Warum „Gilmore Girls“ nicht mehr so kuschelig wie früher sein kann

Wer die Serie „Gilmore Girls“ liebt, kannte am Freitag nur eines: Zu Hause einschließen und Netflix anschmeißen. Nach sieben Staffel und gut zehn Jahren Pause kommen Lorelai, Rory und all die anderen Charaktere aus der Serie endlich zurück auf den Bildschirm – in „Gilmore Girls – A Year in the Life“. Schnell aber merkt man: Huch, so kuschelig wie früher ist das ja gar nicht mehr. Aber: Das ist gut so!

Zwar ist Stars Hollow als Setting der Serie noch die liebenswerte Kleinstadt, in der es keine dunkle Ecke, aber dafür überbordende Deko gibt. Die Nebencharaktere sind weiterhin schräg und knuddelig. Jeder kennt jeden, und nichts kann passieren. Aber so recht will sich das alte „Gilmore Girls“-Gefühl nicht mehr einstellen. Die Kuscheligkeit von Kleinstadt-Idylle und Weihnachtsdeko fühlt sich an wie Fassade.

Aber: Das ist gut so.

Warum?

Die meisten Zuschauer der neuen GG-Folgen dürften auch die der alten sein – sie sind also mit ihren Figuren älter geworden.

Die Plots der alten Staffeln würden nicht mehr funktionieren. Darin ging es vor allem darum, Lorelai und Rory auf ihrem Weg zur Verwirklichung ihrer Lebensträume zu begleiten. Bei Rory waren das Schule und Studium auf dem Weg zum Journalismus, bei Lorelai das eigene Hotel. Und natürlich, bei beiden, die ewigen Männerfragen.

(WARNUNG: SPOILER ALERT)

Jetzt findet sich Lorelai mitten in einer langjährigen Beziehung und in ewigen Therapiesitzungen mit ihrer Mutter wieder, nachdem ihr Vater gestorben ist.

Und Rory? Rory ist jetzt 32 – das Alter, das ihre Mutter Lorelai hatte, als die Serie startete.

Vor beiden liegt nicht mehr die Welt, nein, sie stehen mittendrin und müssen in ihr zurechtkommen. Sie verfolgen kein großes Ziel mehr, sondern schauen, wie es für sie weitergehen kann, wenn nicht alles klappt, wie sie es sich vorgestellt haben.

In den ersten zwei Folgen (Winter und Frühling) verfolgt man etwas verwundert, dass Rory von Projekt zu Projekt, von Metropole zu Metropole und von Freund zu Affäre mäandert, ohne dass man eine Ahnung hat, wie das zu ihrem Charakter oder ihrem schmalen Geldbeutel als freischaffende Journalistin passen sollte.

Spannend wird ihr Plot, als alles schief geht: Ein riesiges Projekt platzt. Das Bewerbungsgespräch für die Notlösung setzt Rory in den Sand. Die Verlobte ihres Liebhabers kommt zurück. Und Rory zieht wieder zurück zu ihrer Mutter.

86651-gilmore-girls

Gilmore Girls: Sie sind zurück – und doch anders. Bild: Netflix

Damit wird es doch ein bisschen so wie früher: Lorelai und Rory, mehr beste Freundinnen als Mutter und Tochter, sind wieder unter einem Dach.

Und doch ist alles anders.

Beide sind konfrontiert mit essentiellen Fragen: Wohin will ich mit meinem Leben? Was kommt jetzt? Gehe ich den sicheren oder den abenteuerlichen Weg? Und mit wem an meiner Seite gehe ich diesen Weg? Begleitet mich da überhaupt jemand? Das wirkt bei Rory lebensechter als alles, was sie in den letzten Staffeln der alten „Gilmore Girls“-Folgen durchlebte.

Darin wirkte Rorys Plot meist langweilig: Sie ist an einem Elite-College, will Journalistin werden, hat einen reichen Freund, rebelliert ein bisschen, findet dann aber wieder auf den Weg zurück, der für sie in Staffel 1, Folge 1, vorgezeichnet war.

