Warum „Gilmore Girls“ nicht mehr so kuschelig wie früher sein kann

Wer die Serie „Gilmore Girls“ liebt, kannte am Freitag nur eines: Zu Hause einschließen und Netflix anschmeißen. Nach sieben Staffel und gut zehn Jahren Pause kommen Lorelai, Rory und all die anderen Charaktere aus der Serie endlich zurück auf den Bildschirm – in „Gilmore Girls – A Year in the Life“. Schnell aber merkt man: Huch, so kuschelig wie früher ist das ja gar nicht mehr. Aber: Das ist gut so!

Zwar ist Stars Hollow als Setting der Serie noch die liebenswerte Kleinstadt, in der es keine dunkle Ecke, aber dafür überbordende Deko gibt. Die Nebencharaktere sind weiterhin schräg und knuddelig. Jeder kennt jeden, und nichts kann passieren. Aber so recht will sich das alte „Gilmore Girls“-Gefühl nicht mehr einstellen. Die Kuscheligkeit von Kleinstadt-Idylle und Weihnachtsdeko fühlt sich an wie Fassade.

Aber: Das ist gut so.

Warum?

Die meisten Zuschauer der neuen GG-Folgen dürften auch die der alten sein – sie sind also mit ihren Figuren älter geworden.

Die Plots der alten Staffeln würden nicht mehr funktionieren. Darin ging es vor allem darum, Lorelai und Rory auf ihrem Weg zur Verwirklichung ihrer Lebensträume zu begleiten. Bei Rory waren das Schule und Studium auf dem Weg zum Journalismus, bei Lorelai das eigene Hotel. Und natürlich, bei beiden, die ewigen Männerfragen.

(WARNUNG: SPOILER ALERT)

Jetzt findet sich Lorelai mitten in einer langjährigen Beziehung und in ewigen Therapiesitzungen mit ihrer Mutter wieder, nachdem ihr Vater gestorben ist.

Und Rory? Rory ist jetzt 32 – das Alter, das ihre Mutter Lorelai hatte, als die Serie startete.

Vor beiden liegt nicht mehr die Welt, nein, sie stehen mittendrin und müssen in ihr zurechtkommen. Sie verfolgen kein großes Ziel mehr, sondern schauen, wie es für sie weitergehen kann, wenn nicht alles klappt, wie sie es sich vorgestellt haben.

In den ersten zwei Folgen (Winter und Frühling) verfolgt man etwas verwundert, dass Rory von Projekt zu Projekt, von Metropole zu Metropole und von Freund zu Affäre mäandert, ohne dass man eine Ahnung hat, wie das zu ihrem Charakter oder ihrem schmalen Geldbeutel als freischaffende Journalistin passen sollte.

Spannend wird ihr Plot, als alles schief geht: Ein riesiges Projekt platzt. Das Bewerbungsgespräch für die Notlösung setzt Rory in den Sand. Die Verlobte ihres Liebhabers kommt zurück. Und Rory zieht wieder zurück zu ihrer Mutter.

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Gilmore Girls: Sie sind zurück – und doch anders. Bild: Netflix

Damit wird es doch ein bisschen so wie früher: Lorelai und Rory, mehr beste Freundinnen als Mutter und Tochter, sind wieder unter einem Dach.

Und doch ist alles anders.

Beide sind konfrontiert mit essentiellen Fragen: Wohin will ich mit meinem Leben? Was kommt jetzt? Gehe ich den sicheren oder den abenteuerlichen Weg? Und mit wem an meiner Seite gehe ich diesen Weg? Begleitet mich da überhaupt jemand? Das wirkt bei Rory lebensechter als alles, was sie in den letzten Staffeln der alten „Gilmore Girls“-Folgen durchlebte.

Darin wirkte Rorys Plot meist langweilig: Sie ist an einem Elite-College, will Journalistin werden, hat einen reichen Freund, rebelliert ein bisschen, findet dann aber wieder auf den Weg zurück, der für sie in Staffel 1, Folge 1, vorgezeichnet war.

