Kurzgeschichte: Berühren

Berührung

„Ich will Menschen berühren mit dem, was ich mache“, sagte sie.

„Du hast Arbeit. Du hast Freunde. Die berührst du. Was auch immer das heißen soll. Reicht dir das etwa nicht?“

„Darum geht es doch gar nicht…“ Sie spürte, dass Frust in ihr hochstieg, sich Luft machen wollte. Sie presste die Lippen fest zusammen.

„Um Himmels Willen!“ Er wurde laut. „Was willst du denn noch alles? Bist du nie zufrieden? Egal was du hast, egal was ich dir gebe, es ist nie genug, was?“

Sie fragte sich, warum es jetzt um ihn ging. Doch sie sagte nichts.

„Das ist es also?“, fragte er in die Stille hinein.

War es das?, fragte sie sich.

„Dann geh“, sagte er schließlich.

Ich will doch nur, dass du mich verstehst, dachte sie. Doch wieder sagte sie nichts.

Text & Bild: MD

Dankbar für… Woche 6

Projekt “#dankbarfuer” – Woche 6

Unbekannte Situationen

Neue Leute, neue Umgebung, neue Aufgaben, neue Routinen – ein Freund davon bin ich echt nicht. Ich bin Gewohnheitstier. Ich mag es, Dinge einschätzen zu können. Mich auf Dinge einstellen zu können. Aber es ist doch sehr, sehr wichtig, unbekannte Wege zu betreten. Sich einfach mal in unbekannte Situationen zu stürzen. Denn die bringen einem viel bei.

Gewitter

Den ganzen Tag ist es schon schwül. Drückend. Das Denken fällt schwer. Das Atmen auch. Jeder Luftzug ist Erleichterung. Doch dann: Der große Auftritt des Himmels. Wolkentürme. Untergangsstimmung. Bass von oben. Alles erzittert. Erst Windstille, dann Sturm. Und ein Netz aus Blitzen, das den Himmel durchadert. Was kann man da anderes tun, als gebannt zuzusehen? Und sich über Sturm und Regen freuen wie ein kleines Kind.

Ein Album hören

Ein Album von vorne bis hinten hören – in der Zeit von Streaming-Diensten und iTunes-Einzel-Downloads ist das selten geworden. Umso schöner, mal richtig altmodisch ein Album vorn vorne bis hinten zu hören. Im Auto, während man über die Autobahn fetzt. Sich auf freuen auf das, was kommt. Zu überlegen, was sich die Künstler bei der Zusammenstellung gedacht haben könnten. Und alles lauthals mitsingen. (Sehr zur Freude der Autofahrer neben einem, übrigens.)

(Neue) Ordnung

Ich liebe Ordnung. Ich liebe Systeme. Kategorien. Schubladen. Was Dinge angeht – nicht, was Menschen angeht. Auch wenn ich gerne jeden einzelnen Winkel meiner Wohnung vollstopfe, hat alles System. Ich weiß, wo was ist. Und schöner ist’s noch, diese Ordnung mal über den Haufen zu werfen. Und neu zu denken.

Erinnerungsfotos

„Gott, ist das schon so lange her? Wie sahen wir denn damals aus?! In welchem Jahr war das doch gleich? Da warst du doch in diesen Dingens verschossen, oder? Und du warst in dieser ziemlich krassen Phase… Dass es da noch Fotos von gibt!“

Wieder etwas Altmodisches – Fotos. Auf Papier! Gar eingeklebt, in Fotoalben! Sieht man sich eigentlich nie an. Verschwenden ja doch nur Platz. Müssen bei jedem Umzug mitgeschleppt werden. Oder vermüllen den elterlichen Keller. Aber: Wenn man sie sich mal wieder ansieht, gibt’s fast nichts Schöneres.

Ein Herzschlag im Chaos

Tief in der Nacht. Die meisten betrunken. Der Boden klebt. Auf dem Balkon werden Gläser zerdeppert. Der Bass wird immer höher geregelt. Die Augen jucken, aber ins Bett will noch keiner.

Dann heißt es plötzlich: Kommt mal mit, ich muss euch was zeigen. Ein Smartphone wird gezückt. Darauf ein kleiner, weißer Fleck. „Groß wie ein Gummibärchen.“ Fragezeichen in unseren Gesichtern. „Na, das ist das erste Bild von meinem Kind! Ich werde Vater!“ Ungläubigkeit. Kein Scherz? Kein Scherz. Irrsinn! Freude, unbändige. Und dazwischen: ein kleiner Herzschlag. Mitten im Chaos.

