Klarkalte Freiheit

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Unverhoffte Freiheit, im februarkalten Wasser. Foto: Pixabay

Outdoor vor der Haustür, Teil 1:

Es ist so verdammt kalt, dass kurz der Atem stockt. Das hier ist ein Außenbecken – wie kann das Wasser bloß so kalt sein? Wenn die Luft, jetzt im Februar, sowieso eisig ist?

Doch es hilft nichts, ich bin drin. Stehe bis zu den Schultern im eiskalten Wasser des bekannten Kellinghusenbades in Hamburg.

Nach einem (gefühlt) langen Tag im Büro und ätzenden Kreuzschmerzen könnte schwimmen genau das Richtige sein, dachte ich. In einem Bad mit hohen Decken, schöner Musik vom CD-Player, stimmungsvollem Licht. Und einem Außenbecken, das so kalt ist, dass man nur zwei Optionen hat: kreischend fliehen oder die Kälte mit offenen Armen empfangen.

Ich habe gelernt: Je schneller man sich der Kälte stellt, desto schneller gewöhnt sich der Körper an sie. Ich tauche also ein und ziehe stur meine Bahnen. Allmählich vergesse ich die Kälte.

Und, siehe da: Alles transformiert sich.

Das Wasser strahlt in hellstem Blau. Lagunenfarben abgesetzt zum nachtschwarzen Februarhimmel. Dampfschwaden ziehen wie flüchtige Erinnerungen über die Wasseroberfläche. Es regnet, und die Tropfen zerbrechen das glatte Wasser wie feines Glas.

Wind kommt auf. Klarkalter Regen perlt von meinen Wangen. Weit weg scheinen die Lichter der Stadt. Ich atme ein. Und atme aus. Und wieder ein.

Und es ist wie ein kleines Stück Freiheit, so unverhofft an diesem Donnerstagabend.

SOUNDTRACK

P.S.: Das ist der Soundtrack dazu: „To build a home“ (öffnet YouTube-Link), von The Cinematic Orchestra.

 

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Warum „Gilmore Girls“ nicht mehr so kuschelig wie früher sein kann

Wer die Serie „Gilmore Girls“ liebt, kannte am Freitag nur eines: Zu Hause einschließen und Netflix anschmeißen. Nach sieben Staffel und gut zehn Jahren Pause kommen Lorelai, Rory und all die anderen Charaktere aus der Serie endlich zurück auf den Bildschirm – in „Gilmore Girls – A Year in the Life“. Schnell aber merkt man: Huch, so kuschelig wie früher ist das ja gar nicht mehr. Aber: Das ist gut so!

Zwar ist Stars Hollow als Setting der Serie noch die liebenswerte Kleinstadt, in der es keine dunkle Ecke, aber dafür überbordende Deko gibt. Die Nebencharaktere sind weiterhin schräg und knuddelig. Jeder kennt jeden, und nichts kann passieren. Aber so recht will sich das alte „Gilmore Girls“-Gefühl nicht mehr einstellen. Die Kuscheligkeit von Kleinstadt-Idylle und Weihnachtsdeko fühlt sich an wie Fassade.

Aber: Das ist gut so.

Warum?

Die meisten Zuschauer der neuen GG-Folgen dürften auch die der alten sein – sie sind also mit ihren Figuren älter geworden.

Die Plots der alten Staffeln würden nicht mehr funktionieren. Darin ging es vor allem darum, Lorelai und Rory auf ihrem Weg zur Verwirklichung ihrer Lebensträume zu begleiten. Bei Rory waren das Schule und Studium auf dem Weg zum Journalismus, bei Lorelai das eigene Hotel. Und natürlich, bei beiden, die ewigen Männerfragen.

(WARNUNG: SPOILER ALERT)

Jetzt findet sich Lorelai mitten in einer langjährigen Beziehung und in ewigen Therapiesitzungen mit ihrer Mutter wieder, nachdem ihr Vater gestorben ist.

Und Rory? Rory ist jetzt 32 – das Alter, das ihre Mutter Lorelai hatte, als die Serie startete.

Vor beiden liegt nicht mehr die Welt, nein, sie stehen mittendrin und müssen in ihr zurechtkommen. Sie verfolgen kein großes Ziel mehr, sondern schauen, wie es für sie weitergehen kann, wenn nicht alles klappt, wie sie es sich vorgestellt haben.

