Klarkalte Freiheit

blog_eiswasser_pixa

Unverhoffte Freiheit, im februarkalten Wasser. Foto: Pixabay

Outdoor vor der Haustür, Teil 1:

Es ist so verdammt kalt, dass kurz der Atem stockt. Das hier ist ein Außenbecken – wie kann das Wasser bloß so kalt sein? Wenn die Luft, jetzt im Februar, sowieso eisig ist?

Doch es hilft nichts, ich bin drin. Stehe bis zu den Schultern im eiskalten Wasser des bekannten Kellinghusenbades in Hamburg.

Nach einem (gefühlt) langen Tag im Büro und ätzenden Kreuzschmerzen könnte schwimmen genau das Richtige sein, dachte ich. In einem Bad mit hohen Decken, schöner Musik vom CD-Player, stimmungsvollem Licht. Und einem Außenbecken, das so kalt ist, dass man nur zwei Optionen hat: kreischend fliehen oder die Kälte mit offenen Armen empfangen.

Ich habe gelernt: Je schneller man sich der Kälte stellt, desto schneller gewöhnt sich der Körper an sie. Ich tauche also ein und ziehe stur meine Bahnen. Allmählich vergesse ich die Kälte.

Und, siehe da: Alles transformiert sich.

Das Wasser strahlt in hellstem Blau. Lagunenfarben abgesetzt zum nachtschwarzen Februarhimmel. Dampfschwaden ziehen wie flüchtige Erinnerungen über die Wasseroberfläche. Es regnet, und die Tropfen zerbrechen das glatte Wasser wie feines Glas.

Wind kommt auf. Klarkalter Regen perlt von meinen Wangen. Weit weg scheinen die Lichter der Stadt. Ich atme ein. Und atme aus. Und wieder ein.

Und es ist wie ein kleines Stück Freiheit, so unverhofft an diesem Donnerstagabend.

SOUNDTRACK

P.S.: Das ist der Soundtrack dazu: „To build a home“ (öffnet YouTube-Link), von The Cinematic Orchestra.

 

Advertisements

Liebe tote Zimmerpflanze… Oder: Das ganze Leben einer Zypresse

Liebe tote Zimmerpflanze,

es ist bestimmt merkwürdig, dass ich dir jetzt einen Brief schreibe. Nicht nur, weil du eine Pflanze bist. Sondern auch, weil du ganz offensichtlich nicht mehr unter uns weilst.

Zu meiner Verteidigung: Meine mangelnde Liebe kann nicht der Grund für dein Dahinscheiden gewesen sein. Dreieinhalb Jahre lang warst du bei mir. So lange habe ich dich gegossen, umgetopft, gedüngt, ja sogar gestreichelt (nicht lachen!). Jetzt war ich überrascht, dich plötzlich so zu finden: braun, hängende Äste, komplett ausgetrocknet.

Aber vielleicht ist das ganz passend. Auch wenn es mir um dich leid tut.

Was wäre aus dir geworden?

Zimmerzypresse

Ich hatte mich in letzter Zeit sowieso gefragt, was aus dir werden sollte. Denn ich ziehe weg. Hätte ich dich mitgenommen? Kann man eine halbmeterhohe Zimmerpflanze gut transportieren, zwischen Bücherkisten und Regalen?

Oder hätte ich dich hier auf diesem Dortmunder Balkon gelassen? In bester Gesellschaft wärst du gewesen: zwischen duftendem Lavendel, Minze, Oregano und violett blühender Clematis.

Jetzt hast du mir die Entscheidung abgenommen. Traurig bin ich aber.

Nicht, dass du schön gewesen wärst. Du warst eine Zimmerzypresse (Cypressus macrocarpa, Sorte „Goldcrest“). Giftgrün. Ein bisschen stachelig. Leicht zitroniger Duft. Als „schön“ giltst du in der Pflanzenwelt wahrscheinlich nicht. Du bist pragmatisch.

Turbulente Zeiten

In den dreieinhalb Jahren aber, in denen du bei mir warst, hast du viel erlebt. Haben wir viel erlebt. Zeit ist ein seltsames, seltsames Ding, liebe Zimmerzypresse.

Der Mensch, der dich ausgesucht hat, ist nicht mehr in meinem Leben. Damals liefen wir zusammen durch den Supermarkt (die Gemüseabteilung), er sah dich und deine Kumpels und fand, dass meine Wohnung Grün vertragen könnte. Also nahmen wir dich mit. Dieser Jemand hatte mir ein halbes Jahr vorher einen Heiratsantrag gemacht. Wenige Monate nach unserem Supermarkt-Besuch trennten wir uns. Das lag nicht am Supermarkt und erst recht nicht an dir, liebe Zimmerzypresse.

Turbulent war die Zeit, seitdem du deinen Platz in meiner Küche bezogen hattest. Drei Jahre danach heiratete mein Bruder. Und wurde Vater. Jetzt bin ich Tante eines halbjährigen Jungen. Meine enge Freundin wurde Mutter. Und heiratete ebenfalls. Beide Familien bauen jetzt Häuser.

