Aufwändiger Umzug der Intensivstation ins neue OP-Zentrum

DORTMUND Ein Umzug ist immer stressig. Wenn eine ganze Krankenhausstation umzieht, ist es erst recht nervenaufreibend. Am Samstag hat das Personal des Dortmunder Klinikums die Intensivstation vom Altbau in das im März eröffnete Zopf (Zentrales OP- und Funktionszentrum) verlegt. Inklusive der 17 Patienten.

Von Marie Denecke

Es ist 8.30 Uhr. Auf der alten Intensivstation ist es warm. Und hektisch: Menschen in grünen und weißen Kitteln laufen auf und ab, Gummisohlen quietschen auf dem Boden, der sowieso schon schmale Korridor ist vollgestellt mit Beatmungsgeräten, Rollcontainern voller Medikamente und stählernen Transportwägelchen, auf denen sich Schläuche, Gummihandschuhe und Blutdruckmessgeräte häufen.

Wenn hier ein Patientenbett in Richtung Fahrstuhl geschoben wird, müssen die Schwestern aufpassen, damit nirgendwo anzustoßen – viel Platz ist nicht. Die längste Strecke auf dem Transportweg ist die sogenannte Brücke, ein langer Verbindungsweg zwischen altem und neuem Klinik-Teil. Patientenbetten und Gegenstände, die in die neue Intensivstation kommen, schieben Schwestern und Ärzte über diese Brücke. Seit 6 Uhr morgens.

Schneller als gedacht

Am schnellsten muss das natürlich bei den Patienten gehen. 15 Minuten haben Ärzte und Pfleger pro Patient eingeplant. Eine Viertelstunde, um den Patienten transportfertig zu machen, seine benötigten Pflegemittel auf ein Wägelchen zu laden, Bett und Wägelchen aus der alten Intensivstation in den Fahrstuhl zu schieben, im Erdgeschoss raus aus dem Fahrstuhl, über die Brücke, in den Neubau, hinein in den Fahrstuhl, in den zweiten Stock, und ins neue Zimmer des Patienten.

Doch an diesem Samstagmorgen zeigt sich: Das Personal des Dortmunder Klinikums ist so schnell, dass diese 15 Minuten oft nicht einmal benötigt werden. „Es geht viel schneller als gedacht“, sagt Dr. Benno Koch. Wie alle Menschen, die an diesem Tag mit der Organisation betraut sind, trägt er eine neongelbe Weste, auf der seine Funktion steht: Leitender Arzt. Neurologie.

Zentrale Überwachung

Die Patienten der Intensivstation benötigen ständige Überwachung und Betreuung, manche etwa müssen künstlich beatmet oder ihre Herztöne müssen überwacht werden. Die Geräte hierfür sind tragbar und liegen während der Verlegung links und rechts auf der Bettdecke – ein Hightech-Transport.

Das passt auch ganz gut zum neuen Zopf: In der neuen Intensivstation sind die Flure breit, die Zimmer hell, die Fenster groß. 36 Betten gibt es hier, Zweier- und Viererzimmer. In der Mitte der Intensivstation gibt es einen Stützpunkt, von dem aus die Schwestern die Herzschläge aller Patienten auf Monitoren überwachen. Allerdings ist noch an vielen Ecken zu sehen, dass die Station gerade erst bezogen wurde: Der Boden ist in vielen Gängen noch abgeklebt, es riecht nach Schreiner- oder Malerarbeiten.

Weitere Umzüge folgen

In den schon belegten Zimmern geht derweil der normale Betrieb weiter: Es ist 9.30 Uhr, die Patienten werden gewaschen. Der Umzug folgt einem genauen Ablaufplan: Seit Donnerstag hat das Personal die Einrichtungsgegenstände, Computer, Drucker und so weiter eingepackt und in den Neubau gebracht. Am Samstag wurden die neuen OPs eingerichtet – sie sollen ab Montag wieder im Normalbetrieb laufen, für Not-OPs standen sie auch schon am Wochenende zur Verfügung. „OP und Intensivstation seien am schwersten zu verlegen“, sagt Klinikum-Mitarbeiterin Sabrina Göbel.

Verwendung für Kleinigkeiten wie etwa Deckenlampen, die im alten Trakt bleiben, wird es geben: Hier soll nach einem kleineren Umbau die Neurologie einziehen, inklusive Stroke Unit (Schlaganfallstation), erzählt Koch. Noch warten außerdem andere Umzüge auf die Belegschaft des Klinikums: Als letzte Station ziehen die Frauenklinik und ein Teil der Kinderklinik im August ins Zopf.

Die digitale Zeitanzeige im Gang der neuen Intensivstation zeigt kurz vor 10 Uhr an: Die Patientenverlegung ist geschafft. Den letzten Patienten haben ein Arzt und zwei Schwestern gerade in Richtung Fahrstuhl transportiert. Die alte Intensivstation ist Geschichte.

Veröffentlicht in den Ruhr Nachrichten am 20.05.2011. Den vollen Artikel gibt es hier.

“Ausländische Studenten haben es nicht leicht”

Wer an der TU Dortmund studiert und gleichzeitig aus dem Ausland kommt, der hat es schwer, sehr schwer. Das zumindest sagt Maia Iobidze, 29, die selbst aus Georgiens Hauptstadt Tiflis stammt und seit 2005 an der TU studiert. Gerade hat sie den Preis des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für ihr Engagement bekommen. Dabei kämpft sie, immer noch – denn an der Situation ausländischer Studierender muss viel verbessert werden, sagt Maia. Mit ihr sprach pflichtlektuere.com-Autorin Marie Denecke.

pflichtlektuere.com: Was genau macht das Autonome Ausländerreferat, das AAR, eigentlich?
Iobidze: Es kümmert sich um alle Belange der Studierenden, berät und unterstützt sie, vertritt ihre Interessen in der Hochschulpolitik wie etwa im Studierendenparlament. Wir sind Ansprechpartner für alle Themen der ausländischen Studierenden, helfen zum Beispiel auch bei Problemen rund um Prüfungen oder rund ums Visum. Bei Letzterem haben wir momentan zwar nicht viele Möglichkeiten, aber eine Nachfrage und Beratung hilft oft schon. Außerdem organisieren wir interkulturelle Veranstaltungen, kooperieren mit unterschiedlichen Vereinen, der Ausländerbehörde in Dortmund, dem Referat Internationales und den Ausländerbeauftragten der Fakultäten. Momentan wird zum Beispiel auch daran gearbeitet, eine Korrekturstelle in der studentischen Selbstverwaltung, dem AStA, einzurichten.

pflichtlektuere.com: Mit welchen Schwierigkeiten werden ausländische Studierende in Deutschland konfrontiert?
Iobidze: Das wichtigste Thema ist das Visum. Ausländische Studierende müssen immer fürchten, dass ihr Visum nicht verlängert wird. Sie wissen nicht, ob sie für ein oder zwei Jahre oder nur für ein paar Monate hier sind. Das ist eine Planungsunsicherheit, die sehr schwierig ist für die Studierenden. Wir bekommen viel von dem mit, wie es bei der Ausländerbehörde hier in Dortmund läuft. Ob das Visum für einen Studierenden verlängert wird, hängt manchmal einfach von der Tagesstimmung des Sachbearbeiters ab. Studierende werden manchmal sogar angeschrien und abweisend behandelt. Gründe dafür sind oft Unterbesetzung und mangelnde interkulturelle Kompetenz. Auch haben die Studierenden oft große Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden, weil Vermieter Angst haben, ihr Geld nicht zu bekommen. Wir vom AAR wissen zum Beispiel, dass vielen Studierenden aus Afrika, aber nicht nur, auf der Wohnungssuche nicht mal die Tür aufgemacht wird. Auch Ausländerfeindlichkeit ist oft noch ein Thema.