In den ersten zwei Folgen (Winter und Frühling) verfolgt man etwas verwundert, dass Rory von Projekt zu Projekt, von Metropole zu Metropole und von Freund zu Affäre mäandert, ohne dass man eine Ahnung hat, wie das zu ihrem Charakter oder ihrem schmalen Geldbeutel als freischaffende Journalistin passen sollte.

Spannend wird ihr Plot, als alles schief geht: Ein riesiges Projekt platzt. Das Bewerbungsgespräch für die Notlösung setzt Rory in den Sand. Die Verlobte ihres Liebhabers kommt zurück. Und Rory zieht wieder zurück zu ihrer Mutter.

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Gilmore Girls: Sie sind zurück – und doch anders. Bild: Netflix

Damit wird es doch ein bisschen so wie früher: Lorelai und Rory, mehr beste Freundinnen als Mutter und Tochter, sind wieder unter einem Dach.

Und doch ist alles anders.

Beide sind konfrontiert mit essentiellen Fragen: Wohin will ich mit meinem Leben? Was kommt jetzt? Gehe ich den sicheren oder den abenteuerlichen Weg? Und mit wem an meiner Seite gehe ich diesen Weg? Begleitet mich da überhaupt jemand? Das wirkt bei Rory lebensechter als alles, was sie in den letzten Staffeln der alten „Gilmore Girls“-Folgen durchlebte.

Darin wirkte Rorys Plot meist langweilig: Sie ist an einem Elite-College, will Journalistin werden, hat einen reichen Freund, rebelliert ein bisschen, findet dann aber wieder auf den Weg zurück, der für sie in Staffel 1, Folge 1, vorgezeichnet war.

Das Innenleben gerade von Rory ist in den neuen Folgen deutlich zerrissener und unsicherer – und damit spannender. Sie hat keine Wohnung, kein Geld, keinen Plan. Dabei war Rory immer die, die alles wusste, und die schon eine Krise kriegte, wenn der Stadtplan falsch gefaltet wurde.

Ihr Plot ist spannender, weil das Hadern und Zweifeln so verdammt vertraut wirkt.

Zu diesem ganzen Nicht-wissen-wohin passen auch die berühmten letzten vier Wörter, die in der Serie gesprochen werden. Die letzten Worte, die Autorin Amy Sherman-Palladino angeblich schon seit Erfindung der Serie im Kopf hatte.Die #lastfourwords, auf die die GG-Fangemeinde hingefiebert und hinspekuliert hat.

Die sollen hier natürlich nicht verraten werden. Aber doch, sie passen.

Liebe tote Zimmerpflanze… Oder: Das ganze Leben einer Zypresse

Liebe tote Zimmerpflanze,

es ist bestimmt merkwürdig, dass ich dir jetzt einen Brief schreibe. Nicht nur, weil du eine Pflanze bist. Sondern auch, weil du ganz offensichtlich nicht mehr unter uns weilst.

Zu meiner Verteidigung: Meine mangelnde Liebe kann nicht der Grund für dein Dahinscheiden gewesen sein. Dreieinhalb Jahre lang warst du bei mir. So lange habe ich dich gegossen, umgetopft, gedüngt, ja sogar gestreichelt (nicht lachen!). Jetzt war ich überrascht, dich plötzlich so zu finden: braun, hängende Äste, komplett ausgetrocknet.

Aber vielleicht ist das ganz passend. Auch wenn es mir um dich leid tut.

Was wäre aus dir geworden?

Zimmerzypresse

Ich hatte mich in letzter Zeit sowieso gefragt, was aus dir werden sollte. Denn ich ziehe weg. Hätte ich dich mitgenommen? Kann man eine halbmeterhohe Zimmerpflanze gut transportieren, zwischen Bücherkisten und Regalen?

Oder hätte ich dich hier auf diesem Dortmunder Balkon gelassen? In bester Gesellschaft wärst du gewesen: zwischen duftendem Lavendel, Minze, Oregano und violett blühender Clematis.

Jetzt hast du mir die Entscheidung abgenommen. Traurig bin ich aber.

