Wir basteln uns einen Bestseller – eine Glosse

Um Millionär zu werden, dachte ich als Kind immer, muss man besonders viel können: Man muss klug sein, irgendetwas besonders Dolles studiert haben, wichtige Leute kennen und unzählige Stunden am Tag in einem sehr hohen Gebäude in einer großen Stadt arbeiten. Heute weiß ich: Um Millionär zu werden, muss man nur kitschig schreiben können.

Wenn man bedenkt, dass Stephenie Meyer, Autorin der “Twilight”-Bücher (im Deutschen kreativst mit “Bis(s)…” übersetzt), durch ihre Arbeit pro Jahr so zwischen 40 und 50 Millionen Dollar Gewinn macht, ist das nicht schlecht. Was sie dafür brauchte? Einen Traum. Und Google.

Wie bitte, was? Genau: Meyer kam die Idee zu dieser östrogen-triefenden Schmonzette eines schüchternen Mädchens und eines ewig deprimierten Vampirs, die sich unsterblich ineinander verlieben, im Traum. Umrahmt von vielen bunten Blumen und einer sonnigen Lichtung, die es ins Buch und auch in den Film geschafft hat.

Bestseller - aus einem Buch Geld machen. Aber wie?

Bestseller – aus einem Buch Geld machen. Aber wie? Foto: M.Denecke

Dann brauchte die Amerikanerin, die bis dahin Englisch studiert und ihre drei Söhne groß gezogen hatte, nur noch die Suchmaschine, suchte sich ein bisschen was über Vampire, Werwölfe und den regnerischsten Ort der USA zusammen, und schon entstand auf rund 2300 Seiten die “Twilight”-Reihe, die weltweit den Buchmarkt auf den Kopf stellte und Teenies reihenweise davon träumen ließ, mal von einem Vampir gebissen zu werden. Verdammt, denke ich mir, warum hatte ich diese Idee nicht?

Oder gucken wir uns mal eine andere moderne Buch-Hysterie an: “Shades of Grey”, einem unverblümten Abklatsch der “Twilight”-Reihe. Dieses beinahe 2000 Seiten umfassende, häm, Meisterwerk kommt ganz ohne dieses ganze Fantasy-Gedöns aus, dafür gibt es halt so ein bisschen Sadomaso – die moderne Version des Hausfrauenpornos also. Hm, okay, ob ich das unbedingt gern geschrieben hätte, weiß ich nicht. Auf der anderen Seite: Allein in den ersten sechs Monaten nach Erscheinen des ersten Bandes wurden davon weltweit 30 Millionen Exemplare verkauft, den Verlagshäusern spülten sie Millionengewinne in die Kassen. Und die Autorin E.L. James wird sicherlich auch nicht ärmer geworden sein.

Und so schwer, denke ich mir, kann es doch nicht sein, so etwas einfach mal selbst zu fabrizieren. Was braucht man also, um einen Bestseller zu basteln? Wir haben euch die Zutaten zusammengestellt.

1. Der Protagonist

Im Zentrum unseres Projektes muss natürlich, wenn wir uns die vorher genannten Beispiele ansehen, ein Pärchen stehen: ein Junge, ein Mädel, die klassische Kombination. Noch klassischer wird’s in der Rollenverteilung: Der Mann ist der Versorger, und zwar einer, der klotzt, nicht kleckert – unter Multimillionär geht gar nichts. Ob der Typ aber ein mysteriöses Unternehmen hat, das ihn steinreich macht, oder er gut verdienende Eltern hat, ist vollkommen egal. Wichtig ist: Er darf nicht knauserig sein. Schließlich besitzt er ja nicht so viel Geld, um es in einem Tresor aufzubewahren – wir schreiben hier ja kein “Lustiges Taschenbuch”!

Also besitzt unser männlicher Protagonist einen ganzen Fuhrpark an schnellen Autos, hat ein Riesenhaus und mehrere Feriendomizile (gerne auch eine eigene Insel, dort, wo’s warm ist), schicke Klamotten und technischen Schnickschnack, gern etwa einen eigenen Helikopter.

Dass der Knabe gut gebaut sein muss, ist eigentlich so selbstverständlich, dass ich es hier nicht eigens erwähnen müsste. Ganz wichtig ist aber, in dem Roman jede Gelegenheit dazu zu nutzen, der (vor allem weiblichen) Leserschaft klar zu machen, wie gut gebaut der Junge ist.

Das kann ich gerne dadurch tun, indem ich die Protagonistin auf beinahe jeder Seite deswegen einen Ohnmachtsanfall bekommen lasse. Oder aber (noch subtiler) indem ich den Protagonisten einfach immer wieder sein T-Shirt ausziehen lasse – was dann seitenlang im Buch beschrieben wird. Das alles aber bitte in regelmäßigen Abständen! Immer wieder. Immer. Wieder.

2. Die Protagonistin

Nachdem wir uns das nun eingeprägt haben, kommen wir also zur Erzählerin des Ganzen: der Protagonistin. Aus irgendeinem Grund scheint es bei so einem überirdischen Exemplar von Mann gegeben, dass das Mädel so tollpatschig, schüchtern und unschuldig sein muss, dass es schon beinahe an Lächerlichkeit grenzt.

Aber egal, wir schreiben hier einen Bestseller, keinen neuen Shakespeare. Und da dem so ist, ist natürlich klar, dass das Mädchen trotzdem ziemlich gut aussehen muss – Brille und gesundes Essverhalten gehen gar nicht, lange Haare sind ein Muss. Und: Sie darf auf keinen Fall wissen, wie gut sie aussieht. Denn “entdeckt” wird sie ja erst durch den Super-Mann in unserem Buch.