pflichtlektuere.com: Und wie ist die Situation an der TU?
Iobidze: Der Anfang für ausländische Studierende ist schwer. Sie kennen das Land nicht, können die Sprache nicht so gut, das Hochschulsystem ist ganz anders. Es braucht Zeit, sich an das alles zu gewöhnen. Ich musste mir zum Beispiel angewöhnen, laut meine Meinung zu sagen. Den Dozenten fehlt oft die interkulturelle Kompetenz und die anderen Studierenden gehen auf die ausländischen Studierenden oft nicht ein. Auch ist Information hier ein Problem. Viele Studierende verpassen zum Beispiel die Einführungsveranstaltungen der Uni, weil sie arbeiten müssen oder noch gar nicht im Land sind. Es wäre schön, wenn die Betreuung der außereuropäischen Studenten auch so aktiv gestaltet werden würde wie bei den Erasmus-Studenten. Man merkt einfach, dass Erasmus-Programme wesentlich besser finanziert werden als andere.

pflichtlekuere.com: Wie war das bei dir, als du im Jahr 2005 an die TU kamst?
Maia ist 2002 als Au-Pair nach Deutschland gekommen. Nach Sprachkursen hat sie im Sommersemester 2005 ihr Studium in Dortmund begonnen. Derzeit macht sie ihren Master in Psychologie und Sozialpädagogik auf Lehramt. Neben ihrem Studium war sie immer engagiert, war Mitglied im Fachschaftsrat Psychologie, engagierte sich im AAR und bietet Schreibberatung an.
Iobidze: Ich habe mich schlecht beraten gefühlt. Zum Beispiel habe ich erst nach vier Semestern gemerkt, dass ich meine Fächer auf Lehramt studiere. Das hat mir am Anfang niemand gesagt. In der Beratung des Referat Internationales sitzen Berater, die sich mit den einzelnen Fächern nicht so gut auskennen. Mir wurde zum Beispiel geraten, Journalistik zu studieren, weil ich doch so gut Deutsch spräche – aber das wäre nie etwas für mich gewesen. Die Studierenden, die an der TU studieren wollen, müssen dann auf einem Zettel ankreuzen, was sie studieren möchten, zumindest war das bei mir vor sieben Jahren so. Dabei geht es vielen vor allem darum, so schnell wie möglich die Studienzulassung zu bekommen. Das liegt daran, dass sie ihr Visum und damit ihre Arbeitserlaubnis erst dann bekommen, wenn sie auch die Zulassung der Uni haben. Das sollte bei der Beratung im Hinterkopf bleiben. Die Beratung, wie es sie jetzt gibt, ist natürlich wichtig, aber die Wünsche und Möglichkeiten der Studierenden sollte stärker berücksichtigt werden. Wegen der Lehramtsgeschichte habe ich ein Jahr lang sehr mit mir gehadert. Inzwischen mag ich es aber und hoffe, im Mai mein Referendariat zu beginnen. Gerade Psychologie als Unterrichtsfach macht mir sehr viel Spaß.

pflichtlektuere.com: Wie kann man die Situation der ausländischen Studierenden an der TU verbessern?
Iobidze: Die Liste ist lang. Es sollte zum Beispiel bessere Beratungen geben. Außerdem sollte in jeder Fakultät und in jedem Institut der Faktor, dass ausländische Studierende dort auch studieren und dass sie manchmal intensivere und aufmerksame Betreuung brauchen, allen bewusst  sein. Dementsprechend sollten auch die Angebote gestaltet werden. Auch die Fachschaften sollten diese Zielgruppe nicht aus den Augen verlieren. Oft wissen selbst die Ausländerbeauftragten nicht, wie viele ausländische Studierende in der jeweiligen Fakultät studieren, und machen keine spezifischen Angebote. Dabei sollte zum Beispiel eine regelmäßige Rückmeldung zu den Hausarbeiten und Klausuren fester Bestandteil des Betreuungsangebotes sein – und zwar für alle Studierenden. Denn die Noten vieler Studierender werden um sehr viele Punkte heruntergesetzt nur wegen ihrer Rechtschreibfehler. Da müsste es auch innerhalb der Institute Angebote geben, die den Studenten helfen. Daher hoffe ich auch, dass die Schreibberatung fester Bestandteil der Universität bleibt, auch wenn die Projektphase ausgelaufen ist.

pflichtlektuere.com: Habt ihr Probleme, Studierende für eure Arbeit zu begeistern?
Iobidze: Ja, schon. Viele wissen nicht einmal, dass es solche Gremien wie das AAR gibt, oder erfahren erst sehr spät davon. Außerdem wissen viele auch nicht, dass die Gremienarbeit manchmal mit Honoraren vergütet werden. Das Problem, Studierende für Hochschulpolitik zu begeistern, ist aber eher ein generelles. Bei ausländischen Studierenden kommt hinzu, dass sie kaum Zeit haben neben ihrem Studium, der Arbeit, Deutsch lernen und Terminen bei der Ausländerbehörde, sich noch hochschulpolitisch zu engagieren. Oft aber trauen sich viele erst gar nicht. Daher sollten die Fachschaftsvertreter darauf achten, dass sich die Vielfalt der Studenten in den Studiengängen auch in der jeweiligen Fachschaft wiederspiegelt. Denn genau dadurch hatte die Fachschaft Psychologie, deren Mitglied ich war, sehr viel Erfolg und wurde als beste internationale Fachschaft 2010 ausgezeichnet.

pflichtlektuere.com: Wann und warum hast du dich engagiert?
Iobidze: Ich habe angefangen in der Fachschaft Psychologie. Freiwillig hätte ich das allerdings nie gemacht. Anfangs wusste ich gar nicht, dass es so etwas wie eine Fachschaft gibt. Aber eine Freundin hat mich dazu überredet, mich in der Fachschaft zu engagieren. Und dann habe ich mich in die Themen der Hochschulpolitik eingearbeitet, hatte verschiedene Aufgaben. Ich bin zum Beispiel zu den Fachschaftsrätekonferenzen und ins Studierendenparlament gegangen. Was ich da erlebt habe, hat mich aber schockiert.

pflichtlektuere.com: Wieso?
Es herrschen eher feindselige Kommunikationsformen vor, mit denen engagierte Studenten aus der Hochschulpolitik gejagt werden. Unsere Vorschläge wurden oft von vornherein abgelehnt. Wir ausländischen Studierenden und AAR-Mitglieder wurden oft wie Verbrecher behandelt, jeder neue Beschluss war ein Kampf. Und ich musste viel kämpfen. Das AAR hatte bis vor einigen Jahren zum Beispiel nur ein Budget von 1000 Euro jährlich. Was soll man damit schon machen können? Ich habe es jetzt auf 12.000 Euro jährlich aufstocken können, aber das ist immer noch minimal im Gegensatz dazu, wie viel Geld ausländische Studierende für den AStA zahlen. Das sind insgesamt circa 36.000 Euro jährlich, denn wie alle Studierenden zahlen auch die ausländischen Studierenden 6,51 Euro pro Kopf dafür. Es wäre viel hilfreicher, wenn mit diesem Geld ein Hilfsfond eingerichtet würde oder die bereits erwähnten Korrekturarbeiten geleistet würden. Aber so, wie es jetzt ist, werden die AAR-Referenten oft nicht in wichtigen Themen einbezogen wie etwa die Anstellung eines Ausländerberaters.

pflichtlektuere.com: Warum sollten sich ausländische Studierende trotzdem engagieren?
Iobidze: Damit ihre Interessen vertreten werden. Außerdem ist es wichtig, diese Erfahrungen für das spätere Berufsleben mitzunehmen. Denn auch Konflikte bringen einen weiter. Ich möchte diese Erfahrungen nicht missen und habe viel daraus mitgenommen. Allerdings sollten sich ausländische Studierende nicht nur für die Angelegenheiten der ausländischen Studenten einsetzen, sondern grundsätzlich mitmachen. Es ist wichtig teilzuhaben und teilzunehmen.

Veröffentlicht auf http://www.pflichtlektuere.com am 21.11.2012. Den vollen Artikel findet ihr hier.

