Soldaten und Trauma: „Manche Dinge kann man einfach nicht erzählen“

Erich ist 90. Und er war Kampfpilot im zweiten Weltkrieg. Ein Gespräch über Traumatisierung und den Umgang mit jungen Soldaten, die Dinge erlebt haben, die man heute nicht mehr begreifen kann.

Erich ist jemand, der gerne erzählt. Seine inzwischen 90 Lebensjahre sind gefüllt mit Geschichten – vielen guten, einigen schlechten, einigen grausamen. Wie er mir so gegenüber sitzt, lacht er gern, und seine 90 Jahre sieht man ihm nicht im Mindesten an: Er ist braun gebrannt, schlank, energiegeladen. Er erzählt viel, von Segeltörns mit Frau und Freunden, davon, wie es ist, 90 zu werden, über sein Leben als Vertreter, über seine Sportroutine, die er diszipliniert jeden Tag durchzieht.

Er kennt aber auch ganz andere Geschichten. Denn er war Kampfpilot der Luftwaffe im zweiten Weltkrieg.

Ich treffe ihn an einem Nachmittag in einem Café, um über die Erfahrungen zu sprechen, die er während des Krieges machte, und wie er mit ihnen umgegangen ist. Über Traumatisierung. Und wie mit traumatisierten Soldaten umgegangen wurde. Ich kenne Erich nicht besonders gut, bin deswegen nervös – ich weiß aber, dass Erich kein Problem damit hat, von seinen Kriegserlebnissen zu erzählen. Und wenn doch, dann sagt er es.

Ein bestimmtes Erlebnis – das kann er nicht erzählen

Ein bestimmtes Erlebnis gebe es, das er niemandem erzählen werde, sagt er gleich zu Anfang. Über das er nicht einmal mit seiner Frau sprechen kann – bis heute nicht.

„Das kann man einfach niemandem erzählen“, sagt Erich. „Wenn ich heute nur daran denke, fange ich an zu weinen.“

Um das, was ich höre, einordnen zu können, hole ich mir Unterstützung. Ich spreche mit Brigitte Dennemarck-Jäger, Psychologin, Soziologin und Therapeutin am Deutschen Institut für Psychotraumatologie in Köln.

Für Traumatisierte sei typisch, von traumatischen Erlebnisse nicht erzählen oder die Traumatisierung nicht zeigen zu wollen, sagt Brigitte Dennemarck-Jäger. Gerade soldatische Traumata seien „unerträglich“. Erfahrungen wie etwa das Töten ließen sich nicht mit dem Alltagsleben nach dem Krieg vereinbaren.

„Manche dieser Erfahrungen sind so unerträglich, dass sich die Seele abspaltet“, erzählt Dennemarck-Jäger.

Mit 18 zum ersten Mal im Kampfflugzeug

Die Psyche eines Traumatisierten baue sich dann komplett um. Das traumatische Erlebnis verschwindet dann nicht aus dem Gedächtnis: Es werde „weggestellt“, sagt Dennemarck-Jäger. Denn nur so lässt sich das Leben weiterhin meistern, auch nach einem schwerwiegenden Trauma.

Wehrpass, Flugbuch, Soldbuch… Erich besitzt noch viele Original-Dokumente aus seiner Soldatenzeit.

Wehrpass, Flugbuch, Soldbuch… Erich besitzt noch viele Original-Dokumente aus seiner Soldatenzeit.

Erich war 18, als er eingezogen wurde. Im Frühjahr 1942 begann für den gebürtigen Ruhrgebietler die „soldatische Grundausbildung“ in Sachsen. Schon zwei Monate später bekam er zum ersten Mal mit Kampfflugzeugen zu tun: Er wurde dem Personal eines Ju-52-Verbandes zugeteilt. Ju 52, das steht für das berühmte Transportflugzeug Junkers 52, genannt die „Tante Ju“. Hier begann der 18-Jährige, der vorher nur mit Segelflugzeugen zu tun gehabt hatte, die Ausbildung an Transport- und Kampfflugzeugen.

Nur wenige Monate später, flog er bereits Einsätze über Stalingrad, wo mit Jus 52 schwer verletzte Soldaten ausgeflogen werden mussten. Es waren so viele Soldaten, oft mit horrenden Wunden, dass die Flugzeuge ständig überladen waren.

„Das war wohl mein erstes Trauma“, erzählt Erich und schüttelt den Kopf.

Trauma, was versteht er darunter?

