Live-Schalten im Fernsehen: Sinn und Unsinn

München, Würzburg, Nizza – Anlässe für Fernsehberichte vor Ort hat es allein in den letzten Wochen und allein in nächster Nähe leider genug gegeben. Aber wie sinnvoll sind sie – oder wie unnütz?

Korrespondenten sollen bei diesen sogenannten Live-Schalten natürlich Antworten liefern können. Ich war noch nie live in einer solchen Drucksituation vor der Kamera. Ich stelle mir vor, dass Korrespondenten von ARD, ZDF oder anderen unter großem Druck sind, wenn das Rotlicht angeht. Sie sind live einem Millionenpublikum zugeschaltet. Sie sollen Infos liefern – meist über Katastrophen, die gerade erst passieren.

Dass man in einer solchen Situation Fragen beantworten will, die man noch gar nicht beantworten kann, ist menschlich. Zum Beispiel, wenn ein Jens Riewa oder ein Jan Hofer ruhig und extrem ernst fragen, wie schnell Sicherheitskräfte vor Ort waren. Oder ob es sich nun um einen Terrorakt oder einen Amoklauf handelt. Und das, während das grauenhafte Geschehen noch im Gange ist.

Korrespondenten sollen bei Live-Schalten natürlich Antworten liefern können. Sie agieren aber nicht als Augenzeugen. Korrespondenten müssen mehr transportieren als Gefühle, Gedanken, Gerüchte. Mehr noch: Sie DÜRFEN bloße Gerüchte als einzige Information nicht einfach weitergeben. Hierzu zähle ich auch Einordnungen wie „Es ist klar, dass eine Großstadt wie München ein erhöhtes Ziel für Terrorgefahr ist.“ – wenn noch überhaupt nicht klar ist, ob die Schüsse in München ein Akt des Terrors waren.

Bloße Spekulation bringt niemandem etwas. Sie können eine Situation sogar verschlimmern – wenn sie beispielsweise Fremdenhass oder die Angst vor einer Religion schüren.

Was können Korrespondenten und Live-Schalten leisten?

Von Korrespondenten wird anscheinend viel verlangt mittlerweile. Sie sollen alle Informationen bestätigen oder verifizieren, die es gibt – nur weil sie vor Ort sind.

Ist es aber nicht eher so, dass diejenigen, die vor Ort sind, genau dies nicht leisten können? Sie können nicht diejenigen sein, bei denen alle Informationen zusammenlaufen. Dazu gibt es die Redaktionen, die Behörden, soziale Netzwerke und andere Quellen gleichzeitig im Blick haben und überprüfen (!) können.

Live-Schalten sind meiner Meinung nach dann sinnvoll, wenn zusätzliche Informationen vor Ort eingeholt werden sollen. Wenn es darum geht, einen kurzen Eindruck vom Ort des Geschehens einzufangen. Wenn der Korrespondent die Situation als Experte einordnen kann.

Ewige Live-Schalten ohne Verstand

Die Länge von Live-Schalten ist auch interessant. Wenn die Nachrichtenlage noch unklar ist oder ein Korrespondent nichts Neues weiß (und nur Gefühle oder Gerüchte weitergeben kann), dann sollte zuerst die Frage gestellt werden:

Welchen Mehrwert hat diese Live-Schalte?

Und dann: Wie lang soll sie dauern?

Thomas Roth fragt nach einer Zusammenfassung der Nachrichtenlage: „Welche Informationen haben Sie zur aktuellen, akuten Lage?“ – Antwort des Korrespondenten (verkürzt): „Keine.“ Nuff said. Oder nicht? Diese Liveschalte geht dann noch etliche Minuten weiter.

Die Live-Schalte der ARD zur Pressekonferenz der Münchner Polizei artet in ein besseres „Facebook Live“ aus: Jede blöde Journalisten-Frage wird mit gefilmt. Jeder Schritt des Korrespondenten wird mit gefilmt. Der Zuschauer sieht Polizei und Reporter dabei zu, wie Stück für Stück Infos zusammengetragen, und im besten Fall verifiziert oder falsifiziert werden.

Einfach, um live zu sein? Besser als die sozialen Netzwerke sind die ARD in diesem Augenblick dann auch nicht.

Transparent machen, was man weiß – und was nicht

Sätze wie „Wir können drei Tote bestätigen. Wenn wir Twitter richtig gelesen haben“ gehören nun wirklich nicht in eine öffentlich-rechtliche Nachrichtensendung.

Warum Informationen nicht erst dann kommunizieren, wenn man sie wirklich bestätigt hat? Und vor allem: Sagen, woher man Informationen hat. Transparent machen, wenn Informationen angezweifelt werden könnten. Und sagen, wenn man etwas NICHT weiß.

Gut dann, Sätze wie diese von Korrespondenten zu hören: „Ob Terrorakt oder Amoklauf – ich weiß es nicht. Es ist jetzt noch viel zu früh, um Kategorien zu bilden.“ Oder: „Zu diesem Zeitpunkt etwas dazu zu sagen, wäre reine Spekulation.“

Oder den Satz von Marcus da Gloria Martins, Sprecher der Polizei München: „Wenn Sie seriöse, verifizierte Aussagen von mir haben wollen, dann lassen Sie uns in Ruhe unsere Ermittlungen durchführen.“ Er wird dafür auf Twitter gefeiert.

Wenn man keine Ahnung hat… Ihr wisst schon.

 

Anmerkung: In letzter Zeit schaue ich für Nachrichten meist ARD. Die Live-Schalten anderer Sender kann ich daher nicht beurteilen.

 

MEHR DAZU:

Hätte man sich sparen können„: Lesenswerter Artikel von sueddeutsche.de über die Live-Schalte der ARD zu Würzburg: hier klicken.

Die Gelassenheit fehlte„: Lesenswertes Interview von Deutschlandfunk über das Verhalten der Medien am Tag des Münchner Amoklaufs am 22.7.: hier klicken.

