Bei Fifty Shades of Grey (der Film) geht es um eine Sache – und es ist nicht Sex

Fifty Shades of Grey, könnte man meinen, handelt von vielen Dingen: einer Beziehung, der großen Liebe, Vertrauen, Sex, Machtspiele… Der Film zumindest, handelt von genau einer Sache – und es ist nicht Sex.

Es geht um das Verhältnis zwischen Mann und Frau heute.

Die Frau, hier Anastasia Steele, überzeugend dargestellt von Dakota Johnson: schlau, hübsch (dabei zum Glück ohne Pornostar sein zu müssen, sie darf z.B. ihre Schamhaare behalten), zerbrechlich, albern, schüchtern, bestimmend. Nicht alles gleichzeitig, es gibt natürlich eine Entwicklung. Aber dennoch ist sie immer diejenige, die (trotz ihrer in jeder Filmszene kürzer werdenden Röcke) die Hosen anhat. Sie lässt sich auf diesen Typen ein, ja, aber sie denkt nach und zögert. Sie ist beeindruckt von Greys überdimensionalem Reichtum, ja, aber macht sich darüber lustig. Sie stolpert, stottert und errötet, ja, aber sie vergisst nie, wer sie ist.

Dann, der Gegenentwurf: der Mann, Christian Grey. Er hat eigentlich nur zwei Funktionen: gut aussehen und Schema F folgen. Schema F ist in diesem Fall: Die Frau erobern, mit allen Mitteln – Kleidern, Riesenwohnung, Riesenunternehmen, Hubschraubern, Autos, Klavierspielen, viel Händchenhalten, viel Küssen, ein bisschen Dominanz, ganz viel schmunzeln, blah blah.

Es liegt mit Sicherheit an Drehbuch und Schauspieler gleichermaßen – aber der Mann ist in Fifty Shades of Grey der graue Schatten, vor dem sich die Frau so richtig austobt. Sie hat Charme, Witz, Farbe, Gefühl, Stärke. Der Mann (gespielt von Jamie Dornan) weiß nicht, was er sein soll: Macho? Frauenversteher? Romantiker? Kleiner Junge? Knallharter Geschäftsmann? Braver Sohn? Anständiger Freund? Er ist nichts richtig. Sagt, dass er das eine nicht ist, obwohl er es gerade erst war, und dass er das andere immer sein wird, obwohl er es nicht wirklich ist.

Männer heute haben es nicht leicht, denke ich mir als Frau. Sie müssen alles ein bisschen sein, und das jeweils zur richtigen Zeit. Aber wann die ist, sagt ihnen niemand. Frauen dürfen (gesellschaftlich gesehen) viel mehr sein, können (endlich mal!) alles sein, was sie sein wollen.

Wo bleibt der Mann da? Er muss sich weiterentwickeln. Weg vom Schema-F-Typen à la Christian Grey. Die sind soooo last century.

Daher ist es in Fifty Shades of Grey auch die Frau, die dem Mann zum Schluss NEIN sagt – und der Mann gehorcht wie ein Hund.

Fifty Shades of Grey, seit 12.02.15 im Kino.

P.S.: Um Sex geht es bei Fifty Shades of Grey nun wirklich nicht. SPOILER, aber: Es gibt genau 2 Sexszenen. Und sind so wunderhübsch inszeniert und ausgleuchtet und enden so brav-rechtzeitig, dass jedes RTL-Publikum schon mehr gesehen hat. Das konnten „Der letzte Tango in Paris“ und „9 1/2 Wochen“ irgendwie besser.

Die Welt, sie ist klein

humansofnewyork:

„So get this. I’m driving down Park Avenue one day and this guy waves for me, so I pull over and I ask him where he’s going. He tells me 74th street, and I tell him that’s too far for me, because my shift just ended, so he says ‘thanks anyway’ and walks away. But then I think about it, and I start feeling bad for the guy, cause hey— I got a conscience. So I call him back to the cab and tell him to hop in. And he gets in the car all excited, all animated, and he’s talking about all these things. But he’s got his cap pulled down way over his eyes, so I can’t see who it is. But pretty soon I start to recognize his voice. And when we get to a light, I turn to him, and I look him in the eye, and I scream: „WIIIIIIILLLSSSSSOOOOOOON!!!“ And that really got him. He started laughing hard. He sees that I’ve got this Ferrari hat on, and a Ferrari shirt too, so he starts calling me ‘Mr. Ferrari.’ The whole ride, he keeps calling me ‘Mr. Ferrari.’ So after we get to his destination, we snap a quick photo, and he goes on his way. And I think that’s it. But that’s not it, cause get this. Over the next few weeks, I just happen to randomly pick up people that know him. People who have acted with him before, people who work with him. And every time, I tell them: ‘Tell Mr. Hanks that Mr. Ferrari says ‘hello.’“ Every time I say that. Then one day I’m driving, and I get a text from one of the people that I’d driven, and it says: ‘Mr. Hanks wants to invite you to see his Broadway show.’ So I bring my lady to the show, and we get to go backstage and everything, and after the show, we’re waiting for him in his dressing room, and he walks in and screams: ‘Mr. Ferrari!’ Can you believe that story? And you wanna know the craziest thing? The name of his show was ‘Lucky Guy.’ How crazy is that? Cause that was me. A lucky guy!“