Das Innenleben gerade von Rory ist in den neuen Folgen deutlich zerrissener und unsicherer – und damit spannender. Sie hat keine Wohnung, kein Geld, keinen Plan. Dabei war Rory immer die, die alles wusste, und die schon eine Krise kriegte, wenn der Stadtplan falsch gefaltet wurde.

Ihr Plot ist spannender, weil das Hadern und Zweifeln so verdammt vertraut wirkt.

Zu diesem ganzen Nicht-wissen-wohin passen auch die berühmten letzten vier Wörter, die in der Serie gesprochen werden. Die letzten Worte, die Autorin Amy Sherman-Palladino angeblich schon seit Erfindung der Serie im Kopf hatte.Die #lastfourwords, auf die die GG-Fangemeinde hingefiebert und hinspekuliert hat.

Die sollen hier natürlich nicht verraten werden. Aber doch, sie passen.

„Von all der Zeit, die er sparte, blieb ihm nie etwas übrig“

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Foto: pr.

„Eines war seltsam: Von all der Zeit, die er einsparte, blieb ihm tatsächlich niemals etwas übrig. Sie verschwand einfach auf rätselhafte Weise und war nicht mehr da. Und wenn er dann mit Schrecken gewahr wurde, wie schnell und immer schneller die Tage dahinrasten, dann sparte er umso verbissener.

Wie Herrn Fusi, so ging es schon vielen Menschen in der großen Stadt. Täglich wurde im Rundfunk, im Fernsehen und in den Zeitungen die Vorteile neuer, zeitsparender Einrichtungen erklärt und gepriesen.

‚Zeitsparern geht es immer besser.‘

‚Zeitsparern gehört die Zukunft.‘

‚Mach mehr aus deinem Leben – spare Zeit!‘

Aber die Wirklichkeit sah ganz anders aus.

Zwar waren die Zeitsparer besser gekleidet als die Leute, die in der Nähe des alten Amphitheaters wohnten, sie verdienten mehr Geld und konnten auch mehr ausgeben, aber sie hatten missmutige, müde oder verbitterte Gesichter und unfreundliche Augen. Sie konnten keine richtigen Feste mehr feiern – weder fröhliche noch ernste. Träumen galt bei ihnen fast als ein Verbrechen.

Am allerwenigsten aber konnten sie die Stille ertragen. Denn in der Stille überfiel sie Angst. Weil sie ahnten, was wirklich mit ihrem Leben geschah. Darum machten sie Lärm, wann immer die Stille drohte.

 

Aus: Momo. Von Michael Ende.

…then you’re alive

„If you’re reading this, if there’s air in your lungs, then you’re alive, today, tonight, right now.

And who can know how long we have here…

And is it a gift? Was it ever a gift?

(…)

Are there things to fight, to live for?

(…)

Will you move for things that matter?“

Aus: „If You Feel Too Much„, von Jamie Tworkowski, Gründer von To Write Love On Her Arms (einer gemeinnützigen Organisation, die auf die Situation depressiver, suizidgefährdeter, drogenabhängiger und selbstverletzender Menschen aufmerksam macht und sich zum Ziel gesetzt hat, diesen Menschen zu helfen).

If You Feel Too Much, von Jamie Tworkowski. Foto: pr.

If You Feel Too Much, von Jamie Tworkowski. Foto: pr.

Ein Brief an… Miley Cyrus

Liebe Miley,

du bist durchgeknallt. Das weiß allein jeder, der deinem Instagram-Account folgt. Darauf teilst du mit Millionen von Leuten, dass du riesige Joints rauchst, mit der Heißpistole alles zu „Schmuck“ verklebst, was nicht bei drei auf dem Baum ist, Altare für deine toten Hunde baust und gerne andere Mädels abschleckst. Und gerade erst hast du eine Ballade für deinen toten Kugelfisch veröffentlicht – gekleidet in einem Einhorn-Onesie. (Reinhören – erschütternd gut, gerade ab Minute 3!)

