Warum „Gilmore Girls“ nicht mehr so kuschelig wie früher sein kann

Wer die Serie „Gilmore Girls“ liebt, kannte am Freitag nur eines: Zu Hause einschließen und Netflix anschmeißen. Nach sieben Staffel und gut zehn Jahren Pause kommen Lorelai, Rory und all die anderen Charaktere aus der Serie endlich zurück auf den Bildschirm – in „Gilmore Girls – A Year in the Life“. Schnell aber merkt man: Huch, so kuschelig wie früher ist das ja gar nicht mehr. Aber: Das ist gut so!

Zwar ist Stars Hollow als Setting der Serie noch die liebenswerte Kleinstadt, in der es keine dunkle Ecke, aber dafür überbordende Deko gibt. Die Nebencharaktere sind weiterhin schräg und knuddelig. Jeder kennt jeden, und nichts kann passieren. Aber so recht will sich das alte „Gilmore Girls“-Gefühl nicht mehr einstellen. Die Kuscheligkeit von Kleinstadt-Idylle und Weihnachtsdeko fühlt sich an wie Fassade.

Aber: Das ist gut so.

Warum?

Die meisten Zuschauer der neuen GG-Folgen dürften auch die der alten sein – sie sind also mit ihren Figuren älter geworden.

Die Plots der alten Staffeln würden nicht mehr funktionieren. Darin ging es vor allem darum, Lorelai und Rory auf ihrem Weg zur Verwirklichung ihrer Lebensträume zu begleiten. Bei Rory waren das Schule und Studium auf dem Weg zum Journalismus, bei Lorelai das eigene Hotel. Und natürlich, bei beiden, die ewigen Männerfragen.

(WARNUNG: SPOILER ALERT)

Jetzt findet sich Lorelai mitten in einer langjährigen Beziehung und in ewigen Therapiesitzungen mit ihrer Mutter wieder, nachdem ihr Vater gestorben ist.

Und Rory? Rory ist jetzt 32 – das Alter, das ihre Mutter Lorelai hatte, als die Serie startete.

Vor beiden liegt nicht mehr die Welt, nein, sie stehen mittendrin und müssen in ihr zurechtkommen. Sie verfolgen kein großes Ziel mehr, sondern schauen, wie es für sie weitergehen kann, wenn nicht alles klappt, wie sie es sich vorgestellt haben.

In den ersten zwei Folgen (Winter und Frühling) verfolgt man etwas verwundert, dass Rory von Projekt zu Projekt, von Metropole zu Metropole und von Freund zu Affäre mäandert, ohne dass man eine Ahnung hat, wie das zu ihrem Charakter oder ihrem schmalen Geldbeutel als freischaffende Journalistin passen sollte.

Spannend wird ihr Plot, als alles schief geht: Ein riesiges Projekt platzt. Das Bewerbungsgespräch für die Notlösung setzt Rory in den Sand. Die Verlobte ihres Liebhabers kommt zurück. Und Rory zieht wieder zurück zu ihrer Mutter.

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Gilmore Girls: Sie sind zurück – und doch anders. Bild: Netflix

Damit wird es doch ein bisschen so wie früher: Lorelai und Rory, mehr beste Freundinnen als Mutter und Tochter, sind wieder unter einem Dach.

Und doch ist alles anders.

Beide sind konfrontiert mit essentiellen Fragen: Wohin will ich mit meinem Leben? Was kommt jetzt? Gehe ich den sicheren oder den abenteuerlichen Weg? Und mit wem an meiner Seite gehe ich diesen Weg? Begleitet mich da überhaupt jemand? Das wirkt bei Rory lebensechter als alles, was sie in den letzten Staffeln der alten „Gilmore Girls“-Folgen durchlebte.

Darin wirkte Rorys Plot meist langweilig: Sie ist an einem Elite-College, will Journalistin werden, hat einen reichen Freund, rebelliert ein bisschen, findet dann aber wieder auf den Weg zurück, der für sie in Staffel 1, Folge 1, vorgezeichnet war.

Das Innenleben gerade von Rory ist in den neuen Folgen deutlich zerrissener und unsicherer – und damit spannender. Sie hat keine Wohnung, kein Geld, keinen Plan. Dabei war Rory immer die, die alles wusste, und die schon eine Krise kriegte, wenn der Stadtplan falsch gefaltet wurde.

Ihr Plot ist spannender, weil das Hadern und Zweifeln so verdammt vertraut wirkt.

Zu diesem ganzen Nicht-wissen-wohin passen auch die berühmten letzten vier Wörter, die in der Serie gesprochen werden. Die letzten Worte, die Autorin Amy Sherman-Palladino angeblich schon seit Erfindung der Serie im Kopf hatte.Die #lastfourwords, auf die die GG-Fangemeinde hingefiebert und hinspekuliert hat.

Die sollen hier natürlich nicht verraten werden. Aber doch, sie passen.

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