Liebe tote Zimmerpflanze… Oder: Das ganze Leben einer Zypresse

Liebe tote Zimmerpflanze,

es ist bestimmt merkwürdig, dass ich dir jetzt einen Brief schreibe. Nicht nur, weil du eine Pflanze bist. Sondern auch, weil du ganz offensichtlich nicht mehr unter uns weilst.

Zu meiner Verteidigung: Meine mangelnde Liebe kann nicht der Grund für dein Dahinscheiden gewesen sein. Dreieinhalb Jahre lang warst du bei mir. So lange habe ich dich gegossen, umgetopft, gedüngt, ja sogar gestreichelt (nicht lachen!). Jetzt war ich überrascht, dich plötzlich so zu finden: braun, hängende Äste, komplett ausgetrocknet.

Aber vielleicht ist das ganz passend. Auch wenn es mir um dich leid tut.

Was wäre aus dir geworden?

Zimmerzypresse

Ich hatte mich in letzter Zeit sowieso gefragt, was aus dir werden sollte. Denn ich ziehe weg. Hätte ich dich mitgenommen? Kann man eine halbmeterhohe Zimmerpflanze gut transportieren, zwischen Bücherkisten und Regalen?

Oder hätte ich dich hier auf diesem Dortmunder Balkon gelassen? In bester Gesellschaft wärst du gewesen: zwischen duftendem Lavendel, Minze, Oregano und violett blühender Clematis.

Jetzt hast du mir die Entscheidung abgenommen. Traurig bin ich aber.

Nicht, dass du schön gewesen wärst. Du warst eine Zimmerzypresse (Cypressus macrocarpa, Sorte „Goldcrest“). Giftgrün. Ein bisschen stachelig. Leicht zitroniger Duft. Als „schön“ giltst du in der Pflanzenwelt wahrscheinlich nicht. Du bist pragmatisch.

Turbulente Zeiten

In den dreieinhalb Jahren aber, in denen du bei mir warst, hast du viel erlebt. Haben wir viel erlebt. Zeit ist ein seltsames, seltsames Ding, liebe Zimmerzypresse.

Der Mensch, der dich ausgesucht hat, ist nicht mehr in meinem Leben. Damals liefen wir zusammen durch den Supermarkt (die Gemüseabteilung), er sah dich und deine Kumpels und fand, dass meine Wohnung Grün vertragen könnte. Also nahmen wir dich mit. Dieser Jemand hatte mir ein halbes Jahr vorher einen Heiratsantrag gemacht. Wenige Monate nach unserem Supermarkt-Besuch trennten wir uns. Das lag nicht am Supermarkt und erst recht nicht an dir, liebe Zimmerzypresse.

Turbulent war die Zeit, seitdem du deinen Platz in meiner Küche bezogen hattest. Drei Jahre danach heiratete mein Bruder. Und wurde Vater. Jetzt bin ich Tante eines halbjährigen Jungen. Meine enge Freundin wurde Mutter. Und heiratete ebenfalls. Beide Familien bauen jetzt Häuser.

Leben, neu gedacht

Mein anderer Bruder begann einen neuen Lebensabschnitt. Und beginnt nun wieder einen: Er und seine Freundin wollen auswandern. Meine andere enge Freundin wanderte vor über zwei Jahren aus und weiß nicht, ob sie zurück nach Deutschland kommen will. Eine dritte enge Freundin verliebte sich, zog mit ihrem Freund zusammen, wurde schwanger, heiratet bald. Das alles innerhalb von eineinhalb Jahren.

Die Zeit ist ein seltsames, seltsames Ding, liebe Zimmerzypresse.

Auch mein Leben änderte sich.

Zwei Jahre, nachdem du zu mir kamst, brachte ich mein Studium zu Ende. Es hatte mich bloß neun Jahre gebraucht… Zweieinhalb Jahre später begann ich, meinen Master zu machen.

Ich lernte Menschen kennen, die ich mir aus meinem Leben nicht mehr wegdenken kann. Ich verliebte mich, heulte. Meine Familie wurde getroffen von schweren Krankheiten, und ich heulte richtig. Ich begann einen neuen Job. Ich wurde 30 (und heulte nicht).

Ich zog um. Du kamst mit. Bezogst deinen Platz auf dem Balkon. Im Nachhinein eine blöde Entscheidung: Der Sonnenplatz zwischen Erdbeeren und Radieschen war wohl nicht deins. Ein knallheißes Wochenende, an dem niemand zu Hause war, und du wurdest braun und dörr.

Diesmal: ohne dich

Jetzt ziehe ich bald wieder um. Ich beginne einen neuen Job. Diesmal: ohne dich.

Zeit ist ein seltsames, seltsames Ding.

Tschüss, liebe Zimmerzypresse. Es waren gute Zeiten.

Advertisements

Ein Brief an… Kindheit in Terror-Zeiten

Terror also.

Es ist das Wort, das uns gefühlt derzeit dominiert wie kein anderes.

Jeden Tag ist dieses Wort in den Nachrichten. Im Radio. In den News-Apps. In 140 Zeichen auf Twitter. In der Zeitung. In den Fernsehnachrichten.

Die Kinder, die jetzt hier groß werden, wachsen mit diesem Wort auf.

Und mit dem Wissen, dass „Terror“ auch sie betreffen kann. Kindern anderswo geht das natürlich schon lange so. Aber das war halt – anderswo. Jetzt ist er hier, der Terror.

„In was für eine Welt“, fragte mich eine Freundin neulich, „haben wir unsere Tochter nur hineingeboren?“ Ihre Tochter bekommt gerade ihre ersten Zähne.