„Ein Erlebnis, das man nicht mehr vergisst.“ Und davon kennt Erich viele.

Weiterlesen

Hat die Förderschule noch Zukunft? Eine Spurensuche

Hat die Förderschule noch Zukunft in Deutschland? Bringt Inklusion wirklich das, was sich Politiker davon versprechen? Können alle Schüler gleich behandelt werden? Und haben alle Schüler eine chancenreiche Zukunft vor sich?

Förderschule - in Deutschland nicht gewollt. Aber gebraucht? Foto: M.Denecke

Förderschule – in Deutschland nicht gewollt. Aber gebraucht? Foto: M.Denecke

Wenn ihr hier klickt, kommt ihr zu der Reportage, die Kollegen und ich an der Hasenclever-Förderschule in Gevelsberg, NRW, gemacht haben. Die Reportage ist 30 Minuten lang und läuft bei nrwision, dem Lernsender für Nordrhein-Westfalen, ausgestrahlt.

Die Reportage entstand im Rahmen der Arbeit bei do1, der Fernsehredaktion der TU Dortmund.

Viel Spaß!

Naturwissenschaften kinderleicht gemacht

Von Marie Denecke

Naturwissenschaft und Kinder im Kita-Alter – passt das zusammen? An drei Schaumburger Kindergärten läuft momentan das Projekt „Die kognitive
Meisterlehre“ zu diesem Thema: Begleitet von einer Diplom-Biologin
lernen hier nicht nur Kinder, sondern auch die Erzieher. In Niedersachsen
ist das Projekt einzigartig.

Sechs Kinder sind es, die sich an diesem Morgen um einen Tisch versammelt haben, auf dem zahlreiche Messgefäße stehen: in zylindrischer Form, als Würfel und mit dreieckiger Grundfläche. Sie haben verschieden große Fassungsvermögen, 1000 bis 250 Milliliter. Damit können Laetizia, Lukas, Hannah, Ole, Silas und Stella noch nicht viel anfangen: Silas ist gerade vier Jahre alt geworden, die ältesten Kinder sind sechs. Sie müssen jetzt schätzen: Welches Gefäß ist das größte?

Zuerst lassen Catrin Witt, die Leiterin der Kindertagesstätte am Rintelner Kreiskrankenhaus, und Eva von Löbbecke-Lauenroth, Diplom-Biologin, die sechs raten: Wie könnte man das herausbekommen? Ein Nebeneinanderstellen der Gefäße bringt nichts: „Die sind ja alle gleich groß“, bemerkt eins der Kinder die gleiche Höhe der Gefäße.

Also beginnen sie, die Gefäße zu stapeln. Das klappt bei manchen super, zwei Gefäße mit gleichem Fassungsvermögen aber – eines mit runder, eines mit quadratischer Grundfläche – passen nicht ineinander. „In welches passt denn mehr rein?“, fragt Witt. Alle Kinder beugen sich vor und inspizieren ihre Konstruktion. Ihr Urteil: Das eckige muss das größere sein, schließlich lugen die Ecken über die Ränder des runden Gefäßes. „Und wie finden wir heraus, ob ihr Recht habt?“, fragt Löbbecke-Lauenroth.

Die Kinder stecken die Köpfe zusammen. Löbbecke-Lauenroth hat schon zahlreiche naturwissenschaftliche und pädagogische Projekte im Landkreis betreut. Zusammen mit Diplom-Pädagogin Ursula Büthe, Fachberaterin beim Landkreis, hat sie das Projekt „Die kognitive Meisterlehre“ geschrieben.

Der Begriff stammt aus den USA und beschreibt die Methode, wie Lernende von Experten lernen, die bei der Anwendung des Erlernten ihren „Lehrling“ begleiten. So sollen langfristig „Lehrlinge“ zu „Meistern“ werden. In der Rintelner Kita am Krankenhaus lässt sich das auf die Kinder wie auch auf die Erzieherinnen anwenden: Sie lernen von der Expertin über
die Materie und häufen so Wissen an. Und sollen so Sicherheit in der Beantwortung von Kinderfragen zu naturwissenschaftlichen Phänomenen bekommen.

Um die „Sensibilisierung“ der Erzieher gehe es, erläutert Büthe: Die Fragen der Kinder sollen ernst genommen werden. „Dabei stoßen wir Erwachsenen schnell an eigene Grenzen“, so Büthe. Wo zum Beispiel anfangen, wenn man erklären muss, woher das Licht kommt? Und wie auch noch kindgerecht erklären? Bei den Kindern soll „Grundwissen statt Halbwissen“ aufgebaut werden, erläutert Büthe. So sollen die Kinder
selber auf die Lösung kommen, einen „Aha-Effekt“ erleben – und das Erlebte und Erlernte abspeichern und später anwenden können.