Das Innenleben gerade von Rory ist in den neuen Folgen deutlich zerrissener und unsicherer – und damit spannender. Sie hat keine Wohnung, kein Geld, keinen Plan. Dabei war Rory immer die, die alles wusste, und die schon eine Krise kriegte, wenn der Stadtplan falsch gefaltet wurde.

Ihr Plot ist spannender, weil das Hadern und Zweifeln so verdammt vertraut wirkt.

Zu diesem ganzen Nicht-wissen-wohin passen auch die berühmten letzten vier Wörter, die in der Serie gesprochen werden. Die letzten Worte, die Autorin Amy Sherman-Palladino angeblich schon seit Erfindung der Serie im Kopf hatte.Die #lastfourwords, auf die die GG-Fangemeinde hingefiebert und hinspekuliert hat.

Die sollen hier natürlich nicht verraten werden. Aber doch, sie passen.

Advertisements

Live-Schalten im Fernsehen: Sinn und Unsinn

München, Würzburg, Nizza – Anlässe für Fernsehberichte vor Ort hat es allein in den letzten Wochen und allein in nächster Nähe leider genug gegeben. Aber wie sinnvoll sind sie – oder wie unnütz?

Korrespondenten sollen bei diesen sogenannten Live-Schalten natürlich Antworten liefern können. Ich war noch nie live in einer solchen Drucksituation vor der Kamera. Ich stelle mir vor, dass Korrespondenten von ARD, ZDF oder anderen unter großem Druck sind, wenn das Rotlicht angeht. Sie sind live einem Millionenpublikum zugeschaltet. Sie sollen Infos liefern – meist über Katastrophen, die gerade erst passieren.

Dass man in einer solchen Situation Fragen beantworten will, die man noch gar nicht beantworten kann, ist menschlich. Zum Beispiel, wenn ein Jens Riewa oder ein Jan Hofer ruhig und extrem ernst fragen, wie schnell Sicherheitskräfte vor Ort waren. Oder ob es sich nun um einen Terrorakt oder einen Amoklauf handelt. Und das, während das grauenhafte Geschehen noch im Gange ist.

Korrespondenten sollen bei Live-Schalten natürlich Antworten liefern können. Sie agieren aber nicht als Augenzeugen. Korrespondenten müssen mehr transportieren als Gefühle, Gedanken, Gerüchte. Mehr noch: Sie DÜRFEN bloße Gerüchte als einzige Information nicht einfach weitergeben. Hierzu zähle ich auch Einordnungen wie „Es ist klar, dass eine Großstadt wie München ein erhöhtes Ziel für Terrorgefahr ist.“ – wenn noch überhaupt nicht klar ist, ob die Schüsse in München ein Akt des Terrors waren.

Bloße Spekulation bringt niemandem etwas. Sie können eine Situation sogar verschlimmern – wenn sie beispielsweise Fremdenhass oder die Angst vor einer Religion schüren.

Was können Korrespondenten und Live-Schalten leisten?

Von Korrespondenten wird anscheinend viel verlangt mittlerweile. Sie sollen alle Informationen bestätigen oder verifizieren, die es gibt – nur weil sie vor Ort sind.

Ist es aber nicht eher so, dass diejenigen, die vor Ort sind, genau dies nicht leisten können? Sie können nicht diejenigen sein, bei denen alle Informationen zusammenlaufen. Dazu gibt es die Redaktionen, die Behörden, soziale Netzwerke und andere Quellen gleichzeitig im Blick haben und überprüfen (!) können.

Live-Schalten sind meiner Meinung nach dann sinnvoll, wenn zusätzliche Informationen vor Ort eingeholt werden sollen. Wenn es darum geht, einen kurzen Eindruck vom Ort des Geschehens einzufangen. Wenn der Korrespondent die Situation als Experte einordnen kann.

Ewige Live-Schalten ohne Verstand

Die Länge von Live-Schalten ist auch interessant. Wenn die Nachrichtenlage noch unklar ist oder ein Korrespondent nichts Neues weiß (und nur Gefühle oder Gerüchte weitergeben kann), dann sollte zuerst die Frage gestellt werden:

Welchen Mehrwert hat diese Live-Schalte?

Und dann: Wie lang soll sie dauern?