Leben, neu gedacht

Mein anderer Bruder begann einen neuen Lebensabschnitt. Und beginnt nun wieder einen: Er und seine Freundin wollen auswandern. Meine andere enge Freundin wanderte vor über zwei Jahren aus und weiß nicht, ob sie zurück nach Deutschland kommen will. Eine dritte enge Freundin verliebte sich, zog mit ihrem Freund zusammen, wurde schwanger, heiratet bald. Das alles innerhalb von eineinhalb Jahren.

Die Zeit ist ein seltsames, seltsames Ding, liebe Zimmerzypresse.

Auch mein Leben änderte sich.

Zwei Jahre, nachdem du zu mir kamst, brachte ich mein Studium zu Ende. Es hatte mich bloß neun Jahre gebraucht… Zweieinhalb Jahre später begann ich, meinen Master zu machen.

Ich lernte Menschen kennen, die ich mir aus meinem Leben nicht mehr wegdenken kann. Ich verliebte mich, heulte. Meine Familie wurde getroffen von schweren Krankheiten, und ich heulte richtig. Ich begann einen neuen Job. Ich wurde 30 (und heulte nicht).

Ich zog um. Du kamst mit. Bezogst deinen Platz auf dem Balkon. Im Nachhinein eine blöde Entscheidung: Der Sonnenplatz zwischen Erdbeeren und Radieschen war wohl nicht deins. Ein knallheißes Wochenende, an dem niemand zu Hause war, und du wurdest braun und dörr.

Diesmal: ohne dich

Jetzt ziehe ich bald wieder um. Ich beginne einen neuen Job. Diesmal: ohne dich.

Zeit ist ein seltsames, seltsames Ding.

Tschüss, liebe Zimmerzypresse. Es waren gute Zeiten.

Sich mit sich selbst vergleichen

Fastenzeit und Körperbild, Teil 4

Natürlich ist es bescheuert, sich zu vergleichen.

Wer hat denn etwas davon?

Wir sehen das Äußere, die Form. Wir sehen die Form, von der wir denken, dass sie der Inhalt ist.

Hübsches Gesicht: ein Mensch, der begehrt wird.

Viele Reisefotos: ein Mensch, der seine Träume lebt.

Schlanker Körper: ein Mensch, der alles unter Kontrolle hat.

Tolles Haus (geiler Job, viele Freunde…): ein Mensch, der das erreicht hat, wo wir hin wollen.

Wie es in den Menschen aussieht, wissen wir nicht. Und doch denken wir darüber nicht nach. Zumindest nicht im ersten Moment. Wie diese Menschen dorthin gekommen sind, wo sie gerade sind. Wo sie sich überhaupt gerade befinden. Und vor allem: Ob sie glücklich sind mit dem, was sie haben. Denn Schönheit oder Besitz oder eine beeindruckende Facebook-Foto-Galerie sagen nichts darüber aus, was in diesen Menschen vorgeht.

Natürlich nicht. Aber dennoch sieht man auf das Äußere zuerst.

Es gibt einen psychologischen Trick: Sich nicht mit anderen zu vergleichen. Sondern nur mit sich selbst.

Wo war ich vor fünf Jahren? Vor zehn Jahren? Wie habe ich mich entwickelt? In welchen Bereichen habe ich mich entwickelt? Wie habe ich mich vor zehn Jahren in meinem jetzigen Alter vorgestellt? Bin ich zufrieden mit dem, was ich jetzt mit mir vorfinde?

Und wenn ich mich schon mit mir selbst vergleiche… Ist es schlimm, wenn ich nicht mit allen meinen Entwicklungen glücklich bin? In den meisten Bereichen habe ich viel gelernt, bin weitergekommen, habe mich entwickelt.

Wenn das in ein paar Bereichen nicht so ist, kann ich darüber hinweg sehen? Man muss doch auch Raum lassen, um wachsen zu können? Um sich entwickeln zu dürfen? Man lernt doch schließlich ein Leben lang. Man entwickelt sich ein Leben lang.

Warum ist es nur so verdammt schwer, das zu lernen?

Du und die Anderen – und dein Essen

Fastenzeit und Körperbild, Teil 3

Es war nach gut einer Flasche Wein und dem 3. (oder 4.?) Pinnchen Eierlikör, als ich dachte: Das hier, das passt echt gut in meine Fastenzeit. Was denn – der viele Alkohol? Haha, bestimmt nicht. Der dekadente Nachtisch, den ich gerade auslöffelte? Auch nicht. (Katholiken würden mich sonst wohl sofort exkommunizieren!)

Nein, es war eine Erkenntnis. Eine ziemlich simple dazu.

DSC_0307_comp

Essen – und sich nicht vergleichen. Foto: MD

Wir haben gestern beim Nordstadt-Dinner mitgemacht. Die Nordstadt, in Dortmund, ist sowas wie das Berlin-Neukölln der Ruhrgebietsstadt: viel Multikulti, Künstler und Studenten, schrabbelige Ecken, hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Mieten. Es gibt ein sogenanntes Quartiersmanagement, das sich unter anderem um die Nordstadt kümmert und versucht, sie voranzubringen. (Aber keine Bange, es gibt auch noch genug andere Teile Dortmunds, die diese Art von Aufmerksamkeit verdienen.)

