Ein Brief an… ein schreiendes Bündel Leben

Liebes schreiendes Bündel Leben,

da bist du also. Neun Monate lang warst du im Bauch meiner besten Freundin. Und jetzt habe ich dich in meinen Armen. Und ich bin fassungslos.

Ich habe dir beim Wachsen zugesehen. Also, im Bauch meiner Freundin. In den ersten Wochen warst du unsichtbar. Dann erfuhren wir von dir. Und dennoch warst du nur eine Idee. Unfassbar.

Dann warst du ein Bauch, der Stückchen für Stückchen wuchs. Und bald Stück für Stück wuchs. Du machtest Probleme. Du machtest Freude. Du tratst, in Rippen und Magen. Besonders gern nachts (du kleiner Fiesling!).

Und dann die Nachricht, das Foto: „Unsere Tochter ist heute Nachmittag zur Welt gekommen!“ Und in den Armen meiner Freundin: ein kleines Bündel Leben. Du. Und alles sah aus wie eine Szene aus einem Film. Woher bist du denn plötzlich gekommen?

Ich komme zu Besuch. Und da liegst du. Und schläfst. Und atmest. Unter einem Schock schwarzer Haare. Du hast eine winzige Nase. Und einen knallroten Mund. Und winzigkleine Fingernägel. Und rosa gestreifte Babysocken. Du bist ein Baby. Ein Mensch. Und vor neun Monaten gab es dich noch nicht.

Kannst du mir das später bitte mal erklären?

Wo ist mein obercooler Tantenmodus?

Einen Tag lang verbringe ich mit dir. Und meiner Freundin, die jetzt Mutter ist. Und ihrem Freund, der jetzt Vater ist. Sie sind deine Eltern. Und sie scheinen einfach so obercool zu wissen, was sie da tun mit dir.

Ich, im Gegenzug, habe eine Heidenangst. Dass ich dich kaputtmache. Dass ich nur einmal dein Köpfchen nicht richtig halte und du dann aufhörst zu atmen. Dass ich irgendeine Babyhaltung nicht hinbekomme und einmal falsch anfasse und dass ich etwas an dir ein für allemal verforme. Ich will nicht Schuld daran sein, dass später mal was mit dir nicht stimmt!

Meine Freundin, im obercoolen Muttermodus: „Keine Sorge, so leicht geht da nichts kaputt.“

Ha, ha. Meinen obercoolen Tantenmodus muss ich erst noch finden. (Könnte ein paar Jahre dauern.)

Und kannst du mir auch noch eine Sache erklären?

Du weinst. Du schreist. Du spuckst. Du scheißt. Du kratzt (sogar mit diesen winzigkleinen Fingernägeln). Oder du schläfst. Angucken kannst du mich noch nicht. Richtig lächeln auch noch nicht.

Warum habe ich dich eigentlich jetzt schon so gern?

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