Um das noch zu toppen, ist eins dringend nötig: Das Mädchen muss so unerfahren sein, wie es nur irgendwie geht. So oft, wie ich meinem Leser ins Hirn prügele, dass der Protagonist Adonis-mäßig aussieht, so oft betone ich auch: Dieses Mädchen ist eine Jungfrau, die von unserem Helden gerettet werden muss! Versteht das doch!

3. Das Umfeld

Unser Bestseller braucht natürlich auch einen entsprechenden Rahmen. Der ist zwar nicht besonders wichtig, weil er nicht von unserer Liebesgeschichte ablenken soll, aber so ganz ohne ist’s einfach komisch. Daher nehmen wir am besten etwas, das die Mehrheit unserer Leserinnen kennen wird: kleine oder mittelgroße Städte. Denn sie lenken nicht ab, im Gegenteil: Sie lassen unsere Sternchen am Literaturhimmel noch heller strahlen.

Die Schule oder Uni ist außerdem als Umfeld unerlässlich. Schließlich geht unsere Zielgruppe (also die Menschen, mit denen wir Geld verdienen wollen) derzeit zur Uni oder sie ging (vor längerer oder kürzerer Zeit) in die Schule, sodass lustige Anekdötchen aus dem Bio-Unterricht oder der Cafeteria so oder so noch nachvollzogen werden können.

Ihr möchtet gerne weiterlesen? Zur gesamten Glosse geht es hier lang – viel Spaß!

“Ausländische Studenten haben es nicht leicht”

Wer an der TU Dortmund studiert und gleichzeitig aus dem Ausland kommt, der hat es schwer, sehr schwer. Das zumindest sagt Maia Iobidze, 29, die selbst aus Georgiens Hauptstadt Tiflis stammt und seit 2005 an der TU studiert. Gerade hat sie den Preis des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für ihr Engagement bekommen. Dabei kämpft sie, immer noch – denn an der Situation ausländischer Studierender muss viel verbessert werden, sagt Maia. Mit ihr sprach pflichtlektuere.com-Autorin Marie Denecke.

pflichtlektuere.com: Was genau macht das Autonome Ausländerreferat, das AAR, eigentlich?
Iobidze: Es kümmert sich um alle Belange der Studierenden, berät und unterstützt sie, vertritt ihre Interessen in der Hochschulpolitik wie etwa im Studierendenparlament. Wir sind Ansprechpartner für alle Themen der ausländischen Studierenden, helfen zum Beispiel auch bei Problemen rund um Prüfungen oder rund ums Visum. Bei Letzterem haben wir momentan zwar nicht viele Möglichkeiten, aber eine Nachfrage und Beratung hilft oft schon. Außerdem organisieren wir interkulturelle Veranstaltungen, kooperieren mit unterschiedlichen Vereinen, der Ausländerbehörde in Dortmund, dem Referat Internationales und den Ausländerbeauftragten der Fakultäten. Momentan wird zum Beispiel auch daran gearbeitet, eine Korrekturstelle in der studentischen Selbstverwaltung, dem AStA, einzurichten.

pflichtlektuere.com: Mit welchen Schwierigkeiten werden ausländische Studierende in Deutschland konfrontiert?
Iobidze: Das wichtigste Thema ist das Visum. Ausländische Studierende müssen immer fürchten, dass ihr Visum nicht verlängert wird. Sie wissen nicht, ob sie für ein oder zwei Jahre oder nur für ein paar Monate hier sind. Das ist eine Planungsunsicherheit, die sehr schwierig ist für die Studierenden. Wir bekommen viel von dem mit, wie es bei der Ausländerbehörde hier in Dortmund läuft. Ob das Visum für einen Studierenden verlängert wird, hängt manchmal einfach von der Tagesstimmung des Sachbearbeiters ab. Studierende werden manchmal sogar angeschrien und abweisend behandelt. Gründe dafür sind oft Unterbesetzung und mangelnde interkulturelle Kompetenz. Auch haben die Studierenden oft große Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden, weil Vermieter Angst haben, ihr Geld nicht zu bekommen. Wir vom AAR wissen zum Beispiel, dass vielen Studierenden aus Afrika, aber nicht nur, auf der Wohnungssuche nicht mal die Tür aufgemacht wird. Auch Ausländerfeindlichkeit ist oft noch ein Thema.

pflichtlektuere.com: Und wie ist die Situation an der TU?
Iobidze: Der Anfang für ausländische Studierende ist schwer. Sie kennen das Land nicht, können die Sprache nicht so gut, das Hochschulsystem ist ganz anders. Es braucht Zeit, sich an das alles zu gewöhnen. Ich musste mir zum Beispiel angewöhnen, laut meine Meinung zu sagen. Den Dozenten fehlt oft die interkulturelle Kompetenz und die anderen Studierenden gehen auf die ausländischen Studierenden oft nicht ein. Auch ist Information hier ein Problem. Viele Studierende verpassen zum Beispiel die Einführungsveranstaltungen der Uni, weil sie arbeiten müssen oder noch gar nicht im Land sind. Es wäre schön, wenn die Betreuung der außereuropäischen Studenten auch so aktiv gestaltet werden würde wie bei den Erasmus-Studenten. Man merkt einfach, dass Erasmus-Programme wesentlich besser finanziert werden als andere.