Ein Teil davon ist das sogenannte Nordstadt-Dinner: Ein Haushalt kocht einen Gang. Zu jedem Gang kommen vier Menschen zu Besuch. Essen, trinken, quatschen. Jeder Haushalt darf also einmal kochen und wird zweimal bekocht. Man lernt fremde Leute und Wohnungen kennen und hat Fremde bei sich zu Hause.

Wir machten gestern Bekanntschaft mit unheimlich lieben Leuten (Fotografen, Geografen, Sportlern), coolen Wohnungen (ja, man kann alles in Rosa und Türkis gestalten. Alles!) und Rezepten, die zum Niederknien lecker waren (Schwarzwälder Kirsch. Im Glas. Mit oben erwähntem Eierlikör).

Die Erkenntnis, jedenfalls: Essen in der Gemeinschaft – das ist die beste Art zu essen, die es überhaupt gibt. Nicht sehr revolutionär, oder?

Wie oft vergleicht man sich beim Essen mit anderen. Sieht, wie viel die anderen essen. Was die anderen essen. Wie sie essen. Gesünder, manierlicher, eleganter, disziplinierter, bewusster? Egal, ob man auf den Teller von Freunden oder von Tischnachbarn schielt. Und irgendwie schneidet man immer schlecht ab.

Man entschuldigt sich für sich selbst. Fürs Essen. („Ich nehme nur noch nach, weil ich kaum was zum Frühstück hatte!“ – „Wenn ich das jetzt noch esse, dann brauche ich den ganzen Tag nichts mehr!“ – „Ich esse sonst nie sowas Süßes!“)

Aber nicht hier. Nicht beim Nordstadt-Dinner. Wo es auch ums Essen geht. Aber nicht nur. Es geht um die Freude des Zusammenseins. Des Kennenlernens. Es geht um Neugierde. Um die Liebe zur Überraschung. Um neue Impulse. Um die große Runde.

Eine Schande wär’s doch, sich dafür zu entschuldigen, dass man alles einfach unfassbar lecker findet. Und Nachschlag nimmt.

Essen, aus Frust oder Scham oder Wut oder Erschöpfung… das machen wir schon oft genug. Immer allein.

Essen aus Freude. Ohne zu vergleichen. Das ist’s. Weil es das Leben so viel schöner macht.

Ein Brief an… Kindheit in Terror-Zeiten

Terror also.

Es ist das Wort, das uns gefühlt derzeit dominiert wie kein anderes.

Jeden Tag ist dieses Wort in den Nachrichten. Im Radio. In den News-Apps. In 140 Zeichen auf Twitter. In der Zeitung. In den Fernsehnachrichten.

Die Kinder, die jetzt hier groß werden, wachsen mit diesem Wort auf.

Und mit dem Wissen, dass „Terror“ auch sie betreffen kann. Kindern anderswo geht das natürlich schon lange so. Aber das war halt – anderswo. Jetzt ist er hier, der Terror.

„In was für eine Welt“, fragte mich eine Freundin neulich, „haben wir unsere Tochter nur hineingeboren?“ Ihre Tochter bekommt gerade ihre ersten Zähne.

Dieses kleine Mädchen wird in einer Welt aufwachsen, in der Worte wie „Terrorist“, „Anschlag“, „Opfer“, „Attentat“ oder „Krieg“ beinahe täglich in unseren Nachrichten auftauchen werden. Oder gar in unserem eigenen Land. Sogar in unserer Stadt?

Das hat mich ins Grübeln gebracht. Terror… Hatte das Wort für uns eine Bedeutung, als wir klein waren? Für uns, die in den 80ern geboren wurden?

Waren wir vielleicht die einzige Generation, die ohne dieses Wort aufwachsen konnte?

Ich versuche mich daran zu erinnern, wann ich das Wort zum ersten Mal gehört habe. War es am 11. September 2001, als die USA angegriffen wurde? Sicherlich schon vorher – über den Terror der RAF in Deutschland hat man ja schließlich schon was im Geschichtsunterricht gehört. Aber bei 9/11 hatte es so eine Wirkung, so eine Nähe, wie man sie vorher nicht kannte.

Auch wenn Amerika weit weg schien, fühlte es sich so erschreckend nah an. Wir waren schon im Urlaub in New York gewesen. Im Juli 2011 erst, ein paar Monate vor dem Anschlag. Wir waren im World Trade Center gewesen, hatten die Aussicht genossen. Wir haben Freunde in Amerika. Es ist ein tolles Urlaubsland.

Und dann dieser Anschlag. Er passierte vor unseren Augen. Live. Er versetzte uns alle in einen Schockzustand. Auch Tage, und Wochen später gab es kaum andere Gesprächsthemen. Unsere Lehrer, unsere Eltern, sie wollten mit uns darüber reden. Sie wussten aber nicht, wie.

Der Terror hatte einen Weg in unseren deutschen, kleinen, langweiligen Alltag gefunden. Das, da waren wir uns sicher, wird der Dritte Weltkrieg.

IMG_1071

„In was für eine Welt habe ich mein Kind geboren?“, fragt meine Freundin. Eine Welt, in der Terror auch „bei uns“ normal sein wird. Foto: pr.

