Ein Brief an… Kindheit in Terror-Zeiten

Terror also.

Es ist das Wort, das uns gefühlt derzeit dominiert wie kein anderes.

Jeden Tag ist dieses Wort in den Nachrichten. Im Radio. In den News-Apps. In 140 Zeichen auf Twitter. In der Zeitung. In den Fernsehnachrichten.

Die Kinder, die jetzt hier groß werden, wachsen mit diesem Wort auf.

Und mit dem Wissen, dass „Terror“ auch sie betreffen kann. Kindern anderswo geht das natürlich schon lange so. Aber das war halt – anderswo. Jetzt ist er hier, der Terror.

„In was für eine Welt“, fragte mich eine Freundin neulich, „haben wir unsere Tochter nur hineingeboren?“ Ihre Tochter bekommt gerade ihre ersten Zähne.

Dieses kleine Mädchen wird in einer Welt aufwachsen, in der Worte wie „Terrorist“, „Anschlag“, „Opfer“, „Attentat“ oder „Krieg“ beinahe täglich in unseren Nachrichten auftauchen werden. Oder gar in unserem eigenen Land. Sogar in unserer Stadt?

Das hat mich ins Grübeln gebracht. Terror… Hatte das Wort für uns eine Bedeutung, als wir klein waren? Für uns, die in den 80ern geboren wurden?

Waren wir vielleicht die einzige Generation, die ohne dieses Wort aufwachsen konnte?

Ich versuche mich daran zu erinnern, wann ich das Wort zum ersten Mal gehört habe. War es am 11. September 2001, als die USA angegriffen wurde? Sicherlich schon vorher – über den Terror der RAF in Deutschland hat man ja schließlich schon was im Geschichtsunterricht gehört. Aber bei 9/11 hatte es so eine Wirkung, so eine Nähe, wie man sie vorher nicht kannte.

Auch wenn Amerika weit weg schien, fühlte es sich so erschreckend nah an. Wir waren schon im Urlaub in New York gewesen. Im Juli 2011 erst, ein paar Monate vor dem Anschlag. Wir waren im World Trade Center gewesen, hatten die Aussicht genossen. Wir haben Freunde in Amerika. Es ist ein tolles Urlaubsland.

Und dann dieser Anschlag. Er passierte vor unseren Augen. Live. Er versetzte uns alle in einen Schockzustand. Auch Tage, und Wochen später gab es kaum andere Gesprächsthemen. Unsere Lehrer, unsere Eltern, sie wollten mit uns darüber reden. Sie wussten aber nicht, wie.

Der Terror hatte einen Weg in unseren deutschen, kleinen, langweiligen Alltag gefunden. Das, da waren wir uns sicher, wird der Dritte Weltkrieg.

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„In was für eine Welt habe ich mein Kind geboren?“, fragt meine Freundin. Eine Welt, in der Terror auch „bei uns“ normal sein wird. Foto: pr.

Als 9/11 passierte, war ich 15 Jahre alt. Schon kein Kind mehr.

Also war es damals eine Kindheit ohne Terror? Kriege und Konflikte gab es genug, Ende der 80er und in den 90ern. Das Ende des Kalten Krieges, der Jugoslawien-Krieg, der erste Golfkrieg, der ewig schwelende Nahost-Konflikt, Bürgerkriege… Oh doch, Kriege gab es genug.

Aber sie schienen so weit weg. Abstrakt. Für uns nicht wirklich gefährlich.

Und jetzt?

Anschläge. Vor unserer Haustür. Terror. Via Nachrichten am Frühstückstisch. Wird das alles von jetzt an normal? So wie es in meiner Kindheit normal war, dass Kriege und Konflikte nur weit weg stattfanden?

„In was für eine Welt haben wir unsere Tochter hineingeboren?“

Über die Frage meiner Freundin habe ich in den letzten Tagen viel nachgedacht. Was soll man da bloß antworten? In eine Welt, in der Terror wohl auch für Europa normal sein wird.

„Was für eine Zeit, um ein Kind in die Welt zu setzen!“, seufzte neulich auch meine Mutter. Sie hat Angst vor der Zukunft. (Was sie aber nicht hinderte, drei Kinder in die Welt zu setzen, als der Kalte Krieg schwelte. Zum Glück nicht!) Sie wird bald Oma, ich Tante.

In was für einer Welt wird mein Neffe aufwachsen?

Wie soll man das bloß beantworten?

Versuchen wir es mal: Es werden harte Zeiten werden.

Also liebt eure Kinder. Erzieht sie zur Nächstenliebe. Zur Toleranz. Zur Gutherzigkeit. Zur Solidarität. Zu Neugierde. Zur Weltoffenheit.

Die Kinder, die jetzt geboren werden, werden eine andere Kindheit haben als wir in den 80ern. Ich werde nicht sagen: Es ist deren Verantwortung, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wer diese Verantwortung abgibt, macht es sich zu leicht. Wir, die Eltern, sind schließlich noch da. Wir sind Mitte 20, Mitte 30. Unsere Eltern sind auch noch da. Und es sind noch Menschen da, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben. Noch. Hören wir ihnen umso besser zu.

Wozu, fragt ihr? History repeats itself? Was können wir schon tun?

Die Geschichte muss sich nicht zwangsweise wiederholen. Vielleicht kann der Mensch doch, irgendwann, aus seinen Fehlern lernen.

Es muss die Verantwortung jeder einzelnen Generation sein, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und diesen Willen an die nächste Generation weiterzugeben.

Die Welt kann nur besser werden, irgendwann.

LESENSWERT
Der Artikel „Wir haben keine Angst“ von zeit.de darüber, wie es ist, als Generation Y mit Terror aufzuwachsen.