Thomas Roth fragt nach einer Zusammenfassung der Nachrichtenlage: „Welche Informationen haben Sie zur aktuellen, akuten Lage?“ – Antwort des Korrespondenten (verkürzt): „Keine.“ Nuff said. Oder nicht? Diese Liveschalte geht dann noch etliche Minuten weiter.

Die Live-Schalte der ARD zur Pressekonferenz der Münchner Polizei artet in ein besseres „Facebook Live“ aus: Jede blöde Journalisten-Frage wird mit gefilmt. Jeder Schritt des Korrespondenten wird mit gefilmt. Der Zuschauer sieht Polizei und Reporter dabei zu, wie Stück für Stück Infos zusammengetragen, und im besten Fall verifiziert oder falsifiziert werden.

Einfach, um live zu sein? Besser als die sozialen Netzwerke sind die ARD in diesem Augenblick dann auch nicht.

Transparent machen, was man weiß – und was nicht

Sätze wie „Wir können drei Tote bestätigen. Wenn wir Twitter richtig gelesen haben“ gehören nun wirklich nicht in eine öffentlich-rechtliche Nachrichtensendung.

Warum Informationen nicht erst dann kommunizieren, wenn man sie wirklich bestätigt hat? Und vor allem: Sagen, woher man Informationen hat. Transparent machen, wenn Informationen angezweifelt werden könnten. Und sagen, wenn man etwas NICHT weiß.

Gut dann, Sätze wie diese von Korrespondenten zu hören: „Ob Terrorakt oder Amoklauf – ich weiß es nicht. Es ist jetzt noch viel zu früh, um Kategorien zu bilden.“ Oder: „Zu diesem Zeitpunkt etwas dazu zu sagen, wäre reine Spekulation.“

Oder den Satz von Marcus da Gloria Martins, Sprecher der Polizei München: „Wenn Sie seriöse, verifizierte Aussagen von mir haben wollen, dann lassen Sie uns in Ruhe unsere Ermittlungen durchführen.“ Er wird dafür auf Twitter gefeiert.

Wenn man keine Ahnung hat… Ihr wisst schon.

 

Anmerkung: In letzter Zeit schaue ich für Nachrichten meist ARD. Die Live-Schalten anderer Sender kann ich daher nicht beurteilen.

 

MEHR DAZU:

Hätte man sich sparen können„: Lesenswerter Artikel von sueddeutsche.de über die Live-Schalte der ARD zu Würzburg: hier klicken.

Die Gelassenheit fehlte„: Lesenswertes Interview von Deutschlandfunk über das Verhalten der Medien am Tag des Münchner Amoklaufs am 22.7.: hier klicken.

München und die Medien„: Lesenswerte Analyse der Berichterstattung und der ersten Pressekonferenz zum Münchner Amoklauf am 22.7.: hier klicken.

 

„Schöner“ Körper = Glück?

„Für mich ist es so absurd, wie eng unsere physische Erscheinung mit unserem Glücklichsein verknüpft ist. Wenn wir uns über unser Gewicht als Mensch definieren lassen, nur weil man es uns so beigebracht hat, dann ist mit unserer Gesellschaft irgendetwas absolut nicht in Ordnung.“

Dieser Artikel über eine (übergewichtige) Fotografin, die über ihre Selbstporträts einen neuen Zugang zu sich selbst fand, ist sehr, sehr lesenswert!

Der Co-Pilot: Warum Depression keine Antwort auf die Frage nach der Ursache ist

Warum es keine Antwort auf die Frage ist, warum der Germanwings-Flug 4U9525 abgestürzt ist, dass der Co-Pilot angeblich depressiv war oder mal wegen Depressionen behandelt wurde:

Ein gutes Zitat gibt es dafür vom Verein „Freunde fürs Leben“ via Facebook:

„Es wird davon ausgegangen, dass der Co-Pilot der Germanwings-Maschine das Flugzeug absichtlich zum Absturz brachte. Nun gibt es Hinweise auf eine depressive Erkrankung des Piloten. Dies erklärt jedoch nicht, warum er so gehandelt hat. Depression ist eine weit verbreitete Krankheit, von der in Deutschland 4 Millionen Menschen betroffen sind. Depressive Menschen stellen keineswegs eine Gefährdung für ihre Mitmenschen dar. Viele denken bei dem Weg in den Tod, den Andreas L. gewählt haben soll, an den Begriff des erweiterten Suizids. Dass Menschen nicht nur sich selbst, sondern auch anderen das Leben nehmen, ist extrem selten. Nur 1,5 bis vier Prozent aller Selbsttötungen fallen in diese Kategorie. Sollten die Vermutungen über den Hergang des Absturzes wahr sein, würde man von einem Homizid-Suizid sprechen. Bei diesem stehen die Opfer gewöhnlich in keinem persönlichen Bezug zum Suizidenten – im Gegensatz zum erweiterten Suizid. All diese Vorfälle sind jedoch extrem selten und sollten nicht unser Bild über depressive oder suizidgefährdete Menschen prägen. Vor allem dürfen sie nicht zu einer weiteren Stigmatisierung der Erkrankten führen. Andernfalls würde es Depressiven und Suizidgefährdeten in Zukunft noch schwerer fallen, offen über ihre Gedanken zu reden und Hilfe zu suchen.“

Entsprechende Artikel gibt es von der Welt sowie von der Süddeutschen zum Thema.

Die Welt hat außerdem einen sehr lesenswerten Artikel veröffentlicht, in der der (drängenden!) Frage nachgegangen wird, warum so kurz nach dem Absturz die Ursache für den Absturz denn schon festzustehen scheint:

„Der Ablauf widerspricht allen Regularien einer neutralen Aufklärung eines Flugzeugabsturzes. Keine 48 Stunden nachdem Unglücksflug 4U9525 von Germanwings gegen einen Berg in Südfrankreich prallte, scheint der genaue Ablauf festzustehen.

Der 27-jährige Copilot Andreas L. soll sich in der Kanzel des Airbus A320 verbarrikadiert haben, als der Pilot vorübergehend das Cockpit verließ und steuerte dann als Selbstmörder und Massenmörder 149 Menschen in den Tod. Soweit das Szenario, wie es der französische Staatsanwalt Brice Robin beschreibt.

Bei anderen Abstürzen oder Zwischenfällen verstreichen Monate, bis erste Untersuchungsergebnisse veröffentlicht werden und teilweise Jahre bis zum Abschlussbericht.“

Den vollen Artikel gibt es hier zu lesen.

UPDATE: Ein sehenswertes Interview zur aktuellen Medienschelte und den Redaktionen der Medien darauf – Einordnungen des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen.

Der Co-Pilot: Auch seine Familie verdient Schutz

Heute kennen die Medien gefühlt nur eine Aufgabe: Alles auszugraben über den „Co-Piloten“ (offizielle Bezeichnung: Erster Offizier), der die Germanwings-Maschine 4U9525 nach jetzigen Informationen zum Absturz brachte, was es nur auszugraben gibt.

Wieder sind die Fernsehkanäle voll von Sondernsendungen – vor allem die ARD scheint den ganzen Tag nichts anderes zu berichten. Verbunden mit gefühlt minütlichen Live-Schalten: an den Heimatort des Co-Piloten, in die Nähe der Absturzstelle, vors Kanzleramt. Ein Bekannter, der heute Nachmittag im Flugsimulator der Lufthansa in Bremen war (er ist Pilot), schrieb, dass das Gebäude von Reportern belagert wurde. (Ich schreibe hier bewusst „Reporter“ und nicht „Journalisten“ – das klingt passender.)

Das, was wir heute über den Flugzeugabsturz erfahren haben, verdient größte mediale Aufmerksamkeit, ja – so groß die Tragödie, so unfassbar ihre Ursache, so berechtigt der Wunsch der Öffentlichkeit nach umfassenden Informationen.

N-24 entschuldigte sich

Aber wieder bekleckern sich die Medien hier ganz und gar nicht mit Ruhm. Haben sie denn nichts aus Dienstag und Mittwoch gelernt, als deutsche Nachrichtenportale oftmals Nicht-Nachrichten verbreiteten und die Persönlichkeitsrechte der trauernden Angehörigen verletzten (Link führt zu BILDblog)? Einige anscheinend nicht. So entschuldigte sich beispielsweise der private Nachrichtensender N-24 via Twitter gegen 14 Uhr dafür, das Haus des Co-Piloten im Rahmen ihrer Berichterstattung gezeigt zu haben. N-24 versprach, „in Zukunft auf diese Bilder“ zu „verzichten“. Wie aus den Antworten auf diesen Tweet hervorgeht, fällt vielen Menschen schwer, das zu glauben.