Wenn die Gelenke knacken und die Füße bluten

Von Marie Denecke

Für jemanden mit schwachen Nerven ist „Black Swan“ nichts. Oder anders gesagt: Der Film ist nicht ohne Grund erst ab 16 Jahren freigegeben. Er beginnt so, wie man es von einem Film über eine Ballerina erwarten würde: Nina (Natalie Portman) lebt in einer Ballerina-Welt aus Rosa und Cremeweiß, von der Schmetterlingstapete über die riesigen Kuscheltiere in ihrem Zimmer. Von Tagträumereien ist ihr Leben jedoch weit entfernt: Sie tanzt an der New Yorker Ballett-Akademie, einer der renommiertesten Tanzschulen der USA, wenn nicht der Welt. Von Anfang an zeigt Black Swan, dass das Ballerina-Leben hart ist: Die Gelenke knacken, die Füße bluten, Essen gibt es nur nach gründlichem Abwägen, täglich muss man sich beweisen.

An der Akademie soll die neue Saison mit einem Klassiker eröffnet werden: Tschaikowskis „Schwanensee“ – neu interpretiert von Ausnahmeregisseur, Dandy und, na klar, Franzose Thomas (in für ihn typischer Manier: Vincent Cassel). Die neue Schwanenkönigin wird überraschend die als frigide geltende Nina – ein Traum wird wahr für die junge Frau, scheint es.

„Schwanensee“ erzählt die Geschichte eines Mädchens in Gestalt eines weißen Schwans, in das sich ein Prinz verliebt. Zum Happy End kommt es allerdings nicht: Das laszive Ebenbild des Mädchens, ein schwarzer Schwan, taucht auf und verführt den Prinzen. Aus Kummer bringt sich das weiße Schwanen-Mädchen um.

Das „Schwanensee“-Thema ist in dem Film von Darren Aronofsky („Requiem for a Dream“, „The Wrestler“) gleich von Anfang an überall zu finden: in der Filmmusik sowieso, bei Ninas Spieluhr (mit Porzellan-Ballerina) bis hin zu dem Klingelton, den Nina auf ihrem Handy ihrer Mutter (sehenswert: Barbara Hershey) gegeben hat. Die Mutter ist ehemalige Ballerina, die ihre Karriere als eine von vielen Tänzerinnen abbrechen musste, als sie mit Nina schwanger wurde.

Wohin die Reise bei diesem Film geht, verheimlicht Aronofsky nicht, mit Musikthemen, Farb-Metaphern oder vermeintlichen Traumsequenzen geht er nicht gerade subtil um. Während Nina immer in Pastell oder Weiß, mit falschen Brillanten und perfektem Haarknoten auftritt und sie schnell Lob für ihren Tanz des Parts des weißen Schwans bekommt, kommt ihr die neue Solistin Lily (Mila Kunis) in die Quere: Mit offenen Haaren, im dunklen Schlabberlook und Kopfhörern im Ohr platzt sie gerade dann in den Probenraum, als Nina den Part des schwarzen Schwans tanzen will. Zu ihr entwickelt Nina eine Hass-Liebe: In dem Maße, in der Nina sich von ihr verfolgt und in ihrer Rolle als neue Schwanenkönigin bedroht fühlt, fühlt sie sich ebenso von der lebensbejahenden, zwar nicht technisch sauberen, aber gefühlvoll tanzenden Lily angezogen.

Aronofsky erzählt die schrittweise Verwandlung Ninas vom weißen zum schwarzen Schwan weniger in der Manier eines Dramas denn eines Thrillers. Manchmal wünscht man sich, Aronofsky würde aufhören mit seinem Spiel zwischen Wahn und Wirklichkeit oder dieses Spiel zumindest reduzieren. Doch vielleicht gehört es auch mit zur Metamorphose: die Gratwanderung zwischen dem Wunsch nach Perfektion und dem Willen, alles dafür zu tun. Black Swan überrascht mit seinen Schockeffekten, die im Gegensatz zu Splatterfilmen zwar sicherlich sparsam eingesetzt sind, aber für ein angekündigtes Psychodrama äußerst körperlich daherkommen. Zumal eine absolut überragende Natalie Portman, an der von jedem Muskelstrang bis zur Darstellung eines außen wie innen erstarrten Mädchens in dieser Rolle alles stimmt, visuelle Unterstützung mit dem Holzhammer nicht nötig hat. Und da wir schon bei der Kritik sind: Schade, dass man der schon lange von der Bildfläche verschwundenen Winona Ryder hier als Altballerina nicht mehr Raum gegeben hat.

Dennoch – das Bild der Verwandlung stimmt immer. Aronofsky zeichnet mit Black Swan nicht das Porträt einer Ballerina, sondern eines zutiefst unsicheren Mädchens, das etwas anderes als das Streben und Lechzen nach Perfektion nie kannte. Nina ist eine Tochter, die es nie geschafft hat, sich aus der beengten Ballerina-Welt ihrer Mutter zu lösen und erwachsen zu werden.

Nina kann ohne ihre Kostüme, ohne Theater-Camouflage nicht sein, kann sich ohne diese Dinge nicht ertragen. Hinter der berühmten Fassade – in Ninas Fall bestehend aus Strasssteinen, Tüll und Vogelfedern – steckt ein Mensch, der mit seiner Umwelt nicht umgehen kann, außerhalb von Ballett nichts vom Leben versteht.

Letztlich, als der Film auf den Höhepunkt der Geschichte, die Premiere des „Schwanensees“, zusteuert, ist es die Mutter, die ihre Tochter vor der Verwandlung schützen will.

Doch da ist der weiße Schwan schon von der Bildfläche verschwunden.

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 29.01.2011. Den Artikel gibt es hier.

Naturwissenschaften kinderleicht gemacht

Von Marie Denecke

Naturwissenschaft und Kinder im Kita-Alter – passt das zusammen? An drei Schaumburger Kindergärten läuft momentan das Projekt „Die kognitive
Meisterlehre“ zu diesem Thema: Begleitet von einer Diplom-Biologin
lernen hier nicht nur Kinder, sondern auch die Erzieher. In Niedersachsen
ist das Projekt einzigartig.

Sechs Kinder sind es, die sich an diesem Morgen um einen Tisch versammelt haben, auf dem zahlreiche Messgefäße stehen: in zylindrischer Form, als Würfel und mit dreieckiger Grundfläche. Sie haben verschieden große Fassungsvermögen, 1000 bis 250 Milliliter. Damit können Laetizia, Lukas, Hannah, Ole, Silas und Stella noch nicht viel anfangen: Silas ist gerade vier Jahre alt geworden, die ältesten Kinder sind sechs. Sie müssen jetzt schätzen: Welches Gefäß ist das größte?

Zuerst lassen Catrin Witt, die Leiterin der Kindertagesstätte am Rintelner Kreiskrankenhaus, und Eva von Löbbecke-Lauenroth, Diplom-Biologin, die sechs raten: Wie könnte man das herausbekommen? Ein Nebeneinanderstellen der Gefäße bringt nichts: „Die sind ja alle gleich groß“, bemerkt eins der Kinder die gleiche Höhe der Gefäße.

Also beginnen sie, die Gefäße zu stapeln. Das klappt bei manchen super, zwei Gefäße mit gleichem Fassungsvermögen aber – eines mit runder, eines mit quadratischer Grundfläche – passen nicht ineinander. „In welches passt denn mehr rein?“, fragt Witt. Alle Kinder beugen sich vor und inspizieren ihre Konstruktion. Ihr Urteil: Das eckige muss das größere sein, schließlich lugen die Ecken über die Ränder des runden Gefäßes. „Und wie finden wir heraus, ob ihr Recht habt?“, fragt Löbbecke-Lauenroth.

Die Kinder stecken die Köpfe zusammen. Löbbecke-Lauenroth hat schon zahlreiche naturwissenschaftliche und pädagogische Projekte im Landkreis betreut. Zusammen mit Diplom-Pädagogin Ursula Büthe, Fachberaterin beim Landkreis, hat sie das Projekt „Die kognitive Meisterlehre“ geschrieben.