Dieses kleine Mädchen wird in einer Welt aufwachsen, in der Worte wie „Terrorist“, „Anschlag“, „Opfer“, „Attentat“ oder „Krieg“ beinahe täglich in unseren Nachrichten auftauchen werden. Oder gar in unserem eigenen Land. Sogar in unserer Stadt?

Das hat mich ins Grübeln gebracht. Terror… Hatte das Wort für uns eine Bedeutung, als wir klein waren? Für uns, die in den 80ern geboren wurden?

Waren wir vielleicht die einzige Generation, die ohne dieses Wort aufwachsen konnte?

Ich versuche mich daran zu erinnern, wann ich das Wort zum ersten Mal gehört habe. War es am 11. September 2001, als die USA angegriffen wurde? Sicherlich schon vorher – über den Terror der RAF in Deutschland hat man ja schließlich schon was im Geschichtsunterricht gehört. Aber bei 9/11 hatte es so eine Wirkung, so eine Nähe, wie man sie vorher nicht kannte.

Auch wenn Amerika weit weg schien, fühlte es sich so erschreckend nah an. Wir waren schon im Urlaub in New York gewesen. Im Juli 2011 erst, ein paar Monate vor dem Anschlag. Wir waren im World Trade Center gewesen, hatten die Aussicht genossen. Wir haben Freunde in Amerika. Es ist ein tolles Urlaubsland.

Und dann dieser Anschlag. Er passierte vor unseren Augen. Live. Er versetzte uns alle in einen Schockzustand. Auch Tage, und Wochen später gab es kaum andere Gesprächsthemen. Unsere Lehrer, unsere Eltern, sie wollten mit uns darüber reden. Sie wussten aber nicht, wie.

Der Terror hatte einen Weg in unseren deutschen, kleinen, langweiligen Alltag gefunden. Das, da waren wir uns sicher, wird der Dritte Weltkrieg.

IMG_1071

„In was für eine Welt habe ich mein Kind geboren?“, fragt meine Freundin. Eine Welt, in der Terror auch „bei uns“ normal sein wird. Foto: pr.

Als 9/11 passierte, war ich 15 Jahre alt. Schon kein Kind mehr.

Also war es damals eine Kindheit ohne Terror? Kriege und Konflikte gab es genug, Ende der 80er und in den 90ern. Das Ende des Kalten Krieges, der Jugoslawien-Krieg, der erste Golfkrieg, der ewig schwelende Nahost-Konflikt, Bürgerkriege… Oh doch, Kriege gab es genug.

Aber sie schienen so weit weg. Abstrakt. Für uns nicht wirklich gefährlich.

Und jetzt?

Anschläge. Vor unserer Haustür. Terror. Via Nachrichten am Frühstückstisch. Wird das alles von jetzt an normal? So wie es in meiner Kindheit normal war, dass Kriege und Konflikte nur weit weg stattfanden?

„In was für eine Welt haben wir unsere Tochter hineingeboren?“

Über die Frage meiner Freundin habe ich in den letzten Tagen viel nachgedacht. Was soll man da bloß antworten? In eine Welt, in der Terror wohl auch für Europa normal sein wird.

„Was für eine Zeit, um ein Kind in die Welt zu setzen!“, seufzte neulich auch meine Mutter. Sie hat Angst vor der Zukunft. (Was sie aber nicht hinderte, drei Kinder in die Welt zu setzen, als der Kalte Krieg schwelte. Zum Glück nicht!) Sie wird bald Oma, ich Tante.

In was für einer Welt wird mein Neffe aufwachsen?

Wie soll man das bloß beantworten?

Versuchen wir es mal: Es werden harte Zeiten werden.

Also liebt eure Kinder. Erzieht sie zur Nächstenliebe. Zur Toleranz. Zur Gutherzigkeit. Zur Solidarität. Zu Neugierde. Zur Weltoffenheit.

Die Kinder, die jetzt geboren werden, werden eine andere Kindheit haben als wir in den 80ern. Ich werde nicht sagen: Es ist deren Verantwortung, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wer diese Verantwortung abgibt, macht es sich zu leicht. Wir, die Eltern, sind schließlich noch da. Wir sind Mitte 20, Mitte 30. Unsere Eltern sind auch noch da. Und es sind noch Menschen da, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben. Noch. Hören wir ihnen umso besser zu.

Wozu, fragt ihr? History repeats itself? Was können wir schon tun?

Die Geschichte muss sich nicht zwangsweise wiederholen. Vielleicht kann der Mensch doch, irgendwann, aus seinen Fehlern lernen.

Es muss die Verantwortung jeder einzelnen Generation sein, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und diesen Willen an die nächste Generation weiterzugeben.

Die Welt kann nur besser werden, irgendwann.

LESENSWERT
Der Artikel „Wir haben keine Angst“ von zeit.de darüber, wie es ist, als Generation Y mit Terror aufzuwachsen.

Ein Brief an… den Osten

Lieber Osten,

eigentlich bist du ja nur eine Himmelsrichtung. Aber ich wette, dass jeder, der die Überschrift gelesen hat, sofort an die Ex-DDR dachte. An „Ostdeutschland“. Dabei weiß ich gar nicht, was du noch sein sollst  – gerade heute, am 25. Tag der deutschen Einheit.

Noch getrennt in "Ost" und "West"? Landstraße zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Foto: pr.

Noch getrennt in „Ost“ und „West“? Bei der Grenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Foto: pr.

Dass wir bei „Osten“ gleich an „Ostdeutschland“ denken, mag auch an dem Tag heute liegen: 3. Oktober 2015, 25 Jahre deutsche Wiedervereinigung. Osten dort, Westen hier („Tiehieeeeef im Westen!“), Trabis, Bananen, Ostmark, blühende Landschaften, Ostalgie, ja nee ist klar.