München und die Medien„: Lesenswerte Analyse der Berichterstattung und der ersten Pressekonferenz zum Münchner Amoklauf am 22.7.: hier klicken.

 

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Das Wahnsinns-Jahrzehnt: Wir da zwischen 20 und 30

Die Zeit zwischen 20 und 30. Eine Zeit, in der sich für uns so viele Weichen stellen wie in keinem anderen Jahrzehnt. In dem wir die Welt entdecken sollen, die wir später mal retten werden. (Angeblich.)

Ich habe neulich mit einer Freundin darüber gesprochen, und ich gebe ihr Recht: In der Zeit zwischen unserem 20. und unserem 30. Lebensjahr entscheiden wir unser späteres Leben, treffen wichtige Entscheidungen, lernen, Verantwortung zu übernehmen (oder eben nicht). Wir lernen, wir lieben, wir ziehen aus, ziehen ein, ziehen um, trennen uns, bauen Nester, zerstören sie, trauen uns oder trauen uns nicht – das zu machen, was wir machen wollen.

Dies ist die Zeit, in der wir erwachsen werden. Sollen.

In der wir herausfinden sollen, wer wir sind.

Wohin wir wollen.

Wen wir wollen.

Was wir wollen.

Die Zeit, in der wir einen roten Faden in dem Wollknäuel finden sollen, das wir Leben nennen. Dabei gibt es so viele lose Enden. Nach denen wir nur greifen müssen?

Allein die viele Fragezeichen, die dieses Jahrzehnt mit sich bringt! Wahnsinn!

Kreieren wir, wer wir sind? Aber wer sind wir denn, die die Welt mal retten sollen? Fotos: M.Denecke

Kreieren wir, wer wir sind? Aber wer sind wir denn, die die Welt mal retten sollen? Fotos: M.Denecke

Welche Ausbildung? Oder Studium? Welches? Und wo? Und wie lang? Master machen? Zweiten Master? Promovieren? MBA? Erasmus zwischendurch? Und wo? Ein Auslandsjahr? Ganz ins Ausland gehen? Doch auf Lehramt umsatteln? Hatten meine Eltern doch Recht? Und werde ich allmählich wie meine Mutter?

Rebellieren? Oder doch nicht?

Und wenn ja – wie denn noch?

Alles ist möglich, alles machbar – also machen wir alles.

Alle Praktika.

Alle Sprachkurse.

Alle Sportkurse.

Alle Partys.

Alle Formen der Liebe.

Damit man hinterher sagen kann: Ich habe alles mal gemacht? Wann denn – mit 30? 31? Mit 50?

Damit man, irgendwann um die oder ab 30, heiraten und Kinder kriegen und auf ein Haus sparen kann?

Könige der Sozialen Netzwerke

Wir sollen (wollen?) erwachsen werden. Aber wie stellen wir das im Lebenslauf dar? (Hauptsache ist, der weist keine Lücken auf!)

Wir müssen alles wollen. Und alles können. Und das vor den Augen aller anderen.

Die Sozialen Netzwerke sind unsere Königreiche, und der Pop ist unsere Regierungsform.

Wenn wir Geld verdienen, dann so wie im „Business Punk“.

Wenn wir alternativ sind, dann so wie in der „Flow“.

Wenn wir jung sind, dann so wie in der „NEON“.

Wenn wir protestieren, dann mit Facebook-Veranstaltung.

Wenn wir kommentieren, dann via Twitter.

Wenn wir kochen, dann mit Blog. (Schreibt die Bloggerin.)

Wenn wir stricken, dann mit Pinterest.

Wenn wir reisen, dann mit Tumblr.

Wenn wir unser eigenes Ding machen, dann mit Crowdfunding.

Kunst? Geld verdienen? Rebellieren? Geht das noch?

Kunst machen? Geld verdienen? Rebellieren? Geht das noch?

Die Welt ist unser Zuhause.

Fernbeziehungen? Hat doch heute jeder. Jedes Wochenende in einer anderen Stadt – kein Problem! Und Weihnachten in drei verschiedenen Ländern – bei Papas neuer Familie, den Großeltern und der Familie des Freundes – na klar! Ein bisschen stressig war’s, aber echt schön.

Unser Leben, es ist casual-kosmopolitisch. „Schnell nach Kuba, bevor da alles anders aussieht!“ – „Ich ziehe im Oktober nach Kenia – und was machst du so?“ – „In der Mongolei, weißt du, da ist es so, dass… warte mal, da habe ich noch ein Video von…“

Hauptsache, wir bleiben Schwämme und saugen die Welt in uns auf.

Wir sollen, wollen, sie ja schließlich mal retten.

Hauptsache, wir halten mit.

Sehenswert!

Übers Scheitern: Die „Commencement Speech“ von „Harry Potter“-Erfinderin J.K. Rowling an der Uni Harvard: https://www.youtube.com/watch?v=wHGqp8lz36c

Übers Hinausgehen in die Welt: Die „Commencement Speech“ von „Game of Thrones“-Schauspieler Peter Dinklage: https://www.youtube.com/watch?v=CuEfEv0OlsY

Der Co-Pilot: Auch seine Familie verdient Schutz

Heute kennen die Medien gefühlt nur eine Aufgabe: Alles auszugraben über den „Co-Piloten“ (offizielle Bezeichnung: Erster Offizier), der die Germanwings-Maschine 4U9525 nach jetzigen Informationen zum Absturz brachte, was es nur auszugraben gibt.

Wieder sind die Fernsehkanäle voll von Sondernsendungen – vor allem die ARD scheint den ganzen Tag nichts anderes zu berichten. Verbunden mit gefühlt minütlichen Live-Schalten: an den Heimatort des Co-Piloten, in die Nähe der Absturzstelle, vors Kanzleramt. Ein Bekannter, der heute Nachmittag im Flugsimulator der Lufthansa in Bremen war (er ist Pilot), schrieb, dass das Gebäude von Reportern belagert wurde. (Ich schreibe hier bewusst „Reporter“ und nicht „Journalisten“ – das klingt passender.)

