Sich mit sich selbst vergleichen

Fastenzeit und Körperbild, Teil 4

Natürlich ist es bescheuert, sich zu vergleichen.

Wer hat denn etwas davon?

Wir sehen das Äußere, die Form. Wir sehen die Form, von der wir denken, dass sie der Inhalt ist.

Hübsches Gesicht: ein Mensch, der begehrt wird.

Viele Reisefotos: ein Mensch, der seine Träume lebt.

Schlanker Körper: ein Mensch, der alles unter Kontrolle hat.

Tolles Haus (geiler Job, viele Freunde…): ein Mensch, der das erreicht hat, wo wir hin wollen.

Wie es in den Menschen aussieht, wissen wir nicht. Und doch denken wir darüber nicht nach. Zumindest nicht im ersten Moment. Wie diese Menschen dorthin gekommen sind, wo sie gerade sind. Wo sie sich überhaupt gerade befinden. Und vor allem: Ob sie glücklich sind mit dem, was sie haben. Denn Schönheit oder Besitz oder eine beeindruckende Facebook-Foto-Galerie sagen nichts darüber aus, was in diesen Menschen vorgeht.

Natürlich nicht. Aber dennoch sieht man auf das Äußere zuerst.

Es gibt einen psychologischen Trick: Sich nicht mit anderen zu vergleichen. Sondern nur mit sich selbst.

Wo war ich vor fünf Jahren? Vor zehn Jahren? Wie habe ich mich entwickelt? In welchen Bereichen habe ich mich entwickelt? Wie habe ich mich vor zehn Jahren in meinem jetzigen Alter vorgestellt? Bin ich zufrieden mit dem, was ich jetzt mit mir vorfinde?

Und wenn ich mich schon mit mir selbst vergleiche… Ist es schlimm, wenn ich nicht mit allen meinen Entwicklungen glücklich bin? In den meisten Bereichen habe ich viel gelernt, bin weitergekommen, habe mich entwickelt.

Wenn das in ein paar Bereichen nicht so ist, kann ich darüber hinweg sehen? Man muss doch auch Raum lassen, um wachsen zu können? Um sich entwickeln zu dürfen? Man lernt doch schließlich ein Leben lang. Man entwickelt sich ein Leben lang.

Warum ist es nur so verdammt schwer, das zu lernen?

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Du und die Anderen – und dein Essen

Fastenzeit und Körperbild, Teil 3

Es war nach gut einer Flasche Wein und dem 3. (oder 4.?) Pinnchen Eierlikör, als ich dachte: Das hier, das passt echt gut in meine Fastenzeit. Was denn – der viele Alkohol? Haha, bestimmt nicht. Der dekadente Nachtisch, den ich gerade auslöffelte? Auch nicht. (Katholiken würden mich sonst wohl sofort exkommunizieren!)

Nein, es war eine Erkenntnis. Eine ziemlich simple dazu.

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Essen – und sich nicht vergleichen. Foto: MD

Wir haben gestern beim Nordstadt-Dinner mitgemacht. Die Nordstadt, in Dortmund, ist sowas wie das Berlin-Neukölln der Ruhrgebietsstadt: viel Multikulti, Künstler und Studenten, schrabbelige Ecken, hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Mieten. Es gibt ein sogenanntes Quartiersmanagement, das sich unter anderem um die Nordstadt kümmert und versucht, sie voranzubringen. (Aber keine Bange, es gibt auch noch genug andere Teile Dortmunds, die diese Art von Aufmerksamkeit verdienen.)

Ein Teil davon ist das sogenannte Nordstadt-Dinner: Ein Haushalt kocht einen Gang. Zu jedem Gang kommen vier Menschen zu Besuch. Essen, trinken, quatschen. Jeder Haushalt darf also einmal kochen und wird zweimal bekocht. Man lernt fremde Leute und Wohnungen kennen und hat Fremde bei sich zu Hause.