Der Begriff stammt aus den USA und beschreibt die Methode, wie Lernende von Experten lernen, die bei der Anwendung des Erlernten ihren „Lehrling“ begleiten. So sollen langfristig „Lehrlinge“ zu „Meistern“ werden. In der Rintelner Kita am Krankenhaus lässt sich das auf die Kinder wie auch auf die Erzieherinnen anwenden: Sie lernen von der Expertin über
die Materie und häufen so Wissen an. Und sollen so Sicherheit in der Beantwortung von Kinderfragen zu naturwissenschaftlichen Phänomenen bekommen.

Um die „Sensibilisierung“ der Erzieher gehe es, erläutert Büthe: Die Fragen der Kinder sollen ernst genommen werden. „Dabei stoßen wir Erwachsenen schnell an eigene Grenzen“, so Büthe. Wo zum Beispiel anfangen, wenn man erklären muss, woher das Licht kommt? Und wie auch noch kindgerecht erklären? Bei den Kindern soll „Grundwissen statt Halbwissen“ aufgebaut werden, erläutert Büthe. So sollen die Kinder
selber auf die Lösung kommen, einen „Aha-Effekt“ erleben – und das Erlebte und Erlernte abspeichern und später anwenden können.

Denn neue Forschungsergebnisse zur frühkindlichen Lernentwicklung, so ist es im Projektantrag zu lesen, gehen von „kognitiven Fenstern“ aus, also Phasen, in denen Menschen optimal lernen können – und die lägen im dritten, vierten und fünften Lebensjahr. Dann hätten Kinder schon besonders großes Interesse an Naturphänomenen.

Zudem seien Kinder in diesem Alter auch schon in der Lage, einfache und schlüssige Experimente zu verstehen und empirische Beobachtungen zu nutzen. „Früher war man der Ansicht, naturwissenschaftliches Denken beginnt in der Schule“, erläutert Büthe. Das sehe man inzwischen anders: „Kinder haben Interesse an ihrer Umwelt, sobald sie auf der Welt sind“, so Büthe.

Löbbecke-Lauenroth ist einmal pro Woche zu Besuch in Rinteln, verbringt mit den Kindern und einer Erzieherin eine Unterrichtseinheit. Diese wird von der Erzieherin wiederholt, ohne Wissenschaftlerin an ihrer Seite. „Für uns ist das eine echte Erweiterung“, sagt Kita-Leiterin Witt. In so einer Einheit wird nicht etwa das behandelt, was die „Erwachsenen“ als spannend erachten: In der Rintelner Kita am Krankenhaus gibt es ein silbernes Büchlein, in das die Kinder Ideen oder Fragen hineinschreiben oder – wenn das mit dem Schreiben noch nicht ganz so gut klappt – hineinmalen können.

So werde sichergestellt, dass Phänomene erklärt würden, die die Kinder auch wirklich interessierten, erläutert Löbbecke-Lauenroth. Aus den Ideen der Kinder ist auch das Mess-Experiment entstanden – als die Kinder sich über verschiedene Gewichte wunderten. So bestand die Einheit in der vergangenen Woche daraus, Dinge gegeneinander auf der Balkenwaage aufzuwiegen, Steine gegen Kartoffeln, Kartoffeln
egen Orangen und so weiter. Und da sich Flüssigkeiten schlecht mit einer Waage wiegen lassen, kamen in dieser Woche die Messgefäße auf den Tisch.

Jenseits von der eigentlichen Wissensvermittlung schule das Experimentieren und Forschen auch die Augen-Hand-Koordination sowie die Feinmotorik, erläutert Witt: „Und die Kinder leisten tolle Teamarbeit!“ Überlegt wird gemeinsam, jeder darf etwas machen. Das gilt übrigens nicht nur für Vier- bis Sechsjährige, sondern auch für Einbis Dreijährige. Die machen natürlich nicht dasselbe wie die Älteren, dürfen aber laut Witt auch schon mal ein bisschen forschen.

Ausgeschrieben wurde das Projekt vom Landkreis Schaumburg, in ganz Niedersachsen ist es einzigartig. Neben der Rintelner Kita am Krankenhaus haben sich auch zwei Kindergärten in Vehlen und in Pohle an diesem Projekt interessiert gezeigt. Begonnen hat es im April 2010, auf zwei Jahre ist es angelegt. Getragen wird es von der Volkshochschule, finanziert vom Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung
und Entwicklung (Nifbe) sowie von der Bürgerstiftung Schaumburg. Betreut wird es von der Hochschule Vechta – das stellt sicher, dass die Erkenntnisse, die während der zwei Jahre gewonnen werden, nicht verloren gehen: Gedacht ist, erläutert Witt, dass nach Ende des Projekts je Kita „ein bis zwei Fachkräfte“ bleiben, die die Erkenntnisse weitergeben. Nicht nur innerhalb der Kita, sondern auch an andere Institutionen: Deren Mitarbeiter könnten als Hospitierende in die drei Modell-Kitas kommen.

Somit handelt es sich bei „Die kognitive Meisterlehre“ um ein echtes Transferprojekt: Wissen wird nicht nur von einem Fachmann auf Erzieher transferiert, sondern auch von einer Einrichtung auf eine andere, also „multipliziert“. Am Ende des Projekts könnte es sogar pro Kita eine „Fachkraft für Naturwissenschaften“ geben, überlegt Büthe laut. Zudem bestehe die Chance, dass die Erkenntnisse in das Projekt „Haus der kleinen Forscher“ übergehen, ebenfalls ein naturwissenschaftlich-pädagogisches Projekt, das bundesweit ausgeschrieben wurde und auch in Schaumburg läuft.

Die sechs Kinder in der Rintelner Kita am Krankenhaus haben inzwischen Messbecher mit Wasser gefüllt und sie auf den Tisch gestellt. Zuerst befüllen sie den 1000-Milliliter-Würfel, Ergebnis: Es passt alles hinein. Dann gießen sie Wasser in den Zylinder – die Überraschung: Da passt noch mehr hinein. „Müssen wir die Reihenfolge also umstellen?“, fragt Catrin Witt und deutet auf die leeren Messgefäße, die nach ihrem Fassungsvermögen geordnet wurden. Die Kinder nicken und stellen alle runden Gefäße vor die eckigen. Dann nehmen sie sich ein 250-Milliliter-Gefäß mit dreieckiger Grundfläche und füllen es mit Wasser. Da kommt Silas, dem Jüngsten, eine Idee: Man könnte das Wasser aus dem kleinen Dreieck doch ins große füllen. Also wird, sehr vorsichtig und genau, das Wasser ins 500-Milliliter-Gefäß geschöpft. „Ich wette, da passt noch ein zweites rein“,schätzt Laetizia. Und siehe da: So ist es. Wieder was gelernt.

„Nächste Woche können wir ja mal probieren, was man noch alles auf diese Weise messen kann“, schlägt Catrin Witt am Ende der Einheit vor. 40 Minuten hat die ausnahmsweise gedauert. „Eigentlich beträgt die Aufmerksamkeitsspanne in dem Alter 20 Minuten“, so Witt. Einige Kinder wollen weitermachen, aber die beiden Erwachsenen winken ab: Für heute reicht es mit dem Forschen.

„Milch mit Essig“ soll nach Silas’ Wunsch in der nächsten Woche in die Messbecher gefüllt werden. Das quittieren Witt und Löbbecke-Lauenroth mit Stirnrunzeln – trinken lässt sich die Milch danach schließlich nicht mehr. Aber, sagt Witt, mit Milch könne man den Mess-Versuch wiederholen. „Vielleicht ist es mit Milch ja anders als mit Wasser?“, fragt sie.

Die Erwachsenen kennen die Antwort natürlich. Aber wie sollte man die herausbekommen, wenn man es nicht einfach mal ausprobiert?

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 07.01.2011

Der stotternde König und sein exzentrischer Helfer

Von Marie Denecke

Keine Frage: „The King’s Speech“ ist ein gefälliger Film. Man versucht nicht noch Tage nachher, die verschiedenen Erzählebenen zu entwirren wie in dem Sci-Fi-Thriller „Inception“, die Einsamkeit des Protagonisten hängt einem nicht lange hinterher wie bei „The Social Network“ – alles Filme, die mit „The King’s Speech“ für den diesjährigen Oscar nominiert waren. Und doch hat dieser Film gewonnen. Wenig überraschend. Aber auch ungerechtfertigt?