Als 9/11 passierte, war ich 15 Jahre alt. Schon kein Kind mehr.

Also war es damals eine Kindheit ohne Terror? Kriege und Konflikte gab es genug, Ende der 80er und in den 90ern. Das Ende des Kalten Krieges, der Jugoslawien-Krieg, der erste Golfkrieg, der ewig schwelende Nahost-Konflikt, Bürgerkriege… Oh doch, Kriege gab es genug.

Aber sie schienen so weit weg. Abstrakt. Für uns nicht wirklich gefährlich.

Und jetzt?

Anschläge. Vor unserer Haustür. Terror. Via Nachrichten am Frühstückstisch. Wird das alles von jetzt an normal? So wie es in meiner Kindheit normal war, dass Kriege und Konflikte nur weit weg stattfanden?

„In was für eine Welt haben wir unsere Tochter hineingeboren?“

Über die Frage meiner Freundin habe ich in den letzten Tagen viel nachgedacht. Was soll man da bloß antworten? In eine Welt, in der Terror wohl auch für Europa normal sein wird.

„Was für eine Zeit, um ein Kind in die Welt zu setzen!“, seufzte neulich auch meine Mutter. Sie hat Angst vor der Zukunft. (Was sie aber nicht hinderte, drei Kinder in die Welt zu setzen, als der Kalte Krieg schwelte. Zum Glück nicht!) Sie wird bald Oma, ich Tante.

In was für einer Welt wird mein Neffe aufwachsen?

Wie soll man das bloß beantworten?

Versuchen wir es mal: Es werden harte Zeiten werden.

Also liebt eure Kinder. Erzieht sie zur Nächstenliebe. Zur Toleranz. Zur Gutherzigkeit. Zur Solidarität. Zu Neugierde. Zur Weltoffenheit.

Die Kinder, die jetzt geboren werden, werden eine andere Kindheit haben als wir in den 80ern. Ich werde nicht sagen: Es ist deren Verantwortung, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wer diese Verantwortung abgibt, macht es sich zu leicht. Wir, die Eltern, sind schließlich noch da. Wir sind Mitte 20, Mitte 30. Unsere Eltern sind auch noch da. Und es sind noch Menschen da, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben. Noch. Hören wir ihnen umso besser zu.

Wozu, fragt ihr? History repeats itself? Was können wir schon tun?

Die Geschichte muss sich nicht zwangsweise wiederholen. Vielleicht kann der Mensch doch, irgendwann, aus seinen Fehlern lernen.

Es muss die Verantwortung jeder einzelnen Generation sein, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und diesen Willen an die nächste Generation weiterzugeben.

Die Welt kann nur besser werden, irgendwann.

LESENSWERT
Der Artikel „Wir haben keine Angst“ von zeit.de darüber, wie es ist, als Generation Y mit Terror aufzuwachsen.

Ein Brief an… den Osten

Lieber Osten,

eigentlich bist du ja nur eine Himmelsrichtung. Aber ich wette, dass jeder, der die Überschrift gelesen hat, sofort an die Ex-DDR dachte. An „Ostdeutschland“. Dabei weiß ich gar nicht, was du noch sein sollst  – gerade heute, am 25. Tag der deutschen Einheit.

Noch getrennt in "Ost" und "West"? Landstraße zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Foto: pr.

Noch getrennt in „Ost“ und „West“? Bei der Grenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Foto: pr.

Dass wir bei „Osten“ gleich an „Ostdeutschland“ denken, mag auch an dem Tag heute liegen: 3. Oktober 2015, 25 Jahre deutsche Wiedervereinigung. Osten dort, Westen hier („Tiehieeeeef im Westen!“), Trabis, Bananen, Ostmark, blühende Landschaften, Ostalgie, ja nee ist klar.

Aber so ganz begreifen kann ich dich nicht. Ostdeutschland – was sollst du denn bitte sein? Gerade jetzt, an dem wir zum 25. Mal den Tag der Deutschen Einheit feiern?

In diesen Tagen wird gern darüber gesprochen, inwiefern „Ost“ und „West“ denn zusammengewachsen sind. Und dass so richtig „eins“ diese beiden ehemaligen Deutschlands ja doch noch nicht richtig sind (oder heißt es Deutschlande? Oder Deutschländer?). Dabei wird von „Ost“ und „West“ immer noch wie von zwei verschiedenen Ländern gesprochen. Im Westen sind Lohn und Arbeit und Sexualität und Kinderbetreuung und politische Einstellung soundso, im Osten soundso.

Ost und West – die können nicht zusammengehören

Aber warum, frage ich mich, wird denn noch so viel darüber sprechen, wie verschieden „Ost“ und „West“ angeblich sind? Gerade 25 Jahre nach der Wiedervereinigung? Man möge mich korrigieren, wenn ich falsch liege, aber für mich erweckt das den Eindruck, dass Deutschland tatsächlich nicht eins ist: Osten und Westen, das sind rein geografisch zwei verschiedene Dinge. Die können nicht zusammengehören. Nie. Dabei tun sie es doch – Deutschland, das ist doch ein Land!