Wir machten gestern Bekanntschaft mit unheimlich lieben Leuten (Fotografen, Geografen, Sportlern), coolen Wohnungen (ja, man kann alles in Rosa und Türkis gestalten. Alles!) und Rezepten, die zum Niederknien lecker waren (Schwarzwälder Kirsch. Im Glas. Mit oben erwähntem Eierlikör).

Die Erkenntnis, jedenfalls: Essen in der Gemeinschaft – das ist die beste Art zu essen, die es überhaupt gibt. Nicht sehr revolutionär, oder?

Wie oft vergleicht man sich beim Essen mit anderen. Sieht, wie viel die anderen essen. Was die anderen essen. Wie sie essen. Gesünder, manierlicher, eleganter, disziplinierter, bewusster? Egal, ob man auf den Teller von Freunden oder von Tischnachbarn schielt. Und irgendwie schneidet man immer schlecht ab.

Man entschuldigt sich für sich selbst. Fürs Essen. („Ich nehme nur noch nach, weil ich kaum was zum Frühstück hatte!“ – „Wenn ich das jetzt noch esse, dann brauche ich den ganzen Tag nichts mehr!“ – „Ich esse sonst nie sowas Süßes!“)

Aber nicht hier. Nicht beim Nordstadt-Dinner. Wo es auch ums Essen geht. Aber nicht nur. Es geht um die Freude des Zusammenseins. Des Kennenlernens. Es geht um Neugierde. Um die Liebe zur Überraschung. Um neue Impulse. Um die große Runde.

Eine Schande wär’s doch, sich dafür zu entschuldigen, dass man alles einfach unfassbar lecker findet. Und Nachschlag nimmt.

Essen, aus Frust oder Scham oder Wut oder Erschöpfung… das machen wir schon oft genug. Immer allein.

Essen aus Freude. Ohne zu vergleichen. Das ist’s. Weil es das Leben so viel schöner macht.

Blick in den Spiegel

Fastenzeit und Körperbild, Teil 2

Jeden Morgen. Jeden Abend. Bei jedem Händewaschen. Beim Vorbeigehen, in den Schaufenstern. Heimlich natürlich, flüchtig.

Wir kontrollieren uns, ständig.

Im Spiegel. In Scheiben. Jeder reflektierenden Fläche.

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Kontrollieren, das klingt so negativ. Dabei ist jeder Blick in den Spiegel doch nichts anderes als das. Wir sehen uns an, um zu prüfen, wie andere uns sehen. Und dabei sehen wir doch nur uns selbst an.

Was sagst du mir, Spiegelbild? Siehst du so aus wie das Bild, das ich in meinem Kopf habe?

Sehe ich müde aus? Zu müde? (Schlafe ich falsch? Zu spät, zu wenig, zu unrhythmisch?) Waren die Schatten unter meinen Augen gestern eigentlich auch schon so dunkel?

Also lächle ich die Müdigkeit weg. Das macht natürlich Falten. Werden die allmählich tiefer? (Sollte ich doch eine andere Creme benutzen? Was ist denn eigentlich die richtige? Und was die falsche? Böses Palmöl ist ja überall drin…) Und schon ist der Morgen, für eine Viertelsekunde, versaut.

Der Ganzkörper-Check: Sieht meine Figur heute anders aus als gestern? Zugenommen? Abgenommen? (Sollte ich meine Ernährung umstellen? Vielleicht vertrage ich irgendwas nicht? Den nachmittäglichen Kuchen muss ich mir mal langsam abgewöhnen… Oder gibt’s den auch mit Dinkelmehl? Ich müsste mal mehr Sport machen… Aber dann auch den richtigen. Mache ich den richtigen? Mache ich das Richtige?)

Passt mein Haarschnitt zu mir? Meine Klamotten zu mir? Zu anderen? Zu dem, wofür ich stehe?

Ein neuer Tag. Und schon tausend Urteile, gefällt zwischen Gähnen und Gesichtwaschen.

Mein Blick bleibt kritisch. Aber ich sage meinem Spiegelbild: Kopf hoch! Und hebe tatsächlich das Kinn. Mit einem Lächeln kann ich das Grundrauschen in meinem Kopf vielleicht übertönen. Falten hin oder her!