Das, was wir heute über den Flugzeugabsturz erfahren haben, verdient größte mediale Aufmerksamkeit, ja – so groß die Tragödie, so unfassbar ihre Ursache, so berechtigt der Wunsch der Öffentlichkeit nach umfassenden Informationen.

N-24 entschuldigte sich

Aber wieder bekleckern sich die Medien hier ganz und gar nicht mit Ruhm. Haben sie denn nichts aus Dienstag und Mittwoch gelernt, als deutsche Nachrichtenportale oftmals Nicht-Nachrichten verbreiteten und die Persönlichkeitsrechte der trauernden Angehörigen verletzten (Link führt zu BILDblog)? Einige anscheinend nicht. So entschuldigte sich beispielsweise der private Nachrichtensender N-24 via Twitter gegen 14 Uhr dafür, das Haus des Co-Piloten im Rahmen ihrer Berichterstattung gezeigt zu haben. N-24 versprach, „in Zukunft auf diese Bilder“ zu „verzichten“. Wie aus den Antworten auf diesen Tweet hervorgeht, fällt vielen Menschen schwer, das zu glauben.

Jetzt gibt es mit dem Co-Piloten einen Täter. Von den meisten deutschen Nachrichtenportalen wird dessen Bild verpixelt und dessen Nachname abgekürzt. Warum man das machen sollte? Weil dieser Mensch Angehörige hat – Angehörige, die nichts für seine Taten können. Die womöglich so traumatisiert von den Erkenntnissen über die Absturz-Ursache sind, wie es die Angehörigen der Opfer sein dürften. Das macht sie meines Erachtens nach auch zu Opfern, die es verdient haben, vor der Aufmerksamkeit der (Welt-)Öffentlichkeit geschützt zu werden.

Sollte man jemanden, der so eine Tat begangen hat, anonymisieren?

Sicherlich, „bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen“, heißt es in Ziffer 8 des Pressekodex des Presserates. Im Fall des Co-Piloten liegt eindeutiges Informationsinteresse der Öffentlichkeit vor.  Aber nur einen Satz weiter heißt es in Ziffer 8: „Soweit eine Anonymisierung geboten ist, muss sie wirksam sein.“

Aber sollte (oder muss) man jemanden, der nach derzeitiger Informationslage für den Tod von 149 Menschen verantwortlich ist und diesen bewusst herbeiführte, anonymisieren?

Die Medien gehen ganz unterschiedlich mit den Informationen rund um den Co-Piloten um, wie dieser Meedia-Artikel darstellt (Achtung: Die Screenshots jener Artikel, die den Co-Piloten unverpixelt zeigen, sind hier ebenfalls nicht verpixelt. Warum auch immer).

Für internationale Medien wie etwa die New York Times, Washington Post, BBC oder die israelische Haaretz scheint es hingegen nicht der Rede wert, den Co-Piloten mit vollem Namen zu nennen (Achtung: alle Links führen zu Artikeln, die den vollen Namen nennen).

Handelt es sich hier um grundsätzlich unterschiedliche journalistische Kulturen? Schließlich ist es z.B. in amerikanischen Medien an der Tagesordnung, dass Kriminelle mit vollem Namen und Foto („mugshot“) im Fernsehen genannt und gezeigt werden – sogar bei geringeren Delikten wie Autounfällen mit Blechschaden.

Ich persönlich (das ist hoffentlich bislang in diesem Kommentar klar geworden) bin der Meinung, dass der Co-Pilot anonymisiert und nähere Informationen zu ihm (z.B. ein Bild seines Elternhauses) nicht veröffentlicht werden sollten. Nicht, weil er nicht Objekt des öffentlichen Interesses ist – denn das ist er definitiv. Sondern, weil die Informationen über ihn als Ursache des Absturzes kaum ein paar Stunden alt sind – und daher seinen Angehörigen die Zeit und der Raum gelassen werden sollte, diese unbegreiflichen Informationen zumindest im Ansatz zu begreifen. Und nähere, persönliche Informationen zu ihm, die seine Angehörigen identifizieren oder bloßstellen, die gehören bitte sowieso nicht in die Öffentlichkeit.

Wer Mitleid mit der Täter-Familie hat, trauert nicht um die Opfer?!

Interessant war es, meine Skepsis der Nicht-Anonymisierung im internationalen Kontext öffentlich zu machen. Unter einen Tweet der New York Times, der bereits im Teaser den vollen Namen des Co-Piloten nannte, schrieb ich: „Seriously NYT?!? Why on Earth would you publish his full name!? What about his family? Don’t do this!!“ Okay, vielleicht habe ich aus dem Bauch heraus mit den Satzzeichen ein bisschen übertrieben. Die Reaktionen aber waren interessant.

Twitterer rieten mir, erwachsen zu werden („Grow up.“), nannten mich „fucking morons“ und „fucking liberal“ – immer mit dem Argument, dass ihnen der Mörder von so vielen Menschen doch egal sei. Und ebenso seine Familie. Und dass die Angehörigen der Getöteten doch ein Recht hätten, die Identität des Täters zu erfahren.

Natürlich haben sie das. Aber die Angehörigen und die Weltöffentlichkeit sind zwei verschiedene Kreise.

Gleichzeitig wurde ich gefragt, ob ich denn kein Mitleid mit den Angehörigen habe, dass ich so auf der Seite des Täters stünde.

Was, frage ich mich da, hat der Wunsch, keine Informationen über die Angehörigen des Co-Piloten in den Medien zu sehen, damit zu tun, Mitleid oder kein Mitleid mit den Angehörigen der Opfer zu haben?

