„Schöner“ Körper = Glück?

„Für mich ist es so absurd, wie eng unsere physische Erscheinung mit unserem Glücklichsein verknüpft ist. Wenn wir uns über unser Gewicht als Mensch definieren lassen, nur weil man es uns so beigebracht hat, dann ist mit unserer Gesellschaft irgendetwas absolut nicht in Ordnung.“

Dieser Artikel über eine (übergewichtige) Fotografin, die über ihre Selbstporträts einen neuen Zugang zu sich selbst fand, ist sehr, sehr lesenswert!

Ein Brief an… den Platz im Leben

Lieber Platz im Leben,

wohl nichts und niemand lässt sich so schwer finden wie du.

Manchmal kommst du mir vor wie eine Idee, der man wie ein Wahnsinniger hinterherjagt. Und dann, wenn man denkt, dass man ganz nah an dir dran ist, machst du einfach einen kleinen Schritt zur Seite, sodass man ins Leere greift. Dann muss man sich wieder aufrappeln. Man sieht sich einmal verwirrt um – eben war man sich doch noch ganz sicher gewesen? – und sucht weiter.

Ich bin Kitschromantikerin. Also stelle ich mich dich vor als einen funkelnden Stein am schwarzen Kiesstrand. Als eine warme Decke an einem Wintertag. Ein sicheres Haus, in dem es nach frischen Zimtschnecken riecht. Eine Blumenwiese im Frühsommer (ohne Allergien). Die glücklichsten Stunden der Kindheit.

Man sieht: Mein Platz im Leben ist wahrscheinlich im Tal der rosa Einhörner mit Glitzermähne und Regenbogen-Schweif.

Aber so unerreichbar kommst du mir auch oft vor.

Denn du bist Gestaltenwandler. Du verwandelst dich mit jeder neuen Erfahrung, jedem neuen Traum, jeder neuen Idee, jedem Scheitern.

Und manchmal ziehst du dir einfach einen Umhang um, der dich verschwinden lässt. Und wir, wir wundern uns, was wir denn eigentlich die ganze Zeit über gesucht haben. Und weil du dann keine Lust hast, in Erscheinung zu treten (oder wir zu blind sind?), tappen wir ohne Orientierung durchs Leben.

Bis man dich mal gefunden hat, so stelle ich es mir vor, dauert es ziemlich lang. Manche finden dich aber doch schon früh. Wie beneidenswert, diese Menschen, die wissen, wohin sie gehören, zu wem sie gehören, wer sie sind. Ohne Zweifel. Oder tun die nur so?

Sich jahrelang fragen, wie du wohl aussiehst

Denn einige Menschen geben sich mit einem Zerrbild von dir zufrieden. Sie kommen an einen Ort, von dem sie denken, dass er das Ziel ist. Dass er du bist. Hier richten sie sich ein. Und verbannen dich in ihre Träume. Oder verbieten sich jeden Gedanken an dich.

Vielleicht ist aber auch das besser, als jahrelang wie ein Irrer nach dir zu suchen. Sich zu wundern, wo du bist. Was du bist. Wie du wohl aussiehst. Und ob du es wirklich bist, wenn man dich mal gefunden hat. Und auch, ob du uns treu bleiben wirst.

Eine schwierige Beziehung.

Aber wenn man dich mal gefunden hat (denke und hoffe ich), dann kann man loslassen. Durchatmen. Sich entspannen. Aufhören, sich ständig hektisch umzugucken. Aufhören, sich zu überlegen, wie „nützlich“ alles das ist, was man gerade macht. Aufhören, zu versuchen, den eigenen Marktwert zu ermitteln. Aufhören, sich so viele Gedanken zu machen um die Zukunft.

Du musst echt schön sein.

Vielleicht solltest du mal eine Spur aus Brotkrumen legen, damit man dich schneller findet.

(Oder machst du inzwischen auch dieses Online-Dating?)

„This is why I write“

I love to write. To find the right phrases, to dig beyond appearances. Lyricism is a hymn to language and to life. Metaphor is a gift from the gods. I am going to write, I write, and I have always written: it is my vocation and my passion. I will defend it. It is also the proof and the practice of my form of luck: my freedom. I have a right to freedom because I am alive and because I am going to die. This is why I write.