pflichtlekuere.com: Wie war das bei dir, als du im Jahr 2005 an die TU kamst?
Maia ist 2002 als Au-Pair nach Deutschland gekommen. Nach Sprachkursen hat sie im Sommersemester 2005 ihr Studium in Dortmund begonnen. Derzeit macht sie ihren Master in Psychologie und Sozialpädagogik auf Lehramt. Neben ihrem Studium war sie immer engagiert, war Mitglied im Fachschaftsrat Psychologie, engagierte sich im AAR und bietet Schreibberatung an.
Iobidze: Ich habe mich schlecht beraten gefühlt. Zum Beispiel habe ich erst nach vier Semestern gemerkt, dass ich meine Fächer auf Lehramt studiere. Das hat mir am Anfang niemand gesagt. In der Beratung des Referat Internationales sitzen Berater, die sich mit den einzelnen Fächern nicht so gut auskennen. Mir wurde zum Beispiel geraten, Journalistik zu studieren, weil ich doch so gut Deutsch spräche – aber das wäre nie etwas für mich gewesen. Die Studierenden, die an der TU studieren wollen, müssen dann auf einem Zettel ankreuzen, was sie studieren möchten, zumindest war das bei mir vor sieben Jahren so. Dabei geht es vielen vor allem darum, so schnell wie möglich die Studienzulassung zu bekommen. Das liegt daran, dass sie ihr Visum und damit ihre Arbeitserlaubnis erst dann bekommen, wenn sie auch die Zulassung der Uni haben. Das sollte bei der Beratung im Hinterkopf bleiben. Die Beratung, wie es sie jetzt gibt, ist natürlich wichtig, aber die Wünsche und Möglichkeiten der Studierenden sollte stärker berücksichtigt werden. Wegen der Lehramtsgeschichte habe ich ein Jahr lang sehr mit mir gehadert. Inzwischen mag ich es aber und hoffe, im Mai mein Referendariat zu beginnen. Gerade Psychologie als Unterrichtsfach macht mir sehr viel Spaß.

pflichtlektuere.com: Wie kann man die Situation der ausländischen Studierenden an der TU verbessern?
Iobidze: Die Liste ist lang. Es sollte zum Beispiel bessere Beratungen geben. Außerdem sollte in jeder Fakultät und in jedem Institut der Faktor, dass ausländische Studierende dort auch studieren und dass sie manchmal intensivere und aufmerksame Betreuung brauchen, allen bewusst  sein. Dementsprechend sollten auch die Angebote gestaltet werden. Auch die Fachschaften sollten diese Zielgruppe nicht aus den Augen verlieren. Oft wissen selbst die Ausländerbeauftragten nicht, wie viele ausländische Studierende in der jeweiligen Fakultät studieren, und machen keine spezifischen Angebote. Dabei sollte zum Beispiel eine regelmäßige Rückmeldung zu den Hausarbeiten und Klausuren fester Bestandteil des Betreuungsangebotes sein – und zwar für alle Studierenden. Denn die Noten vieler Studierender werden um sehr viele Punkte heruntergesetzt nur wegen ihrer Rechtschreibfehler. Da müsste es auch innerhalb der Institute Angebote geben, die den Studenten helfen. Daher hoffe ich auch, dass die Schreibberatung fester Bestandteil der Universität bleibt, auch wenn die Projektphase ausgelaufen ist.

pflichtlektuere.com: Habt ihr Probleme, Studierende für eure Arbeit zu begeistern?
Iobidze: Ja, schon. Viele wissen nicht einmal, dass es solche Gremien wie das AAR gibt, oder erfahren erst sehr spät davon. Außerdem wissen viele auch nicht, dass die Gremienarbeit manchmal mit Honoraren vergütet werden. Das Problem, Studierende für Hochschulpolitik zu begeistern, ist aber eher ein generelles. Bei ausländischen Studierenden kommt hinzu, dass sie kaum Zeit haben neben ihrem Studium, der Arbeit, Deutsch lernen und Terminen bei der Ausländerbehörde, sich noch hochschulpolitisch zu engagieren. Oft aber trauen sich viele erst gar nicht. Daher sollten die Fachschaftsvertreter darauf achten, dass sich die Vielfalt der Studenten in den Studiengängen auch in der jeweiligen Fachschaft wiederspiegelt. Denn genau dadurch hatte die Fachschaft Psychologie, deren Mitglied ich war, sehr viel Erfolg und wurde als beste internationale Fachschaft 2010 ausgezeichnet.

pflichtlektuere.com: Wann und warum hast du dich engagiert?
Iobidze: Ich habe angefangen in der Fachschaft Psychologie. Freiwillig hätte ich das allerdings nie gemacht. Anfangs wusste ich gar nicht, dass es so etwas wie eine Fachschaft gibt. Aber eine Freundin hat mich dazu überredet, mich in der Fachschaft zu engagieren. Und dann habe ich mich in die Themen der Hochschulpolitik eingearbeitet, hatte verschiedene Aufgaben. Ich bin zum Beispiel zu den Fachschaftsrätekonferenzen und ins Studierendenparlament gegangen. Was ich da erlebt habe, hat mich aber schockiert.

pflichtlektuere.com: Wieso?
Es herrschen eher feindselige Kommunikationsformen vor, mit denen engagierte Studenten aus der Hochschulpolitik gejagt werden. Unsere Vorschläge wurden oft von vornherein abgelehnt. Wir ausländischen Studierenden und AAR-Mitglieder wurden oft wie Verbrecher behandelt, jeder neue Beschluss war ein Kampf. Und ich musste viel kämpfen. Das AAR hatte bis vor einigen Jahren zum Beispiel nur ein Budget von 1000 Euro jährlich. Was soll man damit schon machen können? Ich habe es jetzt auf 12.000 Euro jährlich aufstocken können, aber das ist immer noch minimal im Gegensatz dazu, wie viel Geld ausländische Studierende für den AStA zahlen. Das sind insgesamt circa 36.000 Euro jährlich, denn wie alle Studierenden zahlen auch die ausländischen Studierenden 6,51 Euro pro Kopf dafür. Es wäre viel hilfreicher, wenn mit diesem Geld ein Hilfsfond eingerichtet würde oder die bereits erwähnten Korrekturarbeiten geleistet würden. Aber so, wie es jetzt ist, werden die AAR-Referenten oft nicht in wichtigen Themen einbezogen wie etwa die Anstellung eines Ausländerberaters.

pflichtlektuere.com: Warum sollten sich ausländische Studierende trotzdem engagieren?
Iobidze: Damit ihre Interessen vertreten werden. Außerdem ist es wichtig, diese Erfahrungen für das spätere Berufsleben mitzunehmen. Denn auch Konflikte bringen einen weiter. Ich möchte diese Erfahrungen nicht missen und habe viel daraus mitgenommen. Allerdings sollten sich ausländische Studierende nicht nur für die Angelegenheiten der ausländischen Studenten einsetzen, sondern grundsätzlich mitmachen. Es ist wichtig teilzuhaben und teilzunehmen.