Nicht, dass du schön gewesen wärst. Du warst eine Zimmerzypresse (Cypressus macrocarpa, Sorte „Goldcrest“). Giftgrün. Ein bisschen stachelig. Leicht zitroniger Duft. Als „schön“ giltst du in der Pflanzenwelt wahrscheinlich nicht. Du bist pragmatisch.

Turbulente Zeiten

In den dreieinhalb Jahren aber, in denen du bei mir warst, hast du viel erlebt. Haben wir viel erlebt. Zeit ist ein seltsames, seltsames Ding, liebe Zimmerzypresse.

Der Mensch, der dich ausgesucht hat, ist nicht mehr in meinem Leben. Damals liefen wir zusammen durch den Supermarkt (die Gemüseabteilung), er sah dich und deine Kumpels und fand, dass meine Wohnung Grün vertragen könnte. Also nahmen wir dich mit. Dieser Jemand hatte mir ein halbes Jahr vorher einen Heiratsantrag gemacht. Wenige Monate nach unserem Supermarkt-Besuch trennten wir uns. Das lag nicht am Supermarkt und erst recht nicht an dir, liebe Zimmerzypresse.

Turbulent war die Zeit, seitdem du deinen Platz in meiner Küche bezogen hattest. Drei Jahre danach heiratete mein Bruder. Und wurde Vater. Jetzt bin ich Tante eines halbjährigen Jungen. Meine enge Freundin wurde Mutter. Und heiratete ebenfalls. Beide Familien bauen jetzt Häuser.

Leben, neu gedacht

Mein anderer Bruder begann einen neuen Lebensabschnitt. Und beginnt nun wieder einen: Er und seine Freundin wollen auswandern. Meine andere enge Freundin wanderte vor über zwei Jahren aus und weiß nicht, ob sie zurück nach Deutschland kommen will. Eine dritte enge Freundin verliebte sich, zog mit ihrem Freund zusammen, wurde schwanger, heiratet bald. Das alles innerhalb von eineinhalb Jahren.

Die Zeit ist ein seltsames, seltsames Ding, liebe Zimmerzypresse.

Auch mein Leben änderte sich.

Zwei Jahre, nachdem du zu mir kamst, brachte ich mein Studium zu Ende. Es hatte mich bloß neun Jahre gebraucht… Zweieinhalb Jahre später begann ich, meinen Master zu machen.

Ich lernte Menschen kennen, die ich mir aus meinem Leben nicht mehr wegdenken kann. Ich verliebte mich, heulte. Meine Familie wurde getroffen von schweren Krankheiten, und ich heulte richtig. Ich begann einen neuen Job. Ich wurde 30 (und heulte nicht).

Ich zog um. Du kamst mit. Bezogst deinen Platz auf dem Balkon. Im Nachhinein eine blöde Entscheidung: Der Sonnenplatz zwischen Erdbeeren und Radieschen war wohl nicht deins. Ein knallheißes Wochenende, an dem niemand zu Hause war, und du wurdest braun und dörr.

Diesmal: ohne dich

Jetzt ziehe ich bald wieder um. Ich beginne einen neuen Job. Diesmal: ohne dich.

Zeit ist ein seltsames, seltsames Ding.

Tschüss, liebe Zimmerzypresse. Es waren gute Zeiten.

Live-Schalten im Fernsehen: Sinn und Unsinn

München, Würzburg, Nizza – Anlässe für Fernsehberichte vor Ort hat es allein in den letzten Wochen und allein in nächster Nähe leider genug gegeben. Aber wie sinnvoll sind sie – oder wie unnütz?

Korrespondenten sollen bei diesen sogenannten Live-Schalten natürlich Antworten liefern können. Ich war noch nie live in einer solchen Drucksituation vor der Kamera. Ich stelle mir vor, dass Korrespondenten von ARD, ZDF oder anderen unter großem Druck sind, wenn das Rotlicht angeht. Sie sind live einem Millionenpublikum zugeschaltet. Sie sollen Infos liefern – meist über Katastrophen, die gerade erst passieren.

Dass man in einer solchen Situation Fragen beantworten will, die man noch gar nicht beantworten kann, ist menschlich. Zum Beispiel, wenn ein Jens Riewa oder ein Jan Hofer ruhig und extrem ernst fragen, wie schnell Sicherheitskräfte vor Ort waren. Oder ob es sich nun um einen Terrorakt oder einen Amoklauf handelt. Und das, während das grauenhafte Geschehen noch im Gange ist.