Kamel Daoud, author of this week’s fiction.
(via newyorker)

Der Co-Pilot: Warum Depression keine Antwort auf die Frage nach der Ursache ist

Warum es keine Antwort auf die Frage ist, warum der Germanwings-Flug 4U9525 abgestürzt ist, dass der Co-Pilot angeblich depressiv war oder mal wegen Depressionen behandelt wurde:

Ein gutes Zitat gibt es dafür vom Verein „Freunde fürs Leben“ via Facebook:

„Es wird davon ausgegangen, dass der Co-Pilot der Germanwings-Maschine das Flugzeug absichtlich zum Absturz brachte. Nun gibt es Hinweise auf eine depressive Erkrankung des Piloten. Dies erklärt jedoch nicht, warum er so gehandelt hat. Depression ist eine weit verbreitete Krankheit, von der in Deutschland 4 Millionen Menschen betroffen sind. Depressive Menschen stellen keineswegs eine Gefährdung für ihre Mitmenschen dar. Viele denken bei dem Weg in den Tod, den Andreas L. gewählt haben soll, an den Begriff des erweiterten Suizids. Dass Menschen nicht nur sich selbst, sondern auch anderen das Leben nehmen, ist extrem selten. Nur 1,5 bis vier Prozent aller Selbsttötungen fallen in diese Kategorie. Sollten die Vermutungen über den Hergang des Absturzes wahr sein, würde man von einem Homizid-Suizid sprechen. Bei diesem stehen die Opfer gewöhnlich in keinem persönlichen Bezug zum Suizidenten – im Gegensatz zum erweiterten Suizid. All diese Vorfälle sind jedoch extrem selten und sollten nicht unser Bild über depressive oder suizidgefährdete Menschen prägen. Vor allem dürfen sie nicht zu einer weiteren Stigmatisierung der Erkrankten führen. Andernfalls würde es Depressiven und Suizidgefährdeten in Zukunft noch schwerer fallen, offen über ihre Gedanken zu reden und Hilfe zu suchen.“

Entsprechende Artikel gibt es von der Welt sowie von der Süddeutschen zum Thema.

Die Welt hat außerdem einen sehr lesenswerten Artikel veröffentlicht, in der der (drängenden!) Frage nachgegangen wird, warum so kurz nach dem Absturz die Ursache für den Absturz denn schon festzustehen scheint:

„Der Ablauf widerspricht allen Regularien einer neutralen Aufklärung eines Flugzeugabsturzes. Keine 48 Stunden nachdem Unglücksflug 4U9525 von Germanwings gegen einen Berg in Südfrankreich prallte, scheint der genaue Ablauf festzustehen.

Der 27-jährige Copilot Andreas L. soll sich in der Kanzel des Airbus A320 verbarrikadiert haben, als der Pilot vorübergehend das Cockpit verließ und steuerte dann als Selbstmörder und Massenmörder 149 Menschen in den Tod. Soweit das Szenario, wie es der französische Staatsanwalt Brice Robin beschreibt.

Bei anderen Abstürzen oder Zwischenfällen verstreichen Monate, bis erste Untersuchungsergebnisse veröffentlicht werden und teilweise Jahre bis zum Abschlussbericht.“

Den vollen Artikel gibt es hier zu lesen.

UPDATE: Ein sehenswertes Interview zur aktuellen Medienschelte und den Redaktionen der Medien darauf – Einordnungen des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen.

Der Co-Pilot: Auch seine Familie verdient Schutz

Heute kennen die Medien gefühlt nur eine Aufgabe: Alles auszugraben über den „Co-Piloten“ (offizielle Bezeichnung: Erster Offizier), der die Germanwings-Maschine 4U9525 nach jetzigen Informationen zum Absturz brachte, was es nur auszugraben gibt.