Aber weißt du was? Ich finde trotzdem, dass du ein großes Vorbild bist.

Du hast es rigoros geschafft, dir ein eigenes Image aufzubauen und dich von deinem alten Disney-Image zu lösen. Du machst (zumindest lässt du uns das glauben) konsequent dein eigenes Ding – zum Guten wie zum Schlechten.

Dass du eine ernstzunehmende Künstlerin bist, kann niemand ernsthaft bezweifeln. Allein in deinen sehr hörenswerten „Backyard Sessions“, in denen du zum Beispiel mit Joan Jett auftrittst, beweist du, was für eine Wahnsinnsstimme du hast. Und dass du mit den musikalischen Wurzeln deines Landes noch stark verbunden bist. (Wahnsinn ist allein, wie du „Jolene“ singst!)

Du bist engagiert. So hast du gerade unter anderem die „Happy Hippie Foundation“ ins Leben gerufen – eine Stiftung, die junge Leute dazu bringen will, sich gegen Ungerechtigkeit gegenüber der LGBT-Community und obdachlosen Jugendlichen zu engagieren.

Wie Madonna in den Achtzigern

Und: Du stellst die Geschlechterrollen gnadenlos in Frage. Du flirtest mit Frauen wie mit Männern. Okay, das machen viele derzeit. Aber in einem Interview zum Launch der „Happy Hippie Foundation“ sagtest du zum Beispiel: „Ich fühle mich, als wäre ich nicht an ein Geschlecht gebunden. Oder an ein Alter. Ich fühle mich wie eine unendliche kosmische Sache, und ich will, dass die Menschen das verstehen.“ Sicher, vielleicht war das ganze Gras, das du rauchst, nicht unschuldig an dieser Aussage. Aber es ist eine wunderbare Aussage, die zusammen mit deiner tiefen Stimme und deinem harschen Haarschnitt einfach gut passt.

Allein sich so gegen das amerikanische weibliche Popsternchen-Image einer Jennifer Lopez, Ariana Grande oder Katy Perry zu stellen ist, ja, mutig. Dabei treibst du die Sexualisierung des amerikanischen Pop-Biz rücksichtslos auf die Spitze. Und bist gleichzeitig eine der ersten Frauen deiner Generation, die den selbstbewussten Umgang mit dem eigenen weiblichen Körper und z.B. Masturbation der Popwelt zeigen.

Nenn mich verrückt, aber du erinnerst mich an die Madonna der Achtziger. Und die war damals ziemlich cool.

Du weißt genau, wie deine Fans ticken

Und nicht zuletzt lebst du alle Verrücktheiten aus, die mir nie im Traum einfallen würden. Du machst, worauf du Lust hast. Du willst zu Beginn deines Konzerts auf einer riesigen Nachbildung deiner Zunge auf die Bühne rutschen? Klar, wird gemacht! Auf der Bühne Joints rauchen? Twerken? Masturbieren (oder zumindest so tun)? Mit Geld um dich schmeißen? Riesige Teddybären tanzen lassen? Eine Statue deines verstorbenen Huskeys ansingen? Aber klar machste das!

Doch bei allem merkt man dir an, dass du ganz genau weißt, wie deine Fans ticken. Du holst dir Jacken, Schmuck oder (wahlweise) aufblasbare Riesenpenisse aus dem Publikum und bindest alles in deine Show ein, wie es dir gerade in den Sinn kommt.

Und die Leute? Die rasten aus. Sie feiern dich wie eine Erscheinung. Ja, doch, irgendwie kann ich das verstehen.

Du lebst so, wie du es jetzt gerade für richtig hältst.

Wer weiß schließlich, was es mit einem Menschen macht, wenn man als Kind zu „Hannah Montana“ wird und wie ein Barbiepüppchen mit Duracell-Batterie über die Bühne hüpfen und Plastiklieder wie „Party in the USA“ singen muss. Und dadurch ein Weltstar wird. In einem Alter, in dem die meisten von uns noch „Bibi und Tina“-Kassetten zum Einschlafen gehört haben.