Korrespondenten sollen bei Live-Schalten natürlich Antworten liefern können. Sie agieren aber nicht als Augenzeugen. Korrespondenten müssen mehr transportieren als Gefühle, Gedanken, Gerüchte. Mehr noch: Sie DÜRFEN bloße Gerüchte als einzige Information nicht einfach weitergeben. Hierzu zähle ich auch Einordnungen wie „Es ist klar, dass eine Großstadt wie München ein erhöhtes Ziel für Terrorgefahr ist.“ – wenn noch überhaupt nicht klar ist, ob die Schüsse in München ein Akt des Terrors waren.

Bloße Spekulation bringt niemandem etwas. Sie können eine Situation sogar verschlimmern – wenn sie beispielsweise Fremdenhass oder die Angst vor einer Religion schüren.

Was können Korrespondenten und Live-Schalten leisten?

Von Korrespondenten wird anscheinend viel verlangt mittlerweile. Sie sollen alle Informationen bestätigen oder verifizieren, die es gibt – nur weil sie vor Ort sind.

Ist es aber nicht eher so, dass diejenigen, die vor Ort sind, genau dies nicht leisten können? Sie können nicht diejenigen sein, bei denen alle Informationen zusammenlaufen. Dazu gibt es die Redaktionen, die Behörden, soziale Netzwerke und andere Quellen gleichzeitig im Blick haben und überprüfen (!) können.

Live-Schalten sind meiner Meinung nach dann sinnvoll, wenn zusätzliche Informationen vor Ort eingeholt werden sollen. Wenn es darum geht, einen kurzen Eindruck vom Ort des Geschehens einzufangen. Wenn der Korrespondent die Situation als Experte einordnen kann.

Ewige Live-Schalten ohne Verstand

Die Länge von Live-Schalten ist auch interessant. Wenn die Nachrichtenlage noch unklar ist oder ein Korrespondent nichts Neues weiß (und nur Gefühle oder Gerüchte weitergeben kann), dann sollte zuerst die Frage gestellt werden:

Welchen Mehrwert hat diese Live-Schalte?

Und dann: Wie lang soll sie dauern?

Thomas Roth fragt nach einer Zusammenfassung der Nachrichtenlage: „Welche Informationen haben Sie zur aktuellen, akuten Lage?“ – Antwort des Korrespondenten (verkürzt): „Keine.“ Nuff said. Oder nicht? Diese Liveschalte geht dann noch etliche Minuten weiter.

Die Live-Schalte der ARD zur Pressekonferenz der Münchner Polizei artet in ein besseres „Facebook Live“ aus: Jede blöde Journalisten-Frage wird mit gefilmt. Jeder Schritt des Korrespondenten wird mit gefilmt. Der Zuschauer sieht Polizei und Reporter dabei zu, wie Stück für Stück Infos zusammengetragen, und im besten Fall verifiziert oder falsifiziert werden.

Einfach, um live zu sein? Besser als die sozialen Netzwerke sind die ARD in diesem Augenblick dann auch nicht.

Transparent machen, was man weiß – und was nicht

Sätze wie „Wir können drei Tote bestätigen. Wenn wir Twitter richtig gelesen haben“ gehören nun wirklich nicht in eine öffentlich-rechtliche Nachrichtensendung.

Warum Informationen nicht erst dann kommunizieren, wenn man sie wirklich bestätigt hat? Und vor allem: Sagen, woher man Informationen hat. Transparent machen, wenn Informationen angezweifelt werden könnten. Und sagen, wenn man etwas NICHT weiß.

Gut dann, Sätze wie diese von Korrespondenten zu hören: „Ob Terrorakt oder Amoklauf – ich weiß es nicht. Es ist jetzt noch viel zu früh, um Kategorien zu bilden.“ Oder: „Zu diesem Zeitpunkt etwas dazu zu sagen, wäre reine Spekulation.“

Oder den Satz von Marcus da Gloria Martins, Sprecher der Polizei München: „Wenn Sie seriöse, verifizierte Aussagen von mir haben wollen, dann lassen Sie uns in Ruhe unsere Ermittlungen durchführen.“ Er wird dafür auf Twitter gefeiert.

