lernsender für Nordrhein-Westfalen, ausgestrahlt.

Die Reportage entstand im Rahmen der Arbeit bei do1, der Fernsehredaktion der TU Dortmund.

Viel Spaß!

Neues Video: Liebesgeschichten aus dem Zoo

Wie geht es einer Orang-Utan-Dame, die hochschwanger ist? Und was darf eine schwangere Pflegerin noch alles im Zoo machen? Und was machen Robben ganz besonders?

Ziege im Zoo

Noch solo im Zoo… Foto: M.Denecke

In der Sendung Ortstermin: Beziehungsgeschichten aus dem Zoo besuchen wir Journalistik-Studierenden der TU Dortmund die tierischen Bewohner des Dortmunder Zoos. Die Sendung ist 14 Minuten lang.

 

Viel Spaß bei unseren tierischen Geschichten!