Wieder sind die Fernsehkanäle voll von Sondernsendungen – vor allem die ARD scheint den ganzen Tag nichts anderes zu berichten. Verbunden mit gefühlt minütlichen Live-Schalten: an den Heimatort des Co-Piloten, in die Nähe der Absturzstelle, vors Kanzleramt. Ein Bekannter, der heute Nachmittag im Flugsimulator der Lufthansa in Bremen war (er ist Pilot), schrieb, dass das Gebäude von Reportern belagert wurde. (Ich schreibe hier bewusst „Reporter“ und nicht „Journalisten“ – das klingt passender.)

Das, was wir heute über den Flugzeugabsturz erfahren haben, verdient größte mediale Aufmerksamkeit, ja – so groß die Tragödie, so unfassbar ihre Ursache, so berechtigt der Wunsch der Öffentlichkeit nach umfassenden Informationen.

N-24 entschuldigte sich

Aber wieder bekleckern sich die Medien hier ganz und gar nicht mit Ruhm. Haben sie denn nichts aus Dienstag und Mittwoch gelernt, als deutsche Nachrichtenportale oftmals Nicht-Nachrichten verbreiteten und die Persönlichkeitsrechte der trauernden Angehörigen verletzten (Link führt zu BILDblog)? Einige anscheinend nicht. So entschuldigte sich beispielsweise der private Nachrichtensender N-24 via Twitter gegen 14 Uhr dafür, das Haus des Co-Piloten im Rahmen ihrer Berichterstattung gezeigt zu haben. N-24 versprach, „in Zukunft auf diese Bilder“ zu „verzichten“. Wie aus den Antworten auf diesen Tweet hervorgeht, fällt vielen Menschen schwer, das zu glauben.

Jetzt gibt es mit dem Co-Piloten einen Täter. Von den meisten deutschen Nachrichtenportalen wird dessen Bild verpixelt und dessen Nachname abgekürzt. Warum man das machen sollte? Weil dieser Mensch Angehörige hat – Angehörige, die nichts für seine Taten können. Die womöglich so traumatisiert von den Erkenntnissen über die Absturz-Ursache sind, wie es die Angehörigen der Opfer sein dürften. Das macht sie meines Erachtens nach auch zu Opfern, die es verdient haben, vor der Aufmerksamkeit der (Welt-)Öffentlichkeit geschützt zu werden.

Sollte man jemanden, der so eine Tat begangen hat, anonymisieren?

Sicherlich, „bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen“, heißt es in Ziffer 8 des Pressekodex des Presserates. Im Fall des Co-Piloten liegt eindeutiges Informationsinteresse der Öffentlichkeit vor.  Aber nur einen Satz weiter heißt es in Ziffer 8: „Soweit eine Anonymisierung geboten ist, muss sie wirksam sein.“

Aber sollte (oder muss) man jemanden, der nach derzeitiger Informationslage für den Tod von 149 Menschen verantwortlich ist und diesen bewusst herbeiführte, anonymisieren?

Die Medien gehen ganz unterschiedlich mit den Informationen rund um den Co-Piloten um, wie dieser Meedia-Artikel darstellt (Achtung: Die Screenshots jener Artikel, die den Co-Piloten unverpixelt zeigen, sind hier ebenfalls nicht verpixelt. Warum auch immer).

Für internationale Medien wie etwa die New York Times, Washington Post, BBC oder die israelische Haaretz scheint es hingegen nicht der Rede wert, den Co-Piloten mit vollem Namen zu nennen (Achtung: alle Links führen zu Artikeln, die den vollen Namen nennen).

Handelt es sich hier um grundsätzlich unterschiedliche journalistische Kulturen? Schließlich ist es z.B. in amerikanischen Medien an der Tagesordnung, dass Kriminelle mit vollem Namen und Foto („mugshot“) im Fernsehen genannt und gezeigt werden – sogar bei geringeren Delikten wie Autounfällen mit Blechschaden.

Ich persönlich (das ist hoffentlich bislang in diesem Kommentar klar geworden) bin der Meinung, dass der Co-Pilot anonymisiert und nähere Informationen zu ihm (z.B. ein Bild seines Elternhauses) nicht veröffentlicht werden sollten. Nicht, weil er nicht Objekt des öffentlichen Interesses ist – denn das ist er definitiv. Sondern, weil die Informationen über ihn als Ursache des Absturzes kaum ein paar Stunden alt sind – und daher seinen Angehörigen die Zeit und der Raum gelassen werden sollte, diese unbegreiflichen Informationen zumindest im Ansatz zu begreifen. Und nähere, persönliche Informationen zu ihm, die seine Angehörigen identifizieren oder bloßstellen, die gehören bitte sowieso nicht in die Öffentlichkeit.