Wenn man keine Ahnung hat… Ihr wisst schon.

 

Anmerkung: In letzter Zeit schaue ich für Nachrichten meist ARD. Die Live-Schalten anderer Sender kann ich daher nicht beurteilen.

 

MEHR DAZU:

Hätte man sich sparen können„: Lesenswerter Artikel von sueddeutsche.de über die Live-Schalte der ARD zu Würzburg: hier klicken.

Die Gelassenheit fehlte„: Lesenswertes Interview von Deutschlandfunk über das Verhalten der Medien am Tag des Münchner Amoklaufs am 22.7.: hier klicken.

München und die Medien„: Lesenswerte Analyse der Berichterstattung und der ersten Pressekonferenz zum Münchner Amoklauf am 22.7.: hier klicken.

 

Was wir brauchen

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Die letzten Tage waren grau. Wolkenverhangen und regnerisch. Steter Nieselregen auf die Kapuzen und Gesichter der Menschen.

In den letzten Tagen fand ich mich selbst unausstehlich. Ich war schlecht drauf, dünnhäutig, überempfindlich, erschöpft, gereizt, ungewöhnlich unzuverlässig. Ich war froh, wenn ein Tag vorbei war. Und doch bringt jeder Morgen natürlich einen neuen Tag. Ich wurde müder und müder.

„Wie Butter auf zu viel Brot verstrichen“, sagt Bilbo zu seinem Neffen Frodo in Tolkiens „Der Herr der Ringe“.

Gleichzeitig hat man das Gefühl, sich anzustellen. Undankbar zu sein. Die meisten Menschen haben schwierigere Leben, härtere Jobs, Kinder kommen dazu, anstrengende Familien vielleicht, schlechtere Bezahlung, allgemein ungünstigere Umstände. Darf man sich da eigentlich beschweren?

Man „darf“, wenn man nicht auf sich aufpasst.

Ich ging heute durch die Stadt. Wieder war es grau. Immerhin regnete es nicht. Nichts an diesem Tag war besonders. Ich war übermüdet und fror.

Doch ich hörte Musik. Und plötzlich, einfach so, änderte sich meine Laune.

Was war passiert?

Ich hatte mir selbst gegeben, was ich brauchte: Die Musik meiner Lieblingsband. Ein Sonntagnachmittag mit einem kleinen Spaziergang und viel Zeit auf dem Sofa. Ruhe. (Das Smartphone liegt jetzt noch irgendwo weit weg in der Ecke.) Gutes Essen. Zeit für mich.

In den ganzen letzten Tagen, Wochen, hatte ich mir das verwehrt. Weil ich dachte: Das darfst du nicht! Es ist so viel zu tun! Du musst leisten, machen, erledigen, anrufen, anfangen, abschließen, abstreichen…

Ja, muss man. Man muss mal funktionieren. Meistens sogar. Für sich selbst. Für andere. Für den Job. Den Lebensunterhalt. Höhere Ziele. „Lebe, als wäre es der letzte Tag deines Lebens“, carpe diem und all das, das funktioniert nicht immer so, wie wir wollen.

Aber niemandem ist damit geholfen, wenn wir uns selbst vergessen. Ignorieren, was wir selbst brauchen. Wir werden klein und grau und müde und gereizt. Das hilft nicht unseren Freunden, nicht unseren Familien. Und am allerwenigsten uns selbst.

Umso erstaunlicher ist es doch, dass wir am ehesten bei uns sparen. Uns die Auszeit nicht gönnen, die wir brauchen. Uns immer wieder antreiben.

Ich muss nicht ein Jahr lang um die Welt reisen, um ab und zu mal an mich selbst zu denken. Ein schöner Tag, ja Nachmittag, ist schon ein guter Anfang. Aber wir sollten es öfters tun.

Sich mit sich selbst vergleichen

Fastenzeit und Körperbild, Teil 4

Natürlich ist es bescheuert, sich zu vergleichen.

Wer hat denn etwas davon?

Wir sehen das Äußere, die Form. Wir sehen die Form, von der wir denken, dass sie der Inhalt ist.

Hübsches Gesicht: ein Mensch, der begehrt wird.

Viele Reisefotos: ein Mensch, der seine Träume lebt.

Schlanker Körper: ein Mensch, der alles unter Kontrolle hat.