Aber so ganz begreifen kann ich dich nicht. Ostdeutschland – was sollst du denn bitte sein? Gerade jetzt, an dem wir zum 25. Mal den Tag der Deutschen Einheit feiern?

In diesen Tagen wird gern darüber gesprochen, inwiefern „Ost“ und „West“ denn zusammengewachsen sind. Und dass so richtig „eins“ diese beiden ehemaligen Deutschlands ja doch noch nicht richtig sind (oder heißt es Deutschlande? Oder Deutschländer?). Dabei wird von „Ost“ und „West“ immer noch wie von zwei verschiedenen Ländern gesprochen. Im Westen sind Lohn und Arbeit und Sexualität und Kinderbetreuung und politische Einstellung soundso, im Osten soundso.

Ost und West – die können nicht zusammengehören

Aber warum, frage ich mich, wird denn noch so viel darüber sprechen, wie verschieden „Ost“ und „West“ angeblich sind? Gerade 25 Jahre nach der Wiedervereinigung? Man möge mich korrigieren, wenn ich falsch liege, aber für mich erweckt das den Eindruck, dass Deutschland tatsächlich nicht eins ist: Osten und Westen, das sind rein geografisch zwei verschiedene Dinge. Die können nicht zusammengehören. Nie. Dabei tun sie es doch – Deutschland, das ist doch ein Land!

Wenn über die Bürger der Ex-DDR gesprochen wird (also über Deutsche), dann sind  Journalisten, Politiker und Politikwissenschaftler oft erstaunt darüber, dass sich einige der Menschen nach einigen Dingen „von früher“ zurücksehnen. Nach dem damaligen Arbeitsmarkt vielleicht, den wirtschaftlichen Strukturen von früher, dem Zusammenhalt der Nachbarschaft.

Ich weiß nicht, was genau das beweisen soll. Ganz ehrlich: So reden meine Verwandten auch alle. Und die kommen aus Bremen, Hannover, Wolfsburg. Früher hat man noch miteinander gesprochen, früher war man 30 Jahre lang im selben Betrieb, früher war noch nicht so viel nackte Haut überall zu sehen, früher hat nicht jeder wie blöd auf irgendeinen Bildschirm geglotzt, früher gab’s nicht so viele Scheidungen… Kurz: „Früher war alles besser!“ Hat das nicht jede Generation? Egal ob aus „Ost“ oder „West“?

„Hier“ und „drüben“ – sind wir nicht schon weiter?

Ich war fünf Jahre alt, als die Deutsche Einheit zum ersten Mal gefeiert wurde. Ich weiß also zum Glück (!) nicht, was es heißt, in einem geteilten Deutschland zu leben. Allerdings wird man gerade in diesen Tagen immer wieder daran erinnert, WIE geteilt dieses Land mal war.

Erinnern ist wichtig. Erinnern ist gut. Aber so zu erinnern, dass jeder Fortschritt, ja jede Normalität abgesprochen wird, ist es nicht.

Wir sind schon längst weiter als diejenigen, die Deutschland noch in Ost und West oder „hier“ und „drüben“ aufteilen.

Mit dieser Aufteilung verbinde ich vor allen Dingen Negatives. Das liegt wahrscheinlich an der Überheblichkeit, mit der viele „Wessis“ früher vom „Osten“ sprachen: Dunkeldeutschland (nicht ganz ernsthaft, aber dennoch). Drüben. Die hatten ja nix. Jetzt kriegen die den Soli. Alte Grenze. Früher, die Kontrollen! Leerstehende Wachtürme an der A2, bei Helmstedt. Siehst du, da standen wir immer mit unseren Autos, stundenlang, wenn wir nach West-Berlin wollten!

Es gibt erschreckend viele Menschen, die zwar schon überall waren in Deutschland, aber noch nie in Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern. Noch nie „im Osten“. Denn der ist ja doch noch anders.

Osten ist nicht gleich Osten

Meine Familie hat miterlebt, was die innerdeutsche Teilung hieß: Sie lebte in Sichtweite der Grenze, in der Nähe des berühmt gewordenen „geteilten Dorfes“ Zicherie/Böckwitz. Es gab eine Tante, verheiratet auf einen benachbarten Bauernhof, der nur zwei Dörfer weiter lag, aber plötzlich in einem anderen Land. Auch nach dem Mauerfall, als wir Kinder noch klein waren, hatte meine Mutter Panik, dass wir uns beim Spielen in Grenznähe durch Überreste des Todesstreifens irgendwie verletzten könnten.

Und doch – manchmal ohne Ende Vorurteile. Manche mögen einen wahren Kern besitzen. Aber sie stimmen ungefähr so, wie das Vorurteil, dass es im Ruhrgebiet versmogt, grau und hässlich sei. Dabei kann es hier auch ganz anders sein. Und niemand denkt nur ans Ruhrgebiet, wenn er vom „Westen“ spricht, oder? Brandenburg ist anders als Thüringen. Sachsen-Anhalt ist anders als Mecklenburg-Vorpommern. So wie man Niedersachsen und Bayern schlecht vergleichen kann. Oder Nordrhein-Westfalen und Hessen. Ist doch nicht alles „Westen“! Und was für einen Status hat Berlin eigentlich? Ist Berlin auch „Osten“?

Ich habe in Chemnitz studiert. Danach in Dortmund. Geboren bin ich in Bremen. Von Nord nach Ost nach West. Bin ich jetzt eine Erfolgsmeldung der Wiedervereinigung? Nicht, so lange man in Ost und West denkt, finde ich.