Love these storys, and this one in patricular.

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Wenn die Gelenke knacken und die Füße bluten

Von Marie Denecke

Für jemanden mit schwachen Nerven ist „Black Swan“ nichts. Oder anders gesagt: Der Film ist nicht ohne Grund erst ab 16 Jahren freigegeben. Er beginnt so, wie man es von einem Film über eine Ballerina erwarten würde: Nina (Natalie Portman) lebt in einer Ballerina-Welt aus Rosa und Cremeweiß, von der Schmetterlingstapete über die riesigen Kuscheltiere in ihrem Zimmer. Von Tagträumereien ist ihr Leben jedoch weit entfernt: Sie tanzt an der New Yorker Ballett-Akademie, einer der renommiertesten Tanzschulen der USA, wenn nicht der Welt. Von Anfang an zeigt Black Swan, dass das Ballerina-Leben hart ist: Die Gelenke knacken, die Füße bluten, Essen gibt es nur nach gründlichem Abwägen, täglich muss man sich beweisen.

An der Akademie soll die neue Saison mit einem Klassiker eröffnet werden: Tschaikowskis „Schwanensee“ – neu interpretiert von Ausnahmeregisseur, Dandy und, na klar, Franzose Thomas (in für ihn typischer Manier: Vincent Cassel). Die neue Schwanenkönigin wird überraschend die als frigide geltende Nina – ein Traum wird wahr für die junge Frau, scheint es.

„Schwanensee“ erzählt die Geschichte eines Mädchens in Gestalt eines weißen Schwans, in das sich ein Prinz verliebt. Zum Happy End kommt es allerdings nicht: Das laszive Ebenbild des Mädchens, ein schwarzer Schwan, taucht auf und verführt den Prinzen. Aus Kummer bringt sich das weiße Schwanen-Mädchen um.

Das „Schwanensee“-Thema ist in dem Film von Darren Aronofsky („Requiem for a Dream“, „The Wrestler“) gleich von Anfang an überall zu finden: in der Filmmusik sowieso, bei Ninas Spieluhr (mit Porzellan-Ballerina) bis hin zu dem Klingelton, den Nina auf ihrem Handy ihrer Mutter (sehenswert: Barbara Hershey) gegeben hat. Die Mutter ist ehemalige Ballerina, die ihre Karriere als eine von vielen Tänzerinnen abbrechen musste, als sie mit Nina schwanger wurde.

Wohin die Reise bei diesem Film geht, verheimlicht Aronofsky nicht, mit Musikthemen, Farb-Metaphern oder vermeintlichen Traumsequenzen geht er nicht gerade subtil um. Während Nina immer in Pastell oder Weiß, mit falschen Brillanten und perfektem Haarknoten auftritt und sie schnell Lob für ihren Tanz des Parts des weißen Schwans bekommt, kommt ihr die neue Solistin Lily (Mila Kunis) in die Quere: Mit offenen Haaren, im dunklen Schlabberlook und Kopfhörern im Ohr platzt sie gerade dann in den Probenraum, als Nina den Part des schwarzen Schwans tanzen will. Zu ihr entwickelt Nina eine Hass-Liebe: In dem Maße, in der Nina sich von ihr verfolgt und in ihrer Rolle als neue Schwanenkönigin bedroht fühlt, fühlt sie sich ebenso von der lebensbejahenden, zwar nicht technisch sauberen, aber gefühlvoll tanzenden Lily angezogen.