Ein Twitterer wirkte wie ein extrem konservativer Mensch und sehr überzeugter Christ (wer sogar in 140 Zeichen Jesus‘ Namen unterbringt, und das in Großbuchstaben, wirkt auf mich zumindest so). Wie er abstreiten kann, dass auch die Familie des Co-Piloten ein Anrecht auf Schutz und Raum zu trauern hat, ist mir rätselhaft.

UPDATE: Sehr lesenswerter Kommentar aus dem Medienblog der NZZ.

Zoom ran! Von Journalisten und Katastrophen (Nachtrag – Trauma)

Der TV-Reporter steht vor einer Schule, hat das Gebäude im Rücken. Der Schulhof ist mit rot-weißem Band abgesperrt. Auf dem Schulhof haben sich offensichtlich Schüler versammelt, die sich teilweise an den Händen halten, Blumen niederlegen, mit gesenkten Köpfen miteinander sprechen. Sie trauern sichtbar. Trauern um die 10. Klasse und die Lehrerkräfte, die nur ein paar Stunden vorher in der Germanwings-Maschine Nummer 4U9525 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf über den Alpen abstürzten.

Und der Reporter berichtet live von diesem Ort. Dabei wird an seinen Worten klar, dass es nichts zu sagen gibt, was diese sogenannte Live-Schalte rechtfertigt. Und was macht der Kameramann? Er zoomt ran. So nah es nur geht. An die Schüler, die dort in kleinen Gruppen zusammenstehen.

Dies sind Szenen der Berichterstattung des Nachrichtenformats „ProSieben Newstime“. Sicher, ProSieben ist wohl eh nicht das seriöseste aller deutschen Nachrichtensendungen. Aber eine Nachrichtensendung ist „Newstime“ dennoch. Und hat damit journalistische Ansprüche zu erfüllen.

Ich bin Journalistin. Ich habe das Handwerk im Volontariat gelernt. Und studiert. Und bei dieser Art der Berichterstattung könnte ich kotzen.

Dies ist natürlich nur eines von vielen Beispielen für fragwürdige Berichterstattung. Auch bei „seriöseren“ Sendungen gibt es solche Momente. Angehörige der Opfer werden gezeigt (auch wenn immerhin oft die Gesichter verpixelt werden). Kaum ist das Unglück passiert, erklärt ein „Experte“, wie stark traumatisiert die Angehörigen sind. Trotzdem werden Menschen vor Ort interviewt. Das sind dann oft Stimmen, sogenannte O-Töne, die null Informationen beinhalten. Aber eben „Emotionen“ und „Atmosphäre“ vermitteln sollen.

Es gibt klare Regeln

Für die Berichterstattung über Menschen gibt es klare Regeln. Der Deutsche Presserat hat als Leitlinie für journalistisches Verhalten den Pressekodex herausgegeben.

Unter Ziffer 8, „Schutz der Persönlichkeit“, heißt es etwa: „Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. Ist aber sein Verhalten von öffentlichem Interesse, so kann es in der Presse erörtert werden. Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung. Soweit eine Anonymisierung geboten ist, muss sie wirksam sein.“

Die Trauer von Privatpersonen um andere Privatpersonen ist für mich Teil des Privatlebens. Und trauernde Menschen in Nahaufnahme zu zeigen, ist für mich klar identifizierende Berichterstattung. Dass die trauernden Menschen in diesem Fall z.B. an den Flughafen Düsseldorf und damit an einen Ort im öffentlichen Raum müssen, darf keine Entschuldigung dafür sein, die Menschen in ihrer Trauer in Nahaufnahme zu zeigen.

In der Richtlinie 11.3 „Unglücksfälle und Katastrophen“ heißt es außerdem: „Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden.“

Trauma durch Berichterstattung – das Risiko gibt es

Auch wenn der Deutsche Presserat manchmal als „zahnloser Tiger“ betitelt wird, ist der Pressekodex oder ein ähnlicher Kodex für Journalisten immer sinnvoll. Denn als Journalist trägt man häufig große Verantwortung.

Das Risiko ist hoch, Menschen durch achtlose, respektlose oder entblößende Berichterstattung zu traumatisieren oder ein zweites Mal zu traumatisieren. Das kann nicht im Interesse irgendeines Journalisten sein. Ob ein sichtlich aufgewühlter oder unter Schock stehender Mensch daher im Rahmen von Katastrophen-Berichterstattung gezeigt oder gar interviewt werden kann, darf, sollte sich ein Journalist verdammt gut überlegen. Und im Zweifel: lassen! (Auch wenn es die Redaktion verlangen sollte.)

Sicherlich gibt es viele Aspekte der aktuellen Berichterstattung, die auch bei Einhaltung journalistischer Ethikregeln Fragen aufwerfen. Etwa: Was bringt es, wenn Journalisten an den Ort von Unglücken reisen? Was bringt die x-te Schalte mit der Frage, wie der Stand der Lage ist? Was bringen etwa Berichte, die vor dem Hintergrund eines so furchtbaren Unglücks wie diesem Flugzeugabsturz andere Flugzeugabstürze zusammenfassen? Was bringt das gefühlt 20. „Experteninterview“? Wo ist da der Nachrichtenwert?

Aus meiner Sicht gibt es bei solchen Sondersendungen manchmal keinen.

Warum ständig aktuell sein? Es ist wohl eine Spirale

Doch Journalisten, die im Minutentakt berichten (können/müssen) – also von TV, Online, Radio – stecken oft in einer Zwickmühle: Sie müssen aktuell berichten. Sie müssen das Thema zu ihrem Schwerpunkt machen. Wie wäre es schließlich für Zuschauer, einen Sender einzuschalten und dort normales Programm vorzufinden, wenn so eine Katastrophe passiert ist? Wie wäre es, auf ein Online-Nachrichtenportal zu gehen, auf der es angesichts eines solchen Ereignisses länger keine Aktualisierung mehr gab?