Die Menschen zerreißen sich entweder das Maul über dich. Oder sie feiern dich.

Und du? Du machst, was du willst. Und das finde ich bewundernswert.

Das Wahnsinns-Jahrzehnt: Wir da zwischen 20 und 30

Die Zeit zwischen 20 und 30. Eine Zeit, in der sich für uns so viele Weichen stellen wie in keinem anderen Jahrzehnt. In dem wir die Welt entdecken sollen, die wir später mal retten werden. (Angeblich.)

Ich habe neulich mit einer Freundin darüber gesprochen, und ich gebe ihr Recht: In der Zeit zwischen unserem 20. und unserem 30. Lebensjahr entscheiden wir unser späteres Leben, treffen wichtige Entscheidungen, lernen, Verantwortung zu übernehmen (oder eben nicht). Wir lernen, wir lieben, wir ziehen aus, ziehen ein, ziehen um, trennen uns, bauen Nester, zerstören sie, trauen uns oder trauen uns nicht – das zu machen, was wir machen wollen.

Dies ist die Zeit, in der wir erwachsen werden. Sollen.

In der wir herausfinden sollen, wer wir sind.

Wohin wir wollen.

Wen wir wollen.

Was wir wollen.

Die Zeit, in der wir einen roten Faden in dem Wollknäuel finden sollen, das wir Leben nennen. Dabei gibt es so viele lose Enden. Nach denen wir nur greifen müssen?

Allein die viele Fragezeichen, die dieses Jahrzehnt mit sich bringt! Wahnsinn!

Kreieren wir, wer wir sind? Aber wer sind wir denn, die die Welt mal retten sollen? Fotos: M.Denecke

Kreieren wir, wer wir sind? Aber wer sind wir denn, die die Welt mal retten sollen? Fotos: M.Denecke

Welche Ausbildung? Oder Studium? Welches? Und wo? Und wie lang? Master machen? Zweiten Master? Promovieren? MBA? Erasmus zwischendurch? Und wo? Ein Auslandsjahr? Ganz ins Ausland gehen? Doch auf Lehramt umsatteln? Hatten meine Eltern doch Recht? Und werde ich allmählich wie meine Mutter?

Rebellieren? Oder doch nicht?

Und wenn ja – wie denn noch?

Alles ist möglich, alles machbar – also machen wir alles.

Alle Praktika.

Alle Sprachkurse.

Alle Sportkurse.

Alle Partys.

Alle Formen der Liebe.

Damit man hinterher sagen kann: Ich habe alles mal gemacht? Wann denn – mit 30? 31? Mit 50?

Damit man, irgendwann um die oder ab 30, heiraten und Kinder kriegen und auf ein Haus sparen kann?

Könige der Sozialen Netzwerke

Wir sollen (wollen?) erwachsen werden. Aber wie stellen wir das im Lebenslauf dar? (Hauptsache ist, der weist keine Lücken auf!)

Wir müssen alles wollen. Und alles können. Und das vor den Augen aller anderen.

Die Sozialen Netzwerke sind unsere Königreiche, und der Pop ist unsere Regierungsform.

Wenn wir Geld verdienen, dann so wie im „Business Punk“.

Wenn wir alternativ sind, dann so wie in der „Flow“.

Wenn wir jung sind, dann so wie in der „NEON“.

Wenn wir protestieren, dann mit Facebook-Veranstaltung.

Wenn wir kommentieren, dann via Twitter.

Wenn wir kochen, dann mit Blog. (Schreibt die Bloggerin.)

Wenn wir stricken, dann mit Pinterest.

Wenn wir reisen, dann mit Tumblr.

Wenn wir unser eigenes Ding machen, dann mit Crowdfunding.

Kunst? Geld verdienen? Rebellieren? Geht das noch?

Kunst machen? Geld verdienen? Rebellieren? Geht das noch?