 

 

 

„Plus Size Models“ – ein Label wie jedes andere?

Fastenzeit und Körperbild, Teil 1

Zum Auftakt meiner Selbst-Beobachtung in der Fastenzeit – folgendes Zitat des Plus-Size-Models Ashley Graham:

I had to learn to reclaim my body as my own. (…) Curvy models are becoming more and more vocal about the isolating nature of the term „plus size“. We are calling ourselves what we wanna be called; women. With shapes that are our own. I believe beauty is beyond size. With so much emphasis on the body’s external, it’s no wonder we all suffer so much internally.

Das Zitat stammt aus diesem TEDx-Talk des Models (9 Minuten).

Ashley Graham hat für Furore gesorgt, indem sie das Cover der Zeitschrift „Sports Illustrated“ ziert – als erstes sogenanntes „Plus Size Model“. Also ein Model, das nach den Maßstäben der Modeindustrie übergewichtig ist. Laut Ashley Graham beginnt Übergewicht in der Modeindustrie bei size 8, das entspricht einer deutschen Größe 38.

Plus Size – ein Label jedes andere? Aber ganz sicher. Da gibt es die „normalen“ Models – meist weißhäutig, sehr groß, abgemagert. Und sogar untergewichtig reicht nicht immer aus, wie beim schwedischen Model Agnes Hedengard. Und dann gibt es alles, was „Plus Size“ ist.

Umso schöner, dass Models sich dafür aussprechen, die Labels sein zu lassen. Size Zero oder Plus Size? Was soll’s! Je eher man das Labeln weglässt, umso schneller kann ein Umdenken stattfinden. Dass viele verschiedene unterschiedliche Körperformen nämlich ganz normal sind. Und dass die nichts mit dem Gewicht zu tun haben. Und dass Gewicht und Schönheit zwei Themen sind, die nicht voneinander abhängen.

Tja. Schön wär’s.

SEHENSWERT

Der Film „Straight/Curve“, der Ende 2016 herauskommen soll. Er beschäftigt sich mit dem „Trend Plus Size Model“ und dem Körperbild, das die Modeindustrie vermittelt.

Ein Brief an… den (weiblichen) Körper

Lieber (weiblicher) Körper,

auch in Dutzenden von Jahren werden wir noch von dir reden. Schon immer (gefühlt) wurdest du besungen, begafft, gefeiert, gehasst, mystifiziert, missbraucht, vergöttert und verletzt, auf tausenden Wegen und seit Tausenden von Jahren.

Du bist Mutter Erde und Beginn des Lebens genauso wie Objekt scheinbar unendlicher Abscheu – und zwar meist die Abscheu der Person, die in dir steckt.

Warum fällt es vielen von uns (und mit „uns“ meine ich hier: uns Mädchen/Frauen) eigentlich so schwer, dich hinzunehmen, wie du bist? Alles, was mit dir zu tun hat, lieber Körper, nicht so verdammt ernst zu nehmen?

Hier der Körper, dort "wir" - ist das nicht absurd? Fotos: M.Denecke

Auf der einen Seite der Körper, auf der anderen „wir“ – ist das nicht absurd? Fotos: M.Denecke

Bist du nicht eigentlich ein Gefäß, eine Hülle? „Nur“ ein Körper? Du bist doch nicht alles von uns! Und doch der Teil, der am wichtigsten ist?

Warum sehen wir dich eigentlich als etwas anderes an als „uns“? Irgendwie scheinst du noch ein anderer Teil zu sein als das „ich“. Du gehörst zu mir, klar, wie mein Name an der… ja, also, gehörst zu mir, aber oft ist es doch so, dass wir dich abtrennen, anders betrachten, wir auf der einen Seite „uns“ haben, als Persönlichkeit, und auf der anderen Seite – dich.

Mein Körper und ich. Was für eine absurde Vorstellung. Aber gleichzeitig die einzige Erklärung, die ich parat habe, um Krankheiten wie Essstörungen zu erklären. Denn das Mittel, das nun mal am ehesten da ist, um sich selbst zu verletzen, ist der Körper.