Jetzt gibt es mit dem Co-Piloten einen Täter. Von den meisten deutschen Nachrichtenportalen wird dessen Bild verpixelt und dessen Nachname abgekürzt. Warum man das machen sollte? Weil dieser Mensch Angehörige hat – Angehörige, die nichts für seine Taten können. Die womöglich so traumatisiert von den Erkenntnissen über die Absturz-Ursache sind, wie es die Angehörigen der Opfer sein dürften. Das macht sie meines Erachtens nach auch zu Opfern, die es verdient haben, vor der Aufmerksamkeit der (Welt-)Öffentlichkeit geschützt zu werden.

Sollte man jemanden, der so eine Tat begangen hat, anonymisieren?

Sicherlich, „bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen“, heißt es in Ziffer 8 des Pressekodex des Presserates. Im Fall des Co-Piloten liegt eindeutiges Informationsinteresse der Öffentlichkeit vor.  Aber nur einen Satz weiter heißt es in Ziffer 8: „Soweit eine Anonymisierung geboten ist, muss sie wirksam sein.“

Aber sollte (oder muss) man jemanden, der nach derzeitiger Informationslage für den Tod von 149 Menschen verantwortlich ist und diesen bewusst herbeiführte, anonymisieren?

Die Medien gehen ganz unterschiedlich mit den Informationen rund um den Co-Piloten um, wie dieser Meedia-Artikel darstellt (Achtung: Die Screenshots jener Artikel, die den Co-Piloten unverpixelt zeigen, sind hier ebenfalls nicht verpixelt. Warum auch immer).

Für internationale Medien wie etwa die New York Times, Washington Post, BBC oder die israelische Haaretz scheint es hingegen nicht der Rede wert, den Co-Piloten mit vollem Namen zu nennen (Achtung: alle Links führen zu Artikeln, die den vollen Namen nennen).

Handelt es sich hier um grundsätzlich unterschiedliche journalistische Kulturen? Schließlich ist es z.B. in amerikanischen Medien an der Tagesordnung, dass Kriminelle mit vollem Namen und Foto („mugshot“) im Fernsehen genannt und gezeigt werden – sogar bei geringeren Delikten wie Autounfällen mit Blechschaden.

Ich persönlich (das ist hoffentlich bislang in diesem Kommentar klar geworden) bin der Meinung, dass der Co-Pilot anonymisiert und nähere Informationen zu ihm (z.B. ein Bild seines Elternhauses) nicht veröffentlicht werden sollten. Nicht, weil er nicht Objekt des öffentlichen Interesses ist – denn das ist er definitiv. Sondern, weil die Informationen über ihn als Ursache des Absturzes kaum ein paar Stunden alt sind – und daher seinen Angehörigen die Zeit und der Raum gelassen werden sollte, diese unbegreiflichen Informationen zumindest im Ansatz zu begreifen. Und nähere, persönliche Informationen zu ihm, die seine Angehörigen identifizieren oder bloßstellen, die gehören bitte sowieso nicht in die Öffentlichkeit.

Wer Mitleid mit der Täter-Familie hat, trauert nicht um die Opfer?!

Interessant war es, meine Skepsis der Nicht-Anonymisierung im internationalen Kontext öffentlich zu machen. Unter einen Tweet der New York Times, der bereits im Teaser den vollen Namen des Co-Piloten nannte, schrieb ich: „Seriously NYT?!? Why on Earth would you publish his full name!? What about his family? Don’t do this!!“ Okay, vielleicht habe ich aus dem Bauch heraus mit den Satzzeichen ein bisschen übertrieben. Die Reaktionen aber waren interessant.

Twitterer rieten mir, erwachsen zu werden („Grow up.“), nannten mich „fucking morons“ und „fucking liberal“ – immer mit dem Argument, dass ihnen der Mörder von so vielen Menschen doch egal sei. Und ebenso seine Familie. Und dass die Angehörigen der Getöteten doch ein Recht hätten, die Identität des Täters zu erfahren.