Im Osten gibt’s Probleme. Hier im Ruhrgebiet, im Teil des „Westens“, sowieso. Und was ist mit dem Süden? Und was ist mit Mitteldeutschland? Wozu gehört das eigentlich? Ein bisschen zum Osten, ein bisschen zum Norden, ein bisschen zum Westen. Dürfen die Menschen aus Mitteldeutschland wenigstens vereint sein?

Was ich wohl sagen will: Hört doch auf, so zu reden. „Der Osten“ ist hoffentlich bald nur noch eine geografische Bezeichnung.

Deutschland hat viele Teile, nicht nur „Ost“ und „West“. Aber eins ist es. (Nennt mich naiv, wenn ihr wollt.)

LESENSWERT

Multimedia-Reportage über das „geteilte Dorf“ Zicherie-Böckwitz des NDR: Hier geht’s lang

Ein Brief an… ein schreiendes Bündel Leben

Liebes schreiendes Bündel Leben,

da bist du also. Neun Monate lang warst du im Bauch meiner besten Freundin. Und jetzt habe ich dich in meinen Armen. Und ich bin fassungslos.

Ich habe dir beim Wachsen zugesehen. Also, im Bauch meiner Freundin. In den ersten Wochen warst du unsichtbar. Dann erfuhren wir von dir. Und dennoch warst du nur eine Idee. Unfassbar.

Dann warst du ein Bauch, der Stückchen für Stückchen wuchs. Und bald Stück für Stück wuchs. Du machtest Probleme. Du machtest Freude. Du tratst, in Rippen und Magen. Besonders gern nachts (du kleiner Fiesling!).

Und dann die Nachricht, das Foto: „Unsere Tochter ist heute Nachmittag zur Welt gekommen!“ Und in den Armen meiner Freundin: ein kleines Bündel Leben. Du. Und alles sah aus wie eine Szene aus einem Film. Woher bist du denn plötzlich gekommen?

Ich komme zu Besuch. Und da liegst du. Und schläfst. Und atmest. Unter einem Schock schwarzer Haare. Du hast eine winzige Nase. Und einen knallroten Mund. Und winzigkleine Fingernägel. Und rosa gestreifte Babysocken. Du bist ein Baby. Ein Mensch. Und vor neun Monaten gab es dich noch nicht.

Kannst du mir das später bitte mal erklären?

Wo ist mein obercooler Tantenmodus?

Einen Tag lang verbringe ich mit dir. Und meiner Freundin, die jetzt Mutter ist. Und ihrem Freund, der jetzt Vater ist. Sie sind deine Eltern. Und sie scheinen einfach so obercool zu wissen, was sie da tun mit dir.

Ich, im Gegenzug, habe eine Heidenangst. Dass ich dich kaputtmache. Dass ich nur einmal dein Köpfchen nicht richtig halte und du dann aufhörst zu atmen. Dass ich irgendeine Babyhaltung nicht hinbekomme und einmal falsch anfasse und dass ich etwas an dir ein für allemal verforme. Ich will nicht Schuld daran sein, dass später mal was mit dir nicht stimmt!

Meine Freundin, im obercoolen Muttermodus: „Keine Sorge, so leicht geht da nichts kaputt.“

Ha, ha. Meinen obercoolen Tantenmodus muss ich erst noch finden. (Könnte ein paar Jahre dauern.)

Und kannst du mir auch noch eine Sache erklären?

Du weinst. Du schreist. Du spuckst. Du scheißt. Du kratzt (sogar mit diesen winzigkleinen Fingernägeln). Oder du schläfst. Angucken kannst du mich noch nicht. Richtig lächeln auch noch nicht.

Warum habe ich dich eigentlich jetzt schon so gern?

Kurzgeschichte: Briefe einer 16-Jährigen

Im Mai

Es gibt Krankheiten, die kann man nicht sehen. Man kann sie nicht ahnen, nicht spüren, und oft erkennt man sie nicht einmal. Doch diese Krankheiten sind oft hundertmal schlimmer als die, die man körperlich ertragen muss.

Für den, der leidet, genauso wie für die, die den Kranken aushalten müssen.

Dass sie krank ist, wusste ich schon lange. Aber realisiert habe ich es nicht. Mir ist es nie bewusst geworden. Doch jetzt ist es schlimmer als es je war. Es vergeht kein Tag, an dem ich mir nicht sagen muss, dass es nur ein krankhafter Anfall ist, um nicht los zu heulen oder zu schreien. Aber ich würde es am liebsten.

Ich wünschte, es gäbe diese Krankheiten nicht, denn ich kann sie nicht verstehen oder voraussehen. Ich wünschte, alles wäre wieder normal, obwohl es das nie war. Wenn ich es mir mal genau überlege, dann war sie schon lange krank. Sie verbot mir den Umgang mit Menschen, die mir viel bedeuteten. Sie hielt alle für schlecht. Sie weinte viel. Sie misstraute allen. Sie versaute mir meine Freiheit.

Jetzt das. Sie ist wirklich krank, wirklich, wirklich. Der Umzug steht an. Ein schönes Haus, eine schöne Gegend, wenn auch nicht so viel Platz wie hier. Das Haus hier wird verkauft.

Ich glaube nicht, dass es einen Neuanfang geben wird. Nicht für sie. Sie wird bleiben wie sie ist, und dann wird es schlimmer werden.

Wo das alles enden soll, weiß ich nicht. Vielleicht in Selbstmord. Oder es bleibt so schlimm. Normal wird es nie wieder werden. Sie lässt sich ja nicht helfen.