Alte Freunde

Jahrelang nicht gesehen. Nie engen Kontakt gehabt. Aber dann abends im Schein von Lichterketten und Holzfeuer zusammensitzen. Was machst du gerade? Was mache ich gerade? Und was hältst du davon, was die Welt macht? Egal, wann man sich das nächste Mal wiedersieht – dieser Abend hier, der zählt.

DAS PROJEKT

Einmal pro Woche fasse ich zusammen, wofür ich in der vergangenen Woche besonders dankbar war. Und erkläre ganz kurz. Vielleicht wird das hier ja eine ganz interessante Reise.

Immer montags!

Und warum mache ich das?

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, kurz vorm Einschlafen mir ein Wort, einen Begriff, in Erinnerung zu rufen, der am besten zusammenfasst, wofür ich an diesem Tag dankbar war.

Das hilft ganz gut dabei, all den negativen Kram auszublenden. Der kann einen ja gerade abends gut wach halten. Und das Schöne, Positive leicht verdrängen. Aber das wär doch echt schade.

Kurzgeschichte: Briefe einer 16-Jährigen

Im Mai

Es gibt Krankheiten, die kann man nicht sehen. Man kann sie nicht ahnen, nicht spüren, und oft erkennt man sie nicht einmal. Doch diese Krankheiten sind oft hundertmal schlimmer als die, die man körperlich ertragen muss.

Für den, der leidet, genauso wie für die, die den Kranken aushalten müssen.

Dass sie krank ist, wusste ich schon lange. Aber realisiert habe ich es nicht. Mir ist es nie bewusst geworden. Doch jetzt ist es schlimmer als es je war. Es vergeht kein Tag, an dem ich mir nicht sagen muss, dass es nur ein krankhafter Anfall ist, um nicht los zu heulen oder zu schreien. Aber ich würde es am liebsten.

Ich wünschte, es gäbe diese Krankheiten nicht, denn ich kann sie nicht verstehen oder voraussehen. Ich wünschte, alles wäre wieder normal, obwohl es das nie war. Wenn ich es mir mal genau überlege, dann war sie schon lange krank. Sie verbot mir den Umgang mit Menschen, die mir viel bedeuteten. Sie hielt alle für schlecht. Sie weinte viel. Sie misstraute allen. Sie versaute mir meine Freiheit.

Jetzt das. Sie ist wirklich krank, wirklich, wirklich. Der Umzug steht an. Ein schönes Haus, eine schöne Gegend, wenn auch nicht so viel Platz wie hier. Das Haus hier wird verkauft.

Ich glaube nicht, dass es einen Neuanfang geben wird. Nicht für sie. Sie wird bleiben wie sie ist, und dann wird es schlimmer werden.

Wo das alles enden soll, weiß ich nicht. Vielleicht in Selbstmord. Oder es bleibt so schlimm. Normal wird es nie wieder werden. Sie lässt sich ja nicht helfen.

Eigentlich ist es die tragischste Geschichte dieses blöden Jahrhunderts. Aber die glaubt sowieso keiner. Niemand wird mir glauben wenn ich sage, dass sie verrückt ist. Klar. Doch vielleicht wacht diese Welt endlich auf, wenn etwas passiert. Dann wird sie vielleicht geheilt?

Aber ich will doch gar nicht, dass etwas passiert! Manchmal liebe ich sie noch. Aber eigentlich ist es nur noch Mitleid.

Im August

Viel Zeit ist vergangen. Viel, viel Zeit, in jeder Hinsicht.

Es ist seltsam, wenn man darüber nachdenkt. Es ist genau das eingetroffen, was ich vermutet hatte: Selbstmord.

Und dann ist es doch anders gekommen. Ich lag falsch, zum Glück. Das Messer schnitt falsch, zum Glück. Vieles, vielleicht alles, hat sich dadurch verändert.

Sie war drei Monate lang in der Klinik. Geschlossene Abteilung. Jetzt ist sie auch noch tagsüber in der Klinik, auf unbeschränkte Zeit. Sie ist leise, vorsichtig, ängstlich, alles – nein, normal war sie nie. Ich habe sie zumindest nie normal kennengelernt.

Aber sie ist jetzt anders, und das ist ein Anfang. Alles wird anders, vielleicht.

Wir sind umgezogen. Jan kommt zum Bund. Georg fängt nach seinem Rausschmiss bei einer neuen Firma an. Anna sieht sich auch nach einem neuen Job um. Tanja geht bald nach Mittelamerika. Pierre studiert schon über ein Jahr und hat schon viele Prüfungen bestanden. Anja zieht (hoffentlich) bald zu ihm, wenn sie an der Uni angenommen wird. Und ich ziehe wieder weg, in ein paar Wochen. Ich werde erst im Winter hierher zurückkommen. Unglaublich.