Tolles Haus (geiler Job, viele Freunde…): ein Mensch, der das erreicht hat, wo wir hin wollen.

Wie es in den Menschen aussieht, wissen wir nicht. Und doch denken wir darüber nicht nach. Zumindest nicht im ersten Moment. Wie diese Menschen dorthin gekommen sind, wo sie gerade sind. Wo sie sich überhaupt gerade befinden. Und vor allem: Ob sie glücklich sind mit dem, was sie haben. Denn Schönheit oder Besitz oder eine beeindruckende Facebook-Foto-Galerie sagen nichts darüber aus, was in diesen Menschen vorgeht.

Natürlich nicht. Aber dennoch sieht man auf das Äußere zuerst.

Es gibt einen psychologischen Trick: Sich nicht mit anderen zu vergleichen. Sondern nur mit sich selbst.

Wo war ich vor fünf Jahren? Vor zehn Jahren? Wie habe ich mich entwickelt? In welchen Bereichen habe ich mich entwickelt? Wie habe ich mich vor zehn Jahren in meinem jetzigen Alter vorgestellt? Bin ich zufrieden mit dem, was ich jetzt mit mir vorfinde?

Und wenn ich mich schon mit mir selbst vergleiche… Ist es schlimm, wenn ich nicht mit allen meinen Entwicklungen glücklich bin? In den meisten Bereichen habe ich viel gelernt, bin weitergekommen, habe mich entwickelt.

Wenn das in ein paar Bereichen nicht so ist, kann ich darüber hinweg sehen? Man muss doch auch Raum lassen, um wachsen zu können? Um sich entwickeln zu dürfen? Man lernt doch schließlich ein Leben lang. Man entwickelt sich ein Leben lang.

Warum ist es nur so verdammt schwer, das zu lernen?

Du und die Anderen – und dein Essen

Fastenzeit und Körperbild, Teil 3

Es war nach gut einer Flasche Wein und dem 3. (oder 4.?) Pinnchen Eierlikör, als ich dachte: Das hier, das passt echt gut in meine Fastenzeit. Was denn – der viele Alkohol? Haha, bestimmt nicht. Der dekadente Nachtisch, den ich gerade auslöffelte? Auch nicht. (Katholiken würden mich sonst wohl sofort exkommunizieren!)

Nein, es war eine Erkenntnis. Eine ziemlich simple dazu.

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Essen – und sich nicht vergleichen. Foto: MD

Wir haben gestern beim Nordstadt-Dinner mitgemacht. Die Nordstadt, in Dortmund, ist sowas wie das Berlin-Neukölln der Ruhrgebietsstadt: viel Multikulti, Künstler und Studenten, schrabbelige Ecken, hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Mieten. Es gibt ein sogenanntes Quartiersmanagement, das sich unter anderem um die Nordstadt kümmert und versucht, sie voranzubringen. (Aber keine Bange, es gibt auch noch genug andere Teile Dortmunds, die diese Art von Aufmerksamkeit verdienen.)

Ein Teil davon ist das sogenannte Nordstadt-Dinner: Ein Haushalt kocht einen Gang. Zu jedem Gang kommen vier Menschen zu Besuch. Essen, trinken, quatschen. Jeder Haushalt darf also einmal kochen und wird zweimal bekocht. Man lernt fremde Leute und Wohnungen kennen und hat Fremde bei sich zu Hause.

Wir machten gestern Bekanntschaft mit unheimlich lieben Leuten (Fotografen, Geografen, Sportlern), coolen Wohnungen (ja, man kann alles in Rosa und Türkis gestalten. Alles!) und Rezepten, die zum Niederknien lecker waren (Schwarzwälder Kirsch. Im Glas. Mit oben erwähntem Eierlikör).

Die Erkenntnis, jedenfalls: Essen in der Gemeinschaft – das ist die beste Art zu essen, die es überhaupt gibt. Nicht sehr revolutionär, oder?

Wie oft vergleicht man sich beim Essen mit anderen. Sieht, wie viel die anderen essen. Was die anderen essen. Wie sie essen. Gesünder, manierlicher, eleganter, disziplinierter, bewusster? Egal, ob man auf den Teller von Freunden oder von Tischnachbarn schielt. Und irgendwie schneidet man immer schlecht ab.