Wer Mitleid mit der Täter-Familie hat, trauert nicht um die Opfer?!

Interessant war es, meine Skepsis der Nicht-Anonymisierung im internationalen Kontext öffentlich zu machen. Unter einen Tweet der New York Times, der bereits im Teaser den vollen Namen des Co-Piloten nannte, schrieb ich: „Seriously NYT?!? Why on Earth would you publish his full name!? What about his family? Don’t do this!!“ Okay, vielleicht habe ich aus dem Bauch heraus mit den Satzzeichen ein bisschen übertrieben. Die Reaktionen aber waren interessant.

Twitterer rieten mir, erwachsen zu werden („Grow up.“), nannten mich „fucking morons“ und „fucking liberal“ – immer mit dem Argument, dass ihnen der Mörder von so vielen Menschen doch egal sei. Und ebenso seine Familie. Und dass die Angehörigen der Getöteten doch ein Recht hätten, die Identität des Täters zu erfahren.

Natürlich haben sie das. Aber die Angehörigen und die Weltöffentlichkeit sind zwei verschiedene Kreise.

Gleichzeitig wurde ich gefragt, ob ich denn kein Mitleid mit den Angehörigen habe, dass ich so auf der Seite des Täters stünde.

Was, frage ich mich da, hat der Wunsch, keine Informationen über die Angehörigen des Co-Piloten in den Medien zu sehen, damit zu tun, Mitleid oder kein Mitleid mit den Angehörigen der Opfer zu haben?

Ein Twitterer wirkte wie ein extrem konservativer Mensch und sehr überzeugter Christ (wer sogar in 140 Zeichen Jesus‘ Namen unterbringt, und das in Großbuchstaben, wirkt auf mich zumindest so). Wie er abstreiten kann, dass auch die Familie des Co-Piloten ein Anrecht auf Schutz und Raum zu trauern hat, ist mir rätselhaft.

UPDATE: Sehr lesenswerter Kommentar aus dem Medienblog der NZZ.

Zoom ran! Von Journalisten und Katastrophen (Nachtrag – Trauma)

Der TV-Reporter steht vor einer Schule, hat das Gebäude im Rücken. Der Schulhof ist mit rot-weißem Band abgesperrt. Auf dem Schulhof haben sich offensichtlich Schüler versammelt, die sich teilweise an den Händen halten, Blumen niederlegen, mit gesenkten Köpfen miteinander sprechen. Sie trauern sichtbar. Trauern um die 10. Klasse und die Lehrerkräfte, die nur ein paar Stunden vorher in der Germanwings-Maschine Nummer 4U9525 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf über den Alpen abstürzten.

Und der Reporter berichtet live von diesem Ort. Dabei wird an seinen Worten klar, dass es nichts zu sagen gibt, was diese sogenannte Live-Schalte rechtfertigt. Und was macht der Kameramann? Er zoomt ran. So nah es nur geht. An die Schüler, die dort in kleinen Gruppen zusammenstehen.

Dies sind Szenen der Berichterstattung des Nachrichtenformats „ProSieben Newstime“. Sicher, ProSieben ist wohl eh nicht das seriöseste aller deutschen Nachrichtensendungen. Aber eine Nachrichtensendung ist „Newstime“ dennoch. Und hat damit journalistische Ansprüche zu erfüllen.

Ich bin Journalistin. Ich habe das Handwerk im Volontariat gelernt. Und studiert. Und bei dieser Art der Berichterstattung könnte ich kotzen.