Es ist wohl eine Spirale: Wir als Nachrichtenkonsumenten sind es inzwischen gewohnt, ständig informiert zu werden. Also liefern die Journalisten. Wir als Journalisten sehen uns gezwungen, ständig Nachrichten zu liefern. Weil die Konsumenten es fordern – oder eben zur Konkurrenz abwandern.

Aktualität ist nicht alles

Trotz alledem: Nicht, NICHTS gibt Journalisten das Recht, trauernde Menschen bloßzustellen. Oder wilde Spekulationen loszutreten. Oder unnötig Hoffnungen zu wecken.

Deshalb, liebe Nachrichten-Macher: Berichtet das, was wirklich Nachrichtenwert hat. Berichtet das, was ihr im Rahmen eures Berufes berichten müsst. Berichtet sorgfältig. Und macht transparent, wenn die Informationslage dünn ist. Aktualität ist nicht alles.

Und das Wichtigste: Lasst die Menschen in Ruhe trauern. Filmt sie nicht, fotografiert sie nicht, interviewt sie nicht – vor allem nicht im Schockzustand.

Das ist das Mindeste, was wir Journalisten tun können. Und müssen.

UPDATE: Gefühlt steht die Berichterstattung über den Flugzeugabsturz stark unter Beobachtung – und auch in der Kritik. Der Mediendienst DWDL hat einen lesenswerten Kommentar veröffentlicht. Und die Süddeutsche Zeitung Online hat die hastig geänderte Maischberger-Sendung von gestern kommentiert.

Auch der Deutsche Journalisten-Verband fordert Journalisten dazu auf, „in ihrer Berichterstattung über den Absturz des Germanwings-Flugzeugs Respekt vor dem Leid der Angehörigen zu zeigen.“

NACHTRAG: „Zum Beispiel sollte ich nicht „auf die Jagd nach Opferfotos gehen“. Manchmal macht es viel betroffener, eine andere Bildsprache zu wählen – zum Beispiel hat die Tageszeitung in Winnenden nur die Frage „Warum?“ auf schwarzem Hintergrund gedruckt, trauernde Menschen nur von hinten und mit Abstand gezeigt – „Träne groß“ ist nicht nötig, um zu zeigen, dass Betroffene traurig sind, trauern und Abschied nehmen.“

Dies ist ein Ausschnitt aus dem lesenswerten Beitrag des Dart Centre Europe, in dem Journalisten Tipps an die Hand gegeben werden, wie man sich bei Berichterstattung über Katastrophen am besten verhält – vor allem gegenüber Betroffenen.

USA – das Land der Ignoranten?

Die Geschichten sind ja immer ganz lustig: Jeder kennt irgendwoher mindestens einen Ami, der nicht weiß, dass Europa ein Kontinent und kein Land ist, dass die Hauptstadt Deutschlands Berlin heißt oder dass wir nicht alle auf mittelalterlichen Burgen leben.

Kann man den Amerikanern (hm, die Amerikaner… wer soll das eigentlich sein?) nachsehen, dass sie von der Welt „da draußen“ oft erschreckend wenig wissen?

Ja und nein.

Zum einen ist es für uns Europär einigermaßen unverständlich, dass man so wenig über die Welt wissen kann wie viele Amerikaner es tun. Nicht, dass es bei uns nicht auch die Leute gibt, die keinen einzigen Bundespräsidenten benennen können und für die 1989 keine Jahreszahl von Bedeutung ist. Aber zumindest die können wohl noch vier europäische Länder aufzählen und Russisch von Spanisch unterscheiden. Sie wissen, dass man bei uns mit dem Euro und in den USA mit dem Dollar bezahlt. (Letzteres wohl eher als Ersteres.) Aber was die „Amis“ angeht…

Amerika – „the greatest nation on Earth“?

Zeugt es da nicht von unheimlicher Arroganz und/oder Gleichgültigkeit dieser Amis, sich so überhaupt nicht für die Welt zu interessieren? Wenn andere Länder mal in den Nachrichten erwähnt werden, dann eigentlich nur, weil Amerika Krieg mit ihnen führt oder gerade ein Regierungsvertreter dorthin reist. Man lernt nichts darüber, was in Brüssel oder Kapstadt passiert, aber dafür, wer wen in der Nachbarschaft nebenan umgebracht hat – mit Foto („mugshot“), Live-Verfolgungsjagd und allem drum und dran.

Amerika, "the greatest nation on Earth"? Foto: M.Denecke

Amerika, „the greatest nation on Earth“? Foto: M.Denecke

Erscheint es da nicht ein wenig lächerlich, dass viele Amerikaner immer noch denken, dass ihr Land das großartigste der Erde ist („the greatest nation on Earth“), dass sie alle Aufgaben dieses Universums allein stemmen können und sie keine andere Sprache brauchen als ihr American English? (Das in Texas aber eine andere Sprache zu sein scheint als z.B. an der Ostküste…)

Ja, stimmt. Aber wir Europäer zeigen uns in dieser Diskussion auch nicht gerade von unserer kosmopolitischsten Seite. Zu gern irgnorieren wir die amerikanische Sicht der Dinge.

„World police“ und Glaube an ein großes Wort

Nichts ist in der US-amerikanischen Mentalität so sehr verankert wie der Glaube daran, in einem mächtigen Land zu wohnen,  das die Rolle der „world police“ spielen muss. Und, damit verbunden, der Glaube daran, ein auserwähltes, ein besonderes Volk zu sein. Das Volk der Pioniere, das Volk, das auch den blutigsten Bürgerkrieg der Geschichte überstanden hat (zumindest auf dem Papier). Das Volk, das auf einem großen Prinzip gegründet wurde: Freiheit. Die Freiheit, sich zu entfalten wie man möchte, zu glauben, was man möchte, zu leben, wie man möchte, dieses Leben zu verteidigen, wie man möchte, sein Geld zu verdienen, wie man möchte, seine Kinder zu erziehen, wie man möchte, werden, was man möchte.