Eigentlich ist es die tragischste Geschichte dieses blöden Jahrhunderts. Aber die glaubt sowieso keiner. Niemand wird mir glauben wenn ich sage, dass sie verrückt ist. Klar. Doch vielleicht wacht diese Welt endlich auf, wenn etwas passiert. Dann wird sie vielleicht geheilt?

Aber ich will doch gar nicht, dass etwas passiert! Manchmal liebe ich sie noch. Aber eigentlich ist es nur noch Mitleid.

Im August

Viel Zeit ist vergangen. Viel, viel Zeit, in jeder Hinsicht.

Es ist seltsam, wenn man darüber nachdenkt. Es ist genau das eingetroffen, was ich vermutet hatte: Selbstmord.

Und dann ist es doch anders gekommen. Ich lag falsch, zum Glück. Das Messer schnitt falsch, zum Glück. Vieles, vielleicht alles, hat sich dadurch verändert.

Sie war drei Monate lang in der Klinik. Geschlossene Abteilung. Jetzt ist sie auch noch tagsüber in der Klinik, auf unbeschränkte Zeit. Sie ist leise, vorsichtig, ängstlich, alles – nein, normal war sie nie. Ich habe sie zumindest nie normal kennengelernt.

Aber sie ist jetzt anders, und das ist ein Anfang. Alles wird anders, vielleicht.

Wir sind umgezogen. Jan kommt zum Bund. Georg fängt nach seinem Rausschmiss bei einer neuen Firma an. Anna sieht sich auch nach einem neuen Job um. Tanja geht bald nach Mittelamerika. Pierre studiert schon über ein Jahr und hat schon viele Prüfungen bestanden. Anja zieht (hoffentlich) bald zu ihm, wenn sie an der Uni angenommen wird. Und ich ziehe wieder weg, in ein paar Wochen. Ich werde erst im Winter hierher zurückkommen. Unglaublich.

Und auch wenn ich diesen Ort vermissen werde – mein Haus, meine Tiere, meine Freunde, mein Zimmer – bin ich mir doch nicht sicher, ob dies hier mein Zuhause ist. Gewissermaßen bin ich heimatlos geworden. Beziehungsweise: Ich wurde aufgeteilt. Was ich will, weiß ich inzwischen nicht mehr. Wohin ich gehöre? Keine Ahnung.

Alles verändert sich. Jeder bewegt sich irgendwie, in Richtung Zukunft.

Aber ich bin optimistisch. Denn ich habe Zukunft. Und ich liebe, ich lebe, ich schreibe… Meine Geschichte (wird sie vielleicht mal ein Buch?) hat jetzt schon 240 Seiten! Eigentlich ist sie zu Ende, aber ich feile noch. Eigentlich will ich nicht, dass sie zu Ende geht. Ich weiß nämlich nicht, was dann mit ihr passieren wird. Ich überlege mir etwas, denke ich. Ich werde sie vermissen.

Es ist seltsam, wie sehr sich ein Leben ändern kann. Und wie schnell. Es ist erleichternd wie erschreckend. Aber ich bin erst 16, und das ist gut so.

Wir alle haben eine Zukunft. Eine gute.

Liebe Fleisch-Esser – hört auf, euch zu entschuldigen!

Als Vegetarierin ist es echt lustig zu sehen, wie sich die Zeiten geändert haben. Erzählte ich vor ein paar Jahren jemandem, dass ich weder Fleisch noch Fisch esse, war die erste Frage: „Wieso?“ Inzwischen ist das anders – etwas hat sich bei euch getan, liebe Fleisch-Esser. Ihr habt anscheinend das Gefühl, euch fürs Fleischessen entschuldigen zu müssen.

Erzähle ich heute, dass ich fleischlos lebe, ist die erste Reaktion nicht mehr weit aufgerissene Augen oder die Frage nach dem Warum. Die erste Reaktion bei euch, lieben Fleischessern, ist eine Entschuldigung.

„Ich esse ja auch kaum mehr Fleisch.“ – „Wir kaufen nur noch selten Fleisch, und wenn, dann bio!“ – „Es gibt ja auch so viele tolle vegetarische Alternativen!“ – „Wir haben neulich mal Zucchini gegrillt – total lecker, und nichts hat gefehlt.“

Wer Vegetarier ist, isst sofort ethisch korrekter? Glaube ich nicht! Foto: pr.

Wer Vegetarier ist, isst sofort ethisch korrekter? Glaube ich nicht! Foto: pr.

Liebe Fleisch-Esser: Bitte entspannt euch. Zumindest mir gegenüber müsst ihr euch nicht dafür rechtfertigen, dass ihr Fleisch esst. Und dass ihr noch nicht auf den Vegetarier-Zug aufgesprungen seid.

Ja, Vegetarismus ist unheimlich verbreitet. Inzwischen ist es sogar kaum mehr der Rede wert, wenn sich jemand komplett pflanzlich ernährt, also Veganer ist. Statt der Fragen nach dem Warum und „Bist du dann nicht unterernährt?“, die vor ein paar Jahren noch üblich waren, werden inzwischen sofort vegane/vegetarische Rezepte und Erfahrungsberichte ausgetauscht.

Das ist super. Die Toleranz gegenüber alternativen Ernährungsweisen ist – zumindest unter Städtern und jüngeren Menschen – extrem gestiegen. Die Toleranz gegenüber fleischloser Ernäherung sowieso. Ganz ehrlich, ich bin da großer Fan von! Sogar meine Mutter, aufgewachsen auf einem Bauernhof, hat nach 5 Jahren mit einer Vegetarier-Tochter inzwischen verstanden, warum ich kein Fleisch esse. Und guckt auch auf ihre eigene Ernährungsweise.