Die (wahre) Geschichte von „The King’s Speech“ ist schnell erzählt: Prinz Albert, Herzog von York, (Colin Firth) ist Sohn des britischen Königs, George V. Zugleich ist er heftiger Stotterer, jeder Auftritt wird für ihn zur Qual und für das Königshaus zur Blamage. Es gibt nichts, was der Marineoffizier dagegen nicht schon versucht hätte.

Seine Frau Elizabeth, die spätere Queen Mum, (wie immer wunderbar exzentrisch: Helena Bonham Carter) macht da einen Logopäden ausfindig, der, sagen wir, etwas ungewöhnliche Methoden anwendet und sich einen Dreck um das Protokoll im Umgang mit einem Mitglied des königlichen Hofes schert. Es dauert seine Zeit, bis die beiden Männer eine Freundschaft zueinander entwickeln und man einen Einblick darin bekommt, wie es ist, Anfang des Jahrhunderts in einer Königsfamilie großzuwerden: eine Qual.

Dann stirbt George V. und Alberts älterer Bruder (Guy Pearce aus „Memento“) besteigt als Edward VIII. den Thron. Dort hält es der Lebemann allerdings nicht lang aus, will er doch die zweifach geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson heiraten – und dankt ab. Zu seinem großen Entsetzen ist „Bertie“ auf einmal König – und muss in seiner ersten Rede an sein Volk die Briten auf den Zweiten Weltkrieg einstimmen.

Der Film hat alles, was es für den Erfolg braucht: eine grundsympathische Hauptfigur, der auf das komplette Gegenteil seiner selbst stößt, einen Skandal, stimmungsvolle Kulissen, tolle Kostüme, ein Einblick in eine Welt, die Otto Normalverbraucher äußerst exotisch daherkommt, eine Geschichte, die einem sagt, dass alles möglich ist, wenn man nur will. Und – wichtig für das Vereinigte Königreich, in dem der Film an seinem Eröffnungswochenende sämtliche Besucher- und Einspielrekorde brach – eine gehörige Portion Pathos.

Ein großer Glücksgriff ist Regisseur Tom Hooper, der bislang vor allem Arbeiten für das englische Fernsehen gemacht hat, mit seinen beiden Hauptdarstellern gelungen: Gegensätzlichere Darsteller als Colin Firth, den ewigen Mr. Darcy, und Geoffrey Rush, der vom Marquis de Sade über Leon Trotzki bis zum Piraten schon alles gespielt hat, hätte man innerhalb des Commonwealth wohl kaum finden können. Als der britische, steife König und sein australischer, extrovertierter Logopäde hauchen sie der klassischen Idee des komplett gegensätzlichen Duos, das von äußeren Umständen zusammengebracht wird, neues Leben ein.

„The King’s Speech“ ist ein hübsch und rund inszenierter Historienfilm. Und ein herzerwärmender Wohlfühlfilm. Und eine schreiend komische Klamotte. All diese Dinge ist der Film allerdings im besten Sinne. Klar kann man da meckern, muss einem ja nicht gefallen.

Ob er wirklich der beste Film des Jahres ist, für den ihn die Academy hält, das sei dahingestellt. Colin Firth aber ist in der Rolle des Königs, der nie einer sein wollte, allemal sehenswert.

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 12.03.2011. Den Artikel gibt es hier.

„In diesem Fall haben wir Glück gehabt“

Gelldorf (mld). Ein drei Meter tiefes und etwa vier Meter breites Loch klafft mitten in einem Feld in Gelldorf – kaum zehn Meter von der Bundesstraße 65 und etwa 30 Meter vom nächsten Haus entfernt. Lange ist es noch nicht da: Zuerst bemerkt wurde es wohl am späten Mittwochnachmittag. Grund für die plötzliche Absackung ist wahrscheinlich ein alter Stollen, der sich während der starken Regenfälle der letzten Tage mit Wasser gefüllt hat – was dann plötzlich das Erdreich mitgerissen hat.

Am Grund des Lochs hat sich Wasser angesammelt – eventuell ein Indiz dafür, dass die starken Regenfälle Ursache für das nachgebende Erdreich sein könnten.

Zuerst bemerkt hat das Loch offenbar der Pächter des Feldes, der sofort der Stadt Bescheid gegeben hat. Auch die Polizei ist alarmiert worden. Zuständig ist hier jedoch das Obernkirchener Tiefbauamt, das den städtischen Baubetriebshof damit beauftragt hat, die Stelle abzusichern. Absperrgitter und gelbe Warnleuchten in etwa zwei Metern Abstand zur Abbruchkante sollen das Loch sichern – denn es könnte sich durchaus noch vergrößern, wie das Tiefbauamt auf Anfrage unserer Zeitung mitteilt. Außerdem berge das Loch Gefahren für die Bürger.

„Niemand sollte hier mutig sein und zu nah an die Kante herangehen“, warnt eine Vertreterin des Fachbereichs III für Bau, Planung und Umwelt. Sollte es in den nächsten Tagen weitere Regenfälle geben, könnte das Erdreich weiter aufweichen, die Erde rund um das Loch könnte nachgeben und seine kreisrunde Form weiter ausfransen. Dadurch könnte eine sogenannte Trichterform entstehen: Das Loch würde oben größer werden und sich nach unten hin durch die abbröckelnde Erde wie ein Trichter verschmälern.

„Und wenn da jemand hineinfiele, würde er von allein nicht mehr herauskommen“, so die Fachbereichsmitarbeiterin.

Um zu klären, was das plötzliche Absacken des Erdreichs überhaupt verursacht hat und wie das Loch am besten verfüllt werden kann, haben Vertreter des Tiefbauamts und des Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) aus Clausthal-Zellerfeld das Loch am Donnerstagmorgen besichtigt.

Die Informationen aus Gelldorf will der Mitarbeiter des LBEG innerhalb einer Woche auswerten. Die mögliche Maßnahme sei, das Loch wieder mit Erde zu verfüllen, so das Tiefbauamt. Doch die Anwohner sind besorgt.

Fortsetzung und voller Artikel hier. Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 09.03.2012.

Skurril-charismatische Liebeserklärung an das Leben

Von Marie Denecke

Dass er große Dramen kann, wissen wir spätestens seit dem preisgekrönten „Gegen die Wand“. Dass er Road Movies kann, wissen wir seit „Im Juli“. Dass er Milieustudien kann, wissen wir seit „Kurz und schmerzlos“. Jetzt kommt der Hamburger Regisseur Fatih Akin mit einem neuen Film daher, bei dem der Name schon eine ganze Menge des Programms verrät: „Soul Kitchen“ ist eine 99-minütige Ode an Familie, Freunde, Musik, Essen – und eine Erinnerung daran, das Leben zu feiern, wie es gerade kommt.

Anfang und Ende des Films zeigen ein Essen, Essen in einem ehemaligen Bahnhofsgebäude im Hamburger Problemviertel Wilhelmsburg. Zwischen diesen beiden Essen steht ein kurzer, doch umso intensiverer Ritt durch das Leben einer Handvoll Hamburger Freigeister.

Im Mittelpunkt steht der Deutsch-Grieche Zinos (Adam Bousdoukos), Eigentümer des heruntergekommenen Restaurants „Soul Kitchen“, der sich mit Pommes, fetttriefenden Schnitzeln und kaltem Bier eine Stammkundschaft erhält. Sein Leben beginnt sich schlagartig zu ändern, als dessen Freundin Nadine (Pheline Roggan) eine Stelle in Shanghai annimmt, wohin Zinos ihr folgen möchte, es wegen knapper Kasse aber nicht kann. Dann erleidet er einen Bandscheibenvorfall – an der Fritteuse stehen ist damit erst mal gestrichen.

