USA – das Land der Ignoranten?

Die Geschichten sind ja immer ganz lustig: Jeder kennt irgendwoher mindestens einen Ami, der nicht weiß, dass Europa ein Kontinent und kein Land ist, dass die Hauptstadt Deutschlands Berlin heißt oder dass wir nicht alle auf mittelalterlichen Burgen leben.

Kann man den Amerikanern (hm, die Amerikaner… wer soll das eigentlich sein?) nachsehen, dass sie von der Welt „da draußen“ oft erschreckend wenig wissen?

Ja und nein.

Zum einen ist es für uns Europär einigermaßen unverständlich, dass man so wenig über die Welt wissen kann wie viele Amerikaner es tun. Nicht, dass es bei uns nicht auch die Leute gibt, die keinen einzigen Bundespräsidenten benennen können und für die 1989 keine Jahreszahl von Bedeutung ist. Aber zumindest die können wohl noch vier europäische Länder aufzählen und Russisch von Spanisch unterscheiden. Sie wissen, dass man bei uns mit dem Euro und in den USA mit dem Dollar bezahlt. (Letzteres wohl eher als Ersteres.) Aber was die „Amis“ angeht…

Amerika – „the greatest nation on Earth“?

Zeugt es da nicht von unheimlicher Arroganz und/oder Gleichgültigkeit dieser Amis, sich so überhaupt nicht für die Welt zu interessieren? Wenn andere Länder mal in den Nachrichten erwähnt werden, dann eigentlich nur, weil Amerika Krieg mit ihnen führt oder gerade ein Regierungsvertreter dorthin reist. Man lernt nichts darüber, was in Brüssel oder Kapstadt passiert, aber dafür, wer wen in der Nachbarschaft nebenan umgebracht hat – mit Foto („mugshot“), Live-Verfolgungsjagd und allem drum und dran.

Amerika, "the greatest nation on Earth"? Foto: M.Denecke

Amerika, „the greatest nation on Earth“? Foto: M.Denecke

Erscheint es da nicht ein wenig lächerlich, dass viele Amerikaner immer noch denken, dass ihr Land das großartigste der Erde ist („the greatest nation on Earth“), dass sie alle Aufgaben dieses Universums allein stemmen können und sie keine andere Sprache brauchen als ihr American English? (Das in Texas aber eine andere Sprache zu sein scheint als z.B. an der Ostküste…)

Ja, stimmt. Aber wir Europäer zeigen uns in dieser Diskussion auch nicht gerade von unserer kosmopolitischsten Seite. Zu gern irgnorieren wir die amerikanische Sicht der Dinge.

„World police“ und Glaube an ein großes Wort

Nichts ist in der US-amerikanischen Mentalität so sehr verankert wie der Glaube daran, in einem mächtigen Land zu wohnen,  das die Rolle der „world police“ spielen muss. Und, damit verbunden, der Glaube daran, ein auserwähltes, ein besonderes Volk zu sein. Das Volk der Pioniere, das Volk, das auch den blutigsten Bürgerkrieg der Geschichte überstanden hat (zumindest auf dem Papier). Das Volk, das auf einem großen Prinzip gegründet wurde: Freiheit. Die Freiheit, sich zu entfalten wie man möchte, zu glauben, was man möchte, zu leben, wie man möchte, dieses Leben zu verteidigen, wie man möchte, sein Geld zu verdienen, wie man möchte, seine Kinder zu erziehen, wie man möchte, werden, was man möchte.

Das Manifest Destiny spricht davon, der berühmte Ralph Waldo Emerson spricht davon, und Walt Whitman in seinem berühmten Gedicht „Pioneers! O Pioneers“ sowieso.

Dieser schier unglaubliche Blick auf das eigene Sein kommt einem in diesem Land überall entgegen: in den Nachrichten (die lokal und im besten Fall national sind), in der Politik sowieso, in der Übermittlung der Geschichte, bei jedem Baseballspiel. Jede der unzählbaren US-Flaggen an Häusern, in Bars, ja in Kinos scheint zu rufen: Seht, was wir aus diesem Land gemacht haben! Haben wir nicht zwei Weltkriege beendet? Sind wir nicht die Wiege der modernen Demokratie? Spielen wir nicht überall eine zentrale Rolle? Opfern wir nicht unsere Männer und Frauen für euren Frieden? Stehen wir nicht immer wieder auf?