Veröffentlicht auf http://www.pflichtlektuere.com am 21.11.2012. Den vollen Artikel findet ihr hier.

Rathaus: Feierlaune versus Frust

Die Feierlaune bei der SPD will gar nicht aufhören – schließlich liegt sie in Dortmund derzeit mit 50 Prozent vorn, die CDU hingegen hat nur 21,8 Prozent der Stimmen bekommen. Ein Großteil der Dortmunder Wahllokale ist bereits ausgezählt. Demnach haben die Grünen 11,7 Prozent der Stimmen bekommen, die FDP 3,6 Prozent, die Linken 3,5 Prozent und die Piraten 9,3 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag in Dortmund bei 55,7 Prozent.

Von Marie Denecke

Die Piraten, ist bei der SPD zu hören, hätten den Sozialdemokraten weniger weh getan als gefürchtet – und die Sozialdemokraten wollen jetzt die Ärmel hochkrempeln. Hier sieht es so aus, als würden alle vier Direktkandidaten direkt in den Landtag kommen. Eine von ihnen ist Nadja Lüders: „Das Wochenende ist kaum noch zu toppen!”, freut sie sich. „Wir hätten nie gedacht, dass wir auch in Dortmund so viele Stimmen kriegen!”

Die Liberalen feiern auch, als die Säle im Rathaus um den eigenen Saal herum leerer werden: „Sehr, sehr schön” sei die Stimmung, sagt Fraktionsvorsitzender Lars Rettstadt. Damit, dass die FDP wieder in den Landtag einziehen werde, habe er gerechnet, auch habe er an den Wahlständen „viel Unterstützung” von den Bürgern erfahren. „Wir haben unsere Glaubwürdigkeit zurückerobert”, sagt Rettstadt – und wolle nun auch „große Dankbarkeit gegenüber dem Wähler” ausdrücken.

Es ging um die Rot-Grüne Mehrheit

Feiern wollen auch die Grünen an diesem Abend – auch wenn unter den Mitgliedern zwischen dem Lob für das Wahlergebnis und das vollkommen vegetarische Büffet Unverständnis darüber herrscht, dass die FDP so gut abgeschnitten hat. „Klar” hätten die Grünen besser abschneiden können, sagt Direktkandidat Ulrich Langhorst. Doch für ihn gelte derzeit vor allem eines:  „Es ging darum, dass Rot-Grün eine klare Mehrheit schafft.” Und „unterm Strich” hätten die Grünen das Ergebnis halten können. Auch seien die Piraten hier ein „Unsicherheitsfaktor” gewesen.

Freuen kann sich Saziye Altundal-Köse: Die Grünen haben 12,2 Prozent geholt. „Das ist gut”, so die Dortmunder Direktkandidatin anerkennend – auch wenn sie gesteht: „Nach dem Wahlkampf haben wir auf mehr Stimmen gehofft.”

Große Niederlage für die CDU

Klare Worte für die Parteiniederlage findet Steffen Kanitz, Kreisvorsitzender der CDU: Eine „große Niederlage” sei das Wahlergebnis, ein „Fiasko”: „Die Stimmung ist natürlich gedrückt.” An dem Ergebnis habe man die „Bedeutung des Spitzenkandidaten” gesehen, bei der CDU und Spitzenkandidat Norbert Röttgen habe es da „Fehler von Anfang an gegeben”. Nun gehe es darum, „Vertrauen zurückzugewinnen.” Zumindest der BVB wird aber an diesem Abend auch von den Christdemokraten noch gefeiert: „Klar, das gehört sich als Dortmunder so”, so Kanitz.

Die Linken und die Piraten haben sich im Dortmunder Rathaus an diesem Wahlabend übrigens nicht blicken lassen. Aber so schmerzlich vermisst wie der BVB auf dem allmählich nächtlich werdenden Friedensplatz wurden sie wohl nicht. Auch wenn zumindest die Piraten richtig viel zu feiern haben – das tun sie aber nicht im Rathaus, wie Kandidat Christian Nissen per Twitter mitteilte, sondern im „Taranta Babu”.

Veröffentlicht am 13.05.2012 auf http://www.pflichtlektuere.com. Den Artikel gibt es hier.

Facebook für (Geschäfts-) Freunde – das Interview

Julia Leihener  hat das Projekt “eEtiquette” geleitet, eine Art Knigge für das “digitale Zeitalter”. Ein ganzes Team hat hier “101 Leitlinien für die digitale Welt” zusammengestellt. Nicht 101, sondern 10 Tipps wollte pflichtlektüre Online für den Umgang mit Facebook haben. Lest hier also selbst, warum Facebook besonders für Kontakte nach China wichtig ist und welche Fotos ihren Weg lieber nicht ins soziale Netzwerk finden sollten.

Von Marie Denecke

1. Wie trenne ich geschäftliche und private Kontakte auf Facebook?

Man kann bei Facebook Listen führen, die unterschiedliche Einsichten in das eigene Profil erhalten. So lassen sich Urlaubsbilder mit Freunden und Verwandten teilen, ohne dass auch der entfernte Kollege einen Blick auf den nackten Oberkörper am Strand erhascht.