Denn neue Forschungsergebnisse zur frühkindlichen Lernentwicklung, so ist es im Projektantrag zu lesen, gehen von „kognitiven Fenstern“ aus, also Phasen, in denen Menschen optimal lernen können – und die lägen im dritten, vierten und fünften Lebensjahr. Dann hätten Kinder schon besonders großes Interesse an Naturphänomenen.

Zudem seien Kinder in diesem Alter auch schon in der Lage, einfache und schlüssige Experimente zu verstehen und empirische Beobachtungen zu nutzen. „Früher war man der Ansicht, naturwissenschaftliches Denken beginnt in der Schule“, erläutert Büthe. Das sehe man inzwischen anders: „Kinder haben Interesse an ihrer Umwelt, sobald sie auf der Welt sind“, so Büthe.

Löbbecke-Lauenroth ist einmal pro Woche zu Besuch in Rinteln, verbringt mit den Kindern und einer Erzieherin eine Unterrichtseinheit. Diese wird von der Erzieherin wiederholt, ohne Wissenschaftlerin an ihrer Seite. „Für uns ist das eine echte Erweiterung“, sagt Kita-Leiterin Witt. In so einer Einheit wird nicht etwa das behandelt, was die „Erwachsenen“ als spannend erachten: In der Rintelner Kita am Krankenhaus gibt es ein silbernes Büchlein, in das die Kinder Ideen oder Fragen hineinschreiben oder – wenn das mit dem Schreiben noch nicht ganz so gut klappt – hineinmalen können.

So werde sichergestellt, dass Phänomene erklärt würden, die die Kinder auch wirklich interessierten, erläutert Löbbecke-Lauenroth. Aus den Ideen der Kinder ist auch das Mess-Experiment entstanden – als die Kinder sich über verschiedene Gewichte wunderten. So bestand die Einheit in der vergangenen Woche daraus, Dinge gegeneinander auf der Balkenwaage aufzuwiegen, Steine gegen Kartoffeln, Kartoffeln
egen Orangen und so weiter. Und da sich Flüssigkeiten schlecht mit einer Waage wiegen lassen, kamen in dieser Woche die Messgefäße auf den Tisch.

Jenseits von der eigentlichen Wissensvermittlung schule das Experimentieren und Forschen auch die Augen-Hand-Koordination sowie die Feinmotorik, erläutert Witt: „Und die Kinder leisten tolle Teamarbeit!“ Überlegt wird gemeinsam, jeder darf etwas machen. Das gilt übrigens nicht nur für Vier- bis Sechsjährige, sondern auch für Einbis Dreijährige. Die machen natürlich nicht dasselbe wie die Älteren, dürfen aber laut Witt auch schon mal ein bisschen forschen.

Ausgeschrieben wurde das Projekt vom Landkreis Schaumburg, in ganz Niedersachsen ist es einzigartig. Neben der Rintelner Kita am Krankenhaus haben sich auch zwei Kindergärten in Vehlen und in Pohle an diesem Projekt interessiert gezeigt. Begonnen hat es im April 2010, auf zwei Jahre ist es angelegt. Getragen wird es von der Volkshochschule, finanziert vom Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung
und Entwicklung (Nifbe) sowie von der Bürgerstiftung Schaumburg. Betreut wird es von der Hochschule Vechta – das stellt sicher, dass die Erkenntnisse, die während der zwei Jahre gewonnen werden, nicht verloren gehen: Gedacht ist, erläutert Witt, dass nach Ende des Projekts je Kita „ein bis zwei Fachkräfte“ bleiben, die die Erkenntnisse weitergeben. Nicht nur innerhalb der Kita, sondern auch an andere Institutionen: Deren Mitarbeiter könnten als Hospitierende in die drei Modell-Kitas kommen.

Somit handelt es sich bei „Die kognitive Meisterlehre“ um ein echtes Transferprojekt: Wissen wird nicht nur von einem Fachmann auf Erzieher transferiert, sondern auch von einer Einrichtung auf eine andere, also „multipliziert“. Am Ende des Projekts könnte es sogar pro Kita eine „Fachkraft für Naturwissenschaften“ geben, überlegt Büthe laut. Zudem bestehe die Chance, dass die Erkenntnisse in das Projekt „Haus der kleinen Forscher“ übergehen, ebenfalls ein naturwissenschaftlich-pädagogisches Projekt, das bundesweit ausgeschrieben wurde und auch in Schaumburg läuft.