Das Manifest Destiny spricht davon, der berühmte Ralph Waldo Emerson spricht davon, und Walt Whitman in seinem berühmten Gedicht „Pioneers! O Pioneers“ sowieso.

Dieser schier unglaubliche Blick auf das eigene Sein kommt einem in diesem Land überall entgegen: in den Nachrichten (die lokal und im besten Fall national sind), in der Politik sowieso, in der Übermittlung der Geschichte, bei jedem Baseballspiel. Jede der unzählbaren US-Flaggen an Häusern, in Bars, ja in Kinos scheint zu rufen: Seht, was wir aus diesem Land gemacht haben! Haben wir nicht zwei Weltkriege beendet? Sind wir nicht die Wiege der modernen Demokratie? Spielen wir nicht überall eine zentrale Rolle? Opfern wir nicht unsere Männer und Frauen für euren Frieden? Stehen wir nicht immer wieder auf?

Die "star sprangled banner" weht einem in den USA überall entgegen. Foto: M.Denecke

Die „star sprangled banner“ weht einem in den USA überall entgegen. Foto: M.Denecke

„O say can you see
by the dawn’s early light,
what so proudly we hailed
at the twilight’s last gleaming,
whose broad stripes and bright stars
through the perilous fight,
o’er the ramparts we watched,
were so gallantly streaming?“

Das sternenbesetzte Banner – wofür steht es nicht alles…

Doch eine entscheidende Rolle beim Verstehenwollen des Landes (und ich hadere jetzt noch oft damit) spielt auch seine schiere Größe: Wirft man den Amerikanern nicht oft vor, dass ihre Ignoranz daher kommt, weil viele ihr Land noch nie verlassen haben? Ja viele nicht einmal einen Reisepass besitzen?

Wünschenswert wäre das, klar. Aber gleichzeitig sind wir Europäer verwöhnt: Wir brauchen nur wenige Stunden, um in ein anderes Land mit anderer Sprache, Kultur und jahrhundertealter Geschichte zu kommen. Und wir brauchen gut acht Stunden, um Deutschland mit dem Auto zu durchqueren. In acht Stunden durchquert man in den USA einen kleinen Teil des Mittleren Westens. Von Chicago aus sind New York und Los Angeles Ewigkeiten weg. Und Europa erst recht.

Zumal Amerikaner keine 30 Tage pro Jahr frei bekommen, um einen Monat lang irgendwohin backpacken zu gehen oder im Sommer in die Türkei und im Winter nach Italien zu fliegen. Wer Glück hat, hat hier zehn Tage im Jahr Urlaub. Zeit, die man nicht unbedingt in einem stundenlangen Flug und mit Jetlag verbringen möchte. Das kann ich verstehen.

Was ich hier NICHT sagen will ist, dass es okay ist, sich nicht für andere Länder, Weltpolitik oder andere Kulturen zu interessieren. Was ich aber sagen möchte ist, dass das glaube ich bei vielen Amerikanern oft gar nicht der Fall ist. Dass wir uns die Entwicklungsgeschichte und die Werte anderer Kulturen einfach mal genauer ansehen sollten, bevor wir urteilen.

Bei Fifty Shades of Grey (der Film) geht es um eine Sache – und es ist nicht Sex

Fifty Shades of Grey, könnte man meinen, handelt von vielen Dingen: einer Beziehung, der großen Liebe, Vertrauen, Sex, Machtspiele… Der Film zumindest, handelt von genau einer Sache – und es ist nicht Sex.

Es geht um das Verhältnis zwischen Mann und Frau heute.

Die Frau, hier Anastasia Steele, überzeugend dargestellt von Dakota Johnson: schlau, hübsch (dabei zum Glück ohne Pornostar sein zu müssen, sie darf z.B. ihre Schamhaare behalten), zerbrechlich, albern, schüchtern, bestimmend. Nicht alles gleichzeitig, es gibt natürlich eine Entwicklung. Aber dennoch ist sie immer diejenige, die (trotz ihrer in jeder Filmszene kürzer werdenden Röcke) die Hosen anhat. Sie lässt sich auf diesen Typen ein, ja, aber sie denkt nach und zögert. Sie ist beeindruckt von Greys überdimensionalem Reichtum, ja, aber macht sich darüber lustig. Sie stolpert, stottert und errötet, ja, aber sie vergisst nie, wer sie ist.

Dann, der Gegenentwurf: der Mann, Christian Grey. Er hat eigentlich nur zwei Funktionen: gut aussehen und Schema F folgen. Schema F ist in diesem Fall: Die Frau erobern, mit allen Mitteln – Kleidern, Riesenwohnung, Riesenunternehmen, Hubschraubern, Autos, Klavierspielen, viel Händchenhalten, viel Küssen, ein bisschen Dominanz, ganz viel schmunzeln, blah blah.

Es liegt mit Sicherheit an Drehbuch und Schauspieler gleichermaßen – aber der Mann ist in Fifty Shades of Grey der graue Schatten, vor dem sich die Frau so richtig austobt. Sie hat Charme, Witz, Farbe, Gefühl, Stärke. Der Mann (gespielt von Jamie Dornan) weiß nicht, was er sein soll: Macho? Frauenversteher? Romantiker? Kleiner Junge? Knallharter Geschäftsmann? Braver Sohn? Anständiger Freund? Er ist nichts richtig. Sagt, dass er das eine nicht ist, obwohl er es gerade erst war, und dass er das andere immer sein wird, obwohl er es nicht wirklich ist.

Männer heute haben es nicht leicht, denke ich mir als Frau. Sie müssen alles ein bisschen sein, und das jeweils zur richtigen Zeit. Aber wann die ist, sagt ihnen niemand. Frauen dürfen (gesellschaftlich gesehen) viel mehr sein, können (endlich mal!) alles sein, was sie sein wollen.

Wo bleibt der Mann da? Er muss sich weiterentwickeln. Weg vom Schema-F-Typen à la Christian Grey. Die sind soooo last century.