2. Wenn man Facebook geschäftlich nutzt, in welchem Umfang sollte das geschehen?

Die geschäftliche Nutzung von Facebook verlangt letztendlich, dass die private Nutzung so stark eingeschränkt wird, dass Geschäftspartner über Facebook-Mitteilungen keinen unprofessionellen Eindruck erhalten. Für viele Nutzer reduziert sich damit aber der Nutzen der offenen Kommunikation zwischen Freunden so sehr, dass sich die Nutzung von professionellen Netzwerken wie Xing oder LinkedIn für die geschäftlichen Kontakte anbietet.

3. Sollte man sich auf Facebook einfach geben, wie man ist, ohne zwischen geschäftlichen und privaten Kontakten zu unterscheiden?

Das hängt vom Typ ab. Wer unter einem erlebnisreichen Wochenende versteht, dass er ausnahmsweise einmal den Gottesdienst in der Nachbargemeinde besucht und auch sonst frei von Tadel lebt, der kann sich auf Facebook gegenüber seinen Geschäftspartnern sehr natürlich geben. Wer hingegen privat das eine oder andere Mal über die Stränge schlägt, der möchte das vielleicht nicht unbedingt im beruflichen Kontext thematisieren und sollte klar zwischen privaten und beruflichen Kontakten unterscheiden.

4. Worauf sollte man bei seinem Profilbild achten?

Hier empfiehlt die eEtiquette: Stelle nur Bilder ins Netz, die Deine Mutter freigeben würde.
Benutze für Dein Onlineprofil ein aktuelles Foto von Dir. Familienfotos, Bilder Deiner Haustiere und Deiner Keniasafari sollten auf Deinem Schreibtisch bleiben.

5. Welche Verhaltensregeln gelten für Status-Meldungen?

Weniger ist mehr. Oder mit der eEtiquette gesprochen: Wer ständig mitteilt, dass er beschäftigt ist, erzeugt den gegenteiligen Eindruck. Hunger und Ermüdung sind keine interessanten Statusmitteilungen. Teile Deinen Anhängern nur relevante Dinge mit.

6. Welche Verhaltensregeln gelten für Verlinkungen?

Weniger ist mehr. Du könntest es bereuen, Dich mit nahen Verwandten, Ex-Partnern, Mitarbeitern oder Deinem Chef in sozialen Netzwerken anzufreunden. Überlege gut.

7. Wie wichtig sind Formalien, also z.B. richtige Rechtschreibung, Duzen oder Siezen, Zeichensetzung…

Sie drücken Höflichkeit aus und sind von daher wichtig. Wer sich nicht um die Rechtschreibung kümmert, Sätze nicht ausformuliert oder schluderig schreibt, der teilt mit, dass er das Gegenüber nicht wertschätzt. Jedoch: Förmliche E-Mails mit Rechtschreibfehlern machen einen schlechten Eindruck. Jedoch lässt Dich ein Tippfehler in einer informellen E-Mail menschlicher ‘erschneien’. Noch ein Tipp: Nutze die “Copy & Paste”-Funktion, um Namen anderer nicht versehentlich falsch zu schreiben.

8. “Darf” man Kontaktanfragen auch ignorieren?

Ja. Und umgekehrt gilt, dass eine ignorierte Kontaktanfrage zu akzeptieren ist. Eine sorgfältige Freundschaftswahl erhöht die Bedeutung der Verbindungen.

9. Lassen sich Facebook-Funktionen geschäftlich positiv nutzen? (z.B. indem man zeigt, welche Artikel man im Netz liest, welche Länder oder Städte man schon besichtigt hat…)

Da sollte man vorsichtig sein, denn eine überzogene Selbstdarstellung im Netz kann schnell peinlich wirken. Teilen sollte man gezielt dort, wo man beim Gegenüber ein geteiltes Interesse vermuten darf, nicht aber um zu beweisen, wie belesen oder weit gereist man ist.

10. Ist Facebook überhaupt dazu geeignet, Geschäftskontakte zu halten – oder sollte man nicht eher auf Xing oder LinkedIn ausweichen?

Grundsätzlich gilt die Aussage, dass professionelle Kontakte in professionellen Netzwerken gepflegt werden sollten. Ausnahmen sollte man jedoch mit chinesischen Geschäftspartnern machen, denn in China macht man nur Geschäfte mit Menschen, die man auch privat schätzt. Ein Ausschluss aus dem privaten Netzwerk gefährdet in China also die Geschäftsbeziehung.

Facebook für (Geschäfts-) Freunde

Eine Glosse von Marie Denecke

Facebook ist, das wissen wir alle, zu wohl 95 Prozent da, um ziemlich belangloses Zeug zu verbreiten. Urlaubserlebnisse zum Beispiel: “Heute Mittag gab’s Pasta mit Scampi, totaaaal lecker!“ oder: “Ich glaube, der Poolboy hat gewachste Beine!“. Unterhaltsam im besten Falle, im schlimmsten Falle nervig, aber in keinem Fall ist so etwas weltverändernd. Unschön also, wenn mit jedem – wie sagt man das jetzt freundlich? – Unsinn die Facebook-Öffentlichkeit traktiert wird.

Denn von “Freunden” kann man bei den Hundertschaften, mit denen man über Facebook verlinkt ist, nun wirklich nicht mehr reden – zumindest nicht ausschließlich. Denn unsere Facebook-Freude sind nun mal Öffentlichkeit: das sind beste Freunde, gute Bekannte und entfernte Verwandte genauso wie die Lisa aus der Lerngruppe oder Ben, neben dem man mal während der Zugfahrt Köln-Hamm gesessen hat. Und die älteren Kollegen von der Arbeit, der Chef der Praktikumsstelle oder der Leiter des Fortbildungsseminars gehören eben auch dazu.

Die Frage ist da, ob es die auch wirklich interessiert, was man mit seinem Smartphone vom Pool oder Club mal eben – schwupps – online stellt, wie der Freund in einer Speedo-Badehose aussieht oder man selbst beim Schokokuss-Wettessen. Zugegeben, für interessante Gespräche bei der Arbeit am nächsten Montagmorgen dürften diese Sachen sorgen. Aber auch dafür, dass einem der Chef das nächste Projekt anvertraut oder einen der Kollege für eine Aufgabe weiterempfiehlt?