Wenn über die Bürger der Ex-DDR gesprochen wird (also über Deutsche), dann sind  Journalisten, Politiker und Politikwissenschaftler oft erstaunt darüber, dass sich einige der Menschen nach einigen Dingen „von früher“ zurücksehnen. Nach dem damaligen Arbeitsmarkt vielleicht, den wirtschaftlichen Strukturen von früher, dem Zusammenhalt der Nachbarschaft.

Ich weiß nicht, was genau das beweisen soll. Ganz ehrlich: So reden meine Verwandten auch alle. Und die kommen aus Bremen, Hannover, Wolfsburg. Früher hat man noch miteinander gesprochen, früher war man 30 Jahre lang im selben Betrieb, früher war noch nicht so viel nackte Haut überall zu sehen, früher hat nicht jeder wie blöd auf irgendeinen Bildschirm geglotzt, früher gab’s nicht so viele Scheidungen… Kurz: „Früher war alles besser!“ Hat das nicht jede Generation? Egal ob aus „Ost“ oder „West“?

„Hier“ und „drüben“ – sind wir nicht schon weiter?

Ich war fünf Jahre alt, als die Deutsche Einheit zum ersten Mal gefeiert wurde. Ich weiß also zum Glück (!) nicht, was es heißt, in einem geteilten Deutschland zu leben. Allerdings wird man gerade in diesen Tagen immer wieder daran erinnert, WIE geteilt dieses Land mal war.

Erinnern ist wichtig. Erinnern ist gut. Aber so zu erinnern, dass jeder Fortschritt, ja jede Normalität abgesprochen wird, ist es nicht.

Wir sind schon längst weiter als diejenigen, die Deutschland noch in Ost und West oder „hier“ und „drüben“ aufteilen.

Mit dieser Aufteilung verbinde ich vor allen Dingen Negatives. Das liegt wahrscheinlich an der Überheblichkeit, mit der viele „Wessis“ früher vom „Osten“ sprachen: Dunkeldeutschland (nicht ganz ernsthaft, aber dennoch). Drüben. Die hatten ja nix. Jetzt kriegen die den Soli. Alte Grenze. Früher, die Kontrollen! Leerstehende Wachtürme an der A2, bei Helmstedt. Siehst du, da standen wir immer mit unseren Autos, stundenlang, wenn wir nach West-Berlin wollten!

Es gibt erschreckend viele Menschen, die zwar schon überall waren in Deutschland, aber noch nie in Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern. Noch nie „im Osten“. Denn der ist ja doch noch anders.

Osten ist nicht gleich Osten

Meine Familie hat miterlebt, was die innerdeutsche Teilung hieß: Sie lebte in Sichtweite der Grenze, in der Nähe des berühmt gewordenen „geteilten Dorfes“ Zicherie/Böckwitz. Es gab eine Tante, verheiratet auf einen benachbarten Bauernhof, der nur zwei Dörfer weiter lag, aber plötzlich in einem anderen Land. Auch nach dem Mauerfall, als wir Kinder noch klein waren, hatte meine Mutter Panik, dass wir uns beim Spielen in Grenznähe durch Überreste des Todesstreifens irgendwie verletzten könnten.

Und doch – manchmal ohne Ende Vorurteile. Manche mögen einen wahren Kern besitzen. Aber sie stimmen ungefähr so, wie das Vorurteil, dass es im Ruhrgebiet versmogt, grau und hässlich sei. Dabei kann es hier auch ganz anders sein. Und niemand denkt nur ans Ruhrgebiet, wenn er vom „Westen“ spricht, oder? Brandenburg ist anders als Thüringen. Sachsen-Anhalt ist anders als Mecklenburg-Vorpommern. So wie man Niedersachsen und Bayern schlecht vergleichen kann. Oder Nordrhein-Westfalen und Hessen. Ist doch nicht alles „Westen“! Und was für einen Status hat Berlin eigentlich? Ist Berlin auch „Osten“?

Ich habe in Chemnitz studiert. Danach in Dortmund. Geboren bin ich in Bremen. Von Nord nach Ost nach West. Bin ich jetzt eine Erfolgsmeldung der Wiedervereinigung? Nicht, so lange man in Ost und West denkt, finde ich.

Im Osten gibt’s Probleme. Hier im Ruhrgebiet, im Teil des „Westens“, sowieso. Und was ist mit dem Süden? Und was ist mit Mitteldeutschland? Wozu gehört das eigentlich? Ein bisschen zum Osten, ein bisschen zum Norden, ein bisschen zum Westen. Dürfen die Menschen aus Mitteldeutschland wenigstens vereint sein?

Was ich wohl sagen will: Hört doch auf, so zu reden. „Der Osten“ ist hoffentlich bald nur noch eine geografische Bezeichnung.

Deutschland hat viele Teile, nicht nur „Ost“ und „West“. Aber eins ist es. (Nennt mich naiv, wenn ihr wollt.)