Daher ist es in Fifty Shades of Grey auch die Frau, die dem Mann zum Schluss NEIN sagt – und der Mann gehorcht wie ein Hund.

Fifty Shades of Grey, seit 12.02.15 im Kino.

P.S.: Um Sex geht es bei Fifty Shades of Grey nun wirklich nicht. SPOILER, aber: Es gibt genau 2 Sexszenen. Und sind so wunderhübsch inszeniert und ausgleuchtet und enden so brav-rechtzeitig, dass jedes RTL-Publikum schon mehr gesehen hat. Das konnten „Der letzte Tango in Paris“ und „9 1/2 Wochen“ irgendwie besser.

Andreas Kümmert und der ESC: So, so ein Skandal?

So, so, dass Andreas Kümmert nicht zum Eurovision Song Contest reisen will, ist also ein „Eklat“. Ein „Desaster“ gar (danke für die objektive Berichterstattung, n-tv). Ein Eklat, so stelle ich es mir vor, ist etwas Erschütterndes. Etwas Skandalöses (das sagt auch der Duden), ganz und gar Außergewöhnliches.

Und jetzt ist da jemand, der beim „ESC“-Vorentscheid antritt (dessen Sieger, das ist allgemein bekannt, zum ESC geschickt werden), auf den ersten Platz gewählt wird und einfach nicht zum ESC möchte. Stattdessen gibt er den Platz inklusive Gewinnerlied, falls gewünscht, an die Zweitplatzierte ab. Das ist außergewöhnlich, ja.

Aber ist das ein Eklat? Ist das ein Skandal?

Ich kann diejenigen gut verstehen, die für Andreas Kümmert gestimmt haben und sauer sind. Weil sie sich, auf gut Deutsch gesagt, verarscht fühlen. Warum nimmt auch jemand am Vorentscheid teil, wenn er eh nicht zum ESC will?

Doch genau in dieser Frage liegt für mich der Knackpunkt, weswegen Kümmerts Entscheidung eben kein Eklat für mich ist. Weswegen ich seine Entscheidung absolut nachvollziehbar finde.

Er hat beim Vorentscheid mitgemacht. Vielleicht hat er nie im Leben damit gerechnet, dass er gewinnen wird. Der Vorentscheid ist eine coole Sache, finde ich. Im vergangenen Jahr gab es da Teilnehmer wie Madeline Juno oder The Baseballs – ein bisschen ungewöhnliche, recht coole Typen. Und in diesem Jahr halt auch Andreas Kümmert.

Aber: Der Eurovision Song Contest ist noch mal eine ganz andere Hausnummer als der deutsche Vorentscheid. Beim ESC geht es um Riesenshow, Background-Tänzer, Nebelmaschinen, Glitzer, um Walle-Walle-Kleider und Walle-Walle-Haare (bei Männern wie bei Frauen). Es geht um viel Showbiz-Potenzial, das zum Beispiel auch Lena Meyer-Landrut mitbrachte, obwohl ihre erste ESC-Show noch höchsten Grades minimalistisch war. Es geht um die Präsentation eines ganzen Landes vor den Augen des pop-interessierten Europa. Dass da jemand nicht mitmachen möchte, kann ich gut verstehen.

Klar, das hätte dem Andreas Kümmert vorher einfallen können. Aber wer weiß schon, welche Gründe alle zu seiner Entscheidung geführt haben. Und ich denke, dass auch verdammt viel Mut dazugehört, sich vor ein Millionenpublikum zu stellen und so ehrlich zu sein. Anstatt zum Beispiel einen Tag später über die Agentur eine Pressemitteilung zu verschicken. Chapeau!

Jetzt noch eine Entschuldigung an diejenigen, die für ihn abgestimmt haben, und der „Skandal“ ist gegessen.

Ach ja, und: Glückwunsch an Ann Sophie! Das Leben geht doch manchmal ungewöhnliche Wege – schön!

Strandmode auf dem Campus?

Sonnenschein und Temperaturen über 25 Grad. Spätestens seit einigen Wochen heißt es auch für die meisten bei uns in Deutschland: Flip Flops und Hotpants aus dem Schrank herausholen und die Sonne genießen. Aber sollte man Strandmode auch in der Uni tragen?

Von Marie Denecke

Schon klar: Wenn die Sonne vom Himmel knallt, dann will man nicht an der Uni sein.

In keinem stickigen Seminarraum, in keiner hutzeligen Wohnung, keiner Bibliothek und keinem unspektakulären Gebäude sonstiger Art. Sondern am liebsten draußen. Wo man sich im Sand oder zumindest auf dem Rasen aalen kann, bestenfalls auch mal in den See springen, wo man alles dafür tun kann, um der Sonne auch das letzte Fitzelchen Bräunungskraft abzugewinnen.

Und das kann man nicht nur durch gnadenloses Sonnenbaden erreichen, sondern auch durch ebenso unerbittliches Tragen äußerst knapper Klamotten. Denn, wer will das schon: einen weißen Oberarm und einen tiefbraunen Unterarm, nur weil man obenrum halt ein T-Shirt getragen hat, oder senkrechte weiße Bahnen auf je einem Schulterblatt, wo BH- und Top-Träger saßen. Macht sich gar nicht gut, wenn man sich von der Vorlesung an den Strand oder sich zumindest auf die Wiese vor dem Hörsaal gerettet hat.

Flip Flops – der Traum eines jeden Orthopäden

Aber, Moment… Leben wir nicht in Zeiten des Multitaskings? Warum also nicht auch die Zeit an der Uni dazu nutzen, sich gleich an die Bekämpfung dieser hässlichen weißen Stellen zu machen, die eh nicht zum Bikini-Look passen? Also, Mädels: Top (trägerlos) an, Hotpants (wahlweise auch kurz unterm Hintern angeschnittene Jeans) an! Und Jungs: Bermuda-Shorts (am liebsten wild gemustert) an, T-Shirt (stört eh nur) aus! Spart auch gleich noch Zeit, wenn man denn nach dem Seminar doch noch schnell zum See möchte. Oder falls man es gar nicht mehr schafft, hat man sich das See-Gefühl gleich mitgebracht in die schnöde Übung. Super!