Manche, ganz gewitzte Facebook-User machen also Folgendes: Sie trennen ihre “Freunde” auf, in private und geschäftliche Freundschaftslisten. Damit jeder nicht jeden Kommentar sehen kann, denn so kann man Teile des Profils vor den professionellen Kontakten verbergen. Denn, klar, spätestens so ab Mitte 20 und dem sechsten Praktikum häufen die sich ja auch. Und an die Zukunft denken, das hat ja Mutti schon immer gesagt, ist auch wichtig. Also keine Poolbilder für den eventuell zukünftigen Chef. Sondern Bildergalerien vom letzten Workshop oder Links, die zeigen, wie kompetent und themenbezogen man doch im Netz unterwegs ist.

Dann kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen. Es sei denn… War der Klick da jetzt eben richtig? Wenn man auch immer fünf Dinge gleichzeitig macht! Dann kann es schon mal passieren, dass unter dem Foto vom Chef bei der Eröffnung der Jahreskonferenz der eigene Kommentar aufleuchtet: “Du heiße Schnecke! :D” Mist, war nicht dafür gedacht, sondern eigentlich für Lisas Schaumparty-Bild. Und Lisa? Na, die wird sich über den Kommentar “Eine sehr gelungene Präsentation!” vielleicht sogar freuen.

Veröffentlicht am 16.05.2012 auf http://www.pflichtlektuere.com. Den Artikel gibt es hier.

Strandmode auf dem Campus?

Sonnenschein und Temperaturen über 25 Grad. Spätestens seit einigen Wochen heißt es auch für die meisten bei uns in Deutschland: Flip Flops und Hotpants aus dem Schrank herausholen und die Sonne genießen. Aber sollte man Strandmode auch in der Uni tragen?

Von Marie Denecke

Schon klar: Wenn die Sonne vom Himmel knallt, dann will man nicht an der Uni sein.

In keinem stickigen Seminarraum, in keiner hutzeligen Wohnung, keiner Bibliothek und keinem unspektakulären Gebäude sonstiger Art. Sondern am liebsten draußen. Wo man sich im Sand oder zumindest auf dem Rasen aalen kann, bestenfalls auch mal in den See springen, wo man alles dafür tun kann, um der Sonne auch das letzte Fitzelchen Bräunungskraft abzugewinnen.

Und das kann man nicht nur durch gnadenloses Sonnenbaden erreichen, sondern auch durch ebenso unerbittliches Tragen äußerst knapper Klamotten. Denn, wer will das schon: einen weißen Oberarm und einen tiefbraunen Unterarm, nur weil man obenrum halt ein T-Shirt getragen hat, oder senkrechte weiße Bahnen auf je einem Schulterblatt, wo BH- und Top-Träger saßen. Macht sich gar nicht gut, wenn man sich von der Vorlesung an den Strand oder sich zumindest auf die Wiese vor dem Hörsaal gerettet hat.

Flip Flops – der Traum eines jeden Orthopäden

Aber, Moment… Leben wir nicht in Zeiten des Multitaskings? Warum also nicht auch die Zeit an der Uni dazu nutzen, sich gleich an die Bekämpfung dieser hässlichen weißen Stellen zu machen, die eh nicht zum Bikini-Look passen? Also, Mädels: Top (trägerlos) an, Hotpants (wahlweise auch kurz unterm Hintern angeschnittene Jeans) an! Und Jungs: Bermuda-Shorts (am liebsten wild gemustert) an, T-Shirt (stört eh nur) aus! Spart auch gleich noch Zeit, wenn man denn nach dem Seminar doch noch schnell zum See möchte. Oder falls man es gar nicht mehr schafft, hat man sich das See-Gefühl gleich mitgebracht in die schnöde Übung. Super!

Vergesst aber dann auch nicht das beinahe wichtigste Accessoire: Flip-Flops. Oh ja. Dieser Traum eines jeden Orthopäden, der dem Träger einen einigermaßen aufrechten Gang vereitelt. Und allen Menschen ungefragt etwas über Fußhygiene erzählt. Und schon eine halbe Stunde vorher durch lautes Knallen ankündigt, dass der Träger die Flure entlanggeschlappt kommt.

Eine Frage des Respekts

Liebe Kommilitonen: Denkt doch einfach mal ein bisschen länger darüber nach, wie ihr an die Uni geht. Nicht nur macht ihr euch beim Referat oder der nächsten Sprechstunde lächerlich, wenn ihr jedem unter die Nase reibt, welche neongrelle Klamotten-Absurdität ihr nach dem Winter aus dem Kleiderschrank gezerrt habt. Auch ist es eine Frage des Respekts und guten Geschmacks, dass ihr nicht jedem zeigen müsst, wie denn eure Beine bis hoch in den Schritt aussehen – unabhängig davon, ob sich der Anblick nun lohnt oder nicht.

Und, keine Panik: So schnell verschwindet kein Badesee. Zeit zum Umziehen bleibt immer.

Veröffentlicht am 31.05.2012 auf http://www.pflichtlektuere.com. Den Artikel gibt es hier.

Banker – noch immer ein Traumjob? Das Interview

Handeln Banker moralisch? Wie könnte unser Finanzsystem ethisch werden? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Prof. Dr. Klaus Steigleder. Er ist Philosophie-Professor an der Ruhr-Universität Bochum und forscht unter anderem über Wirtschaftsethik.