Auftritt Shayn (Birol Ünel), frisch gefeuerter Koch, der mit einer Attitüde zwischen Samurai und Paul Bocuse die Küche des „Soul Kitchen“ von Grund auf verändert – womit ein neues, junges Publikum und entsprechende Musik nicht lange auf sich warten lassen. Dann taucht Zinos’ krimineller und spielsüchtiger Bruder Illias (Moritz Bleibtreu) auf, dem Ausgang gewährt wurde und der jetzt einen Job sucht. Zinos macht ihn zum Geschäftsführer des „Soul Kitchen“ – schließlich will Zinos so schnell wie möglich nach Shanghai.

Doch das Pech lässt nicht lange auf sich warten: Die Steuerfahndung, ein schleimiger Immobilienmakler (Wotan Wilke Möhring) und Illias’ wiederkehrende Spielsucht zwingt die beiden ungleichen Brüder dazu, um das „Soul Kitchen“, das Stückchen Heimat irgendwo im grauen Wilhelmsburg, zu kämpfen.

Man merkt dem Film an, dass er mit viel Liebe gemacht ist: Originelle, formvollendet geschriebene Charaktere, dargestellt von Hauptdarstellern (Adam Bousdoukos ist sofortiger Sympathieträger, Moritz Bleibtreu hat „Knockin’ on heaven’s door“-Qualität und Birol Ünel ist heimlicher Star des Films) und skurrilen wie charismatischen Nebenfiguren lassen den Zuschauer mitlachen, mitweinen, mitfiebern, mitstaunen und mitleiden.

Ist man bei der Schlussszene, einem schicken, kerzenbeschienenen Essen im „Soul Kitchen“, angelangt, hat der Zuschauer das Gefühl, nach einer großen Abenteuerreise wieder nach Hause gekommen zu sein.

Ein Film wie Hamburg, ein Film, den eindeutig Akin gemacht hat: rau, szenig, lässig, witzig, sinnlich, hart und herzlich. Und man will ihn gleich wieder sehen. Oder nach Hamburg fahren. Um richtig gut zu essen. Und das Leben zu feiern.

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 19.02.2010. Den Artikel gibt es hier.

„Als säße man in einem alten Kinderkarrussell“

Von Marie Denecke

Rinteln. Schon allein die Art, wie sie ihren Mann kennengelernt hat, weist Claudia von Ditfurth-Siefken als echten „Oldtimer-Freak“, wie sie sich selbst bezeichnet, aus: Es war auf dem Parkplatz eines Supermarkts, auf dem sie gerade mit einem Opel Kadett C geparkt hatte, als sie einen Mann in einem Kadett A, dem ersten Modell der Kadett/Astra-Baureihe, vorfahren sah. Sie ging auf ihn zu und fragte ihn, ob er ihr den Opel verkaufen würde. Heute sind Claudia und Jobst von Ditfurth-Siefken verheiratet und wohnen mit ihren Kindern sowie insgesamt 32 Oldtimern auf Gut Dankersen.

Eigentlich war es ihr Bruder, erzählt von Ditfurth-Siefken, die sie zur Oldtimer-Leidenschaft gebracht hat: Der Kfz-Mechaniker habe vor allem mit Opel gearbeitet, so sei sie in die „Opel-Szene“ hineingekommen, Bruder und Schwester fuhren an Wochenenden regelmäßig zu Treffen, wo sie im Zelt übernachteten.

Seit zehn Jahren nimmt von Ditfurth-Siefken an Oldtimer-Rallyes teil – und für sie steht außer Frage, dass sie auch an der 14. Oldtimer-Weserberglandfahrt teilnehmen wird, die am kommenden Sonntag, 18. April, in Rinteln beginnen und enden wird.

„Rinteln ist Pflichtprogramm“, sagt die Oldtimer-Fahrerin. Die Weserberglandfahrt diene vielen Oldtimer-Fans als Einstieg in die Saison. Und auch wenn es im April mit dem Wetter manchmal nicht ganz glückt, kommen „Oldie-Verrückte“ von überall her. Die aus organisatorischen Gründen notwendige Begrenzung auf 135 Teilnehmer führt dazu, dass vielen Interessenten abgesagt werden muss – allein im vergangenen Jahr wollten sich laut Veranstalter mehr als 190 Fahrer anmelden.

Claudia von Ditfurth-Siefken fällt schnell ein, was ihr an der rund 150 Kilometer langen Rallye gefällt: Die Fahrt sei „immer toll organisiert“, die Aufgaben seien „witzig“, die Strecken „besonders und schön“. Außerdem sei die Teilnehmergebühr nicht so hoch wie anderswo, wo man schon mal 250 Euro allein für den Start bezahlen muss – Zweier-Teams bezahlen für die Teilnahme an der Weserberglandfahrt 75 Euro.

Für den Rintelner Stephan Stemme ist es vor allem die „sehr familiäre und freundliche Atmosphäre“, die ihn gern an der Fahrt teilnehmen lässt. „Die Strecke führt durch traumhafte Landschaften in Schaumburg und über Ecken, die man oft nicht so gut kennt“, nennt er einen weiteren Grund.

Die Weserberglandfahrt ist die einzige Rallye, die er fährt, seit sieben Jahren nimmt er an ihr teil, „immer zusammen mit einem guten Freund – das ist unser gemeinsamer Tag.“ Ganz „Männertag“ sind diese Sonntage dann aber doch nicht, denn nachmittags nach der Zieleinfahrt warten schon die Familien, um die Männer in Empfang zu nehmen und „Autos zu gucken“.

Stemme fährt einen VW Käfer aus dem Jahr 1967, besitzt ihn seit acht Jahren. „Mein erstes Auto war ein Käfer und ich wollte unbedingt irgendwann wieder einen fahren“, erzählt der Rintelner. Wenn er das Auto nach der Rallye auf dem Marktplatz parkt, sei der häufigste Spruch, den er von Schaulustigen höre: „So einen hatte ich früher auch mal.“ Und oft werde er gefragt, ob man mal in dem Oldtimer Probe sitzen dürfe – ein Wunsch, den Stemme gern erfüllt.

Zum ersten Mal an der Fahrt teilnehmen wird Thomas Stoff. Dass seine erste Oldtimer-Rallye überhaupt die Weserberglandfahrt sein würde, stehe für ihn als „alten Rintelner“ außer Frage. Jenseits von der Punktezählung und den Rängen gehe es ihm um das Fachsimpeln unter Gleichgesinnten und den „Spaß an der Freude“, getreu dem sportlichen Motto: „Dabei sein ist alles.“

Seit einem Jahr besitzt Stoff einen, wie er sagt, „froschgrünen“ Austin-Healey 3000 der British Motor Corporation, deren berühmtestes Produkt wohl der Mini sein dürfte. Das Cabrio besitzt Stoff erst seit einem Jahr – mit diesem Kauf habe er sich einen Jugendtraum erfüllt. „Man muss ein gewisses Alter haben, in dem bestimmte Erinnerungen aus der Jugend wieder hochkommen“, erzählt der Rintelner, wie er auf dieses Auto gekommen ist. Als er als Auszubildender 500 Mark im Monat verdient habe, sei es sein Traum gewesen, entweder einen Austin-Healey, einen MG – ebenfalls aus dem Hause der British Motor Corporation – oder einen Jaguar zu besitzen. „Aber die haben damals gut ihre 16 000 Mark gekostet“, sagt Stoff. Unerreichbar für einen Azubi.

Also habe er jetzt, da er sich zum Kauf eines Oldtimers entschlossen hatte, nach Autos dieser drei Marken Ausschau gehalten – und sich letztlich mit dem 1964er froschgrünen Healey mit cognacfarbenen Sitzen seinen „Jugendtraum“ verwirklicht.

Noch steht der Oldtimer in einer Garage in Essen, kommt aber rechtzeitig vor der Weserberglandfahrt am Wochenende nach Schaumburg. Dass er nach der langen, kalten Winterpause noch fährt, hat er schon bewiesen: „Er ist sofort angesprungen“, ist Stoff begeistert. In diesem Frühjahr sind er und der Healey bereits 250 Kilometer gefahren.

