Kurzgeschichte: Drei Frauen

Uni

„Meine Familie sagt, dass ich spät dran bin. Sie macht sich Sorgen.“

Ich runzelte die Stirn. „Um dich?“

Sie nickte.

„Echt jetzt? Fassen wir mal zusammen: Du bist Biologin. Du bist gerade in ein irres Doktorandenprogramm gekommen. Du verdienst dein eigenes Geld. Und sie machen sich Sorgen um dich?“

„Wer bis 30 nicht verheiratet ist, wird immer zu Hause bleiben, sagen sie. Meine Cousine hat mit 30 geheiratet. Das war schon spät. Jetzt hat sie einen Mann und ein Kind, und alle sind erleichtert.“

„Das ist doch verrückt“, sagte ich. „Ich bin bald 30. Soll ich jetzt wie ein kopfloses Huhn durch die Gegend rennen, nur weil ich keinen Freund habe?“

„Und bevor man heiratet, muss man ja auch erst mal ein paar Jahre lang glücklich zusammen gelebt haben“, sagte unsere Freundin und verscheuchte energisch eine Fliege vor ihrem Gesicht. „Na ja, sollte man.“

Wir nickten.

„Und auch wenn man verheiratet ist, ist man ja nicht automatisch glücklich“, fuhr unsere Freundin fort. „Meine Cousine und ihr Mann waren lange zusammen. Dann heirateten sie. Ein halbes Jahr später saß sie bei uns in der Küche, hat geweint und gefragt: ‚Ist das der Mann, den ich kennengelernt habe?'“

„Aber alle denken, dass man sicher ist in einer Ehe.“

Ich wollte widersprechen. Doch ich wusste, dass es stimmte. Wer als Frau ab einem bestimmten Alter nicht verheiratet ist, wird schräg angesehen. Als komisch erachtet. Ist sonderbar.

Türkei, Ukraine, Deutschland – diese drei Kulturen waren gerade an einem Tisch versammelt. Und doch war es überall das gleiche. Sofort wussten alle, was gemeint war, wenn eine von uns von unseren Sorgen berichtete. Drei moderne Frauen, die an einem Sommertag im Schatten einer Linde vor einer Universität saßen und sich über die große Frage ihrer Familien unterhielten: Wann die Töchter heiraten würden. Hatte sich wirklich so wenig getan in den letzten Jahrzehnten?

Wir sahen uns an, wir drei Frauen, Mitte bis Ende 20, gebildet, intelligent, voller Pläne für die Zukunft. Ob in ihr ein Ehemann auftauchen würde, wussten wir alle nicht.

Da, plötzlich, richtete sich meine Freundin auf, zupfte ihr Kopftuch zurecht und sagte: „Ich sehe es gar nicht ein, mich selbst unter Druck zu setzen. Ich liebe das, was ich mache. Wenn ein Mann des Weges kommt, und ich Gefühle habe, dann ist es gut so. Wenn nicht, dann kann ich das auch nicht ändern.“

Ihr schmales, blasses Gesicht war entschlossen. Ihr Augen blitzten hinter den Brillengläsern.

Wir zwei anderen sahen sie über den Holztisch hinweg an. Und nahmen uns ein Beispiel an ihr.

Text & Bild: MD