LESENSWERT

Multimedia-Reportage über das „geteilte Dorf“ Zicherie-Böckwitz des NDR: Hier geht’s lang

Dankbar für… Woche 6

Projekt “#dankbarfuer” – Woche 6

Unbekannte Situationen

Neue Leute, neue Umgebung, neue Aufgaben, neue Routinen – ein Freund davon bin ich echt nicht. Ich bin Gewohnheitstier. Ich mag es, Dinge einschätzen zu können. Mich auf Dinge einstellen zu können. Aber es ist doch sehr, sehr wichtig, unbekannte Wege zu betreten. Sich einfach mal in unbekannte Situationen zu stürzen. Denn die bringen einem viel bei.

Gewitter

Den ganzen Tag ist es schon schwül. Drückend. Das Denken fällt schwer. Das Atmen auch. Jeder Luftzug ist Erleichterung. Doch dann: Der große Auftritt des Himmels. Wolkentürme. Untergangsstimmung. Bass von oben. Alles erzittert. Erst Windstille, dann Sturm. Und ein Netz aus Blitzen, das den Himmel durchadert. Was kann man da anderes tun, als gebannt zuzusehen? Und sich über Sturm und Regen freuen wie ein kleines Kind.

Ein Album hören

Ein Album von vorne bis hinten hören – in der Zeit von Streaming-Diensten und iTunes-Einzel-Downloads ist das selten geworden. Umso schöner, mal richtig altmodisch ein Album vorn vorne bis hinten zu hören. Im Auto, während man über die Autobahn fetzt. Sich auf freuen auf das, was kommt. Zu überlegen, was sich die Künstler bei der Zusammenstellung gedacht haben könnten. Und alles lauthals mitsingen. (Sehr zur Freude der Autofahrer neben einem, übrigens.)

(Neue) Ordnung

Ich liebe Ordnung. Ich liebe Systeme. Kategorien. Schubladen. Was Dinge angeht – nicht, was Menschen angeht. Auch wenn ich gerne jeden einzelnen Winkel meiner Wohnung vollstopfe, hat alles System. Ich weiß, wo was ist. Und schöner ist’s noch, diese Ordnung mal über den Haufen zu werfen. Und neu zu denken.

Erinnerungsfotos

„Gott, ist das schon so lange her? Wie sahen wir denn damals aus?! In welchem Jahr war das doch gleich? Da warst du doch in diesen Dingens verschossen, oder? Und du warst in dieser ziemlich krassen Phase… Dass es da noch Fotos von gibt!“

Wieder etwas Altmodisches – Fotos. Auf Papier! Gar eingeklebt, in Fotoalben! Sieht man sich eigentlich nie an. Verschwenden ja doch nur Platz. Müssen bei jedem Umzug mitgeschleppt werden. Oder vermüllen den elterlichen Keller. Aber: Wenn man sie sich mal wieder ansieht, gibt’s fast nichts Schöneres.

Ein Herzschlag im Chaos

Tief in der Nacht. Die meisten betrunken. Der Boden klebt. Auf dem Balkon werden Gläser zerdeppert. Der Bass wird immer höher geregelt. Die Augen jucken, aber ins Bett will noch keiner.

Dann heißt es plötzlich: Kommt mal mit, ich muss euch was zeigen. Ein Smartphone wird gezückt. Darauf ein kleiner, weißer Fleck. „Groß wie ein Gummibärchen.“ Fragezeichen in unseren Gesichtern. „Na, das ist das erste Bild von meinem Kind! Ich werde Vater!“ Ungläubigkeit. Kein Scherz? Kein Scherz. Irrsinn! Freude, unbändige. Und dazwischen: ein kleiner Herzschlag. Mitten im Chaos.

Alte Freunde

Jahrelang nicht gesehen. Nie engen Kontakt gehabt. Aber dann abends im Schein von Lichterketten und Holzfeuer zusammensitzen. Was machst du gerade? Was mache ich gerade? Und was hältst du davon, was die Welt macht? Egal, wann man sich das nächste Mal wiedersieht – dieser Abend hier, der zählt.

DAS PROJEKT

Einmal pro Woche fasse ich zusammen, wofür ich in der vergangenen Woche besonders dankbar war. Und erkläre ganz kurz. Vielleicht wird das hier ja eine ganz interessante Reise.

Immer montags!

Und warum mache ich das?

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, kurz vorm Einschlafen mir ein Wort, einen Begriff, in Erinnerung zu rufen, der am besten zusammenfasst, wofür ich an diesem Tag dankbar war.

Das hilft ganz gut dabei, all den negativen Kram auszublenden. Der kann einen ja gerade abends gut wach halten. Und das Schöne, Positive leicht verdrängen. Aber das wär doch echt schade.

Dankbar für… Woche 5

Projekt „#dankbarfuer“ – Woche 5

Zufällig über Musik stolpern

…die man dann in Dauerschleife hört. Und sei’s für einen Tag, eine Stunde, weil sie einem dann auf die Nerven gehen. Egal! Für diesen Glücksmoment, diese Glücksmomente: danke!