Besonders vorbereiten für seine erste Oldtimer-Rallye will sich Stoff nicht. Das Einzige, was eine gewisse Herausforderung an dem Auto sei, sei dessen Meilentacho, denn bei der Rallye wird es auch kleine Aufgaben wie etwa Zeitprüfungen geben, in denen die Fahrer in einer vorgegebenen Zeit eine bestimmte Distanz zurücklegen müssen. „Die Angaben sind meist in Kilometern“, sagt Stoff. „Und dann fängt das Kopfrechnen an.“

Claudia von Dithfurth-Siefken wird wieder mit ihrem „Dixi“ aus dem Jahr 1928 mit von der Partie sein, sie hat zwei Titel zu verteidigen: als Beste der Damen- und der Klassenwertung. Wie auch im Vorjahr will sie zusammen mit einer Freundin ein Frauen-Team stellen – ihr Mann Jobst wird hingegen einen Freund mit auf die Strecke nehmen.

„Sich sportlich miteinander zu messen, macht auch einen Teil des Reizes aus“, sagt Claudia von Ditfurth-Siefken. Es gebe auch schon mal Anrufe per Handy während der Rallye, in denen bewältigte Aufgaben diskutiert werden.

Einen anderen, größeren Teil aber macht wohl die Freude an den Oldtimern aus: „Als säße man auf einem Rummelplatz in einem alten Kinderkarussell“, beschreibt sie das nostalgische Gefühl, das sie mit dem Fahren eines Oldtimers verbindet. „Man fühlt sich in eine andere Zeit zurückversetzt, nimmt die Umwelt ganz anders wahr – und man ist viel näher an seinem Wagen.“

Ihren „Dixi“ besitzt sie seit drei Jahren. Auch wenn sie sich sonst, wie sie sagt, „nicht so recht für Vorkriegsautos begeistern“ konnte. Ihr Mann hingegen fährt zum Beispiel einen „Adler“ aus dem Jahr 1932. „Aber der Dixi war klein und süß“, erklärt sie ihre Entscheidung, den Oldtimer doch gekauft zu haben. Auch wenn die Fahrt, gerade bergauf oder bergab, oft harte körperliche Arbeit sei. „Aber ohne Oldtimer könnte ich mir mein Leben nicht mehr vorstellen.“

Worauf alle Teilnehmer wohl am meisten hoffen, ist gutes Wetter: Dann könnte Thomas Stoff den Austin-Healey, ein Cabrio, offen fahren, was auch Claudia von Ditfurth-Siefken mit ihrem Dixi vorhat. Und das heißt bei diesem Wagen nicht nur, dass das Dach weggeklappt wird, sondern auch: Es gibt keine Seitenscheiben.

Information: Die Weserberglandfahrt wird vom Motorclub Rinteln im ADAC veranstaltet. Los geht es am kommenden Sonntag, 18. April, ab 7 Uhr, wenn die Teilnehmer der Rallye auf dem Rintelner Marktplatz eintreffen. Um etwa 8.30 Uhr startet die Fahrt durch ganz Schaumburg. Ab 14 Uhr werden die Oldtimer wieder in Rinteln eintreffen.

Auf dem Marktplatz wird indes viel los sein: Neben der kulinarischen Versorgung gibt es ab 14 Uhr das Duo „Champagne“ zu hören. Ab 17 Uhr werden die Sieger geehrt.

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 15.04.2010. Den Artikel gibt es hier.

„Wir wollen weder Helden noch Exoten sein“

Von Marieluise Denecke

Rinteln. Eine große Rolle an der Schule der zwölfjährigen Marie spielen die Busfahrer. Sie sind mit die beliebtesten Menschen in der Schule am Waldkater, in der das Mädchen die sechste Klasse besucht. Busfahren bedeutet Selbstständigkeit, ein unabhängiges Hin- und Wegkommen von der Rintelner Ganztagsschule. Ohne Busfahrer gäbe es keinen Schultransport und damit ein Stück wertvolle Unabhängigkeit weniger.

„Vor kurzem haben die Busfahrer gewechselt, mit dem neuen kommt Marie gut zurecht“, erzählt ihre Mutter Inge Hirschel, die begeistert ist von der Schule, einer sogenannten Tagesbildungsstätte, deren Träger die Rintelner Lebenshilfe ist.

Auf dem Lehrplan stehen Fächer wie Sachunterricht, Deutsch und Kommunikation, Mathematik und Hauswirtschaft, auch Sprach- oder Ergotherapie. Die Schüler hier haben geistige Behinderungen. Zusammen mit Pädagogen und Betreuern lernen sie häufig schneller, als es bei den Eltern der Fall wäre.

„Marie konnte dadurch mit fünf Jahren schon super mit Messer und Gabel essen“, erzählt Inge Hirschel. Einmal, als die ganze Familie im Restaurant essen war, haben die Leute an den Nachbartischen Marie angesehen. „Ich habe mich gewundert, warum die alle hersehen“, erzählt Hirschel. Sie vermutete, weil ihre Tochter so selbstständig essen konnte. „Dann ist mir auch wieder eingefallen, dass Marie das Down-Syndrom hat.“

„Ein Schock? Nein, warum?“

Das Down-Syndrom oder Trisomie 21 beschreibt eine Anormalität des 21. Chromosoms, die zur geistigen Behinderung führen kann. Schon während der Schwangerschaft, erzählt Maries Mutter, habe sie gemerkt, dass etwas anders war als bei ihrer ersten Schwangerschaft. An einem Karfreitag kam Marie zur Welt, fünf Tage später hegten die Ärzte einen Verdacht, nach einer Blutuntersuchung dann die Diagnose: Marie würde geistig behindert sein.

„Als die Diagnose kam, war ich erleichtert“, erzählt Inge Hirschel. Was sie zuvor nur ahnen konnte, war Gewissheit. Kam dann der Schock? „Ein Schock? Nein, warum?“

Marie ist mit ihren geistigen Fähigkeiten jetzt in etwa auf dem Stand eines Erstklässlers. „Man muss zu den Grenzen seines Kindes stehen können“, sagt ihre Mutter. Als die Trisomie 21 festgestellt wurde, habe sie gedacht: „Was wird Marie später alles vorenthalten bleiben?“ Hirschels Nichten waren da 13 und 15, das sprühende Leben.

„Wenn ich es nur fest genug will, dann wird sie alles, was diese Kinder können, auch können“, dachte Inge Hirschel damals. Jetzt steht sie Maries Entwicklung entspannter gegenüber, freut sich über kleine Fortschritte. Marie kann unter anderem Formen und Farben zuordnen, bis fünf rechnen, sie versteht fast alles, was man ihr sagt.

Auch wenn Kinder mit geistigen Behinderungen in ihren Fähigkeiten eingeschränkter sind als andere Kinder, sei es „wichtig, dass sie das Pensum, was sie lernen müssen, auch wirklich beherrschen“, erklärt die Pädagogische Leiterin der Schule am Waldkater, Margret Böing. Marie muss später mit kleineren Beträgen umgehen können – „bis 1000 zählen können muss sie nicht.“

Marie hat andere Ansprüche als Kinder ohne geistige Beeinträchtigung. Sie kann nicht für längere Zeit allein gelassen werden: „Unser Alltag, die Freizeit- und Urlaubsplanung, alles dreht sich um Marie“, sagt ihre Mutter. Spontan könne die Familie nichts unternehmen. „Aber so ist das eben.“

Maries Bruder Simon ist 15. Eifersucht auf seine Schwester kennt er nicht, erzählt Inge Hirschel, im Gegenteil: Wenn jemand etwas gegen sie sagt, wird er wütend.

Streitereien gab es in den ersten Jahren. Marie ist Frühaufsteherin und wollte ihren Bruder partout nicht länger schlafen lassen als ihrer Meinung nach nötig, wollte viel Aufmerksamkeit. Jetzt hat sie gelernt, wo ihre Grenzen verlaufen, ist vernünftiger geworden, beansprucht auch Raum für sich, verlangt Höflichkeit, die sie – meistens – auch den anderen entgegenbringt.