Aronofsky erzählt die schrittweise Verwandlung Ninas vom weißen zum schwarzen Schwan weniger in der Manier eines Dramas denn eines Thrillers. Manchmal wünscht man sich, Aronofsky würde aufhören mit seinem Spiel zwischen Wahn und Wirklichkeit oder dieses Spiel zumindest reduzieren. Doch vielleicht gehört es auch mit zur Metamorphose: die Gratwanderung zwischen dem Wunsch nach Perfektion und dem Willen, alles dafür zu tun. Black Swan überrascht mit seinen Schockeffekten, die im Gegensatz zu Splatterfilmen zwar sicherlich sparsam eingesetzt sind, aber für ein angekündigtes Psychodrama äußerst körperlich daherkommen. Zumal eine absolut überragende Natalie Portman, an der von jedem Muskelstrang bis zur Darstellung eines außen wie innen erstarrten Mädchens in dieser Rolle alles stimmt, visuelle Unterstützung mit dem Holzhammer nicht nötig hat. Und da wir schon bei der Kritik sind: Schade, dass man der schon lange von der Bildfläche verschwundenen Winona Ryder hier als Altballerina nicht mehr Raum gegeben hat.

Dennoch – das Bild der Verwandlung stimmt immer. Aronofsky zeichnet mit Black Swan nicht das Porträt einer Ballerina, sondern eines zutiefst unsicheren Mädchens, das etwas anderes als das Streben und Lechzen nach Perfektion nie kannte. Nina ist eine Tochter, die es nie geschafft hat, sich aus der beengten Ballerina-Welt ihrer Mutter zu lösen und erwachsen zu werden.

Nina kann ohne ihre Kostüme, ohne Theater-Camouflage nicht sein, kann sich ohne diese Dinge nicht ertragen. Hinter der berühmten Fassade – in Ninas Fall bestehend aus Strasssteinen, Tüll und Vogelfedern – steckt ein Mensch, der mit seiner Umwelt nicht umgehen kann, außerhalb von Ballett nichts vom Leben versteht.

Letztlich, als der Film auf den Höhepunkt der Geschichte, die Premiere des „Schwanensees“, zusteuert, ist es die Mutter, die ihre Tochter vor der Verwandlung schützen will.

Doch da ist der weiße Schwan schon von der Bildfläche verschwunden.

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 29.01.2011. Den Artikel gibt es hier.

Der stotternde König und sein exzentrischer Helfer

Von Marie Denecke

Keine Frage: „The King’s Speech“ ist ein gefälliger Film. Man versucht nicht noch Tage nachher, die verschiedenen Erzählebenen zu entwirren wie in dem Sci-Fi-Thriller „Inception“, die Einsamkeit des Protagonisten hängt einem nicht lange hinterher wie bei „The Social Network“ – alles Filme, die mit „The King’s Speech“ für den diesjährigen Oscar nominiert waren. Und doch hat dieser Film gewonnen. Wenig überraschend. Aber auch ungerechtfertigt?

Die (wahre) Geschichte von „The King’s Speech“ ist schnell erzählt: Prinz Albert, Herzog von York, (Colin Firth) ist Sohn des britischen Königs, George V. Zugleich ist er heftiger Stotterer, jeder Auftritt wird für ihn zur Qual und für das Königshaus zur Blamage. Es gibt nichts, was der Marineoffizier dagegen nicht schon versucht hätte.

Seine Frau Elizabeth, die spätere Queen Mum, (wie immer wunderbar exzentrisch: Helena Bonham Carter) macht da einen Logopäden ausfindig, der, sagen wir, etwas ungewöhnliche Methoden anwendet und sich einen Dreck um das Protokoll im Umgang mit einem Mitglied des königlichen Hofes schert. Es dauert seine Zeit, bis die beiden Männer eine Freundschaft zueinander entwickeln und man einen Einblick darin bekommt, wie es ist, Anfang des Jahrhunderts in einer Königsfamilie großzuwerden: eine Qual.

Dann stirbt George V. und Alberts älterer Bruder (Guy Pearce aus „Memento“) besteigt als Edward VIII. den Thron. Dort hält es der Lebemann allerdings nicht lang aus, will er doch die zweifach geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson heiraten – und dankt ab. Zu seinem großen Entsetzen ist „Bertie“ auf einmal König – und muss in seiner ersten Rede an sein Volk die Briten auf den Zweiten Weltkrieg einstimmen.

Der Film hat alles, was es für den Erfolg braucht: eine grundsympathische Hauptfigur, der auf das komplette Gegenteil seiner selbst stößt, einen Skandal, stimmungsvolle Kulissen, tolle Kostüme, ein Einblick in eine Welt, die Otto Normalverbraucher äußerst exotisch daherkommt, eine Geschichte, die einem sagt, dass alles möglich ist, wenn man nur will. Und – wichtig für das Vereinigte Königreich, in dem der Film an seinem Eröffnungswochenende sämtliche Besucher- und Einspielrekorde brach – eine gehörige Portion Pathos.