Die sechs Kinder in der Rintelner Kita am Krankenhaus haben inzwischen Messbecher mit Wasser gefüllt und sie auf den Tisch gestellt. Zuerst befüllen sie den 1000-Milliliter-Würfel, Ergebnis: Es passt alles hinein. Dann gießen sie Wasser in den Zylinder – die Überraschung: Da passt noch mehr hinein. „Müssen wir die Reihenfolge also umstellen?“, fragt Catrin Witt und deutet auf die leeren Messgefäße, die nach ihrem Fassungsvermögen geordnet wurden. Die Kinder nicken und stellen alle runden Gefäße vor die eckigen. Dann nehmen sie sich ein 250-Milliliter-Gefäß mit dreieckiger Grundfläche und füllen es mit Wasser. Da kommt Silas, dem Jüngsten, eine Idee: Man könnte das Wasser aus dem kleinen Dreieck doch ins große füllen. Also wird, sehr vorsichtig und genau, das Wasser ins 500-Milliliter-Gefäß geschöpft. „Ich wette, da passt noch ein zweites rein“,schätzt Laetizia. Und siehe da: So ist es. Wieder was gelernt.

„Nächste Woche können wir ja mal probieren, was man noch alles auf diese Weise messen kann“, schlägt Catrin Witt am Ende der Einheit vor. 40 Minuten hat die ausnahmsweise gedauert. „Eigentlich beträgt die Aufmerksamkeitsspanne in dem Alter 20 Minuten“, so Witt. Einige Kinder wollen weitermachen, aber die beiden Erwachsenen winken ab: Für heute reicht es mit dem Forschen.

„Milch mit Essig“ soll nach Silas’ Wunsch in der nächsten Woche in die Messbecher gefüllt werden. Das quittieren Witt und Löbbecke-Lauenroth mit Stirnrunzeln – trinken lässt sich die Milch danach schließlich nicht mehr. Aber, sagt Witt, mit Milch könne man den Mess-Versuch wiederholen. „Vielleicht ist es mit Milch ja anders als mit Wasser?“, fragt sie.

Die Erwachsenen kennen die Antwort natürlich. Aber wie sollte man die herausbekommen, wenn man es nicht einfach mal ausprobiert?

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 07.01.2011

Willkommen im Schaumburg der Superlative

Von Marie Denecke

Schaumburg gibt es zweimal auf der Welt: in Niedersachsen und im US-Staat Illinois. Seit gut drei Jahrzehnten ist der Austausch zwischen den Kommunen rege und kreativ – und die Zeit als Schaumburger in Schaumburg, USA, eine Erfahrung, die einen so bald nicht mehr loslässt. Ein Erfahrungsbericht.

Ist man als deutscher Schaumburger zu Gast bei Einwohnern der Stadt Schaumburg im US-Bundesstaat Illinois, dauert es nicht lang, bis die Fragen kommen: Wart ihr schon einmal in den USA? Welchen Ruf haben Amerikaner in Deutschland? Sprechen alle Deutschen so gut Englisch? Was haltet ihr von unserem Präsidenten?

Hoch und höher: Gilt für Schaumburgs Feuerwehrautos wie für die Stadt selbst. Fotos: M.Denecke

Hoch und höher: Das gilt für Schaumburgs Feuerwehrautos genauso wie für die US-Stadt selbst. Fotos: M.Denecke

Und ab und zu muss man auch unwillkürlich lächeln; da wird schon mal gefragt, ob in Deutschland auf der linken Straßenseite gefahren wird. Man wird den Eindruck nicht los, dass Deutschland für vermeintlich weitverbreitete Merkmale wie Kopfsteinpflaster und Lederhosen genauso gemocht wird wie für seine Autos und seine Ingenieurskunst. Dass das Deutschlandbild vieler Amerikaner eher einem Märchenbuch denn der Realität gleicht, sollte allerdings schnell zu verzeihen sein: Schließlich ist man vom deutschen Schaumburg aus in rund sieben Autostunden in Paris, während man vom amerikanischen Schaumburg aus nach rund sieben Stunden gerade mal in Nashville, Tennesse, ist. Die Dimensionen sind da also ganz, ganz andere als bei „uns“.