Worauf bei Hirschels geachtet wird ist, dass kein Kind zu kurz kommt. Helmut Hirschel arbeitet als Schlosser bei der Deutschen Bahn im Schichtdienst, daher können sich oft beide Eltern um die Kinder kümmern. Und hat Simon die Fahrradurlaube satt und möchte wandern gehen, versucht Inge Hirschel, ein freies Wochenende zu arrangieren – wie jetzt, wenn Marie auf Schulfreizeit fährt.

Doch als Familie mit einem behinderten Kind bekommt man auch schnell die geistigen Mauern zu spüren, die es in der Gesellschaft gibt, auch unter Verwandten oder Bekannten: Sätze wie „Die Behinderung sieht man fast gar nicht“ oder „Dass ihr das Kind immer mitnehmt!“ sind zu hören. Als Inge Hirschel mit ihrer Tochter einen Aquafitness-Kurs besuchen wollte, wurde ihr dazu geraten, lieber einen Kurs für Behinderte aufzusuchen.

„Wir stehen zu unserem Kind, aber mir wurde oft das Gefühl gegeben, als wäre das falsch“, sagt Inge Hirschel. „Marie ist zufrieden, sie arrangiert sich leicht, ist glücklich. Wir wollen weder Exoten noch Helden sein. “

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 07.05.2009. Den Artikel gibt es hier.

Rote Rosen bei der Polizei – da ist sie überzeugt

Rinteln (mld). Die Welt ist ein Dorf, heißt es oft, aber manchmal, in ganz bestimmten Fällen, da kann sogar die Entfernung zwischen Rinteln und Kleinenbremen einfach zu groß sein. Wie in dem Fall eines jungen Mannes aus Kleinenbremen, der auf der Suche nach einer Frau, die er erst wenige Male gesehen hatte, den halben Landkreis absuchte, Gedichte schrieb und sie ins Russische übersetzen ließ und schließlich einen Bund roter Rosen auf der Rintelner Polizeiwache hinterließ.

Vor vier Jahren hat die außergewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Olga und Ulf angefangen, vor eineinhalb Jahren haben sich die beiden verlobt, vor einem Monat haben sie geheiratet.

Bis dahin war es ein langer Weg, Wochen, ja Monate hat es gedauert, bis Ulf Rösener zum ersten Mal mehrere Worte mit der „schönen Unbekannten“, wie er Olga damals nannte, wechseln konnte.

Alles begann, ganz trivial, in einer Disco in Bad Oeynhausen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich meine Frau mal in einer Disco kennenlernen würde“, erzählt Ulf, 36, Lagerist, muskulös, offenes Gesicht. „Ich dachte immer, die treffe ich vielleicht beim Einkaufen oder beim Training, aber in Discos geht das doch gar nicht mehr.“

Bis er Olga sah, an diesem einen Abend in Bad Oeynhausen. Olga, 31, Altenpflegerin, sehr schlank, fast einen halben Kopf größer als Ulf, dunkelblaue Augen, langes, schwarzes Haar. Sie ist ihm aufgefallen, wie sie dort tanzte, er wollte sie auf einen Drink einladen, „und sie hat mir charmant einen Korb gegeben“, erzählt Ulf lachend. Wenn nicht, dann nicht, dachte er sich. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, „auch wenn sie mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist“.

Wochen später hat er sie wiedergesehen, wieder in einer Disco, „so, wie sie mir vor der Nase herumgetanzt ist“, erzählt Ulf, „konnte ich nicht anders“. Ein neuer Versuch, wieder eine Einladung, „später gern“, sagt sie lächelnd, doch zu einem ‚später‘ kommt es nicht mehr, dann sie ist nicht mehr da.

Doch Ulf Rösener gibt nicht auf: Bei zwei Zeitungen aus dem Raum Minden schaltet er Anzeigen, spricht sie mit „schöne Unbekannte“ an, beschreibt Zeit und Ort ihrer Begegnung und schlägt einen neuen Treffpunkt, wieder in einer Oeynhausener Disco, vor. Niemand kommt. Dass Olga in die Zeitungen nie einen Blick geworfen hat, weil sie nicht aus dem Mindener Raum kommt, sondern in Rinteln wohnt, knapp acht Kilometer entfernt von Kleinenbremen, weiß er noch nicht.

Ulf Rösener schneidet seine beiden Anzeigen aus und schreibt seine Handynummer auf die Rückseite. An einem Abend im November, dem Tag vor seinem Geburtstag, ist er wieder in der Disco. Diesmal ist sie auch da. Nach Mitternacht spricht er sie an, und diesmal bleibt sie. Sie lässt sich einen Drink ausgeben, nachdem er mit seinem Personalausweis bewiesen hat, dass er wirklich Geburtstag hat.

In diesem ersten Gespräch erfährt er ihren Vornamen, Olga, dass sie aus Rinteln kommt und als Altenpflegerin arbeitet. Wieder zu Hause in Kleinenbremen, zurück im Alltag, wartet er auf eine Nachricht von ihr. Was er nicht weiß: Es gibt einen Nebenbuhler, einen Ex-Freund, „der dachte, wenn er sie nicht haben kann, soll sie niemand haben“, erzählt Ulf.

Olga meldet sich nicht.

Fünf Tage später, nach der Frühschicht und dem Training, kauft Ulf einen Bund Rosen, besorgt sich einen Stadtplan und fährt die Altenheime in Rinteln und Bad Eilsen ab.

„Ich war bis abends unterwegs“, erzählt er. Er wurde von den Rezeptionen abgewiesen, Datenschutz, hat sich vorbeigeschlichen und Schwestern gefragt, ist teilweise minutenlang durch ein Heim geirrt. Niemand kannte sie. Das Problem: Olgas Arbeitsplatz ist bei einem ambulanten Pflegedienst, nicht in einem Heim.

„Ich hätte ganz Deutschland absuchen können!“ erzählt Ulf. Stattdessen geht er zur Rintelner Polizeistation, wo er auf Polizeikommissar Jan Wegener trifft. Ihm erzählt er seine Geschichte, beschreibt ihm Olga, lässt einen Brief an sie und die Rosen da.

Ihre Handynummer hat er von dem ersten Gespräch in der Disco, er schickt ihr eine Nachricht, dass bei der Polizei Blumen auf sie warten. Und endlich, endlich, kommt es zum ersten Treffen, am Abend des gleichen Tages.

Sie bittet ihn um Geduld, wegen ihres „Schattens“, wie Ulf ihren Ex-Freund nennt, er akzeptiert das. „Ich hatte Zeit“, sagt Ulf, „also habe ich gewartet.“ Um dennoch in Kontakt mit ihr zu bleiben, schreibt er Gedichte, etwa alle zwei Wochen eins, und lässt sie ins Russische übersetzen, ihre Muttersprache, die ihr Ex-Freund nicht versteht. Der einzige Hinweis auf ihn ist ein „Y“ für den Anfangsbuchstaben seines Vornamens in kyrillischer Schrift.

„Ich war absolut überrascht“, erzählt Olga. „So etwas hat noch nie jemand für mich gemacht.“

Es hat dann doch länger gedauert als die drei Monate, ein halbes Jahr fast, bis sie Vertrauen fasste, es zu regelmäßigen Treffen kam und aus den beiden ein Paar wurde.

Bei beiden sei es nicht Liebe auf den ersten Blick gewesen, Verliebtheit ja, „aber die Liebe kam später“.

Später, nachdem sie zusammengezogen sind, in das Haus seines Vaters in Kleinenbremen, und als er ihre Eltern kennenlernt, stellen sie fest, dass ihr Vater in einem der Altenheime, in dem Ulf nach Olga gefragt hatte, angestellt ist. Und dass sie in der Straße, in der er in Kleinenbremen wohnt, sogar Patienten hatte, die sie regelmäßig besuchte.

„Aber gesehen“, erzählt Olga, „gesehen haben wir uns nie.“

„Manchmal ist die Welt wirklich zu groß“, sagt Ulf. „Aber bei uns hat es ja zum Glück geklappt.“

Veröffentlicht in der Schaumburger Zeitung am 09.10.2009. Den Artikel gibt es hier.