Aber ganz ehrlich: Entschuldigen müsst ihr euch für nichts. Klar wird es bei mir keine Jubelstürme auslösen, wenn das 2,99-Discounter-Fleisch auf dem Tisch ist. Aber woher das kommt und warum das so billig ist, das wisst ihr selbst. Und meist seid ihr dann ja doch bereit, beim Metzger um die Ecke zu kaufen. Oder zumindest Bio-Fleisch zu wählen und dafür seltener Fleisch zu essen.

Aber ich wäre nie so arrogant, anzunehmen, dass meine Ernährungsweise „die richtige“ ist. Wenn man kein Fleisch isst, weil man gegen Massentierhaltung ist – wäre es dann nicht wirkungsvoller, lokale Metzgereien und Bio-Bauernhöfe zu unterstützen, indem man von ihnen Fleisch kauft? Anstatt gar kein Fleisch zu essen? Der Vegetarier-Trend/Hype/Kult ist daher vielleicht auch schön gedacht, aber zu kurz gedacht.

Ist es per se schlecht, Fleisch zu essen?

Sollten wir nicht eher genauer darauf achten, was wir essen, woher es kommt und unter welchen Bedingungen es gewachsen ist (egal ob Tier, tierisches Produkt oder Pflanze)? Denn wie ethisch bin ich bloß als Vegetarier,  aus Protest gegen Massentierhaltung kein Fleisch zu essen, aber gleichzeitig den 08/15-Käse aus dem Supermarkt zu kaufen? Anstatt regionalen Bio-Käse?

Unsere Generation wächst in dem Bewusstsein auf, dass wir auch durch unser Essen Verantwortung zeigen können. Ja, zeigen müssen. Doch dieser Weg hat für uns (egal ob Fleisch-Esser, Vegetarier, Veganer, Frutarier, Paläos…) gerade erst begonnen.

Ein Brief an… den (weiblichen) Körper

Lieber (weiblicher) Körper,

auch in Dutzenden von Jahren werden wir noch von dir reden. Schon immer (gefühlt) wurdest du besungen, begafft, gefeiert, gehasst, mystifiziert, missbraucht, vergöttert und verletzt, auf tausenden Wegen und seit Tausenden von Jahren.

Du bist Mutter Erde und Beginn des Lebens genauso wie Objekt scheinbar unendlicher Abscheu – und zwar meist die Abscheu der Person, die in dir steckt.

Warum fällt es vielen von uns (und mit „uns“ meine ich hier: uns Mädchen/Frauen) eigentlich so schwer, dich hinzunehmen, wie du bist? Alles, was mit dir zu tun hat, lieber Körper, nicht so verdammt ernst zu nehmen?

Hier der Körper, dort "wir" - ist das nicht absurd? Fotos: M.Denecke

Auf der einen Seite der Körper, auf der anderen „wir“ – ist das nicht absurd? Fotos: M.Denecke

Bist du nicht eigentlich ein Gefäß, eine Hülle? „Nur“ ein Körper? Du bist doch nicht alles von uns! Und doch der Teil, der am wichtigsten ist?

Warum sehen wir dich eigentlich als etwas anderes an als „uns“? Irgendwie scheinst du noch ein anderer Teil zu sein als das „ich“. Du gehörst zu mir, klar, wie mein Name an der… ja, also, gehörst zu mir, aber oft ist es doch so, dass wir dich abtrennen, anders betrachten, wir auf der einen Seite „uns“ haben, als Persönlichkeit, und auf der anderen Seite – dich.

Mein Körper und ich. Was für eine absurde Vorstellung. Aber gleichzeitig die einzige Erklärung, die ich parat habe, um Krankheiten wie Essstörungen zu erklären. Denn das Mittel, das nun mal am ehesten da ist, um sich selbst zu verletzen, ist der Körper.

Du zeigst, wie wir dich behandeln. Du strahlst nach außen ab, was wir uns (innerlich oder äußerlich) antun. Oder angetan wurde. Oder gönnen. Deine Funktion als unsere Hülle bedeutet, dass du als offensichtlichstes Teil von uns unser Innerstes nach außen hin zeigst.

Du warst schon immer der Mode unterworfen

Wie kommt es da eigentlich, dass du so selten als etwas Gutes angesehen wirst? Als unsere Schutzhülle zum Beispiel? Unser Zuhause?

Mit dir können wir unser Innerstes nach außen kehren. Also durchbohren wir dich mit Metall oder Holz und jagen Tinte unter deine Haut. Das hat oft mit Traditionen, Stolz und Zugehörigkeit zu tun. Und Zugehörigkeit heißt auch: Mode.

Alarm! Wir wollen Perfektion - und zwar sofort!

Alarm! Wir wollen Perfektion – und zwar sofort!

Seit je her bist du der Mode unterworfen. Und das heißt, dass du gezwungen wirst, gewissen Maßstäben zu entsprechen. Damit das gelingt, tun wir dir alles an: Wir brechen deine Füße, deine Beine, operieren Rippen heraus, schnüren Taillen so eng, dass sich die Organe verformen, stopfen Plastik in dich hinein, spritzen Nervengifte, führen dir Fett zu oder wieder ab, lassen dich (fast) verhungern oder pumpen dich auf.

Dabei behandeln wir dich so, wie es die Mode gerade vorgibt. Wie es der Mehrheit gerade passt. Was du dazu zu sagen hast, interessiert uns schon lange nicht mehr. (Was wir dazu sagen, anscheinend auch nicht.) Und wenn du es wagst, anders auszusehen, dann muss es bitteschön modisch-anders sein. Mode muss schließlich Mode bleiben.