Die Welt ist unser Zuhause.

Fernbeziehungen? Hat doch heute jeder. Jedes Wochenende in einer anderen Stadt – kein Problem! Und Weihnachten in drei verschiedenen Ländern – bei Papas neuer Familie, den Großeltern und der Familie des Freundes – na klar! Ein bisschen stressig war’s, aber echt schön.

Unser Leben, es ist casual-kosmopolitisch. „Schnell nach Kuba, bevor da alles anders aussieht!“ – „Ich ziehe im Oktober nach Kenia – und was machst du so?“ – „In der Mongolei, weißt du, da ist es so, dass… warte mal, da habe ich noch ein Video von…“

Hauptsache, wir bleiben Schwämme und saugen die Welt in uns auf.

Wir sollen, wollen, sie ja schließlich mal retten.

Hauptsache, wir halten mit.

Sehenswert!

Übers Scheitern: Die „Commencement Speech“ von „Harry Potter“-Erfinderin J.K. Rowling an der Uni Harvard: https://www.youtube.com/watch?v=wHGqp8lz36c

Übers Hinausgehen in die Welt: Die „Commencement Speech“ von „Game of Thrones“-Schauspieler Peter Dinklage: https://www.youtube.com/watch?v=CuEfEv0OlsY

„This is why I write“

I love to write. To find the right phrases, to dig beyond appearances. Lyricism is a hymn to language and to life. Metaphor is a gift from the gods. I am going to write, I write, and I have always written: it is my vocation and my passion. I will defend it. It is also the proof and the practice of my form of luck: my freedom. I have a right to freedom because I am alive and because I am going to die. This is why I write.

Kamel Daoud, author of this week’s fiction.
(via newyorker)

USA – das Land der Ignoranten?

Die Geschichten sind ja immer ganz lustig: Jeder kennt irgendwoher mindestens einen Ami, der nicht weiß, dass Europa ein Kontinent und kein Land ist, dass die Hauptstadt Deutschlands Berlin heißt oder dass wir nicht alle auf mittelalterlichen Burgen leben.

Kann man den Amerikanern (hm, die Amerikaner… wer soll das eigentlich sein?) nachsehen, dass sie von der Welt „da draußen“ oft erschreckend wenig wissen?

Ja und nein.

Zum einen ist es für uns Europär einigermaßen unverständlich, dass man so wenig über die Welt wissen kann wie viele Amerikaner es tun. Nicht, dass es bei uns nicht auch die Leute gibt, die keinen einzigen Bundespräsidenten benennen können und für die 1989 keine Jahreszahl von Bedeutung ist. Aber zumindest die können wohl noch vier europäische Länder aufzählen und Russisch von Spanisch unterscheiden. Sie wissen, dass man bei uns mit dem Euro und in den USA mit dem Dollar bezahlt. (Letzteres wohl eher als Ersteres.) Aber was die „Amis“ angeht…

Amerika – „the greatest nation on Earth“?

Zeugt es da nicht von unheimlicher Arroganz und/oder Gleichgültigkeit dieser Amis, sich so überhaupt nicht für die Welt zu interessieren? Wenn andere Länder mal in den Nachrichten erwähnt werden, dann eigentlich nur, weil Amerika Krieg mit ihnen führt oder gerade ein Regierungsvertreter dorthin reist. Man lernt nichts darüber, was in Brüssel oder Kapstadt passiert, aber dafür, wer wen in der Nachbarschaft nebenan umgebracht hat – mit Foto („mugshot“), Live-Verfolgungsjagd und allem drum und dran.