Ein großer Glücksgriff ist Regisseur Tom Hooper, der bislang vor allem Arbeiten für das englische Fernsehen gemacht hat, mit seinen beiden Hauptdarstellern gelungen: Gegensätzlichere Darsteller als Colin Firth, den ewigen Mr. Darcy, und Geoffrey Rush, der vom Marquis de Sade über Leon Trotzki bis zum Piraten schon alles gespielt hat, hätte man innerhalb des Commonwealth wohl kaum finden können. Als der britische, steife König und sein australischer, extrovertierter Logopäde hauchen sie der klassischen Idee des komplett gegensätzlichen Duos, das von äußeren Umständen zusammengebracht wird, neues Leben ein.

„The King’s Speech“ ist ein hübsch und rund inszenierter Historienfilm. Und ein herzerwärmender Wohlfühlfilm. Und eine schreiend komische Klamotte. All diese Dinge ist der Film allerdings im besten Sinne. Klar kann man da meckern, muss einem ja nicht gefallen.

Ob er wirklich der beste Film des Jahres ist, für den ihn die Academy hält, das sei dahingestellt. Colin Firth aber ist in der Rolle des Königs, der nie einer sein wollte, allemal sehenswert.

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 12.03.2011. Den Artikel gibt es hier.

Skurril-charismatische Liebeserklärung an das Leben

Von Marie Denecke

Dass er große Dramen kann, wissen wir spätestens seit dem preisgekrönten „Gegen die Wand“. Dass er Road Movies kann, wissen wir seit „Im Juli“. Dass er Milieustudien kann, wissen wir seit „Kurz und schmerzlos“. Jetzt kommt der Hamburger Regisseur Fatih Akin mit einem neuen Film daher, bei dem der Name schon eine ganze Menge des Programms verrät: „Soul Kitchen“ ist eine 99-minütige Ode an Familie, Freunde, Musik, Essen – und eine Erinnerung daran, das Leben zu feiern, wie es gerade kommt.

Anfang und Ende des Films zeigen ein Essen, Essen in einem ehemaligen Bahnhofsgebäude im Hamburger Problemviertel Wilhelmsburg. Zwischen diesen beiden Essen steht ein kurzer, doch umso intensiverer Ritt durch das Leben einer Handvoll Hamburger Freigeister.

Im Mittelpunkt steht der Deutsch-Grieche Zinos (Adam Bousdoukos), Eigentümer des heruntergekommenen Restaurants „Soul Kitchen“, der sich mit Pommes, fetttriefenden Schnitzeln und kaltem Bier eine Stammkundschaft erhält. Sein Leben beginnt sich schlagartig zu ändern, als dessen Freundin Nadine (Pheline Roggan) eine Stelle in Shanghai annimmt, wohin Zinos ihr folgen möchte, es wegen knapper Kasse aber nicht kann. Dann erleidet er einen Bandscheibenvorfall – an der Fritteuse stehen ist damit erst mal gestrichen.

Auftritt Shayn (Birol Ünel), frisch gefeuerter Koch, der mit einer Attitüde zwischen Samurai und Paul Bocuse die Küche des „Soul Kitchen“ von Grund auf verändert – womit ein neues, junges Publikum und entsprechende Musik nicht lange auf sich warten lassen. Dann taucht Zinos’ krimineller und spielsüchtiger Bruder Illias (Moritz Bleibtreu) auf, dem Ausgang gewährt wurde und der jetzt einen Job sucht. Zinos macht ihn zum Geschäftsführer des „Soul Kitchen“ – schließlich will Zinos so schnell wie möglich nach Shanghai.

Doch das Pech lässt nicht lange auf sich warten: Die Steuerfahndung, ein schleimiger Immobilienmakler (Wotan Wilke Möhring) und Illias’ wiederkehrende Spielsucht zwingt die beiden ungleichen Brüder dazu, um das „Soul Kitchen“, das Stückchen Heimat irgendwo im grauen Wilhelmsburg, zu kämpfen.

Man merkt dem Film an, dass er mit viel Liebe gemacht ist: Originelle, formvollendet geschriebene Charaktere, dargestellt von Hauptdarstellern (Adam Bousdoukos ist sofortiger Sympathieträger, Moritz Bleibtreu hat „Knockin’ on heaven’s door“-Qualität und Birol Ünel ist heimlicher Star des Films) und skurrilen wie charismatischen Nebenfiguren lassen den Zuschauer mitlachen, mitweinen, mitfiebern, mitstaunen und mitleiden.