Dies ist natürlich nur eines von vielen Beispielen für fragwürdige Berichterstattung. Auch bei „seriöseren“ Sendungen gibt es solche Momente. Angehörige der Opfer werden gezeigt (auch wenn immerhin oft die Gesichter verpixelt werden). Kaum ist das Unglück passiert, erklärt ein „Experte“, wie stark traumatisiert die Angehörigen sind. Trotzdem werden Menschen vor Ort interviewt. Das sind dann oft Stimmen, sogenannte O-Töne, die null Informationen beinhalten. Aber eben „Emotionen“ und „Atmosphäre“ vermitteln sollen.

Es gibt klare Regeln

Für die Berichterstattung über Menschen gibt es klare Regeln. Der Deutsche Presserat hat als Leitlinie für journalistisches Verhalten den Pressekodex herausgegeben.

Unter Ziffer 8, „Schutz der Persönlichkeit“, heißt es etwa: „Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. Ist aber sein Verhalten von öffentlichem Interesse, so kann es in der Presse erörtert werden. Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung. Soweit eine Anonymisierung geboten ist, muss sie wirksam sein.“

Die Trauer von Privatpersonen um andere Privatpersonen ist für mich Teil des Privatlebens. Und trauernde Menschen in Nahaufnahme zu zeigen, ist für mich klar identifizierende Berichterstattung. Dass die trauernden Menschen in diesem Fall z.B. an den Flughafen Düsseldorf und damit an einen Ort im öffentlichen Raum müssen, darf keine Entschuldigung dafür sein, die Menschen in ihrer Trauer in Nahaufnahme zu zeigen.

In der Richtlinie 11.3 „Unglücksfälle und Katastrophen“ heißt es außerdem: „Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden.“

Trauma durch Berichterstattung – das Risiko gibt es

Auch wenn der Deutsche Presserat manchmal als „zahnloser Tiger“ betitelt wird, ist der Pressekodex oder ein ähnlicher Kodex für Journalisten immer sinnvoll. Denn als Journalist trägt man häufig große Verantwortung.

Das Risiko ist hoch, Menschen durch achtlose, respektlose oder entblößende Berichterstattung zu traumatisieren oder ein zweites Mal zu traumatisieren. Das kann nicht im Interesse irgendeines Journalisten sein. Ob ein sichtlich aufgewühlter oder unter Schock stehender Mensch daher im Rahmen von Katastrophen-Berichterstattung gezeigt oder gar interviewt werden kann, darf, sollte sich ein Journalist verdammt gut überlegen. Und im Zweifel: lassen! (Auch wenn es die Redaktion verlangen sollte.)

Sicherlich gibt es viele Aspekte der aktuellen Berichterstattung, die auch bei Einhaltung journalistischer Ethikregeln Fragen aufwerfen. Etwa: Was bringt es, wenn Journalisten an den Ort von Unglücken reisen? Was bringt die x-te Schalte mit der Frage, wie der Stand der Lage ist? Was bringen etwa Berichte, die vor dem Hintergrund eines so furchtbaren Unglücks wie diesem Flugzeugabsturz andere Flugzeugabstürze zusammenfassen? Was bringt das gefühlt 20. „Experteninterview“? Wo ist da der Nachrichtenwert?

Aus meiner Sicht gibt es bei solchen Sondersendungen manchmal keinen.

Warum ständig aktuell sein? Es ist wohl eine Spirale

Doch Journalisten, die im Minutentakt berichten (können/müssen) – also von TV, Online, Radio – stecken oft in einer Zwickmühle: Sie müssen aktuell berichten. Sie müssen das Thema zu ihrem Schwerpunkt machen. Wie wäre es schließlich für Zuschauer, einen Sender einzuschalten und dort normales Programm vorzufinden, wenn so eine Katastrophe passiert ist? Wie wäre es, auf ein Online-Nachrichtenportal zu gehen, auf der es angesichts eines solchen Ereignisses länger keine Aktualisierung mehr gab?

Es ist wohl eine Spirale: Wir als Nachrichtenkonsumenten sind es inzwischen gewohnt, ständig informiert zu werden. Also liefern die Journalisten. Wir als Journalisten sehen uns gezwungen, ständig Nachrichten zu liefern. Weil die Konsumenten es fordern – oder eben zur Konkurrenz abwandern.