Amerika, "the greatest nation on Earth"? Foto: M.Denecke

Amerika, „the greatest nation on Earth“? Foto: M.Denecke

Erscheint es da nicht ein wenig lächerlich, dass viele Amerikaner immer noch denken, dass ihr Land das großartigste der Erde ist („the greatest nation on Earth“), dass sie alle Aufgaben dieses Universums allein stemmen können und sie keine andere Sprache brauchen als ihr American English? (Das in Texas aber eine andere Sprache zu sein scheint als z.B. an der Ostküste…)

Ja, stimmt. Aber wir Europäer zeigen uns in dieser Diskussion auch nicht gerade von unserer kosmopolitischsten Seite. Zu gern irgnorieren wir die amerikanische Sicht der Dinge.

„World police“ und Glaube an ein großes Wort

Nichts ist in der US-amerikanischen Mentalität so sehr verankert wie der Glaube daran, in einem mächtigen Land zu wohnen,  das die Rolle der „world police“ spielen muss. Und, damit verbunden, der Glaube daran, ein auserwähltes, ein besonderes Volk zu sein. Das Volk der Pioniere, das Volk, das auch den blutigsten Bürgerkrieg der Geschichte überstanden hat (zumindest auf dem Papier). Das Volk, das auf einem großen Prinzip gegründet wurde: Freiheit. Die Freiheit, sich zu entfalten wie man möchte, zu glauben, was man möchte, zu leben, wie man möchte, dieses Leben zu verteidigen, wie man möchte, sein Geld zu verdienen, wie man möchte, seine Kinder zu erziehen, wie man möchte, werden, was man möchte.

Das Manifest Destiny spricht davon, der berühmte Ralph Waldo Emerson spricht davon, und Walt Whitman in seinem berühmten Gedicht „Pioneers! O Pioneers“ sowieso.

Dieser schier unglaubliche Blick auf das eigene Sein kommt einem in diesem Land überall entgegen: in den Nachrichten (die lokal und im besten Fall national sind), in der Politik sowieso, in der Übermittlung der Geschichte, bei jedem Baseballspiel. Jede der unzählbaren US-Flaggen an Häusern, in Bars, ja in Kinos scheint zu rufen: Seht, was wir aus diesem Land gemacht haben! Haben wir nicht zwei Weltkriege beendet? Sind wir nicht die Wiege der modernen Demokratie? Spielen wir nicht überall eine zentrale Rolle? Opfern wir nicht unsere Männer und Frauen für euren Frieden? Stehen wir nicht immer wieder auf?

Die "star sprangled banner" weht einem in den USA überall entgegen. Foto: M.Denecke

Die „star sprangled banner“ weht einem in den USA überall entgegen. Foto: M.Denecke

„O say can you see
by the dawn’s early light,
what so proudly we hailed
at the twilight’s last gleaming,
whose broad stripes and bright stars
through the perilous fight,
o’er the ramparts we watched,
were so gallantly streaming?“

Das sternenbesetzte Banner – wofür steht es nicht alles…

Doch eine entscheidende Rolle beim Verstehenwollen des Landes (und ich hadere jetzt noch oft damit) spielt auch seine schiere Größe: Wirft man den Amerikanern nicht oft vor, dass ihre Ignoranz daher kommt, weil viele ihr Land noch nie verlassen haben? Ja viele nicht einmal einen Reisepass besitzen?

Wünschenswert wäre das, klar. Aber gleichzeitig sind wir Europäer verwöhnt: Wir brauchen nur wenige Stunden, um in ein anderes Land mit anderer Sprache, Kultur und jahrhundertealter Geschichte zu kommen. Und wir brauchen gut acht Stunden, um Deutschland mit dem Auto zu durchqueren. In acht Stunden durchquert man in den USA einen kleinen Teil des Mittleren Westens. Von Chicago aus sind New York und Los Angeles Ewigkeiten weg. Und Europa erst recht.

Zumal Amerikaner keine 30 Tage pro Jahr frei bekommen, um einen Monat lang irgendwohin backpacken zu gehen oder im Sommer in die Türkei und im Winter nach Italien zu fliegen. Wer Glück hat, hat hier zehn Tage im Jahr Urlaub. Zeit, die man nicht unbedingt in einem stundenlangen Flug und mit Jetlag verbringen möchte. Das kann ich verstehen.