Ist man bei der Schlussszene, einem schicken, kerzenbeschienenen Essen im „Soul Kitchen“, angelangt, hat der Zuschauer das Gefühl, nach einer großen Abenteuerreise wieder nach Hause gekommen zu sein.

Ein Film wie Hamburg, ein Film, den eindeutig Akin gemacht hat: rau, szenig, lässig, witzig, sinnlich, hart und herzlich. Und man will ihn gleich wieder sehen. Oder nach Hamburg fahren. Um richtig gut zu essen. Und das Leben zu feiern.

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 19.02.2010. Den Artikel gibt es hier.

Hartes, schönes, kostbares Leben – in Nahaufnahme

Von Marie Denecke

„Precious“ ist kein Popcorn-Kino, kein Wohlfühlfilm. Unbedarft hineingehen kann man natürlich, doch schon nach den ersten zehn Minuten könnte man das bereuen. Denn das, was der Untertitel des Films im Englischen aussagt – „Life is hard. Life is short. Life is painful. Life is rich. Life is precious.“ – zu Deutsch: „Leben ist schwer. Leben ist kurz. Leben ist schmerzhaft. Leben ist reich. Leben ist kostbar.“ – ist schon ein Hinweis darauf, worauf sich der Zuschauer einstellen muss, wenn er „Precious“ sehen möchte.

Das hier porträtierte 16-jährige Mädchen Precious Clareece Jones (Gabourey Sidibe) hat eine Geschichte, wie man sie sich nicht einmal vorstellen möchte: Precious wohnt mit ihrer Mutter (Mo’Nique) in dem New Yorker Problemviertel Harlem, sie ist stark übergewichtig, sie ist quasi Analphabetin. Mit drei Jahren wurde sie von ihrem Vater zum ersten Mal missbraucht, inzwischen erwartet sie das zweite Kind von ihm, das erste hat das Down Syndrom und wird von ihrer Mutter nur als Vorwand benutzt, um Sozialhilfe zu bekommen. Ihre Mutter, voller Hass auf die eigene Tochter und voll Eifersucht, dass ihr Freund nicht nur mit ihr, sondern auch mit ihrer Tochter Kinder gezeugt hat, misshandelt Precious täglich, schlägt und beleidigt sie oder zwingt sie auch schon mal dazu, einen ganzen Teller frittierter Schweinefüße zu essen. Und dann erfährt Precious auch noch, dass sie das HI-Virus in sich trägt.

Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist schwer zu ertragen. Wie gesagt, kein Wohlfühlfilm. Auch nur eines der Dinge, die Precious erfahren muss, ist extrem und gewaltig genug für eine Person.

Doch es gibt einen Lichtblick: Precious. Precious, die sich immer wieder in schillernde Traumwelten rettet, die mit – manchmal körperlicher, aber vor allem verbaler – Schlagfertigkeit und dem Glauben an eine bessere Zukunft einen Rückschlag nach dem anderen hinzunehmen scheint und etwas in die Geschichte bringt, das man hier nicht erwartet: großartigen Humor.

Denn Precious lässt sich nicht unterkriegen, von niemandem: Sie entscheidet sich dazu, ihre alte Schule zu verlassen und eine Förderschule zu besuchen, auf der sie durch ihre Lehrerin Miss Rain (Paula Patton) und ihre Mitschülerinnen, allesamt Analphabetinnen und mit so krassen Erfahrungen wie sie selbst, nicht nur das Lesen, sondern auch das Leben lernt. Sie bekommt die Kraft, die harten Schläge ihrer Umwelt nicht nur zu ertragen, sondern auch, ihnen auszuweichen, um sie nicht mehr hinnehmen zu müssen.

Wer die Vorlage für den Film, den Roman „Push“ von der US-amerikanischen Autorin Sapphire, gelesen hat, bevor er den Film gesehen hat, dem wird die Geschichte, die der Film erzählt, womöglich weniger intensiv als die Geschichte des Romans vorkommen. Im Film werden die einzelnen Lebensgeschichten kurz berührt, man wird als Zuschauer immer ein wenig auf Distanz gehalten, bekommt nur Streiflichter der Schicksale zu sehen.

Doch das macht den Film nicht schlechter, nur anders. Denn wäre all das, was in „Push“ geschrieben steht, verfilmt worden, würde es wohl den meisten Menschen schwer fallen, die gesamte Filmlänge im Kinosessel auszuhalten.

„Precious“, in gedruckter oder gefilmter Form, bleibt jedoch immer klar eine Geschichte, die Hoffnung macht. Irgendwie.

Veröffentlicht am 29.05.2010 in der Schaumburger Zeitung. Den Artikel gibt es hier.