Und auch wenn ich diesen Ort vermissen werde – mein Haus, meine Tiere, meine Freunde, mein Zimmer – bin ich mir doch nicht sicher, ob dies hier mein Zuhause ist. Gewissermaßen bin ich heimatlos geworden. Beziehungsweise: Ich wurde aufgeteilt. Was ich will, weiß ich inzwischen nicht mehr. Wohin ich gehöre? Keine Ahnung.

Alles verändert sich. Jeder bewegt sich irgendwie, in Richtung Zukunft.

Aber ich bin optimistisch. Denn ich habe Zukunft. Und ich liebe, ich lebe, ich schreibe… Meine Geschichte (wird sie vielleicht mal ein Buch?) hat jetzt schon 240 Seiten! Eigentlich ist sie zu Ende, aber ich feile noch. Eigentlich will ich nicht, dass sie zu Ende geht. Ich weiß nämlich nicht, was dann mit ihr passieren wird. Ich überlege mir etwas, denke ich. Ich werde sie vermissen.

Es ist seltsam, wie sehr sich ein Leben ändern kann. Und wie schnell. Es ist erleichternd wie erschreckend. Aber ich bin erst 16, und das ist gut so.

Wir alle haben eine Zukunft. Eine gute.

Kurzgeschichte: Frei

„Frei sein”, sagte er.

Er zog seine ergrauten Augenbrauen empor.

“Frei sein”, sagte er wieder. “Mein größter Traum.” Unsicher sah er ihn an. Er versuchte zu lachen. “Du wolltest es ja wissen.”

“Ja…” Er pfiff durch die Zähne. “Und was heißt das für dich?”

“Oh”, sagte er. Er spürte, dass er rot wurde.

“Na ja, wenn das dein größter Traum ist, weißt du doch hoffentlich, was du dir darunter vorstellst, oder?”

“Schon.” Er sah auf seine Finger, die immer mehr Haut vom Nagelbett kratzten. Am Daumen sickerte bereits Blut hervor.

“Also?”

Darauf keine Antwort geben zu müssen, dachte er sich. Kurz überlegte er. Dann hob er seinen Blick und sah ihn direkt an.

Und mit einem kleinen Lächeln stand er auf und ging.

Text & Bild: MD

Kurzgeschichte: Nichts

Und während ich durch die nachtmüden Straßen lief, dachte ich: Wie unfair war es doch von mir, das zu erwarten. Zu erwarten, dass er genauso denken würde. Genauso fühlen würde. Genau das erwarten würde, was ich erwartete.

Ich blieb stehen, den Geruch von nassem Asphalt in der Nase. Ich blickt auf, wollte den Sternenhimmel sehen, doch mein Blick konnte den Dom des orangefarbenen Stadtlichts nicht durchdringen.

Wir sollten unsere eigenen Erwartungen nicht auf andere Menschen übertragen, dachte ich da. Das ist unfair. Es setzt die anderen unter Druck. Und uns macht es unglücklich. Denn wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden, fühlen wir uns verletzt, ignoriert, missverstanden.

Aber, fragte ich mich, mit welchem Recht?

Reflexartig zog ich mein Smartphone aus der Tasche und sah aufs Display. Nachrichten von anderen. Nicht von ihm. Ich lächelte als ich spürte, dass in mir Frieden war. Kein Bedauern.

Ich erwartete – nichts.

Kopfschüttelnd steckte ich mir Kopfhörer in die Ohren, verband sie mit dem Smartphone und drückte auf Play. Summend setzte ich meinen Weg fort, durch die Nacht.

Foto & Text: MD

…then you’re alive

„If you’re reading this, if there’s air in your lungs, then you’re alive, today, tonight, right now.

And who can know how long we have here…

And is it a gift? Was it ever a gift?

(…)

Are there things to fight, to live for?

(…)

Will you move for things that matter?“

Aus: „If You Feel Too Much„, von Jamie Tworkowski, Gründer von To Write Love On Her Arms (einer gemeinnützigen Organisation, die auf die Situation depressiver, suizidgefährdeter, drogenabhängiger und selbstverletzender Menschen aufmerksam macht und sich zum Ziel gesetzt hat, diesen Menschen zu helfen).

If You Feel Too Much, von Jamie Tworkowski. Foto: pr.

If You Feel Too Much, von Jamie Tworkowski. Foto: pr.

