Ein Brief an… den (weiblichen) Körper

Lieber (weiblicher) Körper,

auch in Dutzenden von Jahren werden wir noch von dir reden. Schon immer (gefühlt) wurdest du besungen, begafft, gefeiert, gehasst, mystifiziert, missbraucht, vergöttert und verletzt, auf tausenden Wegen und seit Tausenden von Jahren.

Du bist Mutter Erde und Beginn des Lebens genauso wie Objekt scheinbar unendlicher Abscheu – und zwar meist die Abscheu der Person, die in dir steckt.

Warum fällt es vielen von uns (und mit „uns“ meine ich hier: uns Mädchen/Frauen) eigentlich so schwer, dich hinzunehmen, wie du bist? Alles, was mit dir zu tun hat, lieber Körper, nicht so verdammt ernst zu nehmen?

Hier der Körper, dort "wir" - ist das nicht absurd? Fotos: M.Denecke

Auf der einen Seite der Körper, auf der anderen „wir“ – ist das nicht absurd? Fotos: M.Denecke

Bist du nicht eigentlich ein Gefäß, eine Hülle? „Nur“ ein Körper? Du bist doch nicht alles von uns! Und doch der Teil, der am wichtigsten ist?

Warum sehen wir dich eigentlich als etwas anderes an als „uns“? Irgendwie scheinst du noch ein anderer Teil zu sein als das „ich“. Du gehörst zu mir, klar, wie mein Name an der… ja, also, gehörst zu mir, aber oft ist es doch so, dass wir dich abtrennen, anders betrachten, wir auf der einen Seite „uns“ haben, als Persönlichkeit, und auf der anderen Seite – dich.

Mein Körper und ich. Was für eine absurde Vorstellung. Aber gleichzeitig die einzige Erklärung, die ich parat habe, um Krankheiten wie Essstörungen zu erklären. Denn das Mittel, das nun mal am ehesten da ist, um sich selbst zu verletzen, ist der Körper.

Du zeigst, wie wir dich behandeln. Du strahlst nach außen ab, was wir uns (innerlich oder äußerlich) antun. Oder angetan wurde. Oder gönnen. Deine Funktion als unsere Hülle bedeutet, dass du als offensichtlichstes Teil von uns unser Innerstes nach außen hin zeigst.

Du warst schon immer der Mode unterworfen

Wie kommt es da eigentlich, dass du so selten als etwas Gutes angesehen wirst? Als unsere Schutzhülle zum Beispiel? Unser Zuhause?

Mit dir können wir unser Innerstes nach außen kehren. Also durchbohren wir dich mit Metall oder Holz und jagen Tinte unter deine Haut. Das hat oft mit Traditionen, Stolz und Zugehörigkeit zu tun. Und Zugehörigkeit heißt auch: Mode.

Alarm! Wir wollen Perfektion - und zwar sofort!

Alarm! Wir wollen Perfektion – und zwar sofort!

Seit je her bist du der Mode unterworfen. Und das heißt, dass du gezwungen wirst, gewissen Maßstäben zu entsprechen. Damit das gelingt, tun wir dir alles an: Wir brechen deine Füße, deine Beine, operieren Rippen heraus, schnüren Taillen so eng, dass sich die Organe verformen, stopfen Plastik in dich hinein, spritzen Nervengifte, führen dir Fett zu oder wieder ab, lassen dich (fast) verhungern oder pumpen dich auf.

Dabei behandeln wir dich so, wie es die Mode gerade vorgibt. Wie es der Mehrheit gerade passt. Was du dazu zu sagen hast, interessiert uns schon lange nicht mehr. (Was wir dazu sagen, anscheinend auch nicht.) Und wenn du es wagst, anders auszusehen, dann muss es bitteschön modisch-anders sein. Mode muss schließlich Mode bleiben.

In was für einer Welt leben wir eigentlich? Anscheinend nicht in deiner, lieber Körper. Aber vielleicht kommt deine Zeit ja noch mal irgendwann.

P.S.: Die Besitzer andersgeschlechtlicher Körper sollen sich hier natürlich nicht ausgeschlossen fühlen…

LESENSWERTES ZUM THEMA

Lesenswertes Dossier der „Zeit“: „Lob der Fülle“

Der Aufsatz der großartigen Nora Ephron, „A Few Words About Breasts“

Studie verbindet die Möglichkeit einer Essstörung mit „Germany’s Next Topmodel“

„Spiegel Online“-Interview: „Schönheitswettbewerbe für Kinder“

…und die grandiose Parodie von Tom Hanks und Jimmy Kimmel über Kinder-Schönheitswettbewerbe (Youtube-Video, 6:38 Minuten)

Advertisements