Man entschuldigt sich für sich selbst. Fürs Essen. („Ich nehme nur noch nach, weil ich kaum was zum Frühstück hatte!“ – „Wenn ich das jetzt noch esse, dann brauche ich den ganzen Tag nichts mehr!“ – „Ich esse sonst nie sowas Süßes!“)

Aber nicht hier. Nicht beim Nordstadt-Dinner. Wo es auch ums Essen geht. Aber nicht nur. Es geht um die Freude des Zusammenseins. Des Kennenlernens. Es geht um Neugierde. Um die Liebe zur Überraschung. Um neue Impulse. Um die große Runde.

Eine Schande wär’s doch, sich dafür zu entschuldigen, dass man alles einfach unfassbar lecker findet. Und Nachschlag nimmt.

Essen, aus Frust oder Scham oder Wut oder Erschöpfung… das machen wir schon oft genug. Immer allein.

Essen aus Freude. Ohne zu vergleichen. Das ist’s. Weil es das Leben so viel schöner macht.

Blick in den Spiegel

Fastenzeit und Körperbild, Teil 2

Jeden Morgen. Jeden Abend. Bei jedem Händewaschen. Beim Vorbeigehen, in den Schaufenstern. Heimlich natürlich, flüchtig.

Wir kontrollieren uns, ständig.

Im Spiegel. In Scheiben. Jeder reflektierenden Fläche.

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Kontrollieren, das klingt so negativ. Dabei ist jeder Blick in den Spiegel doch nichts anderes als das. Wir sehen uns an, um zu prüfen, wie andere uns sehen. Und dabei sehen wir doch nur uns selbst an.

Was sagst du mir, Spiegelbild? Siehst du so aus wie das Bild, das ich in meinem Kopf habe?

Sehe ich müde aus? Zu müde? (Schlafe ich falsch? Zu spät, zu wenig, zu unrhythmisch?) Waren die Schatten unter meinen Augen gestern eigentlich auch schon so dunkel?

Also lächle ich die Müdigkeit weg. Das macht natürlich Falten. Werden die allmählich tiefer? (Sollte ich doch eine andere Creme benutzen? Was ist denn eigentlich die richtige? Und was die falsche? Böses Palmöl ist ja überall drin…) Und schon ist der Morgen, für eine Viertelsekunde, versaut.

Der Ganzkörper-Check: Sieht meine Figur heute anders aus als gestern? Zugenommen? Abgenommen? (Sollte ich meine Ernährung umstellen? Vielleicht vertrage ich irgendwas nicht? Den nachmittäglichen Kuchen muss ich mir mal langsam abgewöhnen… Oder gibt’s den auch mit Dinkelmehl? Ich müsste mal mehr Sport machen… Aber dann auch den richtigen. Mache ich den richtigen? Mache ich das Richtige?)

Passt mein Haarschnitt zu mir? Meine Klamotten zu mir? Zu anderen? Zu dem, wofür ich stehe?

Ein neuer Tag. Und schon tausend Urteile, gefällt zwischen Gähnen und Gesichtwaschen.

Mein Blick bleibt kritisch. Aber ich sage meinem Spiegelbild: Kopf hoch! Und hebe tatsächlich das Kinn. Mit einem Lächeln kann ich das Grundrauschen in meinem Kopf vielleicht übertönen. Falten hin oder her!

 

 

 

„Plus Size Models“ – ein Label wie jedes andere?

Fastenzeit und Körperbild, Teil 1

Zum Auftakt meiner Selbst-Beobachtung in der Fastenzeit – folgendes Zitat des Plus-Size-Models Ashley Graham:

I had to learn to reclaim my body as my own. (…) Curvy models are becoming more and more vocal about the isolating nature of the term „plus size“. We are calling ourselves what we wanna be called; women. With shapes that are our own. I believe beauty is beyond size. With so much emphasis on the body’s external, it’s no wonder we all suffer so much internally.

Das Zitat stammt aus diesem TEDx-Talk des Models (9 Minuten).

Ashley Graham hat für Furore gesorgt, indem sie das Cover der Zeitschrift „Sports Illustrated“ ziert – als erstes sogenanntes „Plus Size Model“. Also ein Model, das nach den Maßstäben der Modeindustrie übergewichtig ist. Laut Ashley Graham beginnt Übergewicht in der Modeindustrie bei size 8, das entspricht einer deutschen Größe 38.