Von Marie Denecke

“Für die Wirtschaft sind Finanzmärkte unverzichtbar”, sagt Prof. Dr. Klaus Steigleder ganz zu Anfang. “Daher haben sie auch eine moralische Relevanz.” “Verklären”, sagt er, dürfe man die Finanzmärkte, diese undurchschaubaren Geflechte von finanziellen Transaktionen und Orten, an denen täglich Milliarden Euro, Dollar und Yen gehandelt, gewonnen oder verloren werden, aber nicht. Vielmehr sei es wichtig zu fragen: Inwiefern bringen die Finanzmärkte einen Nutzen für die Realwirtschaft, die Wirtschaft, die jeden von uns betrifft? Und: Wie nachhaltig und effizient sind sie?

Letztere Frage kann Steigleder selbst beantworten: “Der Finanzmarkt ist instabiler geworden.” Risiken hätten zugenommen, und das sei “moralisch bedenklich”, denn: “Diese Risiken bedrohen Unbeteiligte.” Unbeteiligte, das sind die “kleinen Leute”, diejenigen zum Beispiel, die ihr Geld in die Obhut von Banken gegeben haben.

Banken werden gerettet – und handeln so

Steigleder sieht das Risiko klar bei den Finanzinstitutionen, also zum Beispiel Banken. Solche, die “too big to fail” seien, also zu groß und zu (vermeintlich?) systemrelevant, als dass ein Staat sie pleite gehen lassen würde, handelten auch in diesem Bewusstsein, dass sie nicht Pleite gehen können. Doch die Gewinne, die diese Banken einfahren, sagt Steigleder, die seien privatisiert, sie werden also nicht mit der Öffentlichkeit, die schließlich für die Rettung der Banken aufkommt, geteilt.

Wie kann man solchen sogenannten Systemrisiken begegnen? “Das geht nur auf makroethischer Ebene”, so Steigleder. Will heißen: nur im großen Rahmen, etwa über die Politik oder über Staaten, nicht aber, indem man versucht, bei Banken oder etwa einzelnen Bankern Einfluss zu nehmen. “Es ist nicht die Aufgabe der Wirtschaftsethik, individuelle Appelle auszusprechen”, sagt Steigleder. Dass einzelne Menschen im Finanzsystem, zum Beispiel Banker, kriminell handelten, daran glaubt er nicht: “Sie handeln so, wie es von ihnen erwartet wird.”

“Es muss Spielregeln geben”

Nein, es müssten Rahmenbedingungen geschaffen werden, “die den Schaden abwenden, wenn Einzelne nicht moralisch handeln”, so Steigleder. Und wie sollen diese veränderten Rahmenbedingungen aussehen? Steigleder zählt verschiedene Möglichkeiten auf: Finanzinstitutionen (also: Banken) verkleinern, bestimmte Finanzinstrumente (zum Beispiel Risikogeschäfte) verbieten, eine Art TÜV für Finanzinstrumente einführen oder die Vergütung von Bankern ändern. Und: “Die Risiken müssen von denen getragen werden, die sie eingehen”, sagt Steigleder.

Es müsse “Spielregeln” geben, die für alle gelten. Doch die müssten erst erarbeitet werden. “Es wäre wichtig, dass es Kooperationen gibt”, dass sich zum Beispiel Ethik-Forscher mit Wirtschafts- und Politikwissenschaftlern an einen Tisch setzten, Forschergruppen bildeten. “Vielleicht ist das ein bisschen optimistisch”, sagt Steigleder, “aber ich glaube, dass wir weiterkommen könnten, wenn man die drängendsten Fragen in so unterschiedlicher Weise diskutieren würde.”

Doch auch wenn er seine Ideen als optimistisch einstuft, seine Bewertung unserer aktuellen Lage ist es nicht. Denn dass die Krise ein sogenannter “perfect storm” gewesen sei, also ein einmaliges, katastrophales Ereignis, glaubt er nicht: “Wir befinden uns noch mittendrin.”

Und bei allen Wünschen für ein besseres, regulierteres, moralischeres Finanzsystem gibt Steigleder zu bedenken: “Ich glaube, es hat sich gar nichts geändert durch die Finanzkrise. Das muss man deutlich sagen.”

Veröffentlicht am 20.06.2012 auf http://www.pflichtlektuere.com. Den Artikel gibt es hier.

Banker – ein Traumjob?

“Wirtschaftswissenschaften”, oder noch besser: “Management and Economics”. Wer studiert denn das bloß? In Zeiten der Finanzkrise? Ob gewollt oder ungewollt kommt einem da sicherlich schnell der Gedanke: Aha, der wird mal Banker. Ein Mensch ohne Gewissen. Der viel Kohle hat, aber keine Moral.

Von Marie Denecke

“In der Schublade ist man drin, da kommt man nicht mehr raus”, sagt Markus Müller. Er ist 25 und macht derzeit seinen Bachelor an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) in “Management and Economics”. Heute ist er mit drei seiner Kommilitonen an die Fakultät gekommen, um mit pflichtlektuere.com darüber zu sprechen, wie er eigentlich aussieht, der Berufstraum eines heutigen Wirtschaftsstudenten. Ist die Börse ein Traumarbeitsplatz, ein Traumjob?

“Mein Berufswunsch hat sich nicht geändert”, sagt Matthias Musholt, 24. “Gegenüber jedem Beruf gibt es Vorurteile. Man wird so oder so einfach abgestempelt.” Auch wenn er nicht unbedingt eine leitende Position in einer Bank haben möchte – als Wirtschaftsprüfer zu arbeiten, könne er sich genauso vorstellen. Bachelor-Student Markus kann sich jedoch vorstellen, Banker zu werden. “Hinter dem Begriff Banker steckt mehr als nur Finanzgeschäfte”, sagt er. Durch die Krise ergäben sich hier sogar neue Möglichkeiten: “Die neuen Vorschriften führen dazu, dass mehr Leute gebraucht werden.”

