Liebe tote Zimmerpflanze… Oder: Das ganze Leben einer Zypresse

Liebe tote Zimmerpflanze,

es ist bestimmt merkwürdig, dass ich dir jetzt einen Brief schreibe. Nicht nur, weil du eine Pflanze bist. Sondern auch, weil du ganz offensichtlich nicht mehr unter uns weilst.

Zu meiner Verteidigung: Meine mangelnde Liebe kann nicht der Grund für dein Dahinscheiden gewesen sein. Dreieinhalb Jahre lang warst du bei mir. So lange habe ich dich gegossen, umgetopft, gedüngt, ja sogar gestreichelt (nicht lachen!). Jetzt war ich überrascht, dich plötzlich so zu finden: braun, hängende Äste, komplett ausgetrocknet.

Aber vielleicht ist das ganz passend. Auch wenn es mir um dich leid tut.

Was wäre aus dir geworden?

Zimmerzypresse

Ich hatte mich in letzter Zeit sowieso gefragt, was aus dir werden sollte. Denn ich ziehe weg. Hätte ich dich mitgenommen? Kann man eine halbmeterhohe Zimmerpflanze gut transportieren, zwischen Bücherkisten und Regalen?

Oder hätte ich dich hier auf diesem Dortmunder Balkon gelassen? In bester Gesellschaft wärst du gewesen: zwischen duftendem Lavendel, Minze, Oregano und violett blühender Clematis.

Jetzt hast du mir die Entscheidung abgenommen. Traurig bin ich aber.

Nicht, dass du schön gewesen wärst. Du warst eine Zimmerzypresse (Cypressus macrocarpa, Sorte „Goldcrest“). Giftgrün. Ein bisschen stachelig. Leicht zitroniger Duft. Als „schön“ giltst du in der Pflanzenwelt wahrscheinlich nicht. Du bist pragmatisch.

Turbulente Zeiten

In den dreieinhalb Jahren aber, in denen du bei mir warst, hast du viel erlebt. Haben wir viel erlebt. Zeit ist ein seltsames, seltsames Ding, liebe Zimmerzypresse.

Der Mensch, der dich ausgesucht hat, ist nicht mehr in meinem Leben. Damals liefen wir zusammen durch den Supermarkt (die Gemüseabteilung), er sah dich und deine Kumpels und fand, dass meine Wohnung Grün vertragen könnte. Also nahmen wir dich mit. Dieser Jemand hatte mir ein halbes Jahr vorher einen Heiratsantrag gemacht. Wenige Monate nach unserem Supermarkt-Besuch trennten wir uns. Das lag nicht am Supermarkt und erst recht nicht an dir, liebe Zimmerzypresse.

Turbulent war die Zeit, seitdem du deinen Platz in meiner Küche bezogen hattest. Drei Jahre danach heiratete mein Bruder. Und wurde Vater. Jetzt bin ich Tante eines halbjährigen Jungen. Meine enge Freundin wurde Mutter. Und heiratete ebenfalls. Beide Familien bauen jetzt Häuser.

Leben, neu gedacht

Mein anderer Bruder begann einen neuen Lebensabschnitt. Und beginnt nun wieder einen: Er und seine Freundin wollen auswandern. Meine andere enge Freundin wanderte vor über zwei Jahren aus und weiß nicht, ob sie zurück nach Deutschland kommen will. Eine dritte enge Freundin verliebte sich, zog mit ihrem Freund zusammen, wurde schwanger, heiratet bald. Das alles innerhalb von eineinhalb Jahren.

Die Zeit ist ein seltsames, seltsames Ding, liebe Zimmerzypresse.

Auch mein Leben änderte sich.

Zwei Jahre, nachdem du zu mir kamst, brachte ich mein Studium zu Ende. Es hatte mich bloß neun Jahre gebraucht… Zweieinhalb Jahre später begann ich, meinen Master zu machen.

Ich lernte Menschen kennen, die ich mir aus meinem Leben nicht mehr wegdenken kann. Ich verliebte mich, heulte. Meine Familie wurde getroffen von schweren Krankheiten, und ich heulte richtig. Ich begann einen neuen Job. Ich wurde 30 (und heulte nicht).

Ich zog um. Du kamst mit. Bezogst deinen Platz auf dem Balkon. Im Nachhinein eine blöde Entscheidung: Der Sonnenplatz zwischen Erdbeeren und Radieschen war wohl nicht deins. Ein knallheißes Wochenende, an dem niemand zu Hause war, und du wurdest braun und dörr.

Diesmal: ohne dich

Jetzt ziehe ich bald wieder um. Ich beginne einen neuen Job. Diesmal: ohne dich.

Zeit ist ein seltsames, seltsames Ding.

Tschüss, liebe Zimmerzypresse. Es waren gute Zeiten.

Live-Schalten im Fernsehen: Sinn und Unsinn

München, Würzburg, Nizza – Anlässe für Fernsehberichte vor Ort hat es allein in den letzten Wochen und allein in nächster Nähe leider genug gegeben. Aber wie sinnvoll sind sie – oder wie unnütz?

Korrespondenten sollen bei diesen sogenannten Live-Schalten natürlich Antworten liefern können. Ich war noch nie live in einer solchen Drucksituation vor der Kamera. Ich stelle mir vor, dass Korrespondenten von ARD, ZDF oder anderen unter großem Druck sind, wenn das Rotlicht angeht. Sie sind live einem Millionenpublikum zugeschaltet. Sie sollen Infos liefern – meist über Katastrophen, die gerade erst passieren.