Doch trotz oder vielleicht gerade, weil manche Amerikaner ihren Kontinent oder gar ihr Land noch nie in ihrem Leben verlassen haben, bringen sie den deutschen Besuchern eine Gastfreundschaft entgegen, wie man sie hier wohl lange suchen müsste: Natürlich kannst du mein Auto benutzen, hier ist der Schlüssel zu meinem Haus, der Kühlschrank ist voll, bedien dich. Ist man gemeinsam essen oder einkaufen, muss man regelrecht eine Debatte lostreten, um auch mal selbst etwas zahlen zu dürfen.

150 Jahre alt – für Amerika biblisch, für Deutschland neuere Geschichte

Rund 150 Jahre ist die Geschichte der Stadt Schaumburg alt, für US-Standard biblisch, für Deutsche eher neuere Geschichte. Als im Jahr 1840 die ersten deutschen Aussiedler in die gerade frisch zur Besiedlung freigegebene Gegend kamen, hieß die Stadt noch „Sarah’s Grove“. Die Überlieferung will es, dass 1851, während einer Einwohnerversammlung, über einen neuen Stadtnamen gestritten wurde – bis ein Friedrich Nerge, ursprünglich aus Reinsdorf bei Apelern, mit der Faust auf den Tisch schlug und rief: „Schaumburg schall et heiten!“

Seitdem hat sich freilich eine Menge getan in der 75 000 Einwohner zählenden Stadt, die rund eine Autostunde von der drittgrößten Stadt der USA, Chicago, entfernt liegt.

Schaumburg liegt bei Chicago. Und mitten in Chicago liegt das bekannte Kunstwerk "The Bean".

Schaumburg liegt bei Chicago. Und mitten in Chicago liegt das bekannte Kunstwerk „The Bean“.

Wer verstehen will, wie dieses Schaumburg funktioniert, der sollte die Stadtbücherei aufsuchen. Nicht nur, um sich ein Buch über die Geschichte der Stadt auszuleihen, sondern, um den Bestand an Büchern, Hörbüchern, DVDs, CDs, Schallplatten und digitalen Dateien, der insgesamt über zehn Million Euro wert ist, zu bestaunen.

Auch wenn die amerikanische Wirtschaft immer noch am Boden liegt, sich die Immobilienpreise im Keller befinden, während sich Arbeitslosenzahlen und Benzinpreise auf nie gekannten Höchstniveaus befinden, geht es Schaumburg noch vergleichsweise gut. Die Zentrale des Elektronikkonzerns Motorola sitzt dort, mit der „Woodfield Mall“ ist dort die fünftgrößte Einkaufsstraße des Landes angesiedelt, in der derzeit 285 Geschäfte zu finden sind – in direkter Nachbarschaft zu mehreren Outlets und Einkaufszentren. Weiterer großer Anziehungspunkt ist das Einrichtungshaus IKEA, das hier vor rund zehn Jahren eine der ersten Filialen der USA eröffnete.

Dieses in Schaumburg angesiedelte Gewerbe bekommt der Gemeinde gut, denn rund 80 Prozent der Grundsteuer, egal ob von Motorola oder von einer fünfköpfigen Familie gezahlt, gehen in Schaumburgs Bildungseinrichtungen.

Und so ist die dreistöckige Stadtbücherei eines von vielen Vorzeigestücken der Stadt mit einem zur Verfügung stehenden Budget von 15 Millionen US-Dollar (etwa 10,5 Millionen Euro) pro Jahr. Es ist die zweitgrößte Bibliothek in Illinois, hat eine Million Besucher pro Jahr, 300 Angestellte, es gibt große Sektionen für die sechs in Schaumburg meistgesprochenen Sprachen neben Englisch, nämlich Spanisch, Polnisch, Hindi, Urdu, Japanisch und Chinesisch. Allein die Jugendabteilung umfasst 600 000 Bücher, es gibt eine Abteilung für körperlich behinderte Menschen mit speziellen Computern, ein Kindertheater, einen Werkraum, sein Bewerbungstraining kann man genauso absolvieren wie einen Sudoku-Kurs.

Beliebte Ratgeber: Wie schafft mein Kind die Schule?

In der Kinderabteilung werden allerdings auch gern Ratgeber ausgeliehen, die verraten, wie das eigene Kind in Schultests besonders gut abschneidet, damit es später den Sprung auf eine gute Schule schafft. Die Zahl der Kinder, die eigens auf diesen Zweck zugeschnittene Förderprogramme besuchen, liegt auch im recht wohlhabenden Schaumburg im hohen fünfstelligen Bereich.