Du zeigst, wie wir dich behandeln. Du strahlst nach außen ab, was wir uns (innerlich oder äußerlich) antun. Oder angetan wurde. Oder gönnen. Deine Funktion als unsere Hülle bedeutet, dass du als offensichtlichstes Teil von uns unser Innerstes nach außen hin zeigst.

Du warst schon immer der Mode unterworfen

Wie kommt es da eigentlich, dass du so selten als etwas Gutes angesehen wirst? Als unsere Schutzhülle zum Beispiel? Unser Zuhause?

Mit dir können wir unser Innerstes nach außen kehren. Also durchbohren wir dich mit Metall oder Holz und jagen Tinte unter deine Haut. Das hat oft mit Traditionen, Stolz und Zugehörigkeit zu tun. Und Zugehörigkeit heißt auch: Mode.

Alarm! Wir wollen Perfektion - und zwar sofort!

Alarm! Wir wollen Perfektion – und zwar sofort!

Seit je her bist du der Mode unterworfen. Und das heißt, dass du gezwungen wirst, gewissen Maßstäben zu entsprechen. Damit das gelingt, tun wir dir alles an: Wir brechen deine Füße, deine Beine, operieren Rippen heraus, schnüren Taillen so eng, dass sich die Organe verformen, stopfen Plastik in dich hinein, spritzen Nervengifte, führen dir Fett zu oder wieder ab, lassen dich (fast) verhungern oder pumpen dich auf.

Dabei behandeln wir dich so, wie es die Mode gerade vorgibt. Wie es der Mehrheit gerade passt. Was du dazu zu sagen hast, interessiert uns schon lange nicht mehr. (Was wir dazu sagen, anscheinend auch nicht.) Und wenn du es wagst, anders auszusehen, dann muss es bitteschön modisch-anders sein. Mode muss schließlich Mode bleiben.

In was für einer Welt leben wir eigentlich? Anscheinend nicht in deiner, lieber Körper. Aber vielleicht kommt deine Zeit ja noch mal irgendwann.

P.S.: Die Besitzer andersgeschlechtlicher Körper sollen sich hier natürlich nicht ausgeschlossen fühlen…

LESENSWERTES ZUM THEMA

Lesenswertes Dossier der „Zeit“: „Lob der Fülle“

Der Aufsatz der großartigen Nora Ephron, „A Few Words About Breasts“

Studie verbindet die Möglichkeit einer Essstörung mit „Germany’s Next Topmodel“

„Spiegel Online“-Interview: „Schönheitswettbewerbe für Kinder“

…und die grandiose Parodie von Tom Hanks und Jimmy Kimmel über Kinder-Schönheitswettbewerbe (Youtube-Video, 6:38 Minuten)

„Schöner“ Körper = Glück?

„Für mich ist es so absurd, wie eng unsere physische Erscheinung mit unserem Glücklichsein verknüpft ist. Wenn wir uns über unser Gewicht als Mensch definieren lassen, nur weil man es uns so beigebracht hat, dann ist mit unserer Gesellschaft irgendetwas absolut nicht in Ordnung.“

Dieser Artikel über eine (übergewichtige) Fotografin, die über ihre Selbstporträts einen neuen Zugang zu sich selbst fand, ist sehr, sehr lesenswert!

Female beauty…

travelingcolors:

Throughout the course of history, the standard of female beauty has significantly shifted, shaping the ways in which women look and are perceived. Buzzfeedvideo has compiled a short feature with a diverse cast of models, who take the viewer on a journey through the last 3,000 years of beauty. From the curvaceous bodies of the renaissance period in Italy, to the boyish, 1920s figures in the United States, the dramatic evolution proves societies’ standards are constantly unfolding.

Take a look at this video to follow history’s course through trends following everything from full-figures to tiny feet.

https://www.youtube.com/watch?v=Xrp0zJZu0a4

Video: A journey through society’s idea of beauty

via travelingcolors, importiert via: http://mariemachtbilder.tumblr.com/