“Wir haben die Chance, uns einzubringen”

“Bankgeschäfte machen”, das könne er sich beruflich vorstellen, sagt Sascha Tobias Wengerek. Da habe die Krise nichts geändert – aber in einem sozialen Feld zu arbeiten, könne er sich ebenso vorstellen. Der 24-Jährige steckt derzeit mitten in seinem Master in “Management and Economics” an der RUB. In einem Jahr wird er fertig sein. Er hat 2008 angefangen zu studieren, “das war gerade der Anfang der Krise”, erinnert er sich. Er sehe die Krise als “Chance”: “Wir haben jetzt die Chance, uns einzubringen.” Im Studium habe er gelernt, wie die Krise aufgebaut ist, welche Strukturen und Prozesse dazu geführt haben, was sich jetzt geändert hat, er nennt die Stichworte Basel III und MaRisk, Instrumente zur Bankenregulierung und zum Schutz der Anleger.

Wie es zu der Krise gekommen ist, das haben Marco Muschallik, Markus Müller und Matthias Musholt noch nicht im Studium gelernt – sie stecken noch mitten in ihrem Bachelor und lernen gerade erst die Grundlagen, “Banking and Finance” etwa. Doch auch sie machen sich ihre Gedanken über die Krise. “Die Krise hat Regulierungen vorangebracht. Das ist positiv”, sagt Matthias rückblickend.

Doch für das Ansehen der Menschen, die mit dem Bankwesen zu tun haben, hat sie eher Schlechtes gebracht. Nicht jeder, der im Bankwesen arbeitet, ist schließlich Banker oder Börsianer, nicht jeder hat gleich mit Unsummen von Geld zu tun oder setzt das Geld von Bankkunden ein, um mit riskanten Finanzgeschäften zu spekulieren. Trotzdem: Seit Ausbruch der Krise schmeißen viele Menschen das alles in einen Topf.

Das kann Matthias bestätigen: Er hat im Jahr 2007 mit seiner Lehre im Bankwesen angefangen. Und mit Vorurteilen sei er zu Zeiten der Krise oft konfrontiert worden, beispielsweise dass Banker oder auch einfache Bankangestellte wie Matthias, die bei einer Genossenschaftsbank ihre Lehre machten, ihr “Geld verzocken” würden, erzählt der Student. “Sogar bei ganz einfachen Überweisungen.” Doch der Coesfelder zeigt Verständnis: “Die Leute hatten einfach Angst um ihr Geld. Gerade ältere Leute, die so eine Krise vielleicht schon mal miterlebt haben.” Er habe dann versucht, sie zu beruhigen.

Auch Markus hat schon eine Banklehre bei der Sparkasse absolviert. Da habe es von den Kunden oft Seitenhiebe der Art gegeben, dass “Banker alle schlecht” seien, erzählt er. “Das habe ich auch im Bekanntenkreis gemerkt”, sagt Markus. “Man wird direkt in eine Schublade gesteckt.”

“Banken müssen offener werden”

“Für die Leute ist es einfach, auf Banken einzuschlagen”, sagt Bachelor-Student Marco, 21. “Aber sind denn wirklich nur die Banken schuld?” Warum, fragt er, hätten die Banken denn solche Freiräume gehabt? Auch die Politik trage Schuld an der Krise. Zu intransparent sei das Bankengeschäft, kritisiert Sascha. “Die Leute verstehen nicht, was Banker tatsächlich tun.” Er fordert: Die Banken müssen offener werden, mehr kommunizieren.

Und die Proteste auf der Straße, die “Occupy”-Bewegung oder “Blockupy Frankfurt”? “Den Frust kann ich nachvollziehen”, sagt Sascha. “Bei den Bankgeschäften geht es schließlich um Milliardensummen. Und die Proteste zwingen die Politik dazu, über Regularien nachzudenken.” Auch Matthias schüttelt den Kopf über die Unsummen, um die es bei den Finanzgeschäften geht. “Man muss sich mal überlegen, was Banker verdienen, und was für Geld sie gleichzeitig verbrannt haben!”

“Das sind Extrembeispiele”, gibt Markus zu bedenken. “Bankkaufleute zum Beispiel verdienen nicht viel.” Auch Marco sieht Positives in den Protesten: “Eine bessere Regulierung der Bankgeschäfte ist ein unheimlich schwieriger Prozess, der über Jahre dauert. Damit der Prozess aber nicht einschläft, brauchen wir solche Proteste. Man sollte nur nicht auf einige wenige einkloppen.”

Doch genau diese Proteste und die Berichterstattung darüber könnten sich negativ auswirken. “Bankgeschäfte funktionieren durch Erwartungen. Und genau die werden durch die Medien und die Politik beeinflusst”, gibt Marco zu bedenken.  “Der Protest verunsichert die Leute”, sagt Sascha.

Erst Sicherheit – jetzt wieder Risiko

Doch auch wir seien schuld an der Krise, wirft Matthias ein – wir alle. “Die Leute wollen doch immer mehr Rendite. Teilweise achten sie nicht mehr drauf, worin sie investieren.” Die Banken, sagt Marco, böten dann Finanzprodukte, die “die Leute auch haben wollen” – und die sie selbst irgendwann nicht mehr durchblickten, so Sascha. “Während der Krise hat man gemerkt: Die Leute gingen voll auf Sicherheit”, erzählt Markus. “Aber jetzt ändert sich das wieder.”

“Schon jetzt bieten manche Banken wieder vier Prozent Zinsen für Festgeld. Da fragt man sich doch: Wie machen die das?”, sagt Matthias ungläubig. Auch Sascha sieht für die Zukunft eher schwarz: “Die Gier ist einfach zu groß.”

In risikoreiche Geschäfte haben die vier Wirtschaftsstudenten übrigens nicht investiert, nicht einmal Aktien besitzen sie. “Ich habe zum Beispiel immer noch das klassische Sparbuch”, sagt Marco mit einem Lachen. Vielleicht ist das auch die bessere Methode.

Veröffentlicht am 20.06.2012 am http://www.pflichtlektuere.com. Den Artikel gibt es hier.