Plus Size – ein Label jedes andere? Aber ganz sicher. Da gibt es die „normalen“ Models – meist weißhäutig, sehr groß, abgemagert. Und sogar untergewichtig reicht nicht immer aus, wie beim schwedischen Model Agnes Hedengard. Und dann gibt es alles, was „Plus Size“ ist.

Umso schöner, dass Models sich dafür aussprechen, die Labels sein zu lassen. Size Zero oder Plus Size? Was soll’s! Je eher man das Labeln weglässt, umso schneller kann ein Umdenken stattfinden. Dass viele verschiedene unterschiedliche Körperformen nämlich ganz normal sind. Und dass die nichts mit dem Gewicht zu tun haben. Und dass Gewicht und Schönheit zwei Themen sind, die nicht voneinander abhängen.

Tja. Schön wär’s.

SEHENSWERT

Der Film „Straight/Curve“, der Ende 2016 herauskommen soll. Er beschäftigt sich mit dem „Trend Plus Size Model“ und dem Körperbild, das die Modeindustrie vermittelt.

Fastenzeit – oder: „Warum vergleichst du dich ständig?“

Schaufensterpuppen

Körperbilder – woher kommt ihr eigentlich? Foto: pr.

Neulich zu Hause:

„Hallo Papa!“

„Schön, dass du mal wieder zu Besuch kommst, Schatz.“

„Ich freu mich auch.“

„Gut siehst du aus! Hast du abgenommen?“

Eine kleine Frage, schon öfters gehört. Immer nervt sie mich, irgendwie. Vielleicht sollte sie mir eigentlich schmeicheln. Sicher ist sie sogar als Kompliment gemeint. Aber dieses Mal regt sich etwas in mir. Ein Widerstand, der vielleicht schon immer da war.

Es ist die Verbindung aus „gut aussehen“ und „abnehmen“, die mein Vater herstellt. Er macht es unbewusst. Aber genau hier liegt das Problem. Denn die Verbindung zwischen attraktiv sein und Gewicht verlieren ist unserer Kultur so verankert wie das deutsche Reinheitsgebot für Bier.

Gewicht und Körperbild, unerschüttlich in unser Gedächtnis gebrannt. In unser Unterbewusstsein. Wie oft vergleichen wir uns mit anderen. Passen unseren Körpern der Mode an – und nicht die Mode unseren Körpern. Denken uns, dass wir glücklicher wären – wenn wir nur ein paar Kilo weniger wiegen würden. Oder endlich mehr Sport machen würden. Essen Kuchen mit schlechtem Gewissen – nein, wir essen nicht, wir „sündigen“. Und entschuldigen uns dafür.

Die Fastenzeit hat begonnen.

40 Tage, von Aschermittwoch bis Ostern (die Sonntage zählen nicht). Viele Menschen „fasten“ während dieser Zeit etwas, das mit Nahrung zu tun hat – Süßigkeiten, Chips, Kaffee, Alkohol. Es ist zum Teil die Zeit des Verzichts. Des In-Sich-Kehrens. Des Auf-Sich-Achtens. Des Abnehmens, oftmals auch.

Vor allem: der Besinnung. Warum esse ich so viel Süßigkeiten? Rauche ich so viel? Wie oft trinke ich eigentlich Alkohol? Wie schwer fällt es mir, auf Torte oder Kaffee zu verzichten?

Was mir auffällt: Es geht in dieser Zeit oft um das „ohne“. Das Weglassen. Aber wichtiger ist doch das „mit“, das Achtsam-Sein?

Statt zu fasten und etwas wegzulassen, werde ich etwas hinzuzufügen: Aufmerksamkeit. Achtsamkeit.

Wie oft am Tag vergleiche ich mich mit anderen Menschen? Warum? In welchen Situationen? Ich bin eigentlich zufrieden mit meinem Körper – eigentlich. Wenn da diese meckernde Stimme in meinem Kopf nicht wäre… Woher kommt die? War sie schon immer da? Und was sagt sie mir genau?

Die Fastenzeit soll für mich eine Reise werden – eine Reise, die mir hilft, mein Körperbild zu verstehen.