In was für einer Welt leben wir eigentlich? Anscheinend nicht in deiner, lieber Körper. Aber vielleicht kommt deine Zeit ja noch mal irgendwann.

P.S.: Die Besitzer andersgeschlechtlicher Körper sollen sich hier natürlich nicht ausgeschlossen fühlen…

LESENSWERTES ZUM THEMA

Lesenswertes Dossier der „Zeit“: „Lob der Fülle“

Der Aufsatz der großartigen Nora Ephron, „A Few Words About Breasts“

Studie verbindet die Möglichkeit einer Essstörung mit „Germany’s Next Topmodel“

„Spiegel Online“-Interview: „Schönheitswettbewerbe für Kinder“

…und die grandiose Parodie von Tom Hanks und Jimmy Kimmel über Kinder-Schönheitswettbewerbe (Youtube-Video, 6:38 Minuten)

Ein Brief an…Zweifler

Liebe Zweifler,

mit euch hat man es echt nicht leicht.

Ihr kommt mir manchmal vor wie der Stock auf der Laufbahn, über den man kurz vor der Ziellinien stolpert. Eine Fliege im vollen Glas echt guten Weins. Ein bisschen wie alles das, was Alanis Morissette in „Ironic“ aufzählt.

Ihr seid sicherlich im Recht, an mancher Idee und manchem Einfall zu zweifeln. Wenn ich sage, dass mein Traumberuf Prinzessin ist. Oder ich in einer Woche Millionärin sein werde. Oder ich mal Viggo Mortensen heiraten werde, wie ich es mit 14 vorhatte.

Ja, klar – das ist unrealistisch. Das kann man getrost anzweifeln.

Aber ansonsten?

Ihr raubt einem mit eurem ständigen Zweifeln, eurem Sarkasmus und eurem „Ja, ABER“ jede Energie. Wenn jemand einen Lauf hat, sollte man ihm nicht ein Bein stellen. Nein, man sollte zusehen, dass derjenige seine Kräfte behält, und ihn ansonsten anfeuern. Oder, wenn man das nicht will oder kann, einfach still sein.

Ihr seid bloß realistisch, sagt ihr – die Beschreibung „pessimistisch“ aber lasst ihr nicht gelten. Und „ätzend“ schon gar nicht.

Denn was Ideen und Träume brauchen, ist Platz. Und zwar viel davon. Freiraum. Luft nach oben, zur Seite, nach unten. Sie müssen sich entfalten können. Sie müssen auch ins Reich der Unmöglichkeit vordringen dürfen. Dürfen? Da müssen sie sich einnisten, sich eine Höhle bauen können!

Ihr müsst ja nicht alles befürworten, liebe Zweifler - aber ein bisschen Optimismus würde schon helfen. Foto: M.Denecke

Ihr müsst ja nicht alles befürworten, liebe Zweifler – aber ein bisschen Optimismus würde schon helfen. Foto: M.Denecke

Wie sollen denn großartige und einzigartige und kreative Ideen entstehen, wenn jemand sofort fragt, ob man schon dieses oder jenes bedacht hat? Oder jemand sagt, dass man sicherlich nicht der einzige Mensch ist, der sich so etwas schon einmal überlegt hat? Oder jemand sagt, dass das, was man sich in harter Arbeit überlegt hat, schlicht unmöglich oder albern ist?

Was geht und was nicht, was realistisch war und was nicht, das merkt man schon von ganz alleine. Und manchmal fällt man halt aus vollem Lauf auf die Nase. Das tut verdammt weh. Aber man steht wieder auf und macht weiter. Und das Wichtigste: Man lernt. Man lernt, wie schnell und wie weit man laufen kann, und wie schnell und weit eben nicht. Oder was man beim nächsten Mal anders machen muss. Oder dass man lieber etwas ganz anderes machen sollte. Aber bis zu diesem Punkt müsst ihr einen erst einmal kommen lassen.

Und das geht viel einfacher, wenn man ermuntert und angefeuert wird. Nicht, wenn man angeschrien wird, obwohl man eh schon am Boden liegt und an sich selbst zweifelt.

Merkt ihr selbst, liebe Zweifler, ne?

Deswegen: Seid still, wenn ihr bloß zweifeln wollt.

Oder – sorry – leckt mich.

Ein Brief an… den Platz im Leben

Lieber Platz im Leben,

wohl nichts und niemand lässt sich so schwer finden wie du.

Manchmal kommst du mir vor wie eine Idee, der man wie ein Wahnsinniger hinterherjagt. Und dann, wenn man denkt, dass man ganz nah an dir dran ist, machst du einfach einen kleinen Schritt zur Seite, sodass man ins Leere greift. Dann muss man sich wieder aufrappeln. Man sieht sich einmal verwirrt um – eben war man sich doch noch ganz sicher gewesen? – und sucht weiter.

Ich bin Kitschromantikerin. Also stelle ich mich dich vor als einen funkelnden Stein am schwarzen Kiesstrand. Als eine warme Decke an einem Wintertag. Ein sicheres Haus, in dem es nach frischen Zimtschnecken riecht. Eine Blumenwiese im Frühsommer (ohne Allergien). Die glücklichsten Stunden der Kindheit.

Man sieht: Mein Platz im Leben ist wahrscheinlich im Tal der rosa Einhörner mit Glitzermähne und Regenbogen-Schweif.

Aber so unerreichbar kommst du mir auch oft vor.

Denn du bist Gestaltenwandler. Du verwandelst dich mit jeder neuen Erfahrung, jedem neuen Traum, jeder neuen Idee, jedem Scheitern.