Die "star sprangled banner" weht einem in den USA überall entgegen. Foto: M.Denecke

Die „star sprangled banner“ weht einem in den USA überall entgegen. Foto: M.Denecke

„O say can you see
by the dawn’s early light,
what so proudly we hailed
at the twilight’s last gleaming,
whose broad stripes and bright stars
through the perilous fight,
o’er the ramparts we watched,
were so gallantly streaming?“

Das sternenbesetzte Banner – wofür steht es nicht alles…

Doch eine entscheidende Rolle beim Verstehenwollen des Landes (und ich hadere jetzt noch oft damit) spielt auch seine schiere Größe: Wirft man den Amerikanern nicht oft vor, dass ihre Ignoranz daher kommt, weil viele ihr Land noch nie verlassen haben? Ja viele nicht einmal einen Reisepass besitzen?

Wünschenswert wäre das, klar. Aber gleichzeitig sind wir Europäer verwöhnt: Wir brauchen nur wenige Stunden, um in ein anderes Land mit anderer Sprache, Kultur und jahrhundertealter Geschichte zu kommen. Und wir brauchen gut acht Stunden, um Deutschland mit dem Auto zu durchqueren. In acht Stunden durchquert man in den USA einen kleinen Teil des Mittleren Westens. Von Chicago aus sind New York und Los Angeles Ewigkeiten weg. Und Europa erst recht.

Zumal Amerikaner keine 30 Tage pro Jahr frei bekommen, um einen Monat lang irgendwohin backpacken zu gehen oder im Sommer in die Türkei und im Winter nach Italien zu fliegen. Wer Glück hat, hat hier zehn Tage im Jahr Urlaub. Zeit, die man nicht unbedingt in einem stundenlangen Flug und mit Jetlag verbringen möchte. Das kann ich verstehen.

Was ich hier NICHT sagen will ist, dass es okay ist, sich nicht für andere Länder, Weltpolitik oder andere Kulturen zu interessieren. Was ich aber sagen möchte ist, dass das glaube ich bei vielen Amerikanern oft gar nicht der Fall ist. Dass wir uns die Entwicklungsgeschichte und die Werte anderer Kulturen einfach mal genauer ansehen sollten, bevor wir urteilen.

Auf in die Welt! Teil 8: Lecker, Skorpione!

12.-14. September

Wir machen noch einen letzten Abstecher von Hongkong aus. Mit dem Zug geht es hinein nach Südchina: in die Stadt Guangzhou in der Region Guangdong, der „Fabrik der Welt“.

Guangzhou überwältigt. Die Stadt kommt daher wie eine überdimensionierte Luxuswohnung. Der Perfluss windet sich durch die Stadt wie teures Geschmeide. Die neuen Wolkenkratzer funkeln im Wasser. Die Straßen sind so sauber, die Autos so teuer und die Menschen so reich, dass man es nicht glauben mag. Sicherlich gibt es auch ganz andere Seiten, aber in meinen drei Tagen dort kriege ich sie nicht zu Gesicht.

Skorpion gilt als Delikatesse in China. Nur den Stachel sollte man vorher entfernen. Foto: M.Denecke

Skorpion gilt als Delikatesse in China. Nur den Stachel sollte man vorher entfernen. Foto: M.Denecke

Was allerdings noch eindrücklicher ist: das Essen. Skorpionensuppe (schmeckt wie Hühnchen). Austernsuppe. Huhn, Tibeter Art (simpel zubereitet, natürlich alles noch dran – aber lecker!). Hühnerleber. Ingwersaftgelee (urg). Wassermelonensaft. Moon Cake. Schnappschildkrötengelee mit Honig. Muscheln und Schnecken. Achso, ja, und: Skorpion. Also so richtiger.

Schwanz und Stachel muss man halt abmachen. Dann: Foto machen. Und: Augen zu und schnell kauen! Oder, besser: Nicht kauen, nur schlucken. Ergebnis: schmeckt ein bisschen wie Hühnerknochensuppe: irgendwie sandig und ein wenig fad. Soll angeblick eine Delikatesse sein. Probieren sollte man sie sicherlich, wenn sie eh schon auf dem Tisch steht. Ständig muss ich sie nicht haben.

Auf in die Welt! Teil 7: Hongkong, du irres Kind

8.-17. September

Hongkong. Was für ein Wesen!

Es dauert, bis man sich an dich gewöhnt. Es dauert länger, bis man dich mag. (Geht zumindest mir Landkind so.)

Du bist bunt. Du bist laut. Du bist wild. Triffst nicht jedermanns Geschmack. Bist oft unerträglich. Bist einzigartig. Sehenswert. Unvergesslich.