Was ich hier NICHT sagen will ist, dass es okay ist, sich nicht für andere Länder, Weltpolitik oder andere Kulturen zu interessieren. Was ich aber sagen möchte ist, dass das glaube ich bei vielen Amerikanern oft gar nicht der Fall ist. Dass wir uns die Entwicklungsgeschichte und die Werte anderer Kulturen einfach mal genauer ansehen sollten, bevor wir urteilen.

Bei Fifty Shades of Grey (der Film) geht es um eine Sache – und es ist nicht Sex

Fifty Shades of Grey, könnte man meinen, handelt von vielen Dingen: einer Beziehung, der großen Liebe, Vertrauen, Sex, Machtspiele… Der Film zumindest, handelt von genau einer Sache – und es ist nicht Sex.

Es geht um das Verhältnis zwischen Mann und Frau heute.

Die Frau, hier Anastasia Steele, überzeugend dargestellt von Dakota Johnson: schlau, hübsch (dabei zum Glück ohne Pornostar sein zu müssen, sie darf z.B. ihre Schamhaare behalten), zerbrechlich, albern, schüchtern, bestimmend. Nicht alles gleichzeitig, es gibt natürlich eine Entwicklung. Aber dennoch ist sie immer diejenige, die (trotz ihrer in jeder Filmszene kürzer werdenden Röcke) die Hosen anhat. Sie lässt sich auf diesen Typen ein, ja, aber sie denkt nach und zögert. Sie ist beeindruckt von Greys überdimensionalem Reichtum, ja, aber macht sich darüber lustig. Sie stolpert, stottert und errötet, ja, aber sie vergisst nie, wer sie ist.

Dann, der Gegenentwurf: der Mann, Christian Grey. Er hat eigentlich nur zwei Funktionen: gut aussehen und Schema F folgen. Schema F ist in diesem Fall: Die Frau erobern, mit allen Mitteln – Kleidern, Riesenwohnung, Riesenunternehmen, Hubschraubern, Autos, Klavierspielen, viel Händchenhalten, viel Küssen, ein bisschen Dominanz, ganz viel schmunzeln, blah blah.

Es liegt mit Sicherheit an Drehbuch und Schauspieler gleichermaßen – aber der Mann ist in Fifty Shades of Grey der graue Schatten, vor dem sich die Frau so richtig austobt. Sie hat Charme, Witz, Farbe, Gefühl, Stärke. Der Mann (gespielt von Jamie Dornan) weiß nicht, was er sein soll: Macho? Frauenversteher? Romantiker? Kleiner Junge? Knallharter Geschäftsmann? Braver Sohn? Anständiger Freund? Er ist nichts richtig. Sagt, dass er das eine nicht ist, obwohl er es gerade erst war, und dass er das andere immer sein wird, obwohl er es nicht wirklich ist.

Männer heute haben es nicht leicht, denke ich mir als Frau. Sie müssen alles ein bisschen sein, und das jeweils zur richtigen Zeit. Aber wann die ist, sagt ihnen niemand. Frauen dürfen (gesellschaftlich gesehen) viel mehr sein, können (endlich mal!) alles sein, was sie sein wollen.

Wo bleibt der Mann da? Er muss sich weiterentwickeln. Weg vom Schema-F-Typen à la Christian Grey. Die sind soooo last century.

Daher ist es in Fifty Shades of Grey auch die Frau, die dem Mann zum Schluss NEIN sagt – und der Mann gehorcht wie ein Hund.

Fifty Shades of Grey, seit 12.02.15 im Kino.

P.S.: Um Sex geht es bei Fifty Shades of Grey nun wirklich nicht. SPOILER, aber: Es gibt genau 2 Sexszenen. Und sind so wunderhübsch inszeniert und ausgleuchtet und enden so brav-rechtzeitig, dass jedes RTL-Publikum schon mehr gesehen hat. Das konnten „Der letzte Tango in Paris“ und „9 1/2 Wochen“ irgendwie besser.