Natürlich haben sie das. Aber die Angehörigen und die Weltöffentlichkeit sind zwei verschiedene Kreise.

Gleichzeitig wurde ich gefragt, ob ich denn kein Mitleid mit den Angehörigen habe, dass ich so auf der Seite des Täters stünde.

Was, frage ich mich da, hat der Wunsch, keine Informationen über die Angehörigen des Co-Piloten in den Medien zu sehen, damit zu tun, Mitleid oder kein Mitleid mit den Angehörigen der Opfer zu haben?

Ein Twitterer wirkte wie ein extrem konservativer Mensch und sehr überzeugter Christ (wer sogar in 140 Zeichen Jesus‘ Namen unterbringt, und das in Großbuchstaben, wirkt auf mich zumindest so). Wie er abstreiten kann, dass auch die Familie des Co-Piloten ein Anrecht auf Schutz und Raum zu trauern hat, ist mir rätselhaft.

UPDATE: Sehr lesenswerter Kommentar aus dem Medienblog der NZZ.

Zoom ran! Von Journalisten und Katastrophen (Nachtrag – Trauma)

Der TV-Reporter steht vor einer Schule, hat das Gebäude im Rücken. Der Schulhof ist mit rot-weißem Band abgesperrt. Auf dem Schulhof haben sich offensichtlich Schüler versammelt, die sich teilweise an den Händen halten, Blumen niederlegen, mit gesenkten Köpfen miteinander sprechen. Sie trauern sichtbar. Trauern um die 10. Klasse und die Lehrerkräfte, die nur ein paar Stunden vorher in der Germanwings-Maschine Nummer 4U9525 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf über den Alpen abstürzten.

Und der Reporter berichtet live von diesem Ort. Dabei wird an seinen Worten klar, dass es nichts zu sagen gibt, was diese sogenannte Live-Schalte rechtfertigt. Und was macht der Kameramann? Er zoomt ran. So nah es nur geht. An die Schüler, die dort in kleinen Gruppen zusammenstehen.

Dies sind Szenen der Berichterstattung des Nachrichtenformats „ProSieben Newstime“. Sicher, ProSieben ist wohl eh nicht das seriöseste aller deutschen Nachrichtensendungen. Aber eine Nachrichtensendung ist „Newstime“ dennoch. Und hat damit journalistische Ansprüche zu erfüllen.

Ich bin Journalistin. Ich habe das Handwerk im Volontariat gelernt. Und studiert. Und bei dieser Art der Berichterstattung könnte ich kotzen.

Dies ist natürlich nur eines von vielen Beispielen für fragwürdige Berichterstattung. Auch bei „seriöseren“ Sendungen gibt es solche Momente. Angehörige der Opfer werden gezeigt (auch wenn immerhin oft die Gesichter verpixelt werden). Kaum ist das Unglück passiert, erklärt ein „Experte“, wie stark traumatisiert die Angehörigen sind. Trotzdem werden Menschen vor Ort interviewt. Das sind dann oft Stimmen, sogenannte O-Töne, die null Informationen beinhalten. Aber eben „Emotionen“ und „Atmosphäre“ vermitteln sollen.

Es gibt klare Regeln

Für die Berichterstattung über Menschen gibt es klare Regeln. Der Deutsche Presserat hat als Leitlinie für journalistisches Verhalten den Pressekodex herausgegeben.

Unter Ziffer 8, „Schutz der Persönlichkeit“, heißt es etwa: „Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. Ist aber sein Verhalten von öffentlichem Interesse, so kann es in der Presse erörtert werden. Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung. Soweit eine Anonymisierung geboten ist, muss sie wirksam sein.“

Die Trauer von Privatpersonen um andere Privatpersonen ist für mich Teil des Privatlebens. Und trauernde Menschen in Nahaufnahme zu zeigen, ist für mich klar identifizierende Berichterstattung. Dass die trauernden Menschen in diesem Fall z.B. an den Flughafen Düsseldorf und damit an einen Ort im öffentlichen Raum müssen, darf keine Entschuldigung dafür sein, die Menschen in ihrer Trauer in Nahaufnahme zu zeigen.