(Zuletzt etwa Asaf Avidans melancholisch-schönes „Gold Shadow“, aus dem Zeilen wie diese stammen: „There’s a bent willow in the moonlight painted blue / There’s a spent window silhouetting you / Deep and true as whiskey / Soft and sure as lies“)

Momente, die alles wieder gut machen

Die zu finden, ist oft verdammt schwierig. Manchmal sieht alles so aussichtslos aus, so traurig und unnütz. Aber manchmal reicht nur ein kleiner Schritt zur Tür hinaus, oder ein Griff zum Telefon, oder ein bestimmtes Lied, das man mitsingt, so laut man kann. Kleine, unendlich kleine Dinge. Doch sie können die Welt auf einen Schlag in eine andere verwandeln.

Tagebuch

Manche Dinge kann man einfach nicht erzählen. Oder noch nicht. Niemandem. Niemandem? Nicht ganz. Tagebuchschreiben hilft, Dinge zu ordnen. Einzuordnen. Gedanken gerade zu kriegen, zu glätten. Man kann zurückblättern. Sich wundern, sich erinnern, lachen, weinen. Und das Gute: Man kann immer weiterblättern. Zu neuen, unbeschriebenen Seiten. Und was darauf stehen wird, weiß man noch nicht. Zum Glück.

Möwenschreie

…und man weiß, man ist zu Hause. Auch wenn man nicht hierher kommt.

Abende am Hafen

Laue Nacht. Der Himmel über uns schwarz. Vor uns das Wasser. Es plätschert sanft. Schwappt gegen die Schiffe, die hier vertaut sind. Schwach beleuchtet, wie Partyzelte. Darüber strahlen die Sterne. Denn die Gewitterwolken sind weitergezogen. Aber wir, wir bleiben hier.

Und aus gegebenem Anlass…

…Schatten, Wind, Klimaanlagen, Eiswürfel, Fächer, Ventilatoren, Kühlschränke, der Gedanke an die Arktis. Und zu wissen, dass es irgendwann mal wieder HERBST sein wird.

DAS PROJEKT

Was ist das hier?

Einmal pro Woche fasse ich zusammen, wofür ich in der vergangenen Woche besonders dankbar war. Und erkläre ganz kurz. Vielleicht wird das hier ja eine ganz interessante Reise.

Immer montags!

Und warum mache ich das?

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, kurz vorm Einschlafen mir ein Wort, einen Begriff, in Erinnerung zu rufen, der am besten zusammenfasst, wofür ich an diesem Tag dankbar war.

Das hilft ganz gut dabei, all den negativen Kram auszublenden. Der kann einen ja gerade abends gut wach halten. Und das Schöne, Positive leicht verdrängen. Aber das wär doch echt schade.

Dankbar für… Woche 4

Wofür bist du dankbar? Am Ende eines Tages? Einer Woche?

Einmal pro Woche fasse ich zusammen, wofür ich in der vergangenen Woche besonders dankbar war. Und erkläre ganz kurz.

Vielleicht wird das hier ja eine ganz interessante Reise. Immer montags!

Projekt “#dankbarfuer”  –  WOCHE 4

Flugmodus

Nochmal Mails checken? Hat mir da jemand auf WhatsApp geschrieben? Ich warte noch auf eine Nachricht von…! Ich wollte doch noch schnell dieses eine Foto auf Instagram posten. Aber: nix da. Flugmodus an, und im Kopf ist mehr Ruhe. Nichts checken, posten, retweeten, antworten. Durchatmen.

Briefe von Harry Rowohlt

Das Buch „Der Kampf geht weiter – nicht weggeschmissene Briefe“ mit Briefen von Harry Rowohlt hatte ich schon lange im Bücherregal stehen. Jetzt ist Rowohlt gestorben. Und ich habe das Buch aus dem Regal gewühlt. (Woher kommt es eigentlich, dass man sich mit dem Werk eines Menschen oft erst richtig beschäftigt, wenn er gestorben ist?) Ein total lesenswertes Buch. Und, Harry, was warst du wohl für eine coole Sau! Und ich denke mir: Verdammte Hacke, Briefe selber schreiben – müsste man echt öfter machen.

Tanzen, auch wenn es (oder gerade weil) keiner sieht

Was auch immer man von Mumford & Sons halten mag, die alte oder die neue Richtung – aber „The Wolf“ (live natürlich) ist äußerst tanzbar. Ob das nun jemand sieht oder nicht, ist vollkommen egal. Es gibt diesen kitschigen Poesiealbum-Spruch: „Tanze als würde dich niemand sehen. Liebe als wäre dein Herz nie gebrochen. Singe als würde dich niemand hören. Lebe als gäbe es kein Morgen.“ Jaja, carpe diem und so. So oder so macht’s aber einfach verdammt gute Laune. Mir zumindest.

Wochenend-Trips

Irgendwie wird’s schon klappen mit dem Navi. Irgendwie werden schon alle Schlafsäcke und Rucksäcke Platz haben. Irgendwie kommen wir schon durch drei Länder. Und irgendwie passen wir schon in dieses belgische Studentenapartment. Hauptsache, wir sind zusammen. Und verbringen ein wunderschönes Wochenende.