Aktualität ist nicht alles

Trotz alledem: Nicht, NICHTS gibt Journalisten das Recht, trauernde Menschen bloßzustellen. Oder wilde Spekulationen loszutreten. Oder unnötig Hoffnungen zu wecken.

Deshalb, liebe Nachrichten-Macher: Berichtet das, was wirklich Nachrichtenwert hat. Berichtet das, was ihr im Rahmen eures Berufes berichten müsst. Berichtet sorgfältig. Und macht transparent, wenn die Informationslage dünn ist. Aktualität ist nicht alles.

Und das Wichtigste: Lasst die Menschen in Ruhe trauern. Filmt sie nicht, fotografiert sie nicht, interviewt sie nicht – vor allem nicht im Schockzustand.

Das ist das Mindeste, was wir Journalisten tun können. Und müssen.

UPDATE: Gefühlt steht die Berichterstattung über den Flugzeugabsturz stark unter Beobachtung – und auch in der Kritik. Der Mediendienst DWDL hat einen lesenswerten Kommentar veröffentlicht. Und die Süddeutsche Zeitung Online hat die hastig geänderte Maischberger-Sendung von gestern kommentiert.

Auch der Deutsche Journalisten-Verband fordert Journalisten dazu auf, „in ihrer Berichterstattung über den Absturz des Germanwings-Flugzeugs Respekt vor dem Leid der Angehörigen zu zeigen.“

NACHTRAG: „Zum Beispiel sollte ich nicht „auf die Jagd nach Opferfotos gehen“. Manchmal macht es viel betroffener, eine andere Bildsprache zu wählen – zum Beispiel hat die Tageszeitung in Winnenden nur die Frage „Warum?“ auf schwarzem Hintergrund gedruckt, trauernde Menschen nur von hinten und mit Abstand gezeigt – „Träne groß“ ist nicht nötig, um zu zeigen, dass Betroffene traurig sind, trauern und Abschied nehmen.“

Dies ist ein Ausschnitt aus dem lesenswerten Beitrag des Dart Centre Europe, in dem Journalisten Tipps an die Hand gegeben werden, wie man sich bei Berichterstattung über Katastrophen am besten verhält – vor allem gegenüber Betroffenen.

USA – das Land der Ignoranten?

Die Geschichten sind ja immer ganz lustig: Jeder kennt irgendwoher mindestens einen Ami, der nicht weiß, dass Europa ein Kontinent und kein Land ist, dass die Hauptstadt Deutschlands Berlin heißt oder dass wir nicht alle auf mittelalterlichen Burgen leben.

Kann man den Amerikanern (hm, die Amerikaner… wer soll das eigentlich sein?) nachsehen, dass sie von der Welt „da draußen“ oft erschreckend wenig wissen?

Ja und nein.

Zum einen ist es für uns Europär einigermaßen unverständlich, dass man so wenig über die Welt wissen kann wie viele Amerikaner es tun. Nicht, dass es bei uns nicht auch die Leute gibt, die keinen einzigen Bundespräsidenten benennen können und für die 1989 keine Jahreszahl von Bedeutung ist. Aber zumindest die können wohl noch vier europäische Länder aufzählen und Russisch von Spanisch unterscheiden. Sie wissen, dass man bei uns mit dem Euro und in den USA mit dem Dollar bezahlt. (Letzteres wohl eher als Ersteres.) Aber was die „Amis“ angeht…

Amerika – „the greatest nation on Earth“?

Zeugt es da nicht von unheimlicher Arroganz und/oder Gleichgültigkeit dieser Amis, sich so überhaupt nicht für die Welt zu interessieren? Wenn andere Länder mal in den Nachrichten erwähnt werden, dann eigentlich nur, weil Amerika Krieg mit ihnen führt oder gerade ein Regierungsvertreter dorthin reist. Man lernt nichts darüber, was in Brüssel oder Kapstadt passiert, aber dafür, wer wen in der Nachbarschaft nebenan umgebracht hat – mit Foto („mugshot“), Live-Verfolgungsjagd und allem drum und dran.

