„Von all der Zeit, die er sparte, blieb ihm nie etwas übrig“

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Foto: pr.

„Eines war seltsam: Von all der Zeit, die er einsparte, blieb ihm tatsächlich niemals etwas übrig. Sie verschwand einfach auf rätselhafte Weise und war nicht mehr da. Und wenn er dann mit Schrecken gewahr wurde, wie schnell und immer schneller die Tage dahinrasten, dann sparte er umso verbissener.

Wie Herrn Fusi, so ging es schon vielen Menschen in der großen Stadt. Täglich wurde im Rundfunk, im Fernsehen und in den Zeitungen die Vorteile neuer, zeitsparender Einrichtungen erklärt und gepriesen.

‚Zeitsparern geht es immer besser.‘

‚Zeitsparern gehört die Zukunft.‘

‚Mach mehr aus deinem Leben – spare Zeit!‘

Aber die Wirklichkeit sah ganz anders aus.

Zwar waren die Zeitsparer besser gekleidet als die Leute, die in der Nähe des alten Amphitheaters wohnten, sie verdienten mehr Geld und konnten auch mehr ausgeben, aber sie hatten missmutige, müde oder verbitterte Gesichter und unfreundliche Augen. Sie konnten keine richtigen Feste mehr feiern – weder fröhliche noch ernste. Träumen galt bei ihnen fast als ein Verbrechen.

Am allerwenigsten aber konnten sie die Stille ertragen. Denn in der Stille überfiel sie Angst. Weil sie ahnten, was wirklich mit ihrem Leben geschah. Darum machten sie Lärm, wann immer die Stille drohte.

 

Aus: Momo. Von Michael Ende.

…then you’re alive

„If you’re reading this, if there’s air in your lungs, then you’re alive, today, tonight, right now.

And who can know how long we have here…

And is it a gift? Was it ever a gift?

(…)

Are there things to fight, to live for?

(…)

Will you move for things that matter?“

Aus: „If You Feel Too Much„, von Jamie Tworkowski, Gründer von To Write Love On Her Arms (einer gemeinnützigen Organisation, die auf die Situation depressiver, suizidgefährdeter, drogenabhängiger und selbstverletzender Menschen aufmerksam macht und sich zum Ziel gesetzt hat, diesen Menschen zu helfen).

If You Feel Too Much, von Jamie Tworkowski. Foto: pr.

If You Feel Too Much, von Jamie Tworkowski. Foto: pr.

Hallo, Universum – das bin ich!

Die Geschichte von Marina Keegan ist schön und tragisch zugleich. Ein wunderhübsches Mädchen, unglaublich talentiert, Yale-Studentin, Autorin, Aktivistin, Journalistin. Ihr Essay „The Opposite of Loneliness“ wurde Hunderttausendfach via Social Media geteilt. Fünf Tage nach ihrer Abschlussfeier kam sie in einem Autounfall um.

Was von ihr in der Öffentlichkeit bleibt, ist der Erzählband „The Opposite of Loneliness“, posthum herausgegeben von Familie, Freunden und Kollegen. Mit ihren fiktiven Geschichten, die sich auf das alltägliche Leben in amerikanischen Vorstädten dreht, kann ich persönlich nicht viel anfangen. Interessanter waren für mich ihre nonfiction Stücke, und eines ganz besonders: Der sehr kurze Beitrag „Song for the Special“:

„I read somewhere that radio waves just keep traveling outward, flying into the universe with eternal vibrations. Sometime before I die I think I’ll find a microphone and climb to the top of a radio tower. I’ll take a deep breath and close my eyes because it will start to rain right when I reach the top. Hello, I’ll say to outer space, this is my card.“

Aus: The Opposite of Loneliness. Essays and Stories. Von: Marina Keegan. Erschienen bei Simon & Schuster.

UPDATE: Das Buch ist jetzt auch auf Deutsch erschienen: „Das Gegenteil von Einsamkeit“, erschienen bei S.Fischer.

The Opposite of Loneliness von Marina Keegan

The Opposite of Loneliness von Marina Keegan

Jahrhundertroman

„Er (Robert Musil) hält seine Arbeit als Bibliothekar II. Klasse an der Technischen Hochschule Wiens in ihrem Stumpfsinn nicht mehr aus. Er fühlt sich sehr klein und schwach und gleichzeitig zu Höherem berufen, zu einem Jahrhundertroman.
Aber er ist sich nicht ganz sicher, ob das nur ein Zeichen dafür ist, dass er langsam aber sicher durchdreht. Oder ob er seinen Dienst quittieren sollte.“

Aus: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts. Von Florian Ilies. Erschienen bei S. Fischer.

„Das Leben nicht damit verschwenden, Erwartungen zu erfüllen“

Reisen macht klug. Sogar weise. Ein Jahr Reisen muss einen so mit Erkenntnissen anfüllen dass man sie – nur noch aufschreiben kann. Meike Winnemuth, Journalistin, hat das im Jahr 2011 gemacht. Sie ist ein Jahr durch die Welt gereist – 12 Städte in 12 Ländern in 12 Monaten. Erkenntnisse dieses Jahres hat sie in ihrem großartigen Buch „Das große Los“ festgehalten. Erkenntnisse, von denen ich einige so schön und so klug fand, dass ich sie auch einmal festhalten wollte. Et voilà:

„Etwas Neues ins Leben zu lassen, Anfänger in einer Sache zu sein, ist die schönste Form von Adrenalin, die ich kenne.“

„Seltsamerweise sind es ja stets die einfachsten Sätze, die den größten Mut brauchen: Ich brauche deine Hilfe. Mich ärgert etwas. Ich habe Angst davor. Ich weiß nicht, wie das geht. Ich möchte es gern anders. Und gleichzeitig sind es genau diese Sätze, die etwas in Bewegung bringen.“

No worries, mate ist eine sehr brauchbare Weltanschauung.“

„Nie denken, man weiß schon alles.“ (bis hierhin aus dem „Sydney“-Kapitel)

„Das Vorübergehende zu lieben. Mehr estar, weniger ser.“

„(…) was für einen Gefallen man sich selbst tut, indem man anderen einen Gefallen tut.“ (bis hierhin aus dem „Buenos Aires“-Kapitel)

„(…) zuschauen, zulassen, hinnehmen.“

Andere Perspektiven einnehmen - und ganz genau hinschauen. Foto: M.Denecke

Andere Perspektiven einnehmen – und ganz genau hinschauen. Foto: M.Denecke

„Dass man jede Sache immer aus einer anderen Perspektive sehen kann. (…) Lohnt sich, immer mal wieder die Definitionshoheit infrage zu stellen.“ (bis hierhin aus dem „Mumbai“-Kapitel)

„Selbst hinfahren, hingehen, hinschauen ist die einzige Möglichkeit, sich von seinen Vorurteilen zu befreien.“

„Wenn ein Chinese etwas perfekt findet, sagt er cha bu duo. Übersetzt: ‚Es fehlt nicht viel.‘ Eine perfekte Haltung zum Thema Perfektion.“ (bis hierhin aus dem „Shanghai“-Kapitel)

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