Und manchmal ziehst du dir einfach einen Umhang um, der dich verschwinden lässt. Und wir, wir wundern uns, was wir denn eigentlich die ganze Zeit über gesucht haben. Und weil du dann keine Lust hast, in Erscheinung zu treten (oder wir zu blind sind?), tappen wir ohne Orientierung durchs Leben.

Bis man dich mal gefunden hat, so stelle ich es mir vor, dauert es ziemlich lang. Manche finden dich aber doch schon früh. Wie beneidenswert, diese Menschen, die wissen, wohin sie gehören, zu wem sie gehören, wer sie sind. Ohne Zweifel. Oder tun die nur so?

Sich jahrelang fragen, wie du wohl aussiehst

Denn einige Menschen geben sich mit einem Zerrbild von dir zufrieden. Sie kommen an einen Ort, von dem sie denken, dass er das Ziel ist. Dass er du bist. Hier richten sie sich ein. Und verbannen dich in ihre Träume. Oder verbieten sich jeden Gedanken an dich.

Vielleicht ist aber auch das besser, als jahrelang wie ein Irrer nach dir zu suchen. Sich zu wundern, wo du bist. Was du bist. Wie du wohl aussiehst. Und ob du es wirklich bist, wenn man dich mal gefunden hat. Und auch, ob du uns treu bleiben wirst.

Eine schwierige Beziehung.

Aber wenn man dich mal gefunden hat (denke und hoffe ich), dann kann man loslassen. Durchatmen. Sich entspannen. Aufhören, sich ständig hektisch umzugucken. Aufhören, sich zu überlegen, wie „nützlich“ alles das ist, was man gerade macht. Aufhören, zu versuchen, den eigenen Marktwert zu ermitteln. Aufhören, sich so viele Gedanken zu machen um die Zukunft.

Du musst echt schön sein.

Vielleicht solltest du mal eine Spur aus Brotkrumen legen, damit man dich schneller findet.

(Oder machst du inzwischen auch dieses Online-Dating?)

Ein Brief an… den Jungen, der drogensüchtig zur Welt kam

Lieber Max (das ist natürlich nicht dein richtiger Name),

du bist ein sehr süßer Junge. Ich mag dich gern. Du hast große, hellbraune Augen, ein verschmitztes Lächeln, eine ganz bunte Fantasie. Du liebst es, Geschichten zu erzählen, am liebsten von Rittern und Prinzessinnen. Du magst das weiche Winterfell der Ponys. Du magst es, wenn Hunde schwanzwedelnd auf dich zukommen. Du machst dir Sorgen, wenn wir am Kraftwerk vorbeikommen, weil das nicht die Natur kaputtmachen soll. Du freust dich, wenn dein Papa dich abends abholt.

Aber ich habe verdammt große Angst um dich.

Ich wünschte, deine Mutter hätte nicht gekokst, gespritzt, gesnortet und geraucht. Als du in ihrem Bauch warst.

Kaum warst du auf der Welt, musstest du in den Entzug. Als du ein paar Tage alt warst, hat dein zitternder kleiner Körper versucht, die ganze Scheiße aus deinem System zu kriegen. Denn du kamst wegen deiner Mutter drogensüchtig zur Welt, und du konntest nichts dagegen tun. Die Folgen waren verheerend für dich, die Schäden sind irreparabel.

Du kannst dich nicht für 30 Sekunden auf eine Sache konzentrieren. Du kannst nicht zuhören. Du hast wahnsinnig viele Ticks. Du schlägst andere Kinder. Wenn du wütend oder ängstlich bist, braucht es fünf Betreuer, um dich in Schach zu halten. Du verletzt dich selbst. Du verletzt andere. Du zerstörst die Dinge um dich herum.

Und du bist erst 11. Du hast noch Angst vor der Dunkelheit.

Wie du sein wirst mit der Kraft eines erwachsenen Mannes, will ich mir nicht ausmalen. Foto: M.Denecke

Wie du sein wirst mit der Kraft eines erwachsenen Mannes, will ich mir nicht ausmalen. Foto: M.Denecke

Wie du wirst, wenn du in die Pubertät kommst, will ich mir nicht ausmalen. Wie es wird, wenn du erwachsen bist, und die Kraft eines erwachsenen Mannes hast, erst recht nicht.

Wenn du austickst – und das passiert mehrmals täglich – kannst du dich richtig verletzen. Und anderen Menschen sehr, sehr wehtun.

Du weißt, was schlecht ist – aber du fühlst es nicht

Du weißt, dass es schlecht ist, wenn du so etwas tust. Aber du kannst nicht fühlen, was richtig und was falsch ist. Du begreifst nicht, was du anderen Menschen antust, weil du es nicht fühlst. Auch dein eigener Schmerz bedeutet dir nichts. Was auch immer dein erster Impuls ist – du reagierst danach, mit voller Wucht. Erst hinterher verstehst du, dass es nicht in Ordnung war, andere Kinder zu verprügeln. Oder deine Hand so lange ans heiße Heizungsrohr zu halten, bis deine Haut Blasen schlägt. Oder alle Spiegel im Heim zu zerschlagen. Oder alle Möbel in deinem Zimmer kaputtzumachen.

Ich habe große Angst um dich. Ich hoffe, dass du irgendwie zurechtkommen wirst im Leben. Dass du – so bescheuert es klingt – immer gute Ärzte haben wirst. Dass du immer Unterstützung bekommen wirst. Dass die Menschen verstehen, was mit dir los ist, und dich nicht einfach so verurteilen.

Ich wünsche dir alles Gute, Kleiner.