Vergesst aber dann auch nicht das beinahe wichtigste Accessoire: Flip-Flops. Oh ja. Dieser Traum eines jeden Orthopäden, der dem Träger einen einigermaßen aufrechten Gang vereitelt. Und allen Menschen ungefragt etwas über Fußhygiene erzählt. Und schon eine halbe Stunde vorher durch lautes Knallen ankündigt, dass der Träger die Flure entlanggeschlappt kommt.

Eine Frage des Respekts

Liebe Kommilitonen: Denkt doch einfach mal ein bisschen länger darüber nach, wie ihr an die Uni geht. Nicht nur macht ihr euch beim Referat oder der nächsten Sprechstunde lächerlich, wenn ihr jedem unter die Nase reibt, welche neongrelle Klamotten-Absurdität ihr nach dem Winter aus dem Kleiderschrank gezerrt habt. Auch ist es eine Frage des Respekts und guten Geschmacks, dass ihr nicht jedem zeigen müsst, wie denn eure Beine bis hoch in den Schritt aussehen – unabhängig davon, ob sich der Anblick nun lohnt oder nicht.

Und, keine Panik: So schnell verschwindet kein Badesee. Zeit zum Umziehen bleibt immer.

Veröffentlicht am 31.05.2012 auf http://www.pflichtlektuere.com. Den Artikel gibt es hier.

Hat es sich ausgeRaabt?

Wer im TV viel ProSieben sieht, der sieht viel von Stefan Raab. Drei bis vier Mal ist er wöchentlich mit TV Total auf Sendung. Hinzu kommen seine Spezialsendungen, wie am 11. November die Pilotfolge von “Absolute Mehrheit“. Außerdem “Schlag den Raab”, Pokernächte, Autoball-Europa- bzw. Weltmeisterschaften und unzählige weitere Sendungen. Nervt das? Ist das zu viel? Oder gibt es gute Gründe, warum wir von Raab nicht genug zu sehen bekommen?

Am besten hat wohl Max Giermann gezeigt, wie sich die meisten Menschen fühlen müssen, wenn sie an Stefan Raab denken: Nach Raabs “TV Total“ am Montag trat er in der Sendung “Switch“ als Stefan Raab auf. Als Raab, der nicht wusste, welche Sendung er gleich moderieren würde: Turmspringen, “Schlag den Raab“, Stock Car Crash Challenge, Wok-WM, Pokernacht, Bundesvision-Songcontest? Ach nein, fiel ihm da ein: Es war ganz einfach “TV Total“, die Sendung, mit der Raab bei ProSieben berühmt wurde.

Ich will gar nicht leugnen, dass es einem mit Raab zu viel werden kann – allein sechsmal war und ist er zwischen dem 11. und 17. November auf seinem Heimatsender ProSieben zu sehen.

Zweistellige Quoten

Doch das haben wir Zuschauer uns selbst zuzuschreiben: Raab würde nicht ohne Ende Shows produzieren und konzipieren, wenn wir, das Publikum, sie nicht ansehen würden. Und das tun gerade wir Twenty-somethings gern, die Raabs Shows locker zweistellige Fernsehquoten bescheren. Stundenlang schauen wir zu, wenn er mit Promis pokert, in einem Wok eine Eisbahn herunterrutscht oder Bierkästen um die Wette stapelt.

Denn bei Raab weiß man, was man kriegt: Unterhaltung. Dass das kein Zufall ist, sondern großes Talent und Gespür für das, was man als Fernsehzuschauer gerne sehen will, zeigt vor allem seine Show “Schlag den Raab“. Seit 2006 läuft sie, 36 Episoden gab es inzwischen, ein Ende ist nicht in Sicht. So ein Erfolg schlägt Wellen: Die Show ist eines der wenigen deutschen Sendeformate, die ins Ausland verkauft wurden – und das gleich in 18 Länder weltweit. Das schafft keiner, der nicht weiß, wie Unterhaltung geht.

Unser Fernsehen braucht Raab

Und auch jenseits aller (meist niedriger) Privatfernsehen-Standards sage ich: Das gesamte deutsche Fernsehen braucht Stefan Raab. Denn es ist im besten Fall bieder, im schlimmsten Fall eine Verletzung der Menschenwürde. Und in fast allen Fällen: ein Abklatsch von Dingen, die irgendwann mal erfolgreich waren. Raab ist wie eine Verjüngungskur fürs Programm, denn ihm ist nichts peinlich, vor allem dann nicht, wenn er seinen eigenen Kopf mit hinhalten kann. Wer dafür noch Beweise braucht, sollte sich entweder anschauen, wie Raab in seiner neuen Sendung “Absolute Mehrheit“ Spielshow und Politik-Talk kombiniert, oder sich seine alten, durchgeknallten Sachen auf VIVA angucken.

Keine Angst vor dem Scheitern

Über die Jahre im Fernsehgeschäft hat sich Raab eines bewahrt: Ihm ist egal, dass er scheitern könnte. Er probiert einfach mal aus, ob etwas Neues funktioniert. Wo findet man das sonst auf unseren Mattscheiben? Dass auch Raab das wiederholt, was erfolgreich ist, ist unbestritten. Fernsehen funktioniert bei uns leider immer noch vor allem über eines: die Quote.

Doch Raab ist für mich jemand, der keine Scheu davor hat, neue Wege im deutschen Fernsehen zu gehen. Und von solchen Menschen könnte unser Fernsehprogramm noch viel mehr gebrauchen.

Veröffentlicht am 15.11.2012 auf http://www.pflichtlektuere.com. Den Artikel gibt es hier.