Hongkong - wild und wunderbar

Hongkong – du wilde und wunderbare Stadt. Foto: M.Denecke

Aber dennoch ist man ganz froh, dass man dich irgendwann auch wieder los wird, du irres Kind – so ging es mir zumindest.

Ich hing noch mit dem Sohn der Fs und seinen Freunden in Causeway Bay ab, das „hippe“ Viertel mit seinen unglaublichen Shopping Malls und Gamer Hallen… Dass dieses Viertel niemals schläft, glaube ich sofort! Der „Times Square“ ist hier zwar kleiner als der in New York, aber genauso wild und wuselig.

Macau! Casino-Paradies auf der anderen Seite der Bucht. Spannender für mich waren da aber eher zum Beispiel das Sun Yat-Sen Museum oder die St Paul’s Church, von der wegen eines Brandes nur noch die Fassade in der Stadt Macau steht. Ehemals eine portugiesische Kolonnie, kommt mir Macau wie aus eine andere Welt mitten in Asiens schwülem Herbst vor.

Macau war portugiesische Kolonnie - das merkt (und sieht) man heute noch. Foto: M.Denecke

Macau war portugiesische Kolonnie – das merkt (und sieht) man heute noch. Foto: M.Denecke

Tipp: Wer Hunger, aber kein Geld hat, ist in Macau absolut richtig – denn auf dem lokalen Markt kann man so viel probieren, dass man fürs Essen wirklich kein Geld einplanen muss. Bekannt ist Macau für seine Backwaren und sein Trockenfleisch.

Am letzten Tag waren wir viel unterwegs: auf der Shopping-Promenade Tsim Sha Tsui (kurz: TST), auf der Victoria Peak, dem höchsten Punkt auf Hongkong Island mit unglaublichem Ausblick, am knallbunten Vergnügungspark Ocean Park, auf dem Bird Market, ein paar mehr Shopping Malls…

Komisch, wie einem das, was vor ein paar Tagen noch so unglaublich fremd und exotisch klang, roch und aussah, plötzlich so vertraut sein kann. Wie es einem ans Herz wächst – du irres Kind Hongkong.

Und wie sehr ich dich vermissen werde.

„Das Leben nicht damit verschwenden, Erwartungen zu erfüllen“

Reisen macht klug. Sogar weise. Ein Jahr Reisen muss einen so mit Erkenntnissen anfüllen dass man sie – nur noch aufschreiben kann. Meike Winnemuth, Journalistin, hat das im Jahr 2011 gemacht. Sie ist ein Jahr durch die Welt gereist – 12 Städte in 12 Ländern in 12 Monaten. Erkenntnisse dieses Jahres hat sie in ihrem großartigen Buch „Das große Los“ festgehalten. Erkenntnisse, von denen ich einige so schön und so klug fand, dass ich sie auch einmal festhalten wollte. Et voilà:

„Etwas Neues ins Leben zu lassen, Anfänger in einer Sache zu sein, ist die schönste Form von Adrenalin, die ich kenne.“

„Seltsamerweise sind es ja stets die einfachsten Sätze, die den größten Mut brauchen: Ich brauche deine Hilfe. Mich ärgert etwas. Ich habe Angst davor. Ich weiß nicht, wie das geht. Ich möchte es gern anders. Und gleichzeitig sind es genau diese Sätze, die etwas in Bewegung bringen.“

No worries, mate ist eine sehr brauchbare Weltanschauung.“

„Nie denken, man weiß schon alles.“ (bis hierhin aus dem „Sydney“-Kapitel)

„Das Vorübergehende zu lieben. Mehr estar, weniger ser.“

„(…) was für einen Gefallen man sich selbst tut, indem man anderen einen Gefallen tut.“ (bis hierhin aus dem „Buenos Aires“-Kapitel)

„(…) zuschauen, zulassen, hinnehmen.“

Andere Perspektiven einnehmen - und ganz genau hinschauen. Foto: M.Denecke

Andere Perspektiven einnehmen – und ganz genau hinschauen. Foto: M.Denecke

„Dass man jede Sache immer aus einer anderen Perspektive sehen kann. (…) Lohnt sich, immer mal wieder die Definitionshoheit infrage zu stellen.“ (bis hierhin aus dem „Mumbai“-Kapitel)

„Selbst hinfahren, hingehen, hinschauen ist die einzige Möglichkeit, sich von seinen Vorurteilen zu befreien.“

„Wenn ein Chinese etwas perfekt findet, sagt er cha bu duo. Übersetzt: ‚Es fehlt nicht viel.‘ Eine perfekte Haltung zum Thema Perfektion.“ (bis hierhin aus dem „Shanghai“-Kapitel)

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