Dass man in einer solchen Situation Fragen beantworten will, die man noch gar nicht beantworten kann, ist menschlich. Zum Beispiel, wenn ein Jens Riewa oder ein Jan Hofer ruhig und extrem ernst fragen, wie schnell Sicherheitskräfte vor Ort waren. Oder ob es sich nun um einen Terrorakt oder einen Amoklauf handelt. Und das, während das grauenhafte Geschehen noch im Gange ist.

Korrespondenten sollen bei Live-Schalten natürlich Antworten liefern können. Sie agieren aber nicht als Augenzeugen. Korrespondenten müssen mehr transportieren als Gefühle, Gedanken, Gerüchte. Mehr noch: Sie DÜRFEN bloße Gerüchte als einzige Information nicht einfach weitergeben. Hierzu zähle ich auch Einordnungen wie „Es ist klar, dass eine Großstadt wie München ein erhöhtes Ziel für Terrorgefahr ist.“ – wenn noch überhaupt nicht klar ist, ob die Schüsse in München ein Akt des Terrors waren.

Bloße Spekulation bringt niemandem etwas. Sie können eine Situation sogar verschlimmern – wenn sie beispielsweise Fremdenhass oder die Angst vor einer Religion schüren.

Was können Korrespondenten und Live-Schalten leisten?

Von Korrespondenten wird anscheinend viel verlangt mittlerweile. Sie sollen alle Informationen bestätigen oder verifizieren, die es gibt – nur weil sie vor Ort sind.

Ist es aber nicht eher so, dass diejenigen, die vor Ort sind, genau dies nicht leisten können? Sie können nicht diejenigen sein, bei denen alle Informationen zusammenlaufen. Dazu gibt es die Redaktionen, die Behörden, soziale Netzwerke und andere Quellen gleichzeitig im Blick haben und überprüfen (!) können.

Live-Schalten sind meiner Meinung nach dann sinnvoll, wenn zusätzliche Informationen vor Ort eingeholt werden sollen. Wenn es darum geht, einen kurzen Eindruck vom Ort des Geschehens einzufangen. Wenn der Korrespondent die Situation als Experte einordnen kann.

Ewige Live-Schalten ohne Verstand

Die Länge von Live-Schalten ist auch interessant. Wenn die Nachrichtenlage noch unklar ist oder ein Korrespondent nichts Neues weiß (und nur Gefühle oder Gerüchte weitergeben kann), dann sollte zuerst die Frage gestellt werden:

Welchen Mehrwert hat diese Live-Schalte?

Und dann: Wie lang soll sie dauern?

Thomas Roth fragt nach einer Zusammenfassung der Nachrichtenlage: „Welche Informationen haben Sie zur aktuellen, akuten Lage?“ – Antwort des Korrespondenten (verkürzt): „Keine.“ Nuff said. Oder nicht? Diese Liveschalte geht dann noch etliche Minuten weiter.

Die Live-Schalte der ARD zur Pressekonferenz der Münchner Polizei artet in ein besseres „Facebook Live“ aus: Jede blöde Journalisten-Frage wird mit gefilmt. Jeder Schritt des Korrespondenten wird mit gefilmt. Der Zuschauer sieht Polizei und Reporter dabei zu, wie Stück für Stück Infos zusammengetragen, und im besten Fall verifiziert oder falsifiziert werden.

Einfach, um live zu sein? Besser als die sozialen Netzwerke sind die ARD in diesem Augenblick dann auch nicht.

Transparent machen, was man weiß – und was nicht

Sätze wie „Wir können drei Tote bestätigen. Wenn wir Twitter richtig gelesen haben“ gehören nun wirklich nicht in eine öffentlich-rechtliche Nachrichtensendung.

Warum Informationen nicht erst dann kommunizieren, wenn man sie wirklich bestätigt hat? Und vor allem: Sagen, woher man Informationen hat. Transparent machen, wenn Informationen angezweifelt werden könnten. Und sagen, wenn man etwas NICHT weiß.

Gut dann, Sätze wie diese von Korrespondenten zu hören: „Ob Terrorakt oder Amoklauf – ich weiß es nicht. Es ist jetzt noch viel zu früh, um Kategorien zu bilden.“ Oder: „Zu diesem Zeitpunkt etwas dazu zu sagen, wäre reine Spekulation.“

Oder den Satz von Marcus da Gloria Martins, Sprecher der Polizei München: „Wenn Sie seriöse, verifizierte Aussagen von mir haben wollen, dann lassen Sie uns in Ruhe unsere Ermittlungen durchführen.“ Er wird dafür auf Twitter gefeiert.

Wenn man keine Ahnung hat… Ihr wisst schon.

 

Anmerkung: In letzter Zeit schaue ich für Nachrichten meist ARD. Die Live-Schalten anderer Sender kann ich daher nicht beurteilen.

 

MEHR DAZU:

Hätte man sich sparen können„: Lesenswerter Artikel von sueddeutsche.de über die Live-Schalte der ARD zu Würzburg: hier klicken.

Die Gelassenheit fehlte„: Lesenswertes Interview von Deutschlandfunk über das Verhalten der Medien am Tag des Münchner Amoklaufs am 22.7.: hier klicken.

München und die Medien„: Lesenswerte Analyse der Berichterstattung und der ersten Pressekonferenz zum Münchner Amoklauf am 22.7.: hier klicken.