Dankbar für… Woche 5

Projekt „#dankbarfuer“ – Woche 5

Zufällig über Musik stolpern

…die man dann in Dauerschleife hört. Und sei’s für einen Tag, eine Stunde, weil sie einem dann auf die Nerven gehen. Egal! Für diesen Glücksmoment, diese Glücksmomente: danke!

(Zuletzt etwa Asaf Avidans melancholisch-schönes „Gold Shadow“, aus dem Zeilen wie diese stammen: „There’s a bent willow in the moonlight painted blue / There’s a spent window silhouetting you / Deep and true as whiskey / Soft and sure as lies“)

Momente, die alles wieder gut machen

Die zu finden, ist oft verdammt schwierig. Manchmal sieht alles so aussichtslos aus, so traurig und unnütz. Aber manchmal reicht nur ein kleiner Schritt zur Tür hinaus, oder ein Griff zum Telefon, oder ein bestimmtes Lied, das man mitsingt, so laut man kann. Kleine, unendlich kleine Dinge. Doch sie können die Welt auf einen Schlag in eine andere verwandeln.

Tagebuch

Manche Dinge kann man einfach nicht erzählen. Oder noch nicht. Niemandem. Niemandem? Nicht ganz. Tagebuchschreiben hilft, Dinge zu ordnen. Einzuordnen. Gedanken gerade zu kriegen, zu glätten. Man kann zurückblättern. Sich wundern, sich erinnern, lachen, weinen. Und das Gute: Man kann immer weiterblättern. Zu neuen, unbeschriebenen Seiten. Und was darauf stehen wird, weiß man noch nicht. Zum Glück.

Möwenschreie

…und man weiß, man ist zu Hause. Auch wenn man nicht hierher kommt.

Abende am Hafen

Laue Nacht. Der Himmel über uns schwarz. Vor uns das Wasser. Es plätschert sanft. Schwappt gegen die Schiffe, die hier vertaut sind. Schwach beleuchtet, wie Partyzelte. Darüber strahlen die Sterne. Denn die Gewitterwolken sind weitergezogen. Aber wir, wir bleiben hier.

Und aus gegebenem Anlass…

…Schatten, Wind, Klimaanlagen, Eiswürfel, Fächer, Ventilatoren, Kühlschränke, der Gedanke an die Arktis. Und zu wissen, dass es irgendwann mal wieder HERBST sein wird.

DAS PROJEKT

Was ist das hier?

Einmal pro Woche fasse ich zusammen, wofür ich in der vergangenen Woche besonders dankbar war. Und erkläre ganz kurz. Vielleicht wird das hier ja eine ganz interessante Reise.

Immer montags!

Und warum mache ich das?

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, kurz vorm Einschlafen mir ein Wort, einen Begriff, in Erinnerung zu rufen, der am besten zusammenfasst, wofür ich an diesem Tag dankbar war.

Das hilft ganz gut dabei, all den negativen Kram auszublenden. Der kann einen ja gerade abends gut wach halten. Und das Schöne, Positive leicht verdrängen. Aber das wär doch echt schade.

Dankbar sein

Das berührt mich wirklich sehr. Danke für diesen Beitrag! Es ist so verdammt schwer, sich nicht mit anderen zu vergleich und daraus eine schräge Art der Dankbarkeit zu ziehen, sondern nur auf sich selbst zu sehen und Dankbarkeit zu empfinden. Das ist mühsam. Aber es ist machbar und sehr, sehr wertvoll.

Self

Erwachsenwerden bedeutet sich selbst kennen lernen: wer man ist, was man ist und wer man sein kann.

-Erma Bombeck

In den letzten 3 Wochen ist irgendwie erschreckend wenig passiert bei mir. Gott, das waren erst 3 Wochen? Mir kommt es vor als hätte ich seit Monaten keinen Eintrag mehr geschrieben. In meinem letzten Eintrag hab ich mir noch selbst auf die Schulter geklopft, dass ich mich (oder wir uns) vor Drogen und Feiern bewahrt haben. Tatsächlich haben wir tags darauf wieder genau das gemacht. Drogen genommen und eskaliert. Genau wie das Wochenende darauf. Eine Woche später waren wir zwar nicht feiern, haben aber trotzdem Drogen genommen. So wie vorletzte Nacht. Naja ich kann zumindest als positiv verbuchen, dass ich mich seit dem 6-Pillen-Wochenende zurückgehalten und mit jedem Wochenende weniger genommen hab. Immerhin.
Desweiteren kann als positiv vermerkt werden, dass ich meine Anträge auf Harz4 und den Wohnberechtigungsschein soweit zusammengestellt habe…

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