In der Richtlinie 11.3 „Unglücksfälle und Katastrophen“ heißt es außerdem: „Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden.“

Trauma durch Berichterstattung – das Risiko gibt es

Auch wenn der Deutsche Presserat manchmal als „zahnloser Tiger“ betitelt wird, ist der Pressekodex oder ein ähnlicher Kodex für Journalisten immer sinnvoll. Denn als Journalist trägt man häufig große Verantwortung.

Das Risiko ist hoch, Menschen durch achtlose, respektlose oder entblößende Berichterstattung zu traumatisieren oder ein zweites Mal zu traumatisieren. Das kann nicht im Interesse irgendeines Journalisten sein. Ob ein sichtlich aufgewühlter oder unter Schock stehender Mensch daher im Rahmen von Katastrophen-Berichterstattung gezeigt oder gar interviewt werden kann, darf, sollte sich ein Journalist verdammt gut überlegen. Und im Zweifel: lassen! (Auch wenn es die Redaktion verlangen sollte.)

Sicherlich gibt es viele Aspekte der aktuellen Berichterstattung, die auch bei Einhaltung journalistischer Ethikregeln Fragen aufwerfen. Etwa: Was bringt es, wenn Journalisten an den Ort von Unglücken reisen? Was bringt die x-te Schalte mit der Frage, wie der Stand der Lage ist? Was bringen etwa Berichte, die vor dem Hintergrund eines so furchtbaren Unglücks wie diesem Flugzeugabsturz andere Flugzeugabstürze zusammenfassen? Was bringt das gefühlt 20. „Experteninterview“? Wo ist da der Nachrichtenwert?

Aus meiner Sicht gibt es bei solchen Sondersendungen manchmal keinen.

Warum ständig aktuell sein? Es ist wohl eine Spirale

Doch Journalisten, die im Minutentakt berichten (können/müssen) – also von TV, Online, Radio – stecken oft in einer Zwickmühle: Sie müssen aktuell berichten. Sie müssen das Thema zu ihrem Schwerpunkt machen. Wie wäre es schließlich für Zuschauer, einen Sender einzuschalten und dort normales Programm vorzufinden, wenn so eine Katastrophe passiert ist? Wie wäre es, auf ein Online-Nachrichtenportal zu gehen, auf der es angesichts eines solchen Ereignisses länger keine Aktualisierung mehr gab?

Es ist wohl eine Spirale: Wir als Nachrichtenkonsumenten sind es inzwischen gewohnt, ständig informiert zu werden. Also liefern die Journalisten. Wir als Journalisten sehen uns gezwungen, ständig Nachrichten zu liefern. Weil die Konsumenten es fordern – oder eben zur Konkurrenz abwandern.

Aktualität ist nicht alles

Trotz alledem: Nicht, NICHTS gibt Journalisten das Recht, trauernde Menschen bloßzustellen. Oder wilde Spekulationen loszutreten. Oder unnötig Hoffnungen zu wecken.

Deshalb, liebe Nachrichten-Macher: Berichtet das, was wirklich Nachrichtenwert hat. Berichtet das, was ihr im Rahmen eures Berufes berichten müsst. Berichtet sorgfältig. Und macht transparent, wenn die Informationslage dünn ist. Aktualität ist nicht alles.

Und das Wichtigste: Lasst die Menschen in Ruhe trauern. Filmt sie nicht, fotografiert sie nicht, interviewt sie nicht – vor allem nicht im Schockzustand.

Das ist das Mindeste, was wir Journalisten tun können. Und müssen.

UPDATE: Gefühlt steht die Berichterstattung über den Flugzeugabsturz stark unter Beobachtung – und auch in der Kritik. Der Mediendienst DWDL hat einen lesenswerten Kommentar veröffentlicht. Und die Süddeutsche Zeitung Online hat die hastig geänderte Maischberger-Sendung von gestern kommentiert.

