Was wir brauchen

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Die letzten Tage waren grau. Wolkenverhangen und regnerisch. Steter Nieselregen auf die Kapuzen und Gesichter der Menschen.

In den letzten Tagen fand ich mich selbst unausstehlich. Ich war schlecht drauf, dünnhäutig, überempfindlich, erschöpft, gereizt, ungewöhnlich unzuverlässig. Ich war froh, wenn ein Tag vorbei war. Und doch bringt jeder Morgen natürlich einen neuen Tag. Ich wurde müder und müder.

„Wie Butter auf zu viel Brot verstrichen“, sagt Bilbo zu seinem Neffen Frodo in Tolkiens „Der Herr der Ringe“.

Gleichzeitig hat man das Gefühl, sich anzustellen. Undankbar zu sein. Die meisten Menschen haben schwierigere Leben, härtere Jobs, Kinder kommen dazu, anstrengende Familien vielleicht, schlechtere Bezahlung, allgemein ungünstigere Umstände. Darf man sich da eigentlich beschweren?

Man „darf“, wenn man nicht auf sich aufpasst.

Ich ging heute durch die Stadt. Wieder war es grau. Immerhin regnete es nicht. Nichts an diesem Tag war besonders. Ich war übermüdet und fror.

Doch ich hörte Musik. Und plötzlich, einfach so, änderte sich meine Laune.

Was war passiert?

Ich hatte mir selbst gegeben, was ich brauchte: Die Musik meiner Lieblingsband. Ein Sonntagnachmittag mit einem kleinen Spaziergang und viel Zeit auf dem Sofa. Ruhe. (Das Smartphone liegt jetzt noch irgendwo weit weg in der Ecke.) Gutes Essen. Zeit für mich.

In den ganzen letzten Tagen, Wochen, hatte ich mir das verwehrt. Weil ich dachte: Das darfst du nicht! Es ist so viel zu tun! Du musst leisten, machen, erledigen, anrufen, anfangen, abschließen, abstreichen…

Ja, muss man. Man muss mal funktionieren. Meistens sogar. Für sich selbst. Für andere. Für den Job. Den Lebensunterhalt. Höhere Ziele. „Lebe, als wäre es der letzte Tag deines Lebens“, carpe diem und all das, das funktioniert nicht immer so, wie wir wollen.

Aber niemandem ist damit geholfen, wenn wir uns selbst vergessen. Ignorieren, was wir selbst brauchen. Wir werden klein und grau und müde und gereizt. Das hilft nicht unseren Freunden, nicht unseren Familien. Und am allerwenigsten uns selbst.

Umso erstaunlicher ist es doch, dass wir am ehesten bei uns sparen. Uns die Auszeit nicht gönnen, die wir brauchen. Uns immer wieder antreiben.

Ich muss nicht ein Jahr lang um die Welt reisen, um ab und zu mal an mich selbst zu denken. Ein schöner Tag, ja Nachmittag, ist schon ein guter Anfang. Aber wir sollten es öfters tun.

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Sich mit sich selbst vergleichen

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Natürlich ist es bescheuert, sich zu vergleichen.

Wer hat denn etwas davon?

Wir sehen das Äußere, die Form. Wir sehen die Form, von der wir denken, dass sie der Inhalt ist.

Hübsches Gesicht: ein Mensch, der begehrt wird.

Viele Reisefotos: ein Mensch, der seine Träume lebt.

Schlanker Körper: ein Mensch, der alles unter Kontrolle hat.

Tolles Haus (geiler Job, viele Freunde…): ein Mensch, der das erreicht hat, wo wir hin wollen.

Wie es in den Menschen aussieht, wissen wir nicht. Und doch denken wir darüber nicht nach. Zumindest nicht im ersten Moment. Wie diese Menschen dorthin gekommen sind, wo sie gerade sind. Wo sie sich überhaupt gerade befinden. Und vor allem: Ob sie glücklich sind mit dem, was sie haben. Denn Schönheit oder Besitz oder eine beeindruckende Facebook-Foto-Galerie sagen nichts darüber aus, was in diesen Menschen vorgeht.

Natürlich nicht. Aber dennoch sieht man auf das Äußere zuerst.

Es gibt einen psychologischen Trick: Sich nicht mit anderen zu vergleichen. Sondern nur mit sich selbst.

Wo war ich vor fünf Jahren? Vor zehn Jahren? Wie habe ich mich entwickelt? In welchen Bereichen habe ich mich entwickelt? Wie habe ich mich vor zehn Jahren in meinem jetzigen Alter vorgestellt? Bin ich zufrieden mit dem, was ich jetzt mit mir vorfinde?

Und wenn ich mich schon mit mir selbst vergleiche… Ist es schlimm, wenn ich nicht mit allen meinen Entwicklungen glücklich bin? In den meisten Bereichen habe ich viel gelernt, bin weitergekommen, habe mich entwickelt.

Wenn das in ein paar Bereichen nicht so ist, kann ich darüber hinweg sehen? Man muss doch auch Raum lassen, um wachsen zu können? Um sich entwickeln zu dürfen? Man lernt doch schließlich ein Leben lang. Man entwickelt sich ein Leben lang.

Warum ist es nur so verdammt schwer, das zu lernen?