„Das ändert sich derzeit mit der Obama-Regierung“, sagt Bibliotheksleiterin Stephanie Sarnoff. Der US-Präsident habe den starken Konkurrenzdruck aus dem amerikanischen Schulsystem genommen.

Auch die insgesamt 27 Schulen und die Universität des Bezirks profitieren von der Grundsteuer-Praxis und den Verkaufssteuern der Einzelhändler, 285 Millionen US-Dollar (rund 199 Millionen Euro) stehen dem Bezirk somit jährlich zur Verfügung.

So wird an der Blackwell-Grundschule zum Beispiel parallel in Englisch und Gebärdensprache unterrichtet: Obwohl nur zwölf der insgesamt 300 Schüler hier hörgeschädigt oder taub sind, sollen die Kinder integriert aufwachsen. Ebenso gibt es zahlreiche Grundschulen, an denen zweisprachig auf Englisch und Spanisch oder auch mal auf Japanisch unterrichtet wird.

Mythos Schaumburg

Seinen Stolz auf Schaumburg kann auch der (schwedischstämmige) Al Larson, seit 1987 Bürgermeister von Schaumburg und mit seinen 72 Jahren gerade zu weiteren vier Jahren im Amt vereidigt, nicht verbergen: Von einer „Schaumburg myth“, einem Schaumburger Mythos, der durch die USA gehe, spricht er. Dieser „Mythos“ hat seinen Ursprung vor allem in einer Tatsache: Die Einkaufsmöglichkeiten in Schaumburg sind beinahe unendlich.

Genauso wie das nahe Chicago ist auch Schaumburg ein Produkt sorgfältiger Stadtplanung: In den 60er Jahren griff der Stadtentwicklungsplan des damaligen Bürgermeisters, um aus dem eher ländlichen Schaumburg eine attraktive Stadt zu machen. Der Plan wurde mit der Eröffnung der „Woodfield Mall“ im Jahr 1971 beendet, Einzelhandel, Industrie und Wohnungsbau entwickelten sich überdurchschnittlich, ganze Stadtteile wurden von Grund auf renoviert, Ghettos wurden zu Parkanlagen umgestaltet.

In den 90er Jahren kamen neben mehr Gewerbe auch Restaurantketten und eine Schnellverbindung zum internationalen Flughafen O’Hare dazu, 2000 erfolgte die letzte große Baumaßnahme mit einem 30 000 Quadratmeter großen Messezentrum, gleichzeitig Designer-Hotel mit 500 Räumen.

Glaubt man Bürgermeister Larson, ist Schaumburgs Entwicklung noch nicht beendet: Folgen sollen noch ein Kulturzentrum sowie schnellere Verkehrsanbindungen nach Chicago. Gerade hat Schaumburg sein Baseballteam aufgelöst, es soll neu besetzt werden und besser spielen.

Kulturschock: Unvermeidbar

Keine Frage, die Dimensionen in den USA sind im Vergleich zu Deutschland ganz andere. Um diese Unterschiede aber nicht zu Grenzen werden zu lassen, sondern um „Brücken zu bauen“, wie sie es im eigenen Motto benennt, kümmert sich seit 1983 auf deutscher Seite die Schaumburger Deutsch-Amerikanische Gesellschaft (SDAG). Mal besuchen jugendliche Sportmannschaften oder Bands einander, mal einheitliche oder gemischte Berufsgruppen aus Polizisten, Feuerwehrleute oder Krankenpfleger.

Eine Art Kulturschock lässt sich wohl kaum vermeiden: Die USA sind ein Land, in dem Rassismus noch immer ein großes Thema ist und der Bürgerkrieg regelmäßig nachgespielt wird; in dem „gleich um die Ecke“ heißt, dass man eine Viertelstunde mit dem Auto braucht; in dem man sich in jedem Supermarkt leicht verlaufen kann; in dem viele Menschen nicht mehr wissen, wie eine lebendige Kuh aussieht.

Gleichzeitig ist der Aufenthalt in einer Gastfamilie, die sich ein Bein ausreißt, um dem deutschen Besuch die besten Seiten der eigenen Stadt und des eigenen Landes zu zeigen, eine Erfahrung, die einen nicht mehr loslässt. Und wenn es zurück ins eigene Land gehen soll, sind bislang bei jedem Abschied Tränen geflossen.

Informationen: Mehr Informationen über die SDAG gibt es unter http://www.sdag-shg.de.

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 21.05.2011. Den Artikel gibt es hier.