Amerika, "the greatest nation on Earth"? Foto: M.Denecke

Amerika, „the greatest nation on Earth“? Foto: M.Denecke

Erscheint es da nicht ein wenig lächerlich, dass viele Amerikaner immer noch denken, dass ihr Land das großartigste der Erde ist („the greatest nation on Earth“), dass sie alle Aufgaben dieses Universums allein stemmen können und sie keine andere Sprache brauchen als ihr American English? (Das in Texas aber eine andere Sprache zu sein scheint als z.B. an der Ostküste…)

Ja, stimmt. Aber wir Europäer zeigen uns in dieser Diskussion auch nicht gerade von unserer kosmopolitischsten Seite. Zu gern irgnorieren wir die amerikanische Sicht der Dinge.

„World police“ und Glaube an ein großes Wort

Nichts ist in der US-amerikanischen Mentalität so sehr verankert wie der Glaube daran, in einem mächtigen Land zu wohnen,  das die Rolle der „world police“ spielen muss. Und, damit verbunden, der Glaube daran, ein auserwähltes, ein besonderes Volk zu sein. Das Volk der Pioniere, das Volk, das auch den blutigsten Bürgerkrieg der Geschichte überstanden hat (zumindest auf dem Papier). Das Volk, das auf einem großen Prinzip gegründet wurde: Freiheit. Die Freiheit, sich zu entfalten wie man möchte, zu glauben, was man möchte, zu leben, wie man möchte, dieses Leben zu verteidigen, wie man möchte, sein Geld zu verdienen, wie man möchte, seine Kinder zu erziehen, wie man möchte, werden, was man möchte.

Das Manifest Destiny spricht davon, der berühmte Ralph Waldo Emerson spricht davon, und Walt Whitman in seinem berühmten Gedicht „Pioneers! O Pioneers“ sowieso.

Dieser schier unglaubliche Blick auf das eigene Sein kommt einem in diesem Land überall entgegen: in den Nachrichten (die lokal und im besten Fall national sind), in der Politik sowieso, in der Übermittlung der Geschichte, bei jedem Baseballspiel. Jede der unzählbaren US-Flaggen an Häusern, in Bars, ja in Kinos scheint zu rufen: Seht, was wir aus diesem Land gemacht haben! Haben wir nicht zwei Weltkriege beendet? Sind wir nicht die Wiege der modernen Demokratie? Spielen wir nicht überall eine zentrale Rolle? Opfern wir nicht unsere Männer und Frauen für euren Frieden? Stehen wir nicht immer wieder auf?

Die "star sprangled banner" weht einem in den USA überall entgegen. Foto: M.Denecke

Die „star sprangled banner“ weht einem in den USA überall entgegen. Foto: M.Denecke

„O say can you see
by the dawn’s early light,
what so proudly we hailed
at the twilight’s last gleaming,
whose broad stripes and bright stars
through the perilous fight,
o’er the ramparts we watched,
were so gallantly streaming?“

Das sternenbesetzte Banner – wofür steht es nicht alles…

Doch eine entscheidende Rolle beim Verstehenwollen des Landes (und ich hadere jetzt noch oft damit) spielt auch seine schiere Größe: Wirft man den Amerikanern nicht oft vor, dass ihre Ignoranz daher kommt, weil viele ihr Land noch nie verlassen haben? Ja viele nicht einmal einen Reisepass besitzen?

Wünschenswert wäre das, klar. Aber gleichzeitig sind wir Europäer verwöhnt: Wir brauchen nur wenige Stunden, um in ein anderes Land mit anderer Sprache, Kultur und jahrhundertealter Geschichte zu kommen. Und wir brauchen gut acht Stunden, um Deutschland mit dem Auto zu durchqueren. In acht Stunden durchquert man in den USA einen kleinen Teil des Mittleren Westens. Von Chicago aus sind New York und Los Angeles Ewigkeiten weg. Und Europa erst recht.

Zumal Amerikaner keine 30 Tage pro Jahr frei bekommen, um einen Monat lang irgendwohin backpacken zu gehen oder im Sommer in die Türkei und im Winter nach Italien zu fliegen. Wer Glück hat, hat hier zehn Tage im Jahr Urlaub. Zeit, die man nicht unbedingt in einem stundenlangen Flug und mit Jetlag verbringen möchte. Das kann ich verstehen.