Vier Jahre

„Also woher kennt ihr euch?“ – „Wir haben zusammen angefangen zu studieren.“ – „Und jetzt nicht mehr?“ – „Na ja, ein paar von uns machen jetzt was anders, manche sind fertig…“ – „Und ihr wohnt über ganz Deutschland verteilt?“ – „Teilweise über Europa verteilt.“ – „Und ihr seid immer noch befreundet?“ – „Klar. Seit vier Jahren inzwischen.“

Vier Jahre mit euch. Wow. Danke!

Dieses Projekt… warum mache ich das?

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, kurz vorm Einschlafen mir ein Wort, einen Begriff, in Erinnerung zu rufen, der am besten zusammenfasst, wofür ich an diesem Tag dankbar war.

Das hilft ganz gut dabei, all den negativen Kram auszublenden. Der kann einen ja gerade abends gut wach halten. Und das Schöne, Positive leicht verdrängen. Aber das wär doch echt schade.

Liebe Fleisch-Esser – hört auf, euch zu entschuldigen!

Als Vegetarierin ist es echt lustig zu sehen, wie sich die Zeiten geändert haben. Erzählte ich vor ein paar Jahren jemandem, dass ich weder Fleisch noch Fisch esse, war die erste Frage: „Wieso?“ Inzwischen ist das anders – etwas hat sich bei euch getan, liebe Fleisch-Esser. Ihr habt anscheinend das Gefühl, euch fürs Fleischessen entschuldigen zu müssen.

Erzähle ich heute, dass ich fleischlos lebe, ist die erste Reaktion nicht mehr weit aufgerissene Augen oder die Frage nach dem Warum. Die erste Reaktion bei euch, lieben Fleischessern, ist eine Entschuldigung.

„Ich esse ja auch kaum mehr Fleisch.“ – „Wir kaufen nur noch selten Fleisch, und wenn, dann bio!“ – „Es gibt ja auch so viele tolle vegetarische Alternativen!“ – „Wir haben neulich mal Zucchini gegrillt – total lecker, und nichts hat gefehlt.“

Wer Vegetarier ist, isst sofort ethisch korrekter? Glaube ich nicht! Foto: pr.

Wer Vegetarier ist, isst sofort ethisch korrekter? Glaube ich nicht! Foto: pr.

Liebe Fleisch-Esser: Bitte entspannt euch. Zumindest mir gegenüber müsst ihr euch nicht dafür rechtfertigen, dass ihr Fleisch esst. Und dass ihr noch nicht auf den Vegetarier-Zug aufgesprungen seid.

Ja, Vegetarismus ist unheimlich verbreitet. Inzwischen ist es sogar kaum mehr der Rede wert, wenn sich jemand komplett pflanzlich ernährt, also Veganer ist. Statt der Fragen nach dem Warum und „Bist du dann nicht unterernährt?“, die vor ein paar Jahren noch üblich waren, werden inzwischen sofort vegane/vegetarische Rezepte und Erfahrungsberichte ausgetauscht.

Das ist super. Die Toleranz gegenüber alternativen Ernährungsweisen ist – zumindest unter Städtern und jüngeren Menschen – extrem gestiegen. Die Toleranz gegenüber fleischloser Ernäherung sowieso. Ganz ehrlich, ich bin da großer Fan von! Sogar meine Mutter, aufgewachsen auf einem Bauernhof, hat nach 5 Jahren mit einer Vegetarier-Tochter inzwischen verstanden, warum ich kein Fleisch esse. Und guckt auch auf ihre eigene Ernährungsweise.

Aber ganz ehrlich: Entschuldigen müsst ihr euch für nichts. Klar wird es bei mir keine Jubelstürme auslösen, wenn das 2,99-Discounter-Fleisch auf dem Tisch ist. Aber woher das kommt und warum das so billig ist, das wisst ihr selbst. Und meist seid ihr dann ja doch bereit, beim Metzger um die Ecke zu kaufen. Oder zumindest Bio-Fleisch zu wählen und dafür seltener Fleisch zu essen.

Aber ich wäre nie so arrogant, anzunehmen, dass meine Ernährungsweise „die richtige“ ist. Wenn man kein Fleisch isst, weil man gegen Massentierhaltung ist – wäre es dann nicht wirkungsvoller, lokale Metzgereien und Bio-Bauernhöfe zu unterstützen, indem man von ihnen Fleisch kauft? Anstatt gar kein Fleisch zu essen? Der Vegetarier-Trend/Hype/Kult ist daher vielleicht auch schön gedacht, aber zu kurz gedacht.

Ist es per se schlecht, Fleisch zu essen?

Sollten wir nicht eher genauer darauf achten, was wir essen, woher es kommt und unter welchen Bedingungen es gewachsen ist (egal ob Tier, tierisches Produkt oder Pflanze)? Denn wie ethisch bin ich bloß als Vegetarier,  aus Protest gegen Massentierhaltung kein Fleisch zu essen, aber gleichzeitig den 08/15-Käse aus dem Supermarkt zu kaufen? Anstatt regionalen Bio-Käse?

Unsere Generation wächst in dem Bewusstsein auf, dass wir auch durch unser Essen Verantwortung zeigen können. Ja, zeigen müssen. Doch dieser Weg hat für uns (egal ob Fleisch-Esser, Vegetarier, Veganer, Frutarier, Paläos…) gerade erst begonnen.