Ein Brief an… den Osten

Lieber Osten,

eigentlich bist du ja nur eine Himmelsrichtung. Aber ich wette, dass jeder, der die Überschrift gelesen hat, sofort an die Ex-DDR dachte. An „Ostdeutschland“. Dabei weiß ich gar nicht, was du noch sein sollst  – gerade heute, am 25. Tag der deutschen Einheit.

Noch getrennt in "Ost" und "West"? Landstraße zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Foto: pr.

Noch getrennt in „Ost“ und „West“? Bei der Grenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Foto: pr.

Dass wir bei „Osten“ gleich an „Ostdeutschland“ denken, mag auch an dem Tag heute liegen: 3. Oktober 2015, 25 Jahre deutsche Wiedervereinigung. Osten dort, Westen hier („Tiehieeeeef im Westen!“), Trabis, Bananen, Ostmark, blühende Landschaften, Ostalgie, ja nee ist klar.

Aber so ganz begreifen kann ich dich nicht. Ostdeutschland – was sollst du denn bitte sein? Gerade jetzt, an dem wir zum 25. Mal den Tag der Deutschen Einheit feiern?

In diesen Tagen wird gern darüber gesprochen, inwiefern „Ost“ und „West“ denn zusammengewachsen sind. Und dass so richtig „eins“ diese beiden ehemaligen Deutschlands ja doch noch nicht richtig sind (oder heißt es Deutschlande? Oder Deutschländer?). Dabei wird von „Ost“ und „West“ immer noch wie von zwei verschiedenen Ländern gesprochen. Im Westen sind Lohn und Arbeit und Sexualität und Kinderbetreuung und politische Einstellung soundso, im Osten soundso.

Ost und West – die können nicht zusammengehören

Aber warum, frage ich mich, wird denn noch so viel darüber sprechen, wie verschieden „Ost“ und „West“ angeblich sind? Gerade 25 Jahre nach der Wiedervereinigung? Man möge mich korrigieren, wenn ich falsch liege, aber für mich erweckt das den Eindruck, dass Deutschland tatsächlich nicht eins ist: Osten und Westen, das sind rein geografisch zwei verschiedene Dinge. Die können nicht zusammengehören. Nie. Dabei tun sie es doch – Deutschland, das ist doch ein Land!

Wenn über die Bürger der Ex-DDR gesprochen wird (also über Deutsche), dann sind  Journalisten, Politiker und Politikwissenschaftler oft erstaunt darüber, dass sich einige der Menschen nach einigen Dingen „von früher“ zurücksehnen. Nach dem damaligen Arbeitsmarkt vielleicht, den wirtschaftlichen Strukturen von früher, dem Zusammenhalt der Nachbarschaft.

Ich weiß nicht, was genau das beweisen soll. Ganz ehrlich: So reden meine Verwandten auch alle. Und die kommen aus Bremen, Hannover, Wolfsburg. Früher hat man noch miteinander gesprochen, früher war man 30 Jahre lang im selben Betrieb, früher war noch nicht so viel nackte Haut überall zu sehen, früher hat nicht jeder wie blöd auf irgendeinen Bildschirm geglotzt, früher gab’s nicht so viele Scheidungen… Kurz: „Früher war alles besser!“ Hat das nicht jede Generation? Egal ob aus „Ost“ oder „West“?

„Hier“ und „drüben“ – sind wir nicht schon weiter?

Ich war fünf Jahre alt, als die Deutsche Einheit zum ersten Mal gefeiert wurde. Ich weiß also zum Glück (!) nicht, was es heißt, in einem geteilten Deutschland zu leben. Allerdings wird man gerade in diesen Tagen immer wieder daran erinnert, WIE geteilt dieses Land mal war.

Erinnern ist wichtig. Erinnern ist gut. Aber so zu erinnern, dass jeder Fortschritt, ja jede Normalität abgesprochen wird, ist es nicht.

Wir sind schon längst weiter als diejenigen, die Deutschland noch in Ost und West oder „hier“ und „drüben“ aufteilen.

Mit dieser Aufteilung verbinde ich vor allen Dingen Negatives. Das liegt wahrscheinlich an der Überheblichkeit, mit der viele „Wessis“ früher vom „Osten“ sprachen: Dunkeldeutschland (nicht ganz ernsthaft, aber dennoch). Drüben. Die hatten ja nix. Jetzt kriegen die den Soli. Alte Grenze. Früher, die Kontrollen! Leerstehende Wachtürme an der A2, bei Helmstedt. Siehst du, da standen wir immer mit unseren Autos, stundenlang, wenn wir nach West-Berlin wollten!

Es gibt erschreckend viele Menschen, die zwar schon überall waren in Deutschland, aber noch nie in Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern. Noch nie „im Osten“. Denn der ist ja doch noch anders.

Osten ist nicht gleich Osten

Meine Familie hat miterlebt, was die innerdeutsche Teilung hieß: Sie lebte in Sichtweite der Grenze, in der Nähe des berühmt gewordenen „geteilten Dorfes“ Zicherie/Böckwitz. Es gab eine Tante, verheiratet auf einen benachbarten Bauernhof, der nur zwei Dörfer weiter lag, aber plötzlich in einem anderen Land. Auch nach dem Mauerfall, als wir Kinder noch klein waren, hatte meine Mutter Panik, dass wir uns beim Spielen in Grenznähe durch Überreste des Todesstreifens irgendwie verletzten könnten.

Und doch – manchmal ohne Ende Vorurteile. Manche mögen einen wahren Kern besitzen. Aber sie stimmen ungefähr so, wie das Vorurteil, dass es im Ruhrgebiet versmogt, grau und hässlich sei. Dabei kann es hier auch ganz anders sein. Und niemand denkt nur ans Ruhrgebiet, wenn er vom „Westen“ spricht, oder? Brandenburg ist anders als Thüringen. Sachsen-Anhalt ist anders als Mecklenburg-Vorpommern. So wie man Niedersachsen und Bayern schlecht vergleichen kann. Oder Nordrhein-Westfalen und Hessen. Ist doch nicht alles „Westen“! Und was für einen Status hat Berlin eigentlich? Ist Berlin auch „Osten“?

Ich habe in Chemnitz studiert. Danach in Dortmund. Geboren bin ich in Bremen. Von Nord nach Ost nach West. Bin ich jetzt eine Erfolgsmeldung der Wiedervereinigung? Nicht, so lange man in Ost und West denkt, finde ich.

Im Osten gibt’s Probleme. Hier im Ruhrgebiet, im Teil des „Westens“, sowieso. Und was ist mit dem Süden? Und was ist mit Mitteldeutschland? Wozu gehört das eigentlich? Ein bisschen zum Osten, ein bisschen zum Norden, ein bisschen zum Westen. Dürfen die Menschen aus Mitteldeutschland wenigstens vereint sein?

Was ich wohl sagen will: Hört doch auf, so zu reden. „Der Osten“ ist hoffentlich bald nur noch eine geografische Bezeichnung.

Deutschland hat viele Teile, nicht nur „Ost“ und „West“. Aber eins ist es. (Nennt mich naiv, wenn ihr wollt.)

LESENSWERT

Multimedia-Reportage über das „geteilte Dorf“ Zicherie-Böckwitz des NDR: Hier geht’s lang

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