Was ich hier NICHT sagen will ist, dass es okay ist, sich nicht für andere Länder, Weltpolitik oder andere Kulturen zu interessieren. Was ich aber sagen möchte ist, dass das glaube ich bei vielen Amerikanern oft gar nicht der Fall ist. Dass wir uns die Entwicklungsgeschichte und die Werte anderer Kulturen einfach mal genauer ansehen sollten, bevor wir urteilen.

Ein Brief an… den Jungen, der drogensüchtig zur Welt kam

Lieber Max (das ist natürlich nicht dein richtiger Name),

du bist ein sehr süßer Junge. Ich mag dich gern. Du hast große, hellbraune Augen, ein verschmitztes Lächeln, eine ganz bunte Fantasie. Du liebst es, Geschichten zu erzählen, am liebsten von Rittern und Prinzessinnen. Du magst das weiche Winterfell der Ponys. Du magst es, wenn Hunde schwanzwedelnd auf dich zukommen. Du machst dir Sorgen, wenn wir am Kraftwerk vorbeikommen, weil das nicht die Natur kaputtmachen soll. Du freust dich, wenn dein Papa dich abends abholt.

Aber ich habe verdammt große Angst um dich.

Ich wünschte, deine Mutter hätte nicht gekokst, gespritzt, gesnortet und geraucht. Als du in ihrem Bauch warst.

Kaum warst du auf der Welt, musstest du in den Entzug. Als du ein paar Tage alt warst, hat dein zitternder kleiner Körper versucht, die ganze Scheiße aus deinem System zu kriegen. Denn du kamst wegen deiner Mutter drogensüchtig zur Welt, und du konntest nichts dagegen tun. Die Folgen waren verheerend für dich, die Schäden sind irreparabel.

Du kannst dich nicht für 30 Sekunden auf eine Sache konzentrieren. Du kannst nicht zuhören. Du hast wahnsinnig viele Ticks. Du schlägst andere Kinder. Wenn du wütend oder ängstlich bist, braucht es fünf Betreuer, um dich in Schach zu halten. Du verletzt dich selbst. Du verletzt andere. Du zerstörst die Dinge um dich herum.

Und du bist erst 11. Du hast noch Angst vor der Dunkelheit.

Wie du sein wirst mit der Kraft eines erwachsenen Mannes, will ich mir nicht ausmalen. Foto: M.Denecke

Wie du sein wirst mit der Kraft eines erwachsenen Mannes, will ich mir nicht ausmalen. Foto: M.Denecke

Wie du wirst, wenn du in die Pubertät kommst, will ich mir nicht ausmalen. Wie es wird, wenn du erwachsen bist, und die Kraft eines erwachsenen Mannes hast, erst recht nicht.

Wenn du austickst – und das passiert mehrmals täglich – kannst du dich richtig verletzen. Und anderen Menschen sehr, sehr wehtun.

Du weißt, was schlecht ist – aber du fühlst es nicht

Du weißt, dass es schlecht ist, wenn du so etwas tust. Aber du kannst nicht fühlen, was richtig und was falsch ist. Du begreifst nicht, was du anderen Menschen antust, weil du es nicht fühlst. Auch dein eigener Schmerz bedeutet dir nichts. Was auch immer dein erster Impuls ist – du reagierst danach, mit voller Wucht. Erst hinterher verstehst du, dass es nicht in Ordnung war, andere Kinder zu verprügeln. Oder deine Hand so lange ans heiße Heizungsrohr zu halten, bis deine Haut Blasen schlägt. Oder alle Spiegel im Heim zu zerschlagen. Oder alle Möbel in deinem Zimmer kaputtzumachen.

Ich habe große Angst um dich. Ich hoffe, dass du irgendwie zurechtkommen wirst im Leben. Dass du – so bescheuert es klingt – immer gute Ärzte haben wirst. Dass du immer Unterstützung bekommen wirst. Dass die Menschen verstehen, was mit dir los ist, und dich nicht einfach so verurteilen.

Ich wünsche dir alles Gute, Kleiner.