Auch der Deutsche Journalisten-Verband fordert Journalisten dazu auf, „in ihrer Berichterstattung über den Absturz des Germanwings-Flugzeugs Respekt vor dem Leid der Angehörigen zu zeigen.“

NACHTRAG: „Zum Beispiel sollte ich nicht „auf die Jagd nach Opferfotos gehen“. Manchmal macht es viel betroffener, eine andere Bildsprache zu wählen – zum Beispiel hat die Tageszeitung in Winnenden nur die Frage „Warum?“ auf schwarzem Hintergrund gedruckt, trauernde Menschen nur von hinten und mit Abstand gezeigt – „Träne groß“ ist nicht nötig, um zu zeigen, dass Betroffene traurig sind, trauern und Abschied nehmen.“

Dies ist ein Ausschnitt aus dem lesenswerten Beitrag des Dart Centre Europe, in dem Journalisten Tipps an die Hand gegeben werden, wie man sich bei Berichterstattung über Katastrophen am besten verhält – vor allem gegenüber Betroffenen.

Hallo, Universum – das bin ich!

Die Geschichte von Marina Keegan ist schön und tragisch zugleich. Ein wunderhübsches Mädchen, unglaublich talentiert, Yale-Studentin, Autorin, Aktivistin, Journalistin. Ihr Essay „The Opposite of Loneliness“ wurde Hunderttausendfach via Social Media geteilt. Fünf Tage nach ihrer Abschlussfeier kam sie in einem Autounfall um.

Was von ihr in der Öffentlichkeit bleibt, ist der Erzählband „The Opposite of Loneliness“, posthum herausgegeben von Familie, Freunden und Kollegen. Mit ihren fiktiven Geschichten, die sich auf das alltägliche Leben in amerikanischen Vorstädten dreht, kann ich persönlich nicht viel anfangen. Interessanter waren für mich ihre nonfiction Stücke, und eines ganz besonders: Der sehr kurze Beitrag „Song for the Special“:

„I read somewhere that radio waves just keep traveling outward, flying into the universe with eternal vibrations. Sometime before I die I think I’ll find a microphone and climb to the top of a radio tower. I’ll take a deep breath and close my eyes because it will start to rain right when I reach the top. Hello, I’ll say to outer space, this is my card.“

Aus: The Opposite of Loneliness. Essays and Stories. Von: Marina Keegan. Erschienen bei Simon & Schuster.

UPDATE: Das Buch ist jetzt auch auf Deutsch erschienen: „Das Gegenteil von Einsamkeit“, erschienen bei S.Fischer.

The Opposite of Loneliness von Marina Keegan

The Opposite of Loneliness von Marina Keegan

Die Welt, sie ist klein

humansofnewyork:

„So get this. I’m driving down Park Avenue one day and this guy waves for me, so I pull over and I ask him where he’s going. He tells me 74th street, and I tell him that’s too far for me, because my shift just ended, so he says ‘thanks anyway’ and walks away. But then I think about it, and I start feeling bad for the guy, cause hey— I got a conscience. So I call him back to the cab and tell him to hop in. And he gets in the car all excited, all animated, and he’s talking about all these things. But he’s got his cap pulled down way over his eyes, so I can’t see who it is. But pretty soon I start to recognize his voice. And when we get to a light, I turn to him, and I look him in the eye, and I scream: „WIIIIIIILLLSSSSSOOOOOOON!!!“ And that really got him. He started laughing hard. He sees that I’ve got this Ferrari hat on, and a Ferrari shirt too, so he starts calling me ‘Mr. Ferrari.’ The whole ride, he keeps calling me ‘Mr. Ferrari.’ So after we get to his destination, we snap a quick photo, and he goes on his way. And I think that’s it. But that’s not it, cause get this. Over the next few weeks, I just happen to randomly pick up people that know him. People who have acted with him before, people who work with him. And every time, I tell them: ‘Tell Mr. Hanks that Mr. Ferrari says ‘hello.’“ Every time I say that. Then one day I’m driving, and I get a text from one of the people that I’d driven, and it says: ‘Mr. Hanks wants to invite you to see his Broadway show.’ So I bring my lady to the show, and we get to go backstage and everything, and after the show, we’re waiting for him in his dressing room, and he walks in and screams: ‘Mr. Ferrari!’ Can you believe that story? And you wanna know the craziest thing? The name of his show was ‘Lucky Guy.’ How crazy is that? Cause that was me. A lucky guy!“

Love these storys, and this one in patricular.

via http://www.humansofnewyork.com